April 17, 2021
Von Die Plattform Berlin
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ein Blick aus dem Werkstattfenster –

Von Gobi in Zusammenarbeit mit Alfred Masur –

Viele Leute haben es gar nicht bemerkt, aber in den letzten Jahren ist der Kram, den wir kaufen, erstaunlich billig geworden. Meine Kindheit war in den 1970ern, erst kurz bevor ich auszog, konnten meine Eltern es sich leisten, das Wohnzimmer auszubauen und Möbel dafĂŒr anzuschaffen. Die 50er Jahre-KĂŒche flog erst Jahre spĂ€ter auf den MĂŒll. Wir haben uns nicht gewundert, wir haben uns auch nicht als arm wahrgenommen.

FĂŒr einen Schwarz-Weiß-Fernseher musste 1960 noch 351 Stunden und 38 Minuten gearbeitet werden. Anfang der 1990er Jahre war ein RöhrengerĂ€t erst nach fast 78 Stunden verdient. Heute muss man fĂŒr einen Flachbildfernseher rund 28 Stunden arbeiten.

FĂŒr 250 Gramm Butter musste 1960 noch 39 Minuten gearbeitet werden, im Jahr 2010 waren es noch 5 Minuten, aktuell sind es nur vier Minuten.

FĂŒr einen Liter Vollmilch musste 1960 immerhin noch 11 Minuten gearbeitet werden, im Jahr 2012 waren es nur drei Minuten.

FĂŒr ein Paar Damen-Pumps musste 1960 noch 14 Stunden und 29 Minuten gearbeitet werden, im Jahr 2012 waren es nur noch 5 Stunden und 2 Minuten.

Ein hochwertiges Herrenhemd ist heute bereits in gut zwei Stunden verdient, 1960 waren dagegen noch fast acht Stunden nötig. (1)

Ich hĂ€tte dazu gerne bessere Zahlen. Interessant wĂ€re z.B. der Gegenwert einer Handwerks- oder Dienstleistung – Haare schneiden dauert heute noch genau so lange wie 1960. HĂ€tten wir noch deutlich Ă€ltere Zahlen, wĂŒrden wir gewiss eine rasante Beschleunigung sehen. Wie weit kann das fĂŒhren?

Auf den ersten Blick sieht das nach einer positiven Entwicklung aus: „Ist doch prima, wenn alles billiger wird“, wird sich so manche/r LohnabhĂ€ngige mit kleinem Geldbeutel denken. In diesem Sinne hoffte auch Henry Ford, Automobilunternehmer und Pionier der Fließbandproduktion, die Arbeiter*innen durch den Massenkonsum mit der kapitalistischen Ausbeutung zu versöhnen. „Die Arbeit am Band ist kein Zuckerschlecken, aber sie werden sich damit arrangieren, wenn sie sich am Ende selbst ein Auto der Marke Ford leisten können“, mag er sich gedacht haben. NatĂŒrlich war er dabei weniger von Menschenliebe als vielmehr von dem Wunsch getrieben, eine sozialistische Revolution der Arbeiter*innen zu verhindern.

ZunĂ€chst schien die Rechnung aufzugehen; in den reichen LĂ€ndern der westlichen Welt sah es nach dem 2. Weltkrieg so aus, als sei der Klassengegensatz im Zeichen des Massenwohlstands ĂŒberwunden. Doch in den 1960er und 1970er Jahren zeigten sich Risse: Revolten von Studierenden und jungen Arbeiter*innen machten deutlich, dass es fĂŒr freiheitsliebende Menschen auch dann eine Zumutung ist, einen großen Teil der Lebenszeit der Lohnarbeit zu opfern, wenn sie sich dafĂŒr – quasi als Schmerzensgeld – Fernseher, Wohnzimmereinrichtungen und Urlaubsreisen leisten können.

Des Weiteren ist die Verbilligung der Produkte fĂŒr die hiesigen Arbeiter*innen erkauft durch die umso krassere Ausbeutung der Arbeitssklav*innen der „2. und 3. Welt“. Eine NĂ€herin in Bangladesch verdient ca. 2% an einem Hemd, das sie nĂ€ht. Preis eines T-Shirts aktuell bei KIK: 2,99 €. Nicht vergessen werden sollte dabei, dass die gĂŒnstigen Preise in unseren SupermĂ€rkten auch durch den Einsatz von Arbeitsmigrant*innen bedingt sind, die hierzulande in einigen Branchen unter 3.Welt-Bedingungen schuften mĂŒssen: Dass in Deutschland kaum jemand den billigen Spargel ernten kann und will und dafĂŒr deshalb Arbeiter*innen aus Osteuropa eingesetzt werden, hat sich herumgesprochen, die Arbeits- und Produktionsbedingungen der Fleischindustrie kamen letztes Jahr dank dem Tönnies-Skandal auch kurz in den Fokus.

