Dezember 22, 2021
Von Soligruppe FĂŒr Gefangene
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Quelle: Chuang, die Übersetzung ist von uns

Einleitung der Soligruppe fĂŒr Gefangene

Wir wurden von Freunden auf dieses Interview aufmerksam gemacht, welches auf der Seite des Chuang Kollektivs, von denen wir bereits Texte ĂŒbersetzt haben, zu finden ist und haben beschlossen es zu ĂŒbersetzen. Bei diesem Interview wird ein Filmemacher interviewt, der einen Dokumentarfilm ĂŒber die sogenannten Smarts, eine proletarische Subkultur unter Wanderarbeitern in der Volksrepublik China, die aus den Ă€rmsten Teilen der Volksrepublik stammen, die aber von sich erzĂ€hlen, als eine ausgebeutete Klasse, gedreht hat. Diese Subkultur definiert sich hauptsĂ€chlich ĂŒber Ă€sthetische Besonderheiten wie auffĂ€llige Frisuren und Kleidung, fĂŒr uns persönlich steht diese aber nicht im Mittelpunkt, auch wenn sie natĂŒrlich nicht ignoriert werden kann. Was uns an der Doku sowie auch am Interview am meisten interessiert, ist das jene, die nie zu Wort kommen von ihrer RealitĂ€t und ihrem Alltag sprechen. Was in einer klaren und direkten Sprache geschildert wird, ist die krude RealitĂ€t des Fließbands, der Entfremdung (in seiner dreifachen Form: in der Lohnarbeit, zu sich selbst und gesellschaftlich), der rigiden Disziplinierung und Kontrolle in den Werkhallen. Kein Akademiker auf der Welt wird jemals so genau die Ausbeutung des Proletariats beschreiben wie es dieser selbst machen wird. Niemand arbeitet gerne in einer Fabrik, außer jenen, die sie romantisieren und nie drinnen waren und nie drinnen sein werden, außer als Gewerkschaftsvertreter oder als so ein Dulli von Anti-Diskriminierungs-Workshops. Alle anderen wollen die Fabriken niederreißen, wir wissen das aus eigener Erfahrung. Gezeigt wird in einem Harum Farocki Stil monotone und sich ewig wiederholende ArbeitsablĂ€ufe am Fließband, unterlegt mit den Schilderungen der RealitĂ€t der Protagonisten des Films. Eine RealitĂ€t geprĂ€gt von Armut und Einsamkeit, von dem Korsett der Monotonie der Lohnarbeit nach einem 12- bis 16-Stundentag, sechs bis sieben Tage die Woche, wo die meisten nur geistlos auf den Beginn der nĂ€chsten Schicht warten, wĂ€hrend die Jugendlichen mit einer gewissen Disziplinierung brechen mit den extrovertierten, nicht-konformen Frisuren und Auftreten. Ein durchaus sehr sozialer Moment, weil sie gemeinsam so banal es auch sein mag ĂŒber das Hier und Jetzt reden, da sie verstanden haben, dass die Zukunft ihnen nichts garantiert, denn sie sind eine Jugend ohne Zukunft, dass es sich nicht lohnt TrĂ€ume zu haben, man könnte sagen, es handelt sich hier um einen universellen Ausdruck der Ablehnung gegenĂŒber Lohnarbeit.


(Volksrepublik China) Smart, unzufrieden und ungesehen: Li Yifan ĂŒber den Aufstieg und Fall einer proletarischen Subkultur

Von chuang | Am 22.09.21 veröffentlicht

Im Folgenden ist unsere Übersetzung eines Interviews mit Li Yifan ĂŒber seinen Dokumentarfilm We Were Smart (æ€é©Źç‰č我爱䜠) zu finden, zusammen mit einem neuen Vorwort unseres Freundes BG ĂŒber die Bedeutung des Films fĂŒr Chinas entstehende Bewegung der „autonomen RĂ€ume“. Das chinesische Interview, gefĂŒhrt von Zhao Jingyi (è””æ™Żćźœ) von NoonStory (æ­Łćˆ), wurde ursprĂŒnglich im November 2020 auf Jiemian News (ç•Œéąæ–°é—») als „Li Yifan: The Pressures Facing ‚Smart‘ Workers Are Extremely Similar to Those Facing Urban White-Collar Workers“ (æŽäž€ć‡ĄïŒšæ€é©Źç‰čć·„äșșć’ŒćŸŽćž‚ç™œéą†ïŒŒäž€è€…çš„ćŽ‹æŠ‘éžćžžç±»äŒŒ) veröffentlicht. Das Vorwort von BG ist nirgendwo anders veröffentlicht worden. Der Film ist derzeit online mit englischen Untertiteln hier zu sehen. (Er wird wahrscheinlich aus den unten genannten GrĂŒnden bald wieder entfernt werden, also schaut ihn euch an, solange ihr noch könnt).

Vorwort von BG

Im Jahr 2020 stellte der KĂŒnstler und Filmemacher Li Yifan den Dokumentarfilm We Were Smart (æ€é©Źç‰č我爱䜠) fertig. Der Film löste in ganz China einen Sturm aus, da er die „Smart“ (shamate) Subkultur, die vor beinahe zehn Jahren fast in Vergessenheit geraten war, wieder ins Licht der Öffentlichkeit rĂŒckte und stark missverstanden und verunglimpft wurde. Li, der die Situation der Wanderarbeiter seit vielen Jahren verfolgt, vermittelte dem Publikum auch ein neues VerstĂ€ndnis dieser Subkultur, die in den Fabriken des Perlflussdeltas entstanden war: Die Smarts waren in erster Linie Wanderarbeiter vom Lande, deren Arbeitskraft an den FließbĂ€ndern brutal ausgebeutet wurde.

In dem Film fĂŒhrt Li Gruppeninterviews mit aktuellen und ehemaligen Mitgliedern der Smart-Subkultur, wobei er auch ihr eigenes Filmmaterial von Szenen in den Fabriken einbezieht, wie z. B. die sich wiederholenden Bewegungen der FließbĂ€nder und einen Aufseher, der den Arbeitern verbietet, die Toilette zu benutzen. Die Smarts sind Ă€ngstlich und treiben in der ihnen unbekannten Metropole umher und werden von Anwerbern vom Bahnhof zum Industriegebiet geschleppt. In der Innenstadt sind sie von den Wolkenkratzern eingeschĂŒchtert und verirren sich im Labyrinth der Straßen, so dass sie oft nicht in der Lage sind, im Dienstleistungssektor oder in der Plattformökonomie zu arbeiten, z. B. als Essenslieferant. Ihre einzige Freiheit ist die „Ästhetik“: Indem sie die Stile der smarten Subkultur ĂŒbernehmen, finden sie einen Sinn in sich selbst und in der Abgrenzung zu anderen. Li betont, dass der Film keine „Geschichte der Smarts“ ist, sondern „Smarts, die ĂŒber ihre eigene Geschichte sprechen“.

Ein weiteres Element, das den Film diskussionswĂŒrdig macht, ist die Art und Weise, wie er in Umlauf gebracht wurde. UrsprĂŒnglich war We Were Smart als Dokumentarfilm gedacht, aber die Verbreitung des Films wurde zu einem eigenstĂ€ndigen Ereignis. Der Filmemacher erhielt fĂŒr die Produktion des Films eine Investition von Tencent und unterzeichnete einen Vertrag, der dem Unternehmen die exklusiven Ausstrahlungsrechte einrĂ€umte. Nach der Fertigstellung des Films befĂŒrchtete Tencent jedoch, dass der Film politisch heikel sein könnte, und weigerte sich, ihn auszustrahlen, so dass die Investition in „Schweigegeld“ umgewandelt wurde, das verhindern sollte, dass der Film jemals das Licht der Welt erblickte. Li begann daher, Einladungen zu VorfĂŒhrungen in kleinem Rahmen an verschiedenen Orten in ganz China anzunehmen, wodurch eine Art Untergrundnetzwerk entstand, das sich bald verbreitete. Der Filmemacher besuchte UniversitĂ€tsgelĂ€nde, BuchlĂ€den, Bars und „autonome RĂ€ume“, diskutierte mit dem Publikum und lud Smarts aus dem Film ein, sich online zu beteiligen.

