August 9, 2021
Von InfoRiot
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Am 12. August startet das JĂŒdische Filmfestival Berlin Brandenburg mit neuer Festivalleitung. Besonders interessant sind diesmal die Dokumentarfilme.

Israel, ein Friedhof, darauf GrĂ€ber und ein Mann und eine Frau, die sich umarmen: ein Szenenfoto aus dem Dokumentarfilm „Kinder der Hoffnung (Promised Lands)“, der im neue Wettbewerb um den besten Dokumentarfilm beim 27. JĂŒdischen Filmfestival lĂ€uft

BERLIN taz | Eine Lehrerin schwingt das Akkordeon, ihre Kinder singen ein patriotisches Lied auf HebrĂ€isch. Die Super-8-Aufnahme wird leiser, man hört eine weibliche Stimme. „Wenn ich an das Jahr 1988 denke, erinnere ich mich daran, wie stolz ich damals war“, sagt sie. „In diesem Jahr wurde Israel 40 Jahre alt und wir waren acht.“ Und dann: „Wir versprachen zu bleiben.“

Der Dokumentarfilm „Kinder der Hoffnung (Promised Lands)“ der in Berlin lebenden israelischen Filmemacherin Yael Reuveny ist einer der stĂ€rksten, weil nachdenklichsten des 27. JĂŒdischen Filmfestivals Berlin Brandenburg (JFBB), das nĂ€chste Woche beginnt. Denn Reuveny ist fĂŒr den Film nicht nur in ihre Heimatstadt Petach Tikwa zurĂŒckgekehrt, um ihre damaligen Klas­sen­ka­me­ra­d*in­nen zu befragen, wer sie geworden sind. Die Filmemacherin befragt auch immer wieder ihr eigenes, verwickeltes VerhĂ€ltnis zu ihrem Land, das sie vor ĂŒber 15 Jahren verlassen hat. Sie will wissen: Haben wir dieses Versprechen freiwillig gegeben? Hatten wir tatsĂ€chlich Hoffnung – oder waren wir die Hoffnung unserer Eltern?

Das JĂŒdische Filmfestival Berlin und Brandenburg (JFBB) zeigt zur Eröffnung am 12. August im Potsdamer Hans-Otto-Theater die queere Komödie „Shiva Baby“ der kanadischen Regisseurin Emma Seligman.

Bis zum 22. August sollen in 14 SpielstĂ€tten in Berlin und Potsdam 46 Filme aus 21 LĂ€ndern gezeigt werden. Hinzukommen vier Serien aus Israel und die Sektion „Kino Fermished“, in der unter anderem die restaurierte Fassung von Max Nosseks Klassiker „Singing in the Dark“ (1956) Premiere feiert. In zwei Wettbewerben werden der beste Spielfilm und der beste Dokumentarfilm mit jeweils 3.000 Euro prĂ€miert. Programminfos unter www.jfbb.de. (sm)

Es ist interessant, sich in diesem Jahr das JFBB anzusehen, denn 2020 hat es die so leidenschaftliche wie unbestechliche GrĂŒnderin Nicola Galliner in die HĂ€nde des Filmfestivals Cottbus gelegt. Galliner war dafĂŒr berĂŒhmt, dass sie unbeirrt kritische Filme zeigte und arabische Perspektiven einbezog.

Das Filmfestival Cottbus setzt diese Tradition fort. Das beweisen Produktionen wie der unterhaltsame Eröffnungsfilm „Shiva Baby“ von Emma Seligman, bei dem es um eine junge bisexuelle Frau ohne KarriereplĂ€ne aus gutem jĂŒdischem Hause in New York geht. Das zeigen Streifen wie das DebĂŒt von Amen Nayfeh „200 Meter“, das mit viel Leichtigkeit von einem Mann in Westjordanland erzĂ€hlt, dessen Familie hinter der Mauer in Israel lebt.

Neu ist der „Wettbewerb Dokumentarfilm“

Das verdeutlicht aber vor allem der neu ins Leben gerufene „Wettbewerb Dokumentarfilm“, in dem neben „Kinder der Hoffnung“ zahlreiche weitere Dokus laufen, die eine von Konflikten geprĂ€gte Vielfalt des jĂŒdischen Lebens auf der ganzen Welt zeigen.

Das dokumentarische PortrĂ€t der deutsch-jĂŒdischen Emigrantin Irmi Selver von ihrer Tochter Veronica Selver etwa basiert auf Memoiren einer großartigen Frau, die auf der Flucht aus Deutschland Mann und Kinder verlor, schließlich in New York noch einmal von vorn anfing – die Frage, woher manche Menschen ihre Resilienz hernehmen, wird nie gestellt, schwingt aber immer mit.

Um Widerstandskraft geht es auch in „Displaced“ von der in Deutschland geborenen und in Berlin lebenden Filmemacherin Sharon Ryba-Kahn, die wie Yael Reuveny der sogenannten dritten Generation von Überlebenden der Shoah angehört. Beide Filme sind Ă€hnlich diskursfreudig, doch stellt Ryba-Kahn ihre Fragen nicht nur ĂŒber die eigene Generation, sondern auch ĂŒber die Geschichte ihrer Familie vĂ€terlicherseits. Nach sieben Jahren Funkstille gibt es endlich wieder einmal ein Telefonat mit dem Vater, der heute in Tel Aviv lebt. Das VerhĂ€ltnis ist schwierig. Anders als in der Familie der Mutter, so die Regisseurin, gab es in der des Vaters keine GesprĂ€che.

Nach und nach schĂ€lt sich heraus, dass der Großvater aus dem heutigen Polen stammte, ­Auschwitz ĂŒberlebte und schließlich in MĂŒnchen strandete. „Er hat mir das gegeben, was er konnte“, sagt der Vater mit stoischem Gesicht bei einem Interview in seiner Wohnung. SpĂ€ter, in einem CafĂ©, fragt ihn die Tochter: „Wie hat die Shoah die dritte Generation beeinflusst?“ Und er sagt: „Bei euch ist der Prozess der Integration relativ normal vorangegangen.“ Darauf die Tochter: „Aber wie kann es sein, dass unsere Eltern so sehr betroffen sind und wir nicht mehr?“

Und so entwickelt sich „Displaced“ von einer Spurensuche, wie man sie schon oft gesehen hat, zu einem Film, der Ă€hnlich wie „Kinder der Hoffnung“ die transgenerationale Weitergabe von Traumata diskutiert – also darĂŒber, was die Geschichte mit jungen Leuten hier und heute macht, je nachdem, welche Rolle ihre Familien in ihr spielten und wie sie spĂ€ter mit ihr umgingen. Irgendwann sagt die Tochter eines anderen HolocaustĂŒberlebenden einen traurigen SchlĂŒsselsatz. „Es gab viele, die keine Liebe mehr geben konnten.“




Quelle: Inforiot.de