Die Lebensmittelproduktion insgesamt ist einem irrsinnigen Preisverfall unterworfen. Das Preisdumping der großen Lebensmittelketten zwingt die Landwirt*innen zu immer industrielleren Methoden sowie dazu, mehr Chemie und Gift einzusetzen und keine RĂŒcksicht auf das Tierwohl zu nehmen. Inzwischen sind die Preise so weit unten angekommen, dass es auch so nicht mehr zu funktionieren scheint, siehe Bauernproteste. Das (grĂŒne) BĂŒrgertum erhofft sich Rettung in einer Erhöhung der Preise und dadurch bessere Bedingungen in der Produktion. Der Prolet schaut angstvoll auf seinen Grill
.

Eine weitere Schattenseite der Verbilligung der Produkte wird nicht nur angesichts der industriellen Landwirtschaft immer offensichtlicher: Die rapide Zerstörung der Natur. Jeden Tag verschwinden 150 Tier- und Pflanzenarten fĂŒr immer von der Erde. (2) Durch das massenhafte Verbrennen von Kohle und Erdöl haben wir mit dem Klima unseres Planeten ein gewagtes Experiment in Gang gesetzt, dessen wahrscheinlich dramatische Konsequenzen wir gerade erst zu erahnen beginnen.

Um es zusammenzufassen: Unter kapitalistischen Bedingungen dient die Verbilligung der Produkte nicht dem Wohle der Menschen, sondern der Erhöhung der Profite. Sie ist ein zweifelhafter Segen, der erkauft ist durch die Entfremdung der Lohnarbeit, die Überausbeutung der 3. Welt und die Zerstörung der Natur.

Auch der Gebrauchswert der Waren leidet in verschiedener Hinsicht unter dem Zwang zur Profitmaximierung. Zum einen werden ĂŒberschĂŒssige Gebrauchswerte hĂ€ufig einfach vernichtet. Von 100.000 Laptops eines bestimmten Typs werden 70.000 verkauft. Der Rest? Wird nicht gĂŒnstig verkauft, sondern verschrottet. – Weshalb? Weil der Markt fĂŒr das Nachfolgemodell hergestellt werden muss, dafĂŒr wird Platz geschaffen. Die Vernichtung von Retouren bei Amazon sorgte vor zwei Jahren fĂŒr Schlagzeilen, ist aber im Grunde weniger der besonderen Bösartigkeit dieses Konzerns geschuldet, als vielmehr allgemein ĂŒbliche Praxis. (3)

NatĂŒrlich ist es in auch nicht im Sinne der Umsatzsteigerung, wenn die Waren zu lange halten wĂŒrden. Nach Ablauf der Garantie gehen die meisten der GerĂ€te dann auch pĂŒnktlich kaputt, ganz im Gegensatz zu den „teuren“ GerĂ€ten von 1960. Zwar war auch das schon Massenware und Fließbandarbeit, es mussten dennoch regionale Löhne bezahlt werden, auch bei den Zulieferern. Die Beschaffung der Rohstoffe ist allerdings sicher mindestens genauso grausam von statten gegangen wie heute.

Heutige Flachbildschirme werden durchschnittlich nur halb so lang genutzt wie die alten Röhrenfernseher. Es gibt sogar einen wissenschaftlichen Fachbegriff fĂŒr das vorzeitige Altern der Produkte: Geplante Obsoleszenz. Es besteht jedoch unter den Expert*innen noch keine Einigkeit darĂŒber, ob das PhĂ€nomen stĂ€rker durch das absichtliche Einbauen von „Sollbruchstellen“ und die schlechte Reparierbarkeit der Produkte oder doch vor allem durch den stĂ€ndige Wunsch der Kund*innen nach einem Nachfolgemodell hervorgerufen wird. (4)

Fest steht, dass die Umerziehung der Konsument*innen recht gut funktioniert hat; wir wollen stets Neues und das Zeug muss nicht mehr halten: 18 Prozent der KleidungsstĂŒcke werden nur zweimal ĂŒberhaupt, 20 Prozent seltener als einmal im Vierteljahr getragen. (5) Die Entwertung der Dinge zeigt sich auch in der mangelnden WertschĂ€tzung, die wir ihnen entgegenbringen. Wert kann jedoch schnell relativ sein. Die Schraube auf dem Werkstattboden, nach der ich mich nicht bĂŒcken mag, wird unendlich wertvoll, wenn sie bei der Montage auf der Baustelle fehlt und der nĂ€chste Baumarkt 30 Kilometer entfernt ist. Pandemiebedingte LieferengpĂ€sse zeigen uns das aktuell auch gerade auf.