Das Netzwerk und das Konzept der „autonomen RĂ€ume“ (è‡ȘæČ»ç©ș问, auch bekannt als „alternative RĂ€ume“ æ›żä»Łæ€§ç©ș问) spielten bei diesen UntergrundvorfĂŒhrungen eine entscheidende Rolle. Da die etablierten KunstrĂ€ume mit einer immer strengeren Zensur konfrontiert sind, sind in ganz China immer mehr autonome RĂ€ume entstanden. Einige von ihnen haben kommerzielle Formen angenommen, wie z. B. profitorientierte Bars, BuchlĂ€den oder sogar einfache Tante-Emma-LĂ€den, wĂ€hrend andere Kunstateliers oder hĂ€usliche RĂ€ume nutzen, um eine Infrastruktur fĂŒr AktivitĂ€ten zu schaffen, die in den kommerziellen RĂ€umen des Mainstreams nicht möglich wĂ€ren, einschließlich, aber nicht beschrĂ€nkt auf FilmvorfĂŒhrungen, Ausstellungen, Theater und Performance-Kunst. Diese RĂ€ume sind auch ein wichtiger Ort fĂŒr die Verbreitung von Untergrundpublikationen, die von verschiedenen Gruppen gedruckt werden, darunter Zeitschriften mit Bezug zu Kunstausstellungen sowie einige Pamphlete mit einem gewissen politischen Inhalt. Die chinesische Übersetzung von A Guidebook for the Revolt of the Idiots of the World: How to Create Space with Fun (äž–ç•ŒăƒžăƒŒă‚±ćäč±ăźæ‰‹ćŒ•æ›ž: ă”ă–ă‘ăŸć Žæ‰€ăźäœœă‚Šæ–č) des japanischen Anarchisten Hajime Matsumoto ist wahrscheinlich das am hĂ€ufigsten in diesen RĂ€umen zu sehende Buch, dessen Ideen dem Netzwerk als Inspiration dienen. Matsumotos Aufruf, den Kapitalismus herauszufordern, indem man sich zum Spaß trifft, und sich der UnterdrĂŒckung durch KreativitĂ€t zu widersetzen, ist wahrscheinlich der einzige Hoffnungsschimmer, den junge Menschen mit kritischem Bewusstsein in dieser luftdichten Gesellschaft finden können, in der die Risiken fĂŒr jede Art von politischer AktivitĂ€t immer schlimmer geworden sind. In diesen RĂ€umen kann man auch Spuren von selbstveröffentlichten Werken von Wanderarbeitern finden. FĂŒr junge Menschen auf dem chinesischen Festland, die weder auf die Straße gehen noch öffentlich demonstrieren dĂŒrfen, sind diese RĂ€ume zu einer seltenen Gelegenheit geworden, Gleichgesinnte (ćŒæž©ć±‚) zu finden und das politische Leben zu erleben. Bemerkenswert ist auch, dass die Begeisterung fĂŒr We Were Smart viele junge Leute dazu veranlasste, gewöhnliche kommerzielle Veranstaltungsorte in temporĂ€re „autonome RĂ€ume“ umzuwandeln: Als der Filmemacher verlangte, dass die VorfĂŒhrungen kostenlos sein sollten, ermöglichten einige gewinnorientierte Veranstaltungsorte in kleineren StĂ€dten allen Arten von Menschen den Besuch, ohne Geld ausgeben zu mĂŒssen. Diese Zirkulationserfahrung wurde so zu einem integralen Bestandteil des Films.

WĂ€hrend Li Yifans filmische Linse die „Àsthetische Freiheit“ der Smarts als eine Form des kollektiven Widerstands hervorhob, brachten junge Linke mit Erfahrung im Arbeiteraktivismus bei einigen VorfĂŒhrungen eher strukturelle Formen des Arbeiterwiderstands und der Selbstorganisation oder konkretere VerĂ€nderungen der sozialen Bedingungen zur Sprache, fĂŒr die die Arbeiter gekĂ€mpft haben. Auf diese Kommentare reagierte der Filmemacher manchmal mit einer zynischen Haltung. Aber We Were Smart war bereits kein geschlossenes, auf passiven Konsum ausgerichtetes Werk mehr, so dass nach Abschluss des Schnitts kein Zeitraum mehr eingefĂŒgt werden konnte. Es war zu einer Bewegung geworden, in der jede VorfĂŒhrung produktiv war, und jede Ausweitung des Netzes von VorfĂŒhrungen im Untergrund reproduzierte das Werk auf eine andere Weise. Diese Veranstaltungen schufen neue Bedeutungen fĂŒr das VerstĂ€ndnis der Proletarier, die an der smarten Subkultur teilnahmen, und gingen ĂŒber die Absichten der Filmemacher hinsichtlich der Ă€sthetischen Freiheit hinaus. Sie schufen eine Infrastruktur außerhalb des Mainstreams der Kunstproduktion und des Kunstkonsums. Obwohl der Hype um We Were Smart vorbei ist, bleibt diese Infrastruktur bestehen und bricht weiterhin Risse im System auf.

„Wenn man nicht smart ist, dann hat man keine Geschichte. Ein Leben am Fließband hat keinen Wert.“

Die UnterdrĂŒckung von „ smarten“ Arbeitern Ă€hnelt derjenigen von stĂ€dtischen Angestellten (White-Collar Workers)

Li Yifans jĂŒngste PrĂ€sentationen seines Dokumentarfilms We Were Smart gingen Ende 2020 viral – das erste Mal, dass viele Menschen von dem Film oder der obskuren „smarten“ Subkultur Notiz nahmen. Hinter den ĂŒbertriebenen Frisuren der „Smarts“ verbergen sich jedoch Teenager, die von Migranteneltern zurĂŒckgelassen wurden, Fließbandarbeiter und Jugendliche, die sich nach Anerkennung und Akzeptanz sehnen.

Der Douban-Nutzer „Looking Left“ schreibt in seiner Rezension: „Kein Dokumentarfilm hat mich so sehr bewegt wie We Were Smart. WĂ€hrend des gesamten Films habe ich immer wieder mein Handy in die Hand genommen, um mir Notizen zu machen. Die Stimme der Intelligenz ist ein starker philosophischer Ausdruck von Freiheit, Freude und UnterdrĂŒckung.“

Der Dokumentarfilm wurde bereits vor fast einem Jahr uraufgefĂŒhrt. Am 13. Dezember 2019 veranstaltete Li Yifan eine Ausstellung mit dem Titel „The Heretical Light“ (æ„ć€–çš„ć…‰èŠ’) im Guangdong Times Museum. Mehrere hundert gebrauchte Smartphones waren auf dem Balkon eines Hochhauses im 19. Stock installiert und spielten ĂŒber 900 von Arbeitern aufgenommene Videos in einer Schleife ab. Die Fließbandszenen verliehen der Ausstellung ein mechanisches und beklemmendes GefĂŒhl. Li Yifan lud die Arbeiter, die an den Aufnahmen beteiligt waren, zur Eröffnung ein, aber am Ende waren die einzigen, die kamen, zwei Arbeiter, die gerade ihren Job verloren hatten.

Li Yifan begann 2017 mit den Dreharbeiten zum Thema „Smarts“ und interviewte insgesamt 78 Personen. Er begann in Shenzhen, bevor er durch ganz Guangdong reiste und schließlich in die „Heimatstadt“ der Subkultur in Guizhou und Teilen von Yunnan ging. Li sagt, dass dieser Dokumentarfilm nicht versucht, die Geschichte der Smarts aufzuzeichnen, sondern vielmehr die verschiedenen Smarts ihre eigene Geschichte erzĂ€hlen lĂ€sst. Die Dokumentarfilme von Li folgen immer bestimmten Menschen und ihren spezifischen Situationen: Die frĂŒheren Dokumentarfilme Before the Flood (æ·čæČĄ) und Village Archive: Longwangcun 2006 Video Files (äčĄæ‘æĄŁæĄˆ) dokumentierten die Umsiedlung des Dorfes Taijie bzw. die leeren Tage eines gewöhnlichen westlichen Dorfes1. Li hat auch Aufnahmen zum Arbeitsgesetz, zu Schweinefleisch und zu gewalttĂ€tigen Auseinandersetzungen im Chongqing der 1960er Jahre gedreht, diese aber noch nicht zu einem vollstĂ€ndigen Spielfilm verarbeitet. Er ist nicht nur Regisseur, sondern auch KĂŒnstler und Professor fĂŒr Ölmalerei an der Akademie der Schönen KĂŒnste von Sichuan und hat in Chongqing und Shanghai kĂŒnstlerische Gemeinschaftsarbeiten durchgefĂŒhrt, darunter Migrant Youth (ć€–çœé’ćčŽ) und The sixth ring is one more than the fifth ring (ć…­çŽŻæŻ”äș”环怚䞀环).

