Oktober 26, 2021
Von Graswurzel Revolution
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In der Klimabewegung werden neue Zielsetzungen und Aktionsformen diskutiert. Dabei tauchen vereinzelt auch mehr als fragwĂŒrdige Analysen auf: Der bekannte schwedische Humanökologe und Autor Andreas Malm stellt Fragen zum Klimawandel und den Perspektiven der KĂ€mpfe dagegen, kommt aber dabei zu Positionen, die die Shoah relativieren. Über die Debatten der Klima-bewegung schreibt fĂŒr die Graswurzelrevolution Peter Nowak. (GWR-Red.)

„Mit dem SUV in die Klimakatastrophe“ – so lautete bei vielen Klimaaktivist*innen das Fazit zum Ergebnis der Bundestagswahlen, die zumindest eines klarmachen: Die Freie Demokratische Partei (FDP) als besondere Interessenvertreterin des Kapitals wird auf jeden Fall mit dabei sein und dafĂŒr sorgen, dass es ein „Weiter so“ mit etwas grĂŒner Rhetorik geben wird. Nun hatte kaum jemand von den Klimaaktivist*innen große Hoffnungen in die Wahlen gesetzt. Viele der jungen Menschen bringen die GrĂŒnen wohl nicht mehr mit der Verarmung per Gesetz namens Hartz IV und den BombenabwĂŒrfen auf Belgrad im Jugoslawienkrieg in Verbindung. DafĂŒr haben sie erlebt, wie eine hessische Landesregierung, in der die GrĂŒnen mitregieren, den Dannenröder Forst (Danni) fĂŒr den Bau einer Autobahn rĂ€umen ließ. Bis heute sitzt eine KlimaschĂŒtzerin mit dem Alias-Namen Ella, die ihren richtigen Namen auch vor Gericht nicht angab, deshalb im GefĂ€ngnis. Doch wenn auch die Hoffnung auf parlamentarische VerĂ€nderungen durch die Wahlen gering blieb, gab es unter Klimaaktivist*innen EnttĂ€uschung ĂŒber die Ergebnisse der Parteien, die zumindest verbal mit Umweltthemen verbunden werden. WĂ€hrend die GrĂŒnen zur dritten Kraft wurden, kam die Partei Die Linke nur durch drei Direktmandate in den Bundestag. Eine von manchen als kleinstes politisches Übel favorisierte Koalition zwischen der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD), den GrĂŒnen und den Linken kommt schon rechnerisch nicht zustande. DafĂŒr ist die FDP eben wieder mit dabei.

„Friedliche Sabotage“?