Auf der subjektiven Seite geht die Entwertung der Dinge mit einer zunehmende Entfremdung der Menschen von der Dingen einher: Wir verlernen es, die von uns benutzten GerĂ€te zu reparieren, bzw. ĂŒberhaupt ihre Funktionsweise zu verstehen. War es in den 1990er Jahren noch ĂŒblich, das GehĂ€use seines heimischen PCs aufzuschrauben, darin herumzubasteln und Komponenten auszutauschen, so ist das Innenleben der heutigen Laptops den meisten Nutz*innen ein Buch mit sieben Siegeln. Dies verstĂ€rkt unsere Ohnmacht und AbhĂ€ngigkeit von den von uns benutzen Apparaten, welche letztlich nichts anderes als unsere Ohnmacht und AbhĂ€ngigkeit gegenĂŒber den sozialen VerhĂ€ltnissen ist. Unsere Ungeschicktheit im Umgang mit den Dingen wird darĂŒber hinaus durch die hochgradige gesellschaftliche Arbeitsteilung sowie durch den Umstand verstĂ€rkt, dass mittlerweile große Teile der GĂŒtererzeugung in andere LĂ€nder ausgelagert wurden und viele von uns in ihrem Arbeitsleben gar nicht mehr mit der materiellen Produktion in BerĂŒhrung kommen.

Wie kommen wir da raus? Das kapitalistische System ist nicht grundlegend reformierbar. Also Revolution, „Aneignung der Produktionsmittel durch die Produzent*innen“ wie es in den klassischen Schriften der alten Arbeiter*innenbewegung heißt? Wie können wir uns das unter den gegebenen UmstĂ€nden vorstellen? – Weniger denn je kann es heute darum gehen, dass der bestehende Produktions- und Verteilungsapparat einfach unter der Kontrolle von Arbeiter*innenrĂ€ten weitergefĂŒhrt wird. Wer will sich schon all unsere HĂ€hnchenmastanlagen, Großschlachtereien, Autofabriken, Atomkraftwerke und Shoppingmalls in Selbstverwaltung vorstellen? Nein, große Teile der heutigen Produktion mĂŒssten entweder ersatzlos stillgelegt oder grundlegend umgestaltet werden, um den Zwecken einer freien Menschheit zu genĂŒgen und die Natur nicht weiter zu zerstören.

Andererseits sind bestimmte Bereiche der Produktion absolut lebensnotwendig und mĂŒssen unbedingt am Laufen gehalten werden, wenn das revolutionĂ€re Projekt erfolgreich sein soll. In seinem Buch „Die Eroberung des Brotes“ von 1892 schreibt Peter Kropotkin ĂŒber die französischen Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts:

„Große Ideen wurden in diesen Epochen geboren – Ideen, welche das ganzen Weltall erschĂŒttert haben; Worte wurden gesprochen, welche noch heute nach dem Verlauf eines Jahrhunderts unser Herz schlagen machen.

Das Brot indessen mangelte in den VorstÀdten.

Mit dem Augenblicke, wo die Revolution eintrat, ruhte unvermeidlich die Arbeit. Die Zirkulation der Waren stockte, die Kapitalisten verbargen sich. Der Arbeitgeber hatte in diesen Epochen nichts zu fĂŒrchten: er lebte von seinen Renten, wenn er nicht gar auf das Elend spekulierte; der Lohnarbeiter sah sich dagegen zu einer kĂŒmmerlichen Lebensfristung, die morgen gar noch in Frage gestellt werden konnte, verdammt. Die Hungersnot kĂŒndigte sich an. [
]

Im Jahre 1871 ging die Kommune aus Mangel an KĂ€mpfern zugrunde. Sie hatte nicht vergessen, die Trennung von Kirchen und Staat zu dekretieren, aber sie hatte zu spĂ€t daran gedacht, allen ihren KĂ€mpfern den Lebensunterhalt zu sichern.“ (6)

Die Revolutionen der Vergangenheit scheiterten laut Kropotkin daran, dass sie sich auf die Eroberung des Staates und die Umgestaltung des politischen Systems konzentrierten, es aber nicht vermochten, den Zugang zu lebensnotwendigen GĂŒtern der Herrschaft von Markt und Privateigentum zu entreißen und fĂŒr alle sicherzustellen. Was nĂŒtzen die „großen Ideen“, wenn es nicht genug zu essen gibt?