Die folgende Diskussion zwischen NoonStory (NS) und Li Yifan (LY) umfasst Themen wie die „smarte“ Subkultur und den Überlebensdruck, dem die heutige Jugend ausgesetzt ist, das Stadt-Land-GefĂ€lle, die diaosi (ć±Œäž)-Kultur und kurze Video-Apps. Li erklĂ€rt: „Wenn ich Dokumentarfilme drehe, bringe ich kein aufgeklĂ€rtes Motiv in das Projekt ein. Viel wichtiger ist es, Menschen zu zeigen, die noch nie gesehen wurden.“

Screenshots aus We Were Smart. Die meisten Smarts wurden in den 1990er Jahren geboren und gingen im Alter von fĂŒnfzehn oder sechzehn Jahren zur Arbeit.

NS: In letzter Zeit gab es in vielen StĂ€dten VorfĂŒhrungen von We Were Smart. Was waren die interessantesten Publikumsreaktionen in den Diskussionen nach der VorfĂŒhrung?

LYF: Bei fast jeder VorfĂŒhrung sagt ein Zuschauer: „Eigentlich fĂŒhle ich mich Ă€hnlich wie die Smarts, aber ich bin nicht so mutig, ich habe nicht den Mut, mich dieser extremen gesellschaftlichen Disziplin zu widersetzen – ich habe Angst, etwas zu tun, das auffĂ€llt.“ Das hat mein Interesse geweckt. Die meisten der Zuschauer gehören zur post-90er, post-95er Generation [die nach 1990 oder 1995 Geborenen], die in stĂ€dtischen Angestelltenberufen (white-collar workers) arbeiten – es scheint, dass die Situation ihrer Familien nicht so schlimm ist.

Dennoch ist das GefĂŒhl der UnterdrĂŒckung, das diese Zuschauer und Smarts empfinden, sehr Ă€hnlich. Man könnte sagen, dass es sich um ein gemeinsames Generationenproblem handelt: Sie fragen sich: Was ist der Sinn des Lebens, das ich vor mir sehe? Die jungen Smarts haben das GefĂŒhl, dass Geld verdienen keinen Sinn mehr hat. Die Generation ihrer Eltern kam in die Stadt, um zu arbeiten, und obwohl sie nicht viel verdienen konnten, waren ihre Ziele sehr klar – zum Beispiel genug zu verdienen, um nach Hause zu gehen und ein Haus zu bauen, zu heiraten und ein Kind aufzuziehen. Die jungen Smarts, obwohl
. Ihre Familie hatte bereits ein Haus in ihrer Heimatstadt, aber sie konnten nicht genug verdienen, um ein Haus in der Stadt zu kaufen. Vielleicht hatten sie nicht einmal genug Geld, um eine Hochzeit zu bezahlen und zu heiraten. Die jungen Angestellten (white-collar youth) wollen sich in der Stadt niederlassen, aber es ist auch fĂŒr sie schwer. Letztendlich ist die stĂ€dtische Angestelltenjugend (white-collar youth) in einer Ă€hnlichen Lage wie die Smarts. Sie arbeiten hart, aber sie können kein Ziel erreichen, es sei denn, sie verkaufen sich völlig.

NS: Was ist deine Meinung zu den Angestellten (white-collar workers), die sich scherzhaft als „Arbeiter“ (dagongren) bezeichnen?

LYF: DarĂŒber habe ich noch nicht genau nachgedacht. Vielleicht haben sie dasselbe GefĂŒhl der Verzweiflung, was ihre FĂ€higkeit angeht, ihr Schicksal zu Ă€ndern, was die KlassenmobilitĂ€t angeht. Angestellte (white-collar workers) sind auch Arbeiter, ihre Arbeit ist schwierig, aber im Vergleich zu den Smarts ist es eine andere Art von Schwierigkeit. Viele Angestellte (white-collar workers) wollen ein besseres Auto oder geben sich nicht mit einer 1.000-Yuan-Tasche zufrieden, sondern wollen eine, die 2.000 Yuan kostet – sie sind von der Konsumgesellschaft gekidnappt worden. Aber die Smarts haben in Wirklichkeit gar kein Geld. Nach der [Anfangsphase der] Pandemie [in China von Januar bis April 2020] konnten viele Smarts keine Arbeit finden und waren auf Kredite von mobilen Apps angewiesen, um zu ĂŒberleben. Im Mai oder Juni konnten sie wieder anfangen zu arbeiten, um die Schulden abzuzahlen. Ein Mann, der KampfhĂŒhner zĂŒchtet, verkaufte einen seiner wertvollsten Vögel als Fleisch: ein sieben Pfund schweres Huhn wurde fĂŒr 300 Yuan verkauft. Diese Art von Armut können wir nicht wirklich verstehen.

Viele junge Smarts haben sich an mich gewandt, um sich Geld zu leihen, aber es waren alles BetrĂ€ge unter 100 Yuan. Manchmal leihen sie sich auch nur 20 Yuan. Sie kommen nach Guangzhou und finden keine Arbeit, sie haben nichts zu essen oder mĂŒssen sogar auf der Straße schlafen. Die Smarts im Film sind nicht so verzweifelt, weil sie so jung sind. Aber die Beispiele, die sie gesehen haben, einige der Menschen um sie herum – sie haben wirklich keine Möglichkeiten, sie sind hoffnungslos. Ich frage die Smarts: Ist einer eurer Freunde reich geworden? Sie sagen alle: Nein, niemand ist reich geworden.

NS: Viele Leute fragen sich, warum es in Dongguans Stadtteil Shipai immer noch eine lebendige, smarte Jugendkultur gibt. Alle haben den falschen Eindruck, dass Smarts, der QQ Space und die Nicht-Mainstream-Kultur alle Teil einer Art verschwindenden Online-Lebens oder Subkultur sind.

LYF: Es gibt nicht mehr viele Orte, die wirklich offen und akzeptierend fĂŒr Smarts sind. Es gibt nur noch ein paar letzte Hochburgen: Im Shipai-Bezirk in Dongguan, in Chenghai in Shantou und in einem kleinen Bezirk in Wenzhou gibt es noch ein paar aktive Smarts. Diese Orte weisen alle Ähnlichkeiten auf: Eine große Anzahl kleiner Fabriken und WerkstĂ€tten, von denen die meisten kleine Teile fĂŒr eine große Elektronikfabrik herstellen, oder SprĂŒhfarbe fĂŒr Spielzeugfabriken produzieren, oder auf andere Weise sehr kleine, einfache Teile herstellen.

Das Management in dieser Art von kleinen Fabriken ist nicht so streng, und sie haben nicht viele kulturelle Anforderungen – es ist ihnen zum Beispiel egal, ob man sich die Haare wachsen lĂ€sst. NatĂŒrlich sind auch die Löhne niedrig. Es sind genau diese Orte, die es den Smarts ermöglichen, weiter zu existieren. NatĂŒrlich föhnen sich Smarts nicht jeden Tag die Haare – in der Regel warten sie damit bis zum Wochenende. Gutes Haarspray hĂ€lt nur maximal drei Tage, und normalerweise hĂ€lt es nur einen Tag, bevor es zusammenfĂ€llt. 2018 kamen einhundert Smarts zum Treffen in Shipai und die großen Friseursalons konnten nicht mithalten, sie frisierten vom frĂŒhen Morgen bis zum Nachmittag. An langen Wochenenden kostet das Frisieren 40 Yuan, an Wochentagen 20 Yuan.

Heute gibt es vielleicht nur noch ein paar hundert Menschen im Land, die an der Smart Kultur beteiligt sind. Auch die interne Definition der Kultur ist unterschiedlich: Viele Smarts tragen Kunsthaar, weil sie keine Arbeit finden, wenn sie sich die Haare wachsen lassen. Wenn sie eine PerĂŒcke tragen, um ein Video zu drehen oder durch die Straßen zu gehen, haben sie das GefĂŒhl, dass sie genauso aussehen wie damals, als sie sich die Haare wachsen ließen. In diesem Moment haben sie das GefĂŒhl, ein anderer Mensch geworden zu sein.

NS: Du hast ĂŒber einen Monat lang in Shipai gelebt. Was hat dich dort am stĂ€rksten beeindruckt?