Diese Gemengelage sorgt dafĂŒr, dass sich in der Klimabewegung viele Menschen Gedanken darĂŒber machen, wie ihr Kampf weitergeht. Manche sagen, wir haben zwei Jahre fĂŒr das Klima demonstriert, und es hat sich nichts geĂ€ndert. Das fĂŒhrte bei Klimaaktivist*innen zu verschiedenen Konsequenzen. So waren in einem Berliner Klimacamp mehrere junge Menschen in einen Hungerstreik getreten und forderten ein GesprĂ€ch mit den drei Kanzlerkandidat*innen (SPD, CDU, GrĂŒne) ĂŒber einen Klimanotstand. GrĂ¶ĂŸere Teile der Klimaaktivist*innen wollen den zivilen Ungehorsam radikalisieren und sich nicht mehr mit Großdemonstrationen begnĂŒgen. Die Debatte ĂŒber die Frage, ob die Klimabewegung radikaler werden muss, lĂ€uft schon lĂ€nger, hat aber nach den Wahlen noch mal an Fahrt aufgenommen. In einem Interview mit der Tageszeitung taz vom 17. August 2021 brachte der Klimaaktivist Tadzio MĂŒller, der zeitweilig fĂŒr die Rosa-Luxemburg-Stiftung arbeitete, auch Mittel der „friedlichen Sabotage“ (1) gegen umweltschĂ€dliche Einrichtungen in die Diskussion. Diese Aktionen versteht MĂŒller als Teil des zivilen Ungehorsams. Er zog die Grenze bei Gewalt gegen Personen, die er klar ablehnte.
Schon warnt der grĂŒnennahe Bewegungsforscher Dieter Rucht, dass die Klimaaktivist*innen ihre Sympathie verspielen wĂŒrden, wenn die Bewegung radikaler wĂŒrde. Der schwedische Humanökologe Andreas Malm zielt mit seinem im Verlag Matthes und Seitz herausgekommenen Buch mit dem programmatischen Titel „Wie man eine Pipeline in die Luft jagt“ (2) – auf die Frage, wie sich die Klimabewegung in ihren KĂ€mpfen kĂŒnftig positionieren soll. Der Untertitel „KĂ€mpfen lernen in einer Welt in Flammen“ zeigt schon an, dass Malm von einer Dringlichkeit in diesen KĂ€mpfen ausgeht, die auch die Aktionen bestimmen soll. In der Einleitung ist diese apokalyptische Weltsicht gut beschrieben. „Wir sprechen vom Aussterben und davon, dass es keine Zukunft mehr gibt. Aber das business as usual geht weiter“. (3) Dann stellt Malm die Frage, die auch Tadzio MĂŒller aufgeworfen hat. „Wann also eskalieren wir? Wann gelangen wir zu der Einsicht, dass es an der Zeit ist, auch zu anderen Mitteln zu greifen? Wann fangen wir an, die Dinge, die unseren Planeten ruinieren, physisch anzugreifen, mit unseren Körpern, mit unseren eigenen HĂ€nden zu zerstören?“ (4) In seinem Text versucht Malm zu begrĂŒnden, warum die Bewegung zu radikalen Mitteln greifen muss. Dabei geht er aber nicht auf die jahrzehntelangen Diskussionen ĂŒber die unterschiedlichen Formen gewaltfreien Widerstands ein, der sich durchaus nicht an den Grenzen der LegalitĂ€t orientiert. Vielmehr will Malm der Klimabewegung die pazifistischen Flausen austreiben und bleibt mit seinen Argumenten oft sehr an der OberflĂ€che. So zitiert Malm aus einem Essay des britischen Schriftstellers John Lanchester: „Es ist seltsam und erstaunlich, dass Klimaaktivisten bisher noch keinen einzigen Terrorakt verĂŒbt haben. Schließlich stellt Terrorismus fĂŒr den Einzelnen die bei Weitem effektivste Form des politischen Handelns innerhalb der modernen Welt dar und Klimawandel einen Sachverhalt, zu dem die Menschen eine ebenso entschiedene Meinung haben wie beispielsweise zu den Rechten der Tiere“. (5) Dabei rekurriert Lanchester auf militante Aktionen von Tierrechtler*innen, die es vor einigen Jahren vor allem in Großbritannien gab. Anschließend sinniert Lanchester darĂŒber, wie einfach es doch sei, „Tankstellen in die Luft zu jagen oder SUVs mutwillig zu beschĂ€digen“. (6). Nun könnte dieser Essay tatsĂ€chlich der Einstieg in eine Debatte ĂŒber Aktionsformen des zivilen Ungehorsams sein. Da mĂŒsste man darĂŒber diskutieren, wie hier völlig beliebig vom „Terrorismus des Einzelnen“ (7) ĂŒber die BeschĂ€digung von SUVs bis zum Sprengen von Tankstellen gesprochen wird, mit dem einzigen Maßstab, öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen. Nur unter dieser PrĂ€misse kann Lanchester vom Terrorismus des Einzelnen „als bei Weitem effektivste Form des politischen Handelns“ reden.