1871 ging es um Brot, wie wÀre es heute? Wasser wird schnell ein Thema sein, was ist z.B. mit Strom und Internet? Wie viel mehr sind wir heute abhÀngig von der kapitalistischen Infrastruktur und wie sehr viel weniger sind wir selbststÀndig in der Lage, uns mit dem, was wir als notwendig empfinden, zu versorgen?

„Es ist offenbar“, schreibt Kropotkin weiter, „dass die geringste ErschĂŒtterung des Privateigentums zur vollstĂ€ndigen Desorganisation des gesamten auf der Privatunternehmung und dem Lohnsystem begrĂŒndeten Regimes fĂŒhren muss.“ Die Angst vor dieser Desorganisation scheint einer der tieferen GrĂŒnde dafĂŒr zu sein, warum in den meisten modernen Revolutionen die Massen trotz all ihrem Zorn und Kampfesmut vor dem entscheidenden Schritt zurĂŒckschreckten und die Produktion nicht in ihre HĂ€nde nahmen. 2011 wurde der Ă€gyptische Despot Mubarak durch Streiks, Massendemonstrationen und StraßenkĂ€mpfe zum RĂŒcktritt gezwungen. Aber die AufstĂ€ndischen versĂ€umten es, den Suezkanal und die Textilfabriken von Mahalla (7) dem Zugriff von Staat und Kapital zu entziehen und sie der gemeinsamen Verwaltung durch die arbeitende Bevölkerung zu unterstellen. Heute herrscht in Ägypten General Sisi, den LohnabhĂ€ngigen geht es so schlecht wie eh und je.

Aber die Furcht vor der revolutionĂ€ren Aneignung ist nicht unbegrĂŒndet. „Die Aneignung dieser KrĂ€fte ist selbst weiter nichts als die Entwicklung der den materiellen Produktionsinstrumenten entsprechenden individuellen FĂ€higkeiten,“ (8) schreiben Marx und Engels. Wenn die LohnabhĂ€ngigen sich den ganzen modernen Maschinenpark aneignen und ihn noch dazu vernĂŒnftiger und menschlicher gebrauchen wollen als die Kapitalist*innen – dann mĂŒssen sie sich auch die erforderlichen Kenntnisse und FĂ€higkeiten aneignen, um mit diesem gigantischen Maschinenpark umzugehen. Aber mit diesem Wissen ist es nicht zum besten bestellt. Wie wollen wir die Welt aus den Angeln heben, wenn es uns noch nicht einmal gelingt, unser Fahrrad oder unseren Laptop zu reparieren?

Die soziale Revolution verlangt eine Vielzahl von FĂ€higkeiten, die wir großteils erst (wieder) erlernen mĂŒssen: Das beginnt dabei, wĂ€hrend des sozialen Umbruchs die Versorgung mit lebensnotwendigen Dingen ohne die Leitung durch die kapitalistische Betriebsorganisation sicherzustellen, wobei sicher einige Improvisation vonnöten sein wird. Des Weiteren mĂŒssen wir lernen, Dinge Instand zu halten, zu reparieren und neuen Verwendungen zuzufĂŒhren. Insbesondere in der Landwirtschaft und der Nahrungsmittelproduktion, aber auch in vielen anderen Bereichen, gilt es, Alternativen zu heute gĂ€ngigen Herstellungsweisen zu finden, die weniger ressourcenverschwendend, naturzerstörend und fĂŒr BeschĂ€ftigte und Konsument*innen weniger gesundheitsschĂ€dlich sind. Dabei muss wahrscheinlich vielfach auf Ă€ltere, handwerkliche Verfahren zurĂŒckgegriffen werden, deren Kenntnisse im rapiden Verschwinden begriffen sind. Es geht dabei nicht darum, dass „frĂŒher alles besser war“, sondern, dass wir aus dem gesamten Erfahrungsschatz der Menschheit – von der Pflanzenkunde indigener Völker bis zur modernen Computertechnologie – werden schöpfen mĂŒssen, um die Desaster zu heilen, die der Kapitalismus uns hinterlassen hat.