LYF: In Shipai gibt es immer noch einen ziemlich guten öffentlichen Raum: Es gibt zwei Eislaufbahnen und den Shipai Park. Ich finde die Gestaltung des Parks besonders gut – er ist nicht elitĂ€r, man hat das GefĂŒhl, dass er niemanden abweist, diese Art von GefĂŒhl. Der Park scheint ein Ort zu sein, an dem jeder einen Platz finden kann, um sich hinzusetzen und Spaß zu haben. Der Park befindet sich auch in der NĂ€he der Fabriken, so dass smarte Menschen hierher kommen können, um sich zu zeigen und dem Leben am Fließband zu entfliehen.

Einmal im Jahr 2018 war ich im Shipai-Park und die ganze Szene war großartig – es war ein langes Wochenende, und die Arbeiter hatten nichts zu tun. Zehntausende von Jugendlichen liefen durch den Park und zogen umher. Sie waren alle normale Arbeiter, die am wenigsten Geld verdienen, die unterste Stufe. Viele von ihnen waren Angehörige sĂŒdlicher ethnischer Minderheiten. Die Smarts waren auch dabei, ein sehr kleiner Teil der Gruppe. Man konnte sehen, dass es Miao-Leute gab, die sangen, Zhuang-Leute, die duige (ćŻč歌) sangen, und Leute, die rangen, sehr förmlich, in ethnischen Ringertraditionen. Viele Leute saßen auf dem Boden, trafen sich mit Leuten aus der gleichen Heimatstadt, unterhielten sich und spielten mit ihren Handys.

Diese Art von Trubel ist an anderen Orten selten. In einigen großen Fabriken zum Beispiel wird der Schichtwechsel sehr genau eingehalten: Alle 15 Minuten kommen und gehen nur wenige Leute, so dass man diese Art von Menschenmenge nie sieht, sondern nur einen kontinuierlichen Strom von Leuten, die in einer langen Schlange ein- und ausgehen. Die meisten Leute halten ihr Handy in der Hand, scrollen endlos und warten darauf, dass ihre Schicht beginnt. Nachts, wenn alle aus den Fabriken kommen, wird es in Guangdong heiß, und die Leute wollen nicht in ihre SchlafsĂ€le zurĂŒckkehren, also sitzen die mĂŒden Arbeiter am Straßenrand oder legen sich hin und spielen mit ihren Handys. Sie können sich nirgends amĂŒsieren, also können sie nicht wie die Smarts sein, die vor Begeisterung fast platzen und alle hinter sich herziehen lassen.

NS: In einem deiner VortrĂ€ge hast du gesagt, dass es keine Smarts mit einem wunderbaren Leben gibt – das Leben der Smarts ist extrem arm. Sind normale Fabrikarbeiter im Vergleich zu Smarts noch Ă€rmer?

LYF: Im Vergleich zu normalen Arbeitern in kleinen Fabriken sind die Smarts nur geringfĂŒgig anders. Smarts sind ein bisschen sensibler, oder ein bisschen kĂŒnstlerischer. Sie achten ein wenig mehr auf ihren eigenen Körper und ihre GefĂŒhle sowie auf die Reaktionen der Außenwelt. Das ist anders als bei den meisten anderen Arbeitern, die sich einfach an die sozialen Normen halten und ihnen folgen. Smarts können das im Allgemeinen nicht ausstehen und wollen etwas anderes machen.

Wenn wir Smarts interviewen, fĂŒhren wir das GesprĂ€ch normalerweise in kleinen Hotels, nach 22 Uhr. In den Fabrikvierteln finden wir keinen anderen Ort, an dem wir sie durchfĂŒhren können. Nach zehn oder zwölf Stunden Arbeit mĂŒssen diese Kinder erst nach Hause gehen, duschen, sich die Haare föhnen und sich besser aussehende Kleidung anziehen, bevor sie zum Interview kommen können. In dieser Hinsicht sind sie ein bisschen aufmerksamer. Aber sie haben denselben Stunden- oder StĂŒcklohn, bei dem sie nie mithalten können. Wenn sich ihre HĂ€nde nicht mehr bewegen, haben sie plötzlich kein Geld mehr.

Bei der Migration zur Arbeit sind die meisten Arbeiter auf die Beziehungen in ihrer Heimatstadt angewiesen. Aber die Smarts haben die heimatlichen Netzwerke ĂŒbersprungen. In Guangxi, Hunan, Guizhou, Hainan und anderen Orten nutzten sie ihr gemeinsames Ă€sthetisches Empfinden und ihre Online-Verbindungen, um ihre eigenen Familien zu grĂŒnden. Innerhalb dieser Familie sind sie wie BrĂŒder und Schwestern – „wenn du hierher kommst, um zu arbeiten, kannst du ein paar Tage bei mir bleiben, wĂ€hrend du dich einrichtest.“

Einmal unterhielt sich ein smarter Mann mit mir, und ich habe es nicht aufgezeichnet, aber die Art und Weise, wie er es ausdrĂŒckte, war wie die eines Philosophen. Er sagte: „Wenn du kein Smart bist, dann hast du keine Geschichte. Ein Leben am Fließband hat keinen Wert.“

NS: Du hast 915 Kurzvideos in Auftrag gegeben und einige davon fĂŒr deinen Dokumentarfilm ausgewĂ€hlt. Was hat dich an diesen selbstgedrehten Videos von einfachen Arbeitern bewegt?

LYF: Die Videos, die ich gesammelt habe, lassen sich in drei Typen unterteilen. Bei den meisten handelt es sich um Videos von ArbeitsplĂ€tzen oder dem Fließband. Die zweite Art zeichnet das Leben in der Fabrik auf. Die dritte Art zeigt das Alltagsleben der Arbeitssuchenden in den Fabrikvierteln. Die Videos stammen aus Shipai, Dongguan, Shenzhen und anderen Gebieten mit einer hohen Konzentration von Fabriken.

Kein einzelnes Video aus der Arbeitsplatzsammlung hat einen besonders tiefen Eindruck bei mir hinterlassen, aber nachdem ich sie alle gesehen hatte, hinterließen sie insgesamt einen sehr starken Eindruck: Das Arbeitsumfeld, die IntensitĂ€t der Arbeit, die Arbeitszeiten – all das ĂŒbertraf meine Vorstellungen. Ich wusste, dass die Leute Überstunden machen, aber ich wusste nicht, dass sie so lange arbeiten. Viele Arbeitsumgebungen sind ziemlich schlecht, und die Arbeiter sehen so jung aus.

Einige der Arbeiter haben die Bedingungen in grĂ¶ĂŸeren Fabriken aufgezeichnet. Das ist wirklich schwierig, denn wenn man sein Handy herausnimmt, kann man eine Geldstrafe bekommen. In einem der Videos fĂŒhrt der Schichtleiter die Arbeiter an und sagt: „Hallo, wie geht es euch, mir geht es sehr gut.“ Aus dem Video kann man ersehen, in welche Lage die Arbeiter gebracht werden, indem sie beschimpft oder ausgepeitscht werden. In einem anderen Fall sind zwei Kinder arbeitslos und wollen sich um einen Job bewerben. Das Video, das sie gedreht haben, zeigt den gesamten Bewerbungsprozess, einschließlich eines Bluttests. Bei Bewerbungen werden die HĂ€nde und der Körper untersucht, wie auf einem Sklavenmarkt, und es wird geprĂŒft, ob man seine Gelenke bewegen kann. Diese beiden Videos haben einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen.

WĂ€hrend sich die Diaosi-Kultur nach Anerkennung durch den Mainstream sehnt, ist die Smart-Kultur nur eine Art, zusammenzuhalten, um nicht unterzugehen.

NS: Bevor du Smarts getroffen hast, als du sie nur aus dem Internet kanntest, hast du gesagt, dass du glaubst, dass sie „einen Widerstand gegen den Konsumismus darstellen“. Wie bist du zu diesem Schluss gekommen?

LYF: Im Jahr 2010 habe ich mit einigen KĂŒnstlern in Chongqing ein Kunstprogramm fĂŒr „Migranten-Jugendliche“ durchgefĂŒhrt. Unsere Plakate warben fĂŒr „Selbstdefinition“ und „Àsthetische Autonomie“. In Wuhan habe ich zusammen mit Li Juchuan den Donghu Art Plan entwickelt.2

Beides waren Versuche, sich der Mainstream-Ästhetik und den Mainstream-Werten zu widersetzen. Zu dieser Zeit sah ich Smarts im Internet. Anhand ihrer Bilder und Texte hatte ich das GefĂŒhl, dass Smarts ein paar drittklassige College-Studenten waren. Es fiel mir schwer zu verstehen, warum manche Leute die Initiative ergreifen, um sich selbst zu diffamieren, zu demĂŒtigen, hĂ€sslich zu machen, sich als dumm zu beschimpfen und sich ĂŒber ihren eigenen „edlen“ Titel lustig zu machen. Aber sie haben so lange durchgehalten, und so viele Menschen haben mitgemacht – ist das nicht eine Art kultureller Widerstand?

