Januar 6, 2022
Von Anarchistische Gruppe LĂŒbeck
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Das Jahr 2020 war das Jahr der weiteren Steigerung der Angriffe auf unsere selbstverwalteten / anarchistischen RĂ€ume. Schon Anfang des Jahres kĂŒndigten sich mehrere RĂ€umungen an, besonders in Berlin. Die Kiezkneipen Syndikat und Meuterei, das „Àlteste“ autonome Jugendzentrum Potse und das anarcha-queerfeministische Haus Liebig 34 sind nur ein paar von vielen RĂ€umen, die um ihre Existenz bangten.

Doch zurĂŒck zum Anfang. Was sind diese RĂ€ume ĂŒberhaupt bzw. was sollten sie unserer Meinung nach sein und wie sind sie ĂŒberhaupt zu verteidigen? Diese RĂ€ume schaffen Platz: FĂŒr eine Moral, die sich diametral von der bĂŒrgerlichen unterscheidet. Hier gilt nicht das Gesetz als höchstes Gut, sondern die SolidaritĂ€t. Mögen wir uns in Art und Form von Aktionen unterscheiden, so bieten sie immer Schutz vor Polizei und Strafverfolgung. Es gelten keine Gesellschaftlichen Normen. Jede*r kommt wie sie*er ist und darf und soll so bleiben. Sie sind die Chance Anderen unsere Vorstellung von einem völlig anderem Leben, einem freieren Leben, zu zeigen und schon hier und heute zu leben. Orte zum TrĂ€ume verbinden und GefĂ€hrt*innen finden um den Kampf fĂŒr Freiheit aufzunehmen. Aber auch um zu rasten, Wunden zu lecken und verlorene KĂ€mpfe zu reflektieren oder gewonnene zu feiern. Es sind Inseln. Inseln in den StĂ€dten, die sich fĂŒr die Reichen herausputzen und uns wie etwas Verdorbenes am liebsten ausspucken wĂŒrden. Doch soll dies keineswegs ein Loblied auf alle „Zeckentreffs“ werden. Denn wir mĂŒssen auch selbstkritisch zugeben, dass viele dieser RĂ€ume dieses trĂ€umerische Bild nicht mehr oder nie erfĂŒllt haben. Sie sind zu RĂ€umen verkommen, in denen wir uns abgeschottet vom Rest der Gesellschaft unseren Frust von der Seele saufen und den letzten Rebell*innen erklĂ€ren, dass der Traum von Revolte aus ist. Weil wir bequem geworden sind. Es ist so viel einfacherer im „eigenen Raum“ zu hocken ohne die Grenzen zu sehr zu ĂŒbertreten. Aus Angst die eigene WohlfĂŒhl-Oase zu verlieren und den Kampf um FreirĂ€ume erneut zu kĂ€mpfen. Das VerstĂ€ndnis eines solchen Raumes als einen Ausgangspunkt auch fĂŒr Revolten ist fĂŒr das Fortbestehen des Raumes um seiner selbst Willen aus dem Bewusstsein getilgt worden. Diese Entwicklung lĂ€sst sich an so vielen Orten seit so langer Zeit beobachten. Die RĂ€ume sind nicht mehr Ausgangspunkt fĂŒr den Griff nach Freiheit sondern sind zum Selbstzweck verkommen. Solange der KĂŒhlschrank noch lĂ€uft und das Bier kalt ist, kommen wir alle immer wieder, selbst wenn der schon damals etwas ranzig wirkende Laden mittlerweile einem Loch gleicht und die Klos riechen, als ob niemand sie jemals geputzt hĂ€tte.