Aber was heißt das alles fĂŒr uns in der jetzigen Situation, wo eine soziale Revolution weit entfernt erscheint? – Es wĂ€re durchaus zu begrĂŒĂŸen, wenn schon im Hier und Jetzt mehr Menschen beginnen, mit anderen Herangehensweisen an die Dinge zu experimentieren. Zum einen, weil ein weniger entfremdeter Gebrauch der uns umgebenden GegenstĂ€nde uns im Alltag ein wenig Autonomie zurĂŒckgeben kann, unsere FĂ€higkeiten entwickelt und nicht zuletzt – Spaß macht. Zum anderen als Vorbereitung auf die von uns erstrebte große UmwĂ€lzung der Produktion.

Material zum Üben und Aneignen gibt es mehr als genug in den Honigtöpfen der modernen Wirtschaft: ihren MĂŒllcontainern. Und wir meinen nicht nur die Container der LebensmittelgeschĂ€fte, sondern ebenso die AbfallbehĂ€lter von Veranstaltungs- und Messebau und Ă€hnlichen Firmen. Oder schaut mal in die Container der „Recycling“-Höfe, dort liegen z.B. so viele FahrrĂ€der, dass es einen wirklich wĂŒtend machen kann. HĂ€ufig sind diese RĂ€der im Wesentlichen intakt, haben vielleicht nur einen platten Reifen oder eine falsch eingestellte Schaltung. Trotzdem dĂŒrfen sie die Angestellten nicht rausgeben. Und dies, obwohl das in diesem Fall zustĂ€ndige Abfallwirtschaftsgesetz die Vermeidung von „schĂ€dliche[n] 
 Einwirkungen auf Mensch, Tier und Pflanze“ zum wichtigsten Grundsatz erhebt und daher folgende Reihenfolge zum Umgang mit nicht mehr brauchbaren Dingen festlegt:

„1.Abfallvermeidung;
2.Vorbereitung zur Wiederverwendung;
3.Recycling;
4.sonstige Verwertung, z.B. energetische Verwertung;
5.Beseitigung.“ (9)

Recycling wĂŒrde im Falle eines Fahrrades einschmelzen bedeuten, was unter ungeheurem Energieaufwand vielleicht ein Kilo Stahl ergibt; energetische Verwertung wĂ€re unmöglich; Beseitigung – was soll das sein? Es wĂ€re also sowohl sachlich richtig, als auch witzigerweise sogar gesetzlich geboten, die RĂ€der einfach rauszugeben und mit ein paar Handgriffen wieder flott zu machen. Aber die Verantwortlichen dieser Recyclinghöfe ahnen wahrscheinlich – oder es wurde ihnen von irgendwelchen höheren Stellen bedeutet – dass es dem Gedeihen der Wirtschaft nicht zutrĂ€glich wĂ€re, wenn sie es hier mit dem Buchstaben des Gesetzes allzu genau nĂ€hmen.

Wer nicht mehr in diesem System arbeiten möchte, oder schlicht keine Arbeit mehr findet, hat fĂŒr solche Experimente ein phantastisches Kapital: Zeit. Zeit ist nĂ€mlich nicht Geld. Zeit ist Zeit. Habe ich genug, wo ist dann das Problem, wenn es lange dauert? Wer Lohnarbeit und eventuell noch Kinder hat, wird natĂŒrlich eher weniger freie Zeit zu VerfĂŒgung haben. Aber auch in diesem Fall kann es sich lohnen, zumindest manchmal der Versuchung der vermeintlich „praktischen“ Lösung des Neukaufs zu widerstehen und sich selbst ein wenig mit Reparaturversuchen und Improvisation die Finger schmutzig zu machen. Es hilft in diesem Zusammenhang sicherlich, wenn es wenigstens ansatzweise gelingt, die Isolation der Kleinfamilie zu durchbrechen und gemeinschaftlichere Formen des Alltags und der Kindererziehung zu erproben.