Erst sehr spĂ€t wurde mir klar, dass ich im Internet nie wirkliche Smarts gesehen hatte – was ich gesehen hatte, waren Bewegungen zur Diffamierung der Smarts. Was auch immer fĂŒr eine Art von Widerstand [ich sah], das war ein falscher Eindruck, den ich von Leuten bekommen hatte, die versuchten, sie zu diffamieren.

NS: In einem Vortrag hast du erwÀhnt, wie die Kluft zwischen Stadt und Land in der Nicht-Mainstream-Kultur um 2007 auftauchte. Um 2010 begann die Stigmatisierung der Smarts im Internet. Warum haben sich diese VerÀnderungen zu diesen Zeitpunkten vollzogen?

LYF: In der Zeit vor und kurz nach den Olympischen Spielen 2008 entstand eine große Kluft zwischen dem lĂ€ndlichen und dem stĂ€dtischen China. Informationen von außen strömten herein, und viele Menschen begannen auch, ins Ausland zu gehen – die Gesellschaft verĂ€nderte sich massiv. Dies hatte jedoch viel mehr Einfluss auf die Stadtbewohner: Ihre GehĂ€lter stiegen, und die Menschen, die sich zuvor mit „nicht-mainstreamiger“ (非䞻攁) Mode beschĂ€ftigt hatten, sogar mit „ketzerischen“ (ćŒ‚ç«Ż) Frisuren, begannen, einen Sinn fĂŒr anspruchsvolle Ästhetik zu entwickeln.

FĂŒr die Wanderarbeiter Ă€nderte sich das Umfeld jedoch nicht so stark. Sie arbeiteten weiterhin zu hart. Wenn du jeden Tag zehn bis fĂŒnfzehn Stunden arbeitest und nur nachschaust, wie viele Leute deinen QQ-Space jeden Tag besuchen, reicht es, wenn ein paar mehr Besucher kommen, um dir ein GefĂŒhl der ErfĂŒllung zu geben, damit du glĂŒcklich schlafen gehen kannst. Ein anderes Hobby war es, zu sehen, was der eine oder andere Star in letzter Zeit mit seinen Haaren gemacht hat, und herauszufinden, ob man dasselbe tun kann. Die meisten Menschen befanden sich genau in dieser Situation.

Bei einem so schnellen Arbeitstempo, unter extremem Druck und Depressionen, braucht man – die Arbeiter – etwas besonders Starkes, wie eine Frisur abseits des Mainstreams. Zu dieser Zeit gab es den Begriff „lĂ€ndliche Gegenkultur“. Unter den Nicht-Mainstream, in den Subkulturen, gibt es viele verschiedene „Familien“ oder „Clans“, und die Smarts sind nur ein Teil davon. Zum Beispiel die Cruel Snow-Family, die hauptsĂ€chlich Dinge online verkauft, um dir dabei zu helfen, einen wirklich cool aussehenden QQ-Space einzurichten, oder die Buried Love-Family, die sich selbst als sehr deprimiert darstellt und SprĂŒche sagt wie: „Mein Herz ist gebrochen, ich kann seit zehn Jahren nicht mehr lieben“ oder „Meine Liebe ist seit drei Jahren begraben“ – diese Art von beziehungsbezogenem Zeug. Aber der Begriff „smart“ [shamate, ĂŒbersetzt aus dem englischen Wort „smart“] schaffte es aus diesem speziellen Kreis [der Teilnehmer an „Nicht-Mainstream“-Mode] heraus, und die Leute im Internet begannen, diesen Begriff auf jeden mit dieser Art von Frisur anzuwenden.

Vor 2010 wusste niemand etwas ĂŒber Smarts, sie waren nur in ihrem eigenen Kreis. Und die Smarts verstanden die Außenwelt nicht – sie hielten sich fĂŒr die modischsten Menschen in China und posteten ĂŒberall in den sozialen Medien Bilder. Sie sahen, dass das Li Yi-Forum auf Baidu sehr beliebt war, also posteten sie Bilder von Li Yi. Zu dieser Zeit waren allzu aufrichtige Accounts wie Sister Furong immer noch sehr beliebt – als die Leute also die Smarts entdeckten, hatten sie etwas anderes gefunden, ĂŒber das sie sich lustig machen konnten, und ist das nicht ein angenehmer Ort?

NS: Etwa ab 2013 verschwand die Smart-Kultur allmĂ€hlich. Warum gab es einen plötzlichen Anstieg von Leuten, die sich online ĂŒber die Smart-Kultur lustig machten? Was ist aus deiner Sicht der Hintergrund dafĂŒr?

LYF: Zu dieser Zeit war die Diaosi-Kultur (ć±Œäž) populĂ€r3. Eigentlich ist die Diaosi-Kultur keine klar definierte Gruppe, und ihr Selbstvertrauen war nicht allzu schlecht: Die Menschen in der Gruppe hatten das GefĂŒhl, dass ihre Talente einfach noch nicht erkannt worden waren. Diaosi und smart sind nicht dasselbe: Die Diaosi erkennen die Kultur der Eliten immer noch an und billigen sie, nur die Eliten erkennen sie nicht an. Zu dieser Zeit hatten die Diaosi eine Welle von anderen Kulturen, denen es schlechter ging als ihnen selbst, aufkommen sehen, und es ist eine weit verbreitete MentalitĂ€t, auf [anderen] herumzuhacken.

Die gesamte Gesellschaft existiert innerhalb einer Elitenkultur oder eines rationalen Systems. Was nicht mit den Regeln ĂŒbereinstimmt, muss immer unterdrĂŒckt werden. Außerhalb dieser [UnterdrĂŒckung] kann es keine andere Form der Beziehung geben; wir sind nicht einmal bereit, ein grundlegendes VerstĂ€ndnis dafĂŒr zu entwickeln, was etwas ist, das nicht mit den Regeln ĂŒbereinstimmt. Was ich interessant finde, ist, dass so viele der Leute, die sich in QQ-Gruppen, die nicht dem Mainstream entsprechen, einschleichen, Leute aus der Gruppe werfen und stĂ€ndig die [Online-]Familien der Leute auseinanderreißen, Diaosi sind.

Diaosi akzeptieren die Elitekultur: Die Elitekultur sagt, dass Smarts hĂ€sslich sind, dass ihre Ästhetik problematisch ist. Die Diaosi verstehen absolut nicht, dass Ästhetik ein kulturelles Konstrukt ist. Sie glauben, dass die Randkultur keine subjektive Angelegenheit ist. Wenn sie also einen einsamen Smart sehen, sehen sie das als eine Gelegenheit, sich abzureagieren. Das heißt, um zu beweisen, dass sie „elitĂ€r“ sind, schlagen sie auf die Smarts ein. Ist ein solches Verhalten in Ordnung?

Die gesamte Gesellschaft befindet sich in einem stĂ€ndigen Prozess der Standardisierung, was es schwierig macht, Menschen wie Smarts zu tolerieren. Die Diaosi haben erwartet, dass sie von der breiten Masse anerkannt werden, wenn sie ihre Talente verwirklicht haben, aber Smarts wissen nicht einmal, was „Elite“ ist. Eigentlich hatte das Wort „Diaosi“ immer noch eine kleine Konnotation von Widerstand, einen Stolz, den es heute nicht mehr gibt, wenn [Angestellte – white collar youth] sagen, dass sie [nur] „einfache Arbeiter“ (dagongren) oder „996“ [die zwölf Stunden am Tag sechs Tage die Woche arbeiten] sind.

NS: Du hast gesagt, dass du bei den Dreharbeiten zu deinem Dokumentarfilm festgestellt hast, dass die Smarts Angst vor der Welt hatten, was es schwierig machte, Interviews zu fĂŒhren. Was kannst du mir ĂŒber die SchlĂ€gereien erzĂ€hlen, die um 2013 herum stattfanden?

LYF: Es gab einige Leute, die dachten, dass die Frisur von Smarts und ihre Art, online zu sprechen, zu arrogant seien, also wollten sie sie einfach verprĂŒgeln. Als Luo Fuxing in der Mittelschule war und gerade im Internet berĂŒhmt geworden war, hatte er online seine eigene [smarte] „Familie“. Aus diesem Grund wurde er in der Schule geschlagen und beleidigt, was der Hauptgrund dafĂŒr war, dass er die Schule abbrach. Einige Smarts erwĂ€hnten auch, dass sie beim Essen in Kunming von Leuten an einem anderen Tisch zu Boden gedrĂŒckt wurden und ihnen die Haare abgefackelt wurden.

