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Die nach wie vor einzige in Griechenland existierende Fabrik in Arbeiter*innenselbstverwaltung beweist damit erneut ihr Durchhaltevermögen und die trotz der immer wiederkehrenden staatlichen Versuche das Projekt zu beenden, ungebrochene Kampfkraft und Lebensfreude der beteiligten Aktivist*innen. Mehrere Tausend UnterstĂŒtzer*innen aus ganz Griechenland, Aktivist*innen sozialer Bewegungen, besetzter HĂ€user, Gewerkschaften und feministischer Organisationen begingen das JubilĂ€um mit einem alternativen Produzent*innen-Markt, Diskussionen, Film- und TheatervorfĂŒhrungen, Tanz und den Konzerten bekannter griechischer Musiker*innen wie NatĂĄsa BofĂ­liou, DimĂ­tris ZervoudĂĄkis, ThĂ©mis KaramouratĂ­dis und vieler anderer.

Repression gegen Vio.Me

Der letzte direkte staatliche Angriff auf die Fabrik war nicht unerwartet am 30. MĂ€rz 2020 erfolgt. Schließlich hatte die erst seit einigen Monaten amtierende neoliberal-reaktionĂ€re Regierung unter KyriĂĄkos MitsotĂĄkis (NĂ©a DimokratĂ­a) schon im Wahlkampf harte Repression gegen anarchistische Projekte, besetzte HĂ€user und selbstverwaltete Fabriken angekĂŒndigt. Mit großem Polizeiaufgebot wurde Vio.Me mitten in der QuarantĂ€ne der Strom abgestellt. „Ein Kran war aufgestellt und die Aktion wurde von zwei Einheiten der SpezialeinsatzkrĂ€fte mit Gefangenentransportern durchgefĂŒhrt, was eindeutig auf einen politischen Auftrag hinweist“, beschrieben die Arbeiter*innen den Angriff in einer Pressemitteilung. Sie beklagten darin auch die fehlende SolidaritĂ€t der „Kollegen“ des Öffentlichen ElektrizitĂ€tsunternehmens (DEI), ohne die das Abklemmen des Stroms nicht möglich gewesen wĂ€re.

Ein Generator fĂŒr Vio.Me

In den Jahren davor hatten die Vio.Me-Arbeiter*innen und die SolidaritĂ€tsbewegung wiederholt erfolgreich die Zwangsversteigerung ihrer Fabrik verhindert. Letztendlich fand sich kein Investor, der freiwillig fĂŒr viele Millionen Euro ein marodes FabrikgelĂ€nde mit kĂ€mpferischer Belegschaft ersteigert hĂ€tte. Schon im September 2019 hatten die Kolleg*innen von Vio.Me deshalb richtig vermutet, dass der nĂ€chste staatliche Angriff ĂŒber die Kappung der Stromversorgung erfolgen werde, und zu einer Spendenkampagne fĂŒr den Kauf eines Generators aufgerufen. Dieser wurde kurz nach der Stromkappung in Betrieb genommen.

Wirtschaftskrise macht Vio.Me zu schaffen

Trotz all dieser erfolgreich abgewehrten Repressionsversuche ist das Jahr 2022 das bisher schwierigste Jahr seit der Produktionsaufnahme 2013, wie MĂĄkis OikonĂłmou, einer der Arbeiter, im GesprĂ€ch mit der linken Athener Tageszeitung EfimerĂ­da ton SyntaktĂłn (Efsyn) vom 3.Juni 2022 erklĂ€rt. Das habe zum einen mit den immer grĂ¶ĂŸer werdenden ökonomischen Problemen der griechischen Bevölkerung zu tun. Zum zweiten mache Vio.Me die extreme Verteurung beim Einkauf ihrer Rohstoffe zur Herstellung der Seifen, Reinigungs- und Waschmittel zu schaffen. „Es ist schwierig im Moment. Auf gewisse Art und Weise zwingt uns die Teuerung auf die Knie. Die Menschen verfĂŒgen nur noch ĂŒber das absolut Nötigste und denken gar nicht mehr ĂŒber zusĂ€tzliche EinkĂ€ufe zur persönlichen Hygiene nach. Und noch frĂŒher haben wir es beim Einkauf unserer Rohstoffe gespĂŒrt, deren Preise extrem gestiegen sind. NatĂŒrlich haben wir gegengesteuert und bekĂ€mpfen die Probleme, was sollten wir auch sonst tun.“ Und OikonĂłmou fĂŒgt mit Sorge hinzu: „Wir sehen jedenfalls, dass auch alte, eingesessene Betriebe mit immer grĂ¶ĂŸeren Problemen zu kĂ€mpfen haben, und ich befĂŒrchte, dass in Griechenland erneut viele Betriebe schließen werden.“ Auf die Frage von Efsyn wie Vio.Me auf diese schwierige Situation reagiert, kommt die Antwort sofort: „Wir entwickeln stĂ€ndig neue Produkte, verbessern uns, und schaffen es Schritt fĂŒr Schritt voran zu kommen.“ Außerdem beliefert Vio.Me inzwischen auch lĂ€ndliche Gebiete des Landes, indem Bestellungen gesammelt und mit dem eigenen Vio.Me-Transporter ausgefahren werden. „Ein Tag Westmazedonien, ein Tag Zentralgriechenland, ein Tag Athener Umfeld und so weiter.“ Immer verbunden mit der Botschaft, dass eine andere Ökonomie möglich ist. „Mit Arbeiterkontrolle der Produktion und Arbeiterselbstverwaltung der Betriebe. Wir zeigen, dass wir in der Lage sind die gesellschaftlichen BedĂŒrfnisse zu befriedigen und nicht die der Bosse. Das ist unser grĂ¶ĂŸter Schatz, und den lassen wir uns nicht nehmen.“ Produkte von Vio.Me können in Deutschland unter anderem ĂŒber verschiedene FAU-Syndikate, ĂŒber die Union-Coop in Berlin, den Arbeitskreis Umwelt (AKU) Wiesbaden oder das Griechenland SolidaritĂ€tskomitee Köln (GSKK) bezogen werden.

Ralf Dreis, ThessalonĂ­ki

Beitragsbild: https://twitter.com/prot_viome




Quelle: Direkteaktion.org