Sollten wir diese RĂ€ume aufgeben



und einen Kampf um sie gar nicht erst eingehen? Dazu ein klares und unmissverstĂ€ndliches NEIN. Ein Text aus Berlin beschrieb es mal so treffend: „Wir entscheiden selbst, wann ein Projekt gescheitert ist!“ Ob und wann ein Projekt beendet wird, dĂŒrfen wir nicht den Staat entscheiden lassen. Denn selbst ein gescheitertes Projekt kann als Symbol und als Funken dienen fĂŒr einen oder viele aufstĂ€ndische Momente. Denn so lassen sich selbst RĂ€ume, die nur noch als Konsumraum genutzt werden, wieder positiv besetzen. Wenn die RĂ€umung einer schranzigen Kiezkneipe 10.000.000 Euro kostet, wird der Staat es sich zweimal ĂŒberlegen, ob er sich auch noch an das viel genutzte und geliebte AZ wagt. Denn auch die rĂ€udigste Kneipe hat fĂŒr die Wenigen, die sie noch nutzen, einen Wert und so finden auch sie so wieder einen Weg aus ihrer eigenen Ohnmacht vor dieser Welt und nur vielleicht finden auch sie GefĂ€hrt*innen, um dann den Kampf gegen eine Welt, die sie nicht will, wieder aufzunehmen. Im Juli schlugen die Schergen mit einer ominösen Hausverwaltung und der Lusche an die Pforten der Rigaer 94. Über 3 Tage folgte eine Eskalation. So brachen sie ihre eigenen scheiß Gesetze und gingen ohne Durchsuchungsbeschluss in Wohnungen, durchbrachen WĂ€nde, montierten TĂŒren ab und verprĂŒgelten Anwohner*innen. Dank stabiler WĂ€nde und stabilem Widerstand der Bewohner*innen ging es am Ende fĂŒr die Rigaer glimpflich aus. Das Haus steht, die Leute sind noch drin. Doch was waren die Reaktionen außerhalb des Hauses, des Kiezes, Berlins? Es war eher ruhig. Nein, nicht ganz, Twitter tobte natĂŒrlich wieder und niemand konnte schnell genug einen Tweet absetzen. Nichts gegen Grußbotschaften an GefĂ€hrt*innen, aber haben wir verlernt unserer SolidaritĂ€t auch anders Ausdruck zu verleihen? Wir wollen nicht unterschlagen, dass es ein paar kleine Funken gab und die ihren Weg auch nach LĂŒbeck geschafft haben: Hier hat man seiner Wut Ausdruck verliehen, indem man die ParteibĂŒros der Berliner Regierungsparteien angriff. Doch wieso scheint es so, als ob hĂ€ufig abgesehen vom Poserbild nichts mehr vortsellbar ist, um SolidaritĂ€t zu mehr zu machen als einer bloßen Floskel auf Twitter? So ging es das Jahr ĂŒber weiter, auch als das Syndikat gerĂ€umt wurde. Kurz vorher noch eine doch recht mutige und von Beginn an offensive Demo, doch diese Energie konnte nicht weitergetragen werden. Massenaktionen und Demos sind durchaus auch kritikwĂŒrdig, so sorgen sie doch immer wieder dafĂŒr, dass neue Menschen ohne Anbindung an unsere Strukturen kĂ€mpfen und dann im System der Repression verloren gehen, weil wir sie nicht kennen. Deshalb wĂ€re ein Kleingruppenkonzept auch möglich gewesen. Es wĂ€re sinnvoll diese Taktik wieder einer breiteren Masse an widerstĂ€ndischen Menschen nahe zu bringen, da sie weitaus weniger repressionsbelastet ist und jede*r an ihr partizipieren kann. Jede*r kann einen eigenen Plan schmieden, entscheiden wie weit sie*er geht. Die Bullen hĂ€tten keine Chance alle Funken zu löschen und mĂŒssten zusehen, wie nach und nach ein FlĂ€chenbrand entsteht. TrĂ€umen wir, wenn wir sagen es gibt 1000 Autonome in Berlin? 1000 Autonome gleich 1000 brennende Autos. Oder wenn es lieber Zweierteams sind, dann 500. Das ist utopisch gedacht, das ist uns klar, es soll einfach nur verdeutlichen wie viel mehr wir eine Gefahr darstellen könnten, wenn wir unseren Solibekundungen auch Taten folgen lassen. Eine Gefahr mĂŒssen wir sein, wenn wir uns mit dem Staat und seinen Schergen anlegen wollen. Vor 30 Jahren ging das doch auch und die Bullen haben niemanden bekommen. Doch scheinbar durchdringt das Konzept der Bewegungsmanager*innen, die egal wann und wo die Bewegung versuchen in die eine oder andere Richtung zu steuern und ihr ihren Stempel aufzudrĂŒcken, immer mehr eine tatsĂ€chlich autonome Praxis. Solifoto, offener Brief, Demo und Blockade 
und nochmal von vorn. Da wundern wir uns wirklich, dass sich so viele frustriert abwenden, wenn nicht mal mehr der kleinste befreiende Moment, der Moment wenn der Stein das Fenster durchschlĂ€gt, die Bullen in einem Regen aus Flaschen das Weite suchen, noch vorkommen, geschweige denn, dass man sich vorstellen könnte es wĂ€re so etwas möglich.