Rhetorik der Apokalypse

Politische Kriterien spielen bei Lanchester keine Rolle. Nun hĂ€tte man von Malm eigentlich erwarten können, dass er an diesem Punkt ansetzt und eine politische Diskussion fĂŒhrt. Doch Fehlanzeige. Er weist nur darauf hin, dass Lanchester den Essay zehn Jahre vor der Hurrikansaison 2017 geschrieben hat. Im Anschluss zĂ€hlt er weitere Klimakatastrophen der letzten zehn Jahre auf. Schon die Wortwahl, die er benutzt, passt zur UnterĂŒberschrift „KĂ€mpfen lernen in einer Welt in Flammen“. Da schreibt Malm von „Hitzewellen, die Europa zwei aufeinanderfolgende Sommer lang rösteten“, von Temperaturen am Persischen Golf, „die fĂŒr den menschlichen Körper kaum mehr zu ertragen sind“. (8) Die apokalyptische AufzĂ€hlung schließt Malm mit den SĂ€tzen: „Und dennoch hat sich an der Taktik, mit der auf diese VerhĂ€ltnisse reagiert wird, nichts geĂ€ndert“. Das sei besonders verwunderlich, weil nach Malm tatsĂ€chlich der Weltuntergang droht. „Nahezu alle Lebewesen im Himmel und auf der Erde“ (9) seien vom Aussterben bedroht. Durch diese Aneinanderreihung von Weltuntergangsszenarien bleibt in seinen Buch kein Platz fĂŒr eine politische Auseinandersetzung auch mit unterschiedlichen Aktionsformen.

Regressiver Antizionismus

Die apokalyptische Weltsicht Malms fĂŒhrt in seinem Buch dann auch zu irritierenden historischen Vergleichen. So zieht er unter der Überschrift „Aus der Geschichte lernen“ Parallelen zwischen dem Kampf der Klima-bewegung und der Situation der AufstĂ€ndischen im Warschauer Ghetto. Das Kapitel leitet er mit einem positiven Bezug auf die jĂŒdischen AufstĂ€ndischen im Warschauer Ghetto ein. Mit ihrem Kampf in aussichtsloser Lage hĂ€tten die AufstĂ€ndischen noch deutlich gemacht, dass sie sich nicht kampflos ermorden lassen. Damit leitet Malm das Szenario einer Erde im Klimawandel ein: „Stellen wir uns nun vor, der letzte Rest der menschlichen Bevölkerung fristet sein Dasein in der NĂ€he der Pole. Ein paar Jahrzehnte bleiben ihnen noch. Und manche ihrer Nachkommen haben vielleicht sogar die Chance, etwas lĂ€nger zu ĂŒberdauern. Was wĂŒrden wir ihnen mitteilen wollen? Dass die Menschheit ihr Ende vollkommen einmĂŒtig herbeigefĂŒhrt hat? Oder dass manche Menschen doch gleich jener JĂŒdinnen und Juden kĂ€mpften, die um ihre bevorstehende Ermordung wussten?“ (10)

Da muss man sich schon fragen, ob Malm zwischen dem antisemitischen Mordprojekt der Nazis und dem menschengemachten Klimawandel keinen Unterschied sieht. Malm ist freilich nicht der erste bekannte Klimaaktivist, der die Shoah mit dem Klimawandel gleichsetzt. Doch Extinction-Rebellion-MitbegrĂŒnder Roger Hallam wurde 2019 fĂŒr seinen Vergleich der Klimakrise mit dem Holocaust in Deutschland auch von Umweltgruppen scharf kritisiert. (11) Malms Gleichsetzung der Klimaaktivist*innen mit den KĂ€mpfer*innen im Warschauer Ghetto wurde bisher weitgehend ignoriert. Einen Eklat löste erst eine Diskussionsrunde am 14. Mai 2021 aus, bei der Malm „die Helden des Widerstands in Gaza, angefĂŒhrt von Mohammed Deif“, dem militĂ€rischen AnfĂŒhrer der Hamas, lobte und als „globales Modell“ fĂŒr politischen Kampf bezeichnete. Als der Philosoph Anselm Jappe dies nicht hinnehmen wollte und Malms antiisraelische Rhetorik kritisierte, reagierte Malm mit dem Kommentar: „Du bist Deutscher, oder?“ (12)

Es wĂ€re zu fragen, ob ein oft regressiver Antizionismus verbunden mit einer apokalyptischen Weltsicht dafĂŒr verantwortlich ist, dass bei Malm die Unterschiede zwischen einer menschengemachten Klimakrise und der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik eingeebnet werden. Auch damit sollte sich eine Klimabewegung auf der Suche nach einer politischen Perspektive auseinandersetzen.




Quelle: Graswurzel.net