FrĂŒher, als Smart noch eine Art Mode war, hielt das niemand fĂŒr schlimm. Aber als die öffentliche Meinung zu der Überzeugung kam, dass Smart schlecht sei, wurde Smart von Außenstehenden verteufelt. Ein Smart erzĂ€hlte mir, dass er in einem Industriegebiet arbeitete und nicht wusste, dass zu Hause niemand mehr an der Smart-Kultur teilnahm. Als er nach Hause kam, sagten seine Freunde zu ihm: „Beeil dich und wasch dir die Haare. Immer wenn Leute mit einer schicken Frisur nach Hause kommen, werden sie verprĂŒgelt.“ Ein anderer Smart erzĂ€hlte mir von einer ganz anderen Situation: FrĂŒher war er auch Smart, aber spĂ€ter wechselte er die Seiten und schlug die Smarts. Als ich ihn nach dem Grund fragte, sagte er: „Keiner von uns macht mehr mit, wir denken, es ist nichts Ernstes, aber du bist hier und spielst immer noch damit herum.“ In den Industrievierteln wird ein einsamer Smart oft verprĂŒgelt, nachdem er ein MĂ€dchen nachts nach Hause begleitet hat. Die Wurzel all dessen ist eine blinde Gefolgschaft gegenĂŒber der Ästhetik der Mainstream-Kultur.

NS: In der Vergangenheit waren Smarts und andere Nicht-Mainstream-Kulturen oft die Zielscheibe der Witze. Jetzt machen sich Netizens4 auch gerne ĂŒber Mukbangs [Ess-Shows] und Videos mit lĂ€ndlichen Themen lustig. Gibt es zwischen diesen beiden Trends irgendwelche Gemeinsamkeiten?

LYF: Es gibt hier eine Gemeinsamkeit. Wir können sehen, dass die urbane Popkultur eine Art „Gegenangriffskultur“ ist: Sie ist gegen die Mainstream-Kultur gerichtet. In den StĂ€dten sagen einige junge Leute zum Beispiel: „Wir sind so ’subkulturell'(äșš).“ Sie denken, das macht sie cool und sie fĂŒhlen sich bestĂ€tigt. Aber sie identifizieren sich nicht mit den Smarts oder den Livestream-Moderatoren auf Kuaishou [einer Online-Streaming-Plattform, die sich an junge Wanderarbeiter richtet], also akzeptieren sie sie nicht als Gegenkultur.

In dem Dokumentarfilm We Were Smart sagt eine Smart-Frau: „Selbst wenn diese Sache (die Teilnahme an der Smart-Kultur) falsch wĂ€re, wĂŒrde ich es trotzdem tun“. Und Luo Fuxing sagt: „Ich habe mich selbst zu einem schlechten Kind gemacht.“ Er hielt sich selbst nicht fĂŒr beeindruckend und dachte sogar, dass er sich irren könnte. Sie betrachteten Smart als Mittel zum Selbstschutz. Bei Livestreamern ist es Ă€hnlich: In ihrem Herzen denken sie: „Wenn du sagst, ich bin dumm, dann bin ich dumm. Aber ich muss einfach gesehen werden.“

Der Unterschied ist, dass du, wenn du „vulgĂ€re“ Videos auf Kuaishou drehst, davon profitieren kannst: Es hat einen kommerziellen Aspekt. Wenn dein Video auf Kuaishou empfohlen wird, können sich die Belohnungen fĂŒr Livestreaming komplett Ă€ndern. Dazu gehört auch ein Fake-Smart, der auf Sina Weibo zum „Big V“ [verifizierter Nutzer mit ĂŒber 500.000 Followern] wurde: Das ist alles eine Art Fankultur. Aber Smarts haben keinen Nutzen, sie sind nichts weiter als Anzeigen, die beim Scrollen durch die QQ-Pinnwand auftauchen: gelbe Raute „Adel“, lila Raute „Adel“ und so weiter. Diese Elitestatus (gelbe Raute, violette Raute usw.) haben nichts mit der Rangordnung zu tun, sie dienen nur der Show (択柶柶). Sie bedeuten nicht, dass ich ein Herzog bin, sie bedeuten nur, dass ich mehr kann als du, ein Graf. Man kann höchstens 5 Yuan bezahlen, um einer smarten QQ-Gruppe beizutreten. In der Smart-Kultur geht es eher darum, in einer Gruppe zu bleiben, um sich gegenseitig zu trösten.

Persönliche Erfahrungen können die Blase der Online-Wahrnehmung der RealitĂ€t durchstoßen.

NS: Manche sagen, dass man auf Kuaishou eine andere Seite Chinas sehen kann, eine andere Art von „Kulisse“: Dokumentarfilme, die diese Generation realistisch darstellen. Stimmst du als Dokumentarfilmer dieser EinschĂ€tzung zu?

LYF: Als ich meine Leute bat, Videos zu sammeln, war ich zunĂ€chst von dem Kurzvideoformat von Kuaishou inspiriert. Damals habe ich die Kuaishou-Videos nicht direkt verwendet. Es ging in erster Linie darum, die Veröffentlichungsrechte zu erhalten, aber auch technisch gesehen gab es keine Möglichkeit, sie zu verwenden. Die Videos, die die Mitarbeiter schickten, waren mit Spezialeffekten versehen und zu kurz: Die meisten waren nur ein paar Sekunden lang und liefen in einer Schleife. Einige Videos hatten nicht einmal den Originalton, sondern waren nur mit einem Lied ĂŒberlagert.

Clips, die das echte Leben filmen, sind auf Kuaishou zu selten. Die meisten Aufnahmen auf Kuaishou sind zu Unterhaltungszwecken gemacht worden. Die meisten Leute, die Videos produzieren, kommen aus einer Art Fankultur, und sie stellen Videos ein, weil sie Leute anziehen und Likes bekommen wollen. Dokumentarfilme hingegen werden gemacht, um die Umgebung zu reflektieren. Einige Kuaishou-Videos entfernen sich gerade dann vom realen Leben, wenn sie es widerspiegeln sollen, und sie verwenden einen unterhaltsamen Stil oder Filter, um das Video zu bearbeiten.

NS: 2005 hast du dein erstes Werk Before the Flood (æ·čæČĄ) veröffentlicht, einen von dir und Yan Yu gedrehten Dokumentarfilm. Wie bist du von deinem frĂŒheren Beruf zum Dokumentarfilmer geworden?

LYF: Ich habe an der Central Academy of Drama studiert. Zu dieser Zeit lief das Theater nicht gut: Die meisten Leute wollten [Spiel-]Filme oder Fernsehsendungen drehen. Ich war nicht geeignet fĂŒr kollektive Arbeit, kollektives Schaffen – man musste eine Menge Leute managen, Mut und Verstand mit der Crew messen, Sponsoren finden, Schauspieler suchen und so weiter – also gab ich diese Art von Arbeit auf. Ich konnte erwachsen werden, als ich das Sichuan Fine Arts Institute in Chongqing besuchte, wo es mehr KĂŒnstler gab.

Nach meinem Abschluss 1992 ging ich nach Guangzhou und war in einer Werbeagentur fĂŒr das Fotografieren von Anzeigen zustĂ€ndig. Noch bevor ich zwei Jahre in der Firma gearbeitet hatte, kĂŒndigte ich, um selbstĂ€ndig Werbung zu machen. Im Jahr 1994 ging ich nach Peking, um einen Werbefilm ĂŒber die moderne Landwirtschaft zu drehen. Da ich nicht wirklich etwas von Landwirtschaft verstehe, habe ich ganz am Anfang angefangen und BĂŒcher ĂŒber Landwirtschaft und Soziologie gelesen. Ich verbrachte vierzig bis fĂŒnfzig Tage mit der LektĂŒre von BĂŒchern im Gemeinschaftszentrum der Allchinesischen Gewerkschaftsföderation (èŒć·„äč‹ćź¶).

Danach kehrte ich nach Guangzhou zurĂŒck und zog neben der Provinzbibliothek ein, wo ich viel mehr las. Damals fĂŒhlte ich mich im Zwiespalt: BĂŒcher lesen und Geld verdienen standen im Widerspruch zueinander, und das Drehen von Werbespots empfand ich als sinnlos. Nach zwei Jahren kehrte ich nach Chongqing zurĂŒck. Ich habe nichts gemacht, bin nur zu Hause geblieben und habe gelesen oder bin durch die Stadt gelaufen, um zu sehen, was die verschiedenen KĂŒnstler machen. So ging es etwa fĂŒnf Jahre lang.