Ein grundsÀtzliches Problem

Nun schlagen wir wie viele andere wieder auf Berlin ein, doch darum geht es gar nicht. Es ist ein grundsĂ€tzliches Problem. Um die jĂŒngsten Besetzungen in Leipzig scheint sich eine andere Herangehensweise anzukĂŒndigen. Mit viel Interesse verfolgen wir dort die Entwicklung militanter Praxis und den Umgang mit Repression bzw. Angriffen auf unsere RĂ€ume. So sammelten sich dort drei NĂ€chte in Folge als Reaktion auf RĂ€umungen Menschen, die tatsĂ€chlich bereit waren zu kĂ€mpfen und das von Beginn an den Bullen und allen anderen AutoritĂ€ten auch so kommuniziert haben. Solche Momente schenken Hoffnung und zeigen, dass es auch hier möglich ist, zu kĂ€mpfen und so tatsĂ€chliche SolidaritĂ€t zu zeigen. Bei dem ganzen wollen wir auch nochmal auf die Aktion in LĂŒbeck eingehen und zeigen, dass es wichtig, richtig und notwendig ist, eine militante Praxis zu verteidigen. Denn nach dem Angriff auf die Parteien in LĂŒbeck schrieb die Partei Die Linke LĂŒbeck folgendes: „Gleichzeitig möchten wir uns fĂŒr alle SolidaritĂ€tsbekundungen und Spenden bedanken, die uns bereits erreicht haben, auch aus dem autonomen linken Spektrum. DafĂŒr sagen wir von Herzen DANKE und hoffen darauf, dass es keine weiteren VorfĂ€lle gibt, sondern das gesprochene Wort in Zukunft eine BrĂŒcke schlagen kann und weiteren Vandalismus verhindert.“ Wir wissen nicht, wer mit „auch aus dem autonomen linken Spektrum“ gemeint ist. Wer sich jedoch als autonom versteht und des Grundes der Attacke auf die Linkspartei, als mitregierende Partei in Berlin, also Teil der Schweine, die unsere Freund*innen bedrohen und aus ihrem Haus werfen wollen, bewusst ist und sich trotzdem mit diesen solidarisiert, zeigt nur zu deutlich wo die Probleme in einer vermeintlich radikalen Bewegung liegen. An scheiß Karrieristen, die hoffen wenn sie einmal vermeintlich zu alt zum Steine schmeißen oder rebellieren sind, sich ins gemachte Nest der Partei legen zu können.

Nochmal deutlich:

Egal welche Partei, egal welche Organisation und wie sehr sie sich auch „links“, „alternativ“ etc. auf die Wimpel klebt wird unsere Wut, unseren Hass und bei Bedarf auch Steine ernten, wenn sie sich zwischen uns und ein freies Leben stellen. Und zu diesem Leben gehören unsere RĂ€ume. Nehmt ihr sie uns ab, haun wir euch eure platt. Wir brauchen euch nicht um uns zu befreien, denn ihr seid Teil des Problems. Gegen jede AutoritĂ€t, egal wie revolutionĂ€r, antifaschistisch oder sonst wie sie sich gibt!

Text aus dem JahresrĂŒckblick 2020




Quelle: Aghl.noblogs.org