Gedankliche Anregungen fĂŒr eine neu zu erweckende do-it-yourself-Bewegung gibt es zuhauf. Zu nennen wĂ€re etwa das „Reparaturmanifest“ mit dem schönen Motto: „Wenn du es nicht reparieren kannst, gehört es nicht dir!“ (10) Reparatur muss sich nicht nur wieder lohnen, sondern könnte eine Erhöhung des ursprĂŒnglichen Wertes darstellen, z.B. in einer Ressourcen schonenden Verbesserung der aufgetretenen Schwachstellen. Die japanischen Begriffe „Kintsugi“ (11) und Wabi-Sabi (12) geben uns eine interessante Vorstellung fĂŒr eine auch kulturelle Aufwertung durch Reparatur. Alfred Sohn-Rethels Aufsatz ĂŒber das „Ideal des Kaputten“ aus den 1920er Jahren kann in diesem Zusammenhang noch heute inspirierend sein: Er schildert seine Beobachtungen ĂŒber den eigenwilligen Umgang der Ă€rmeren Bewohner*innen Neapels, die gerade durch das kreative Erfinden von immer neuen Reparaturlösungen fĂŒr ihre im Grunde schrottreifen technischen GerĂ€te eine SouverĂ€nitĂ€t im Umgang mit der Welt der Dinge behaupteten. Neue, perfekt funktionierende, aber gerade dadurch in ihrer Funktionsweise unverstĂ€ndliche Maschinen seien ihnen dagegen eher suspekt gewesen. (13)

Zu beachten ist dabei, dass all diese Ideen und praktischen Versuche fĂŒr sich allein genommen wenig systemsprengendes Potential haben. Getrennt von einer allgemeinen gesellschaftskritischen Perspektive können sie schnell in Sackgassen bzw. reibungslos den VerhĂ€ltnissen angepasste Nischen enden. So ist etwa in den letzten Jahren ein Upcycling-Trend entstanden, der einfach eine MarktlĂŒcke geschĂ€ftstĂŒchtiger Kunsthandwerker*innen darstellt, die aus Schrott LuxusgĂŒter fĂŒr ein besserverdienendes Publikum herstellen – eher eine Modeerscheinung. Umgekehrt könnte in Zeiten des Sozialabbaus die Regierung auf den Gedanken kommen, dass es kostengĂŒnstiger wĂ€re, den Armen anstatt Hartz4 einfach freien Zugang zu den örtlichen Recyclinghöfen zu gewĂ€hren


Alles kommt daher darauf an, ob es gelingt, die hier vorgeschlagenen Versuche in ein revolutionĂ€res Projekt einzubeziehen, das die herrschenden VerhĂ€ltnisse in all ihren Facetten angreift – von der Lohnarbeit bis zum GeschlechterverhĂ€ltnis, vom Schulsystem bis zum StĂ€dtebau. Im Kontext einer allgemeinen widerstĂ€ndigen Bewegung könnte ein kreativer Geist der Aneignung der Dinge durch Reparatur und Improvisation durchaus subversive Kraft entwickeln.

Also, in diesem Sinne: Ran an die Materie! Wir brauchen nicht unbedingt (nur) Spezialist*innen – aber Grundlagen der Werkzeugbenutzung, des Landbaues, der Mechanik, Elektronik usw. sind essentiell. Know-How ist allerdings ein entscheidender Punkt. Wissen vermitteln und teilen – nicht nur anarchistische Theorie – sondern alles was uns im Kampf und Leben voran bringt, Rohstoffquellen erschließen, RĂ€ume öffnen, Aufgabenteilung organisieren. Was wir vor allem brauchen, ist der Wille, die eigenen Dinge im wahrsten Sinnes des Wortes wieder selbst in die Hand zu nehmen.

Fußnoten:

(1) Institut der Deutschen Wirtschaft 2019.

(2) www.faz.net/aktuell/gesellschaft/tiere/
.

(3) https://t3n.de/news/amazon-vernichtet-retouren-neuwaren-1086628/

(4) www.tagesspiegel.de/wirtschaft/geplante


(5) www.greenpeace.de/sites/www.greenpeace
.

(6) Peter Kropotkin: Die Eroberung des Brotes, Kapitel: Die Lebensmittel, im Internet z.B. unter: de.wikisource.org/wiki/Die_Eroberung_de


(7) de.labournet.tv/video/6360/die-mahalla-


(8) Karl Marx, Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, MEW Bd. 3, S. 67f.

(9) Abfallwirtschaftsgesetz 2002, Fassung vom 05.07.2020

(10) de.ifixit.com/Manifesto

(11) de.wikipedia.org/wiki/Kintsugi

(12) de.wikipedia.org/wiki/Wabi-Sabi

(13) magazinredaktion.tk/magazin/heft2/neape





Quelle: Berlin.dieplattform.org