Im Jahr 2000 kam ein Klassenkamerad nach Chongqing und sagte, dass er in die Digitaltechnik einsteigen wolle. Jemand lieh ihm eine digitale Videokamera und er drehte einen Dokumentarfilm ĂŒber altmodische Friseure. Ich hielt das fĂŒr eine gute Idee, also kaufte ich eine Kamera und drehte meinen eigenen Dokumentarfilm. WĂ€hrend der Dreharbeiten zu Before the Flood habe ich gleichzeitig gelernt, gehandelt und gedacht. In diesen ersten Jahren drĂŒckte ich [beim Filmen] tatsĂ€chlich meine WĂŒnsche aus. Nachdem ich so viele Jahre mit Lesen verbracht hatte, wollte ich es auch wissen: Was zum Teufel war mit China los?

Ich blieb 11 Monate lang in Fengjie, alle vier Jahreszeiten hindurch, und kehrte nur zweimal nach Chongqing zurĂŒck, um Kleidung zu holen. Jeden Tag verließ ich mein Zuhause frĂŒh und kehrte spĂ€t zurĂŒck. Viele Dinge, die ich erlebte, haben bis heute einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen. Das Erlebnis, das den stĂ€rksten Eindruck hinterließ, hat es nicht in den Film geschafft. Ich hatte einen Mitarbeiter eines Abbruchunternehmens gefilmt, der einen tödlichen Stromschlag erlitten hatte: Der Leichnam lag drei oder vier Tage lang da. Seine Frau stand daneben und weinte, aber niemand schenkte ihr Beachtung.

Was ist eine UmsiedlungsentschĂ€digung (è””ćż), und was ist eine UmsiedlungsrĂŒckerstattung (èĄ„ćż)? EntschĂ€digung ist, wenn jemand deine SchĂŒssel kaputt macht, dann bekommst du eine SchĂŒssel. RĂŒckerstattung bedeutet, dass sie dir einen Löffel geben, wenn deine SchĂŒssel kaputt geht. Die Wiederansiedlungspolitik ist eine RĂŒckerstattung, keine EntschĂ€digung. Gewöhnliche Menschen sagen: „Was Sie sagen, klingt gut, aber wo soll ich leben?“ Ich habe viele Dinge gesehen, darunter die Beziehung zwischen dem Kollektiv und dem Einzelnen, was auf den untersten Ebenen geschieht und wie bescheiden der Einzelne inmitten der großen Ereignisse ist.

NS: Beim Drehen von Dokumentarfilmen sprichst du oft von „leibhaftigen Erfahrungen“. Kannst du dieses Thema im Detail besprechen?

LYF: Wenn man einen Dokumentarfilm dreht, kann man vielleicht das Internet nutzen, um nach Material zu suchen oder die beteiligten Personen zu interviewen. Aber das ist nicht meine Erfahrung. Selbst wenn ich viele Informationen [online] bekomme, möchte ich immer noch in Shipai leben, in die HeimatstĂ€dte der Smarts gehen und das Land durchstreifen. Das kann die Herangehensweise bestimmen, die ich bei der Bearbeitung wĂ€hle, die Gewichtung, die ich den Ereignissen gebe: einige berĂŒhrende Elemente betonen und andere minimieren. Dies ist das besonders wichtige Element der „leibhaftigen Erfahrung“.

Wenn wir heute Dinge online sehen, können wir nicht wissen, ob sie wahr oder falsch sind, wir mĂŒssen sie mit eigenen Augen sehen. Nur wenn man der betreffenden Person von Angesicht zu Angesicht gegenĂŒbersteht, kann man ihren Standpunkt, ihre Logik und ihre Argumente kennen lernen.

Wenn man in der Heimatstadt eines smarten Menschen wohnt, stellt man fest, dass ihre HĂ€user extrem heruntergekommen sind, aber sie haben eine sehr schnelle Internetverbindung. Wenn du nicht hinfĂ€hrst, hast du keine Möglichkeit, diese Art von AbsurditĂ€t zu erleben. Wenn man nicht von Shanghai in die Bergregionen von Yunnan und Guizhou reist, bekommt man kein GefĂŒhl fĂŒr die zweihundertjĂ€hrige Kluft [in der Entwicklung] zwischen den verschiedenen Regionen Chinas. Online könnte man den Eindruck gewinnen, dass es sich bei diesen Orten um kleine, friedliche StĂ€dte inmitten einer wunderschönen Landschaft handelt. Man kann nicht erkennen, dass diese schönen Orte einen Menschen nicht ernĂ€hren können, dass er sie verlassen muss, um zu arbeiten. Körperliche Erfahrungen können die Bilder der RealitĂ€t, die Sie online oder durch Propaganda erhalten haben, durchbrechen und Ihre EindrĂŒcke von der RealitĂ€t verĂ€ndern.

Wenn wir ĂŒber Daten sprechen – zum Beispiel, dass Arbeiter zehn oder elf Stunden arbeiten – hinterlĂ€sst das keinen Eindruck bei Ihnen. Erst wenn man sieht, wie sie von der Arbeit kommen und wie erschöpft sie sind, wenn man sieht, wie die Arbeiter am Straßenrand sitzen, ohne dass jemand spricht – manche schauen auf ihr Telefon, andere schauen ĂŒberhaupt nicht -, erst dann kann man diese Art von Erschöpfung begreifen.

NS: Du sprichst oft davon, dass die Methoden, die die heutigen Apps zur Verbreitung von Inhalten verwenden, einschließlich Algorithmen und KI, zu einer stĂ€rkeren Segmentierung der verschiedenen Gesellschaftsschichten fĂŒhren können. Kannst du das genauer erlĂ€utern?

LYF: Bei den Wahlen in den USA pusht jede [Fraktion] ihre eigenen [Inhalte]; jeder sieht nur die Teile, die er verstehen will. Wenn man sich stĂ€ndig mit einer Sache beschĂ€ftigt, wird das Gewicht, das das Gehirn ihr beimisst, noch stĂ€rker. Wenn andere Informationen auftauchen, ignorierst du sie vielleicht. Die Informationen, die du ĂŒber dein Telefon erhĂ€ltst, haben mehr Gewicht, viel mehr als Informationen aus dem wirklichen Leben. Viele Menschen vertrauen auch den Informationen, die sie ĂŒber das Telefon erhalten und die damit zur RealitĂ€t werden.

Bevor wir in Shipai ankamen, hatten wir keine Smarts auf Wechat oder Kuaishou hinzugefĂŒgt, wir hatten ihre BeitrĂ€ge noch nicht gesehen. Wenn sie ihr Telefon einschalten, dann nur fĂŒr die Arbeitssuche, fĂŒr die Nutzung von Apps fĂŒr die Arbeit, um zu ĂŒberprĂŒfen, wie viel Geld sie noch haben, und fĂŒr diese Art von Informationen. FĂŒr diese jungen Leute ist dies das einzige Thema, mit dem sie etwas anfangen können – niemand interessiert sich fĂŒr die US-Wahlen. Sie gehen nicht ins Kino, um Filme zu sehen, und die meisten können nicht nach Guangzhou oder Shenzhen fahren, da sie nicht genug Geld zusammenbekommen. Als wir den Klatsch und Tratsch ĂŒber Unterhaltungsstars zur Sprache brachten, interessierte sie das auch nicht. Was sie besprachen, war etwas ganz anderes als wir. Handys haben diese Art von Kluft absolut nicht ĂŒberbrĂŒckt.

Die Algorithmen und Empfehlungen von Handy-Apps haben einen grĂ¶ĂŸeren Einfluss auf die StĂ€dter. Sie können dazu fĂŒhren, dass diese Generation, vor allem junge StĂ€dter, besonders engstirnig werden, weil sie mehr Zeit am Telefon verbringen. Arbeiter verbringen die meiste Zeit bei der Arbeit und den Rest der Zeit schlafend und sind im Alltag einem grĂ¶ĂŸeren Druck ausgesetzt.

Er kann nur im Fabrikviertel leben; in der Innenstadt und selbst in den Dörfern fĂŒhlt er sich unwohl.

NS: Der Protagonist von We Were Smart, Luo Fuxing, hat beim Dreh des Dokumentarfilms viel Hilfe geleistet. Er hat sich zum Beispiel die Slogans ausgedacht, mit denen er Smarts als Helfer fĂŒr den Film rekrutieren wollte: „Keine Einzahlung erforderlich“ und „Ein Tageseinkommen von 1.000 Yuan ist zum Greifen nah“. Inwiefern hat er dich inspiriert, nachdem du schon so lange mit ihm in Kontakt bist?

LYF: SpĂ€ter wurde mir klar, dass die Logik der Arbeiter und unsere Logik nicht dieselbe ist. Als Luo Fuxing sagte, dass „keine Einzahlung erforderlich“ sei, lag das daran, dass viele Menschen online betrogen wurden, wobei der Betrug mit einer Einzahlung begann. Viele Kinder sind durch Schneeballsysteme betrogen worden. Eigentlich nicht, weil sie Geld verdienen wollen, sondern weil sie von MĂ€dchen dazu verleitet wurden, mitzumachen. Ein MĂ€dchen sagte: „Wenn du mitmachst, werde ich dich heiraten.“ Sie traten ein und konnten erst wieder aussteigen, als sie um ihr ganzes Geld betrogen worden waren.

WĂ€hrend der Zusammenarbeit geriet ich oft in Konflikt mit Luo Fuxing. Manchmal unterhielt ich mich mit Wu Ya, dem Kameramann, ĂŒber Kaffee oder etwas, das auf internationaler Ebene passiert war, und Luo Fuxing wurde sehr wĂŒtend und ging am nĂ€chsten Tag nicht zur Arbeit. Er glaubte, man habe ihn ĂŒbersehen; er dachte, wir wollten nur angeben.

Langsam lernte ich auch, meine GesprĂ€chsmethoden mit den Arbeitern zu Ă€ndern und ihre Denkweise zu verstehen. Einmal kam zum Beispiel ein Journalist, um die Smarts zu interviewen, aber sie wollten bezahlt werden. Der Journalist sagte, dass dies gegen die journalistische Ethik verstoßen wĂŒrde. Ich bin der Meinung, dass Ihre Ethik vielleicht richtig ist, aber Ihre Ethik beansprucht die Zeit anderer Leute. Die Arbeiter in der Fabrik messen ihre Zeit in Geld: Die Fabrik hat festgelegt, dass eine Stunde 20 Yuan wert ist.

Im Laufe des GesprÀchs mit Luo Fuxing kam so etwas recht hÀufig vor. Langsam stellt man fest, dass die eigenen Gedanken nicht so klar sind wie die der Intellektuellen, und einige Dinge haben sich geÀndert.

NS: In dem Dokumentarfilm sagt Luo Fuxing, dass er sich besonders davor fĂŒrchtet, nach Shenzhen zu gehen. Ist dieses PhĂ€nomen unter Smarts und anderen jungen Arbeitern weit verbreitet?

LYF: Damals fand die Zhejiang-Show „Dreams Come True“ Luo Fuxing und wollte ihm helfen, einen Friseursalon in Shenzhen zu eröffnen. Ich begleitete ihn in die Stadt: Er sah sich Mietinformationen an und schaute sich die Ladenlokale in der Stadt an, aber am Ende kehrte er doch in das Fabrikviertel zurĂŒck. Er hatte das GefĂŒhl, dass dies der einzige Ort war, an den er gehörte, der einzige Ort, an dem er bestehen konnte. In anderen Teilen der Stadt fĂŒhlte er sich unwohl, auch wenn es nur das Stadtviertel war. Die Menschen dort sprachen alle ĂŒber Dinge, die ein Smart nicht verstehen konnte.

Die Segmentierung des Perlflussdeltas ist sehr offensichtlich. StĂ€dtische Dörfer, wohlhabende Gegenden und Angestelltenviertel (white-collar districts) sind unterschiedliche RĂ€ume. Stadtmenschen können in die stĂ€dtischen Dörfer gehen, aber sie werden niemals in die weit entfernten Fabrikbezirke gehen. Das Leben der Smarts spielt sich in den Fabrikvierteln ab, und so verstehen sie auch das Leben in der Stadt nicht: Sie sind abgeschnitten [vom Rest der Welt] und segmentiert. In den Fabrikvierteln kann man sein ganzes Leben verbringen, ohne jemals ein Apple-Ladekabel zu kaufen. Die stĂ€dtischen Dörfer in Shenzhen und Guangzhou haben alle unterschiedliche Merkmale, sind aber dem Leben in der Stadt selbst sehr Ă€hnlich. Zum Beispiel sind Snacks wie der doppelschalige Milchpudding (ćŒçšźć„¶) im Stadtdorf vielleicht etwas billiger, aber die QualitĂ€t unterscheidet sich nicht so sehr von dem, was man in der Stadt isst. Im Fabrikviertel ist er zwar immer noch billiger, aber die QualitĂ€t hat sich völlig verĂ€ndert: Er schmeckt ĂŒberhaupt nicht mehr nach Pudding. Die Fabrikbezirke unterscheiden sich gar nicht so sehr voneinander, ganz gleich, ob sie in Guangdong, Fujian, Zhejiang oder Sichuan liegen. Die Fabrikbezirke bestehen ausschließlich aus Enklaven fĂŒr Menschen, die nicht aus der Stadt kommen – sie sind eher wie auf dem Land.

NS: Was wissen wir sonst noch nicht ĂŒber Smarts?

LYF: Auf dem Gipfel eines Berges in Guizhou traf ich einen Smart, der in seiner Heimatstadt 3500 Yuan im Monat verdiente. Er spendete gerne online (打蔏) an andere Smarts und gab dafĂŒr bis zu 5000 Yuan im Monat aus. Ein anderer Smart hat sich zu diesem Zweck sogar Geld geliehen, weil er der Meinung war, dass dies seinen Stolz auf seinen Smart (A.d.Ü., Dasein) zeige und eine AtmosphĂ€re der Zugehörigkeit schaffe. Die Erfahrungen der Smarts sind sehr Ă€hnlich. Zum Beispiel die Erfahrung, ein zurĂŒckgelassenes Kind zu sein, oder dass einem die Tasche gestohlen wird, sobald man aus dem Zug [in die Stadt] steigt. Oder „als ich eine Mitfahrgelegenheit in einem Motorradtaxi bekam, wurde ich betrogen: Beim Einsteigen sagte mir der Fahrer, es wĂŒrde zehn Yuan kosten, aber als ich ankam, sagte der Fahrer, ich mĂŒsse 100 bezahlen.“ Sie nutzen einen gemeinsamen Ă€sthetischen Stil, eine gemeinsame Frisur und Erfahrung, um ein GefĂŒhl der Gemeinsamkeit zu schaffen (ćŒæž©ć±‚).

Außerdem sagen die Leute, dass das Lied „Smart Meets Wash, Cut, Dry“ (掗ć‰Șćč) gar nicht von ihnen stammt, Smarts hören sich das Lied gar nicht an. Als wir zusammen nach Yunnan und Guizhou fuhren, um die Smarts-Landschaft zu sehen, fuhren wir mit dem Auto. Ich hatte einen Bluetooth-Lautsprecher dabei, und auf der ganzen Fahrt hatte ich noch nie eines der Lieder gehört, die sie spielten. Ich konnte sie nicht ertragen, der Rhythmus war so repetitiv, dass es wie eine GehirnwĂ€sche war.

NS: We Were Smart handelt von vielen individuellen Lebenserfahrungen. Welche Lehren können diese Erfahrungen den heutigen jungen Menschen vermitteln?

LYF: Ich wage nicht zu sagen, wen es aufklĂ€ren wird. Heutzutage diskutieren die Leute gerne darĂŒber, wer Recht hat und wer nicht, wer wem mehr AufklĂ€rung geben kann. Aber das, was mehr gebraucht wird, ist ErnĂŒchterung (焛魅), um die Dinge im Schatten zu sehen. Manche Menschen könnten die Arbeiter in einem neuen Licht sehen, manche könnten sich selbst sehen. Manche wissen, was „Ketzerei“ wirklich ist, wĂ€hrend andere sehen, dass es den Intellektuellen an Empirie fehlt. All das ist möglich, denn mein Versuch [im Film] war nicht im Geiste der AufklĂ€rung gemacht. Das Wichtigste ist, dem Unsichtbaren zu helfen, gesehen zu werden.

Die Macher des Dokumentarfilms We Were Smart, von links nach rechts: Kameramann Wu Ya, Regisseur Li Yifan und der smarte Prominente Luo Fuxing.




Quelle: Panopticon.blackblogs.org