Mai 15, 2022
Von Syndikalismusforschung
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Mai 1922 – Dokumente aus dem Syfo-Archiv

FĂŒndundzwanzig Jahre Freie Arbeiter-Union Deutschlands (Syndikalisten)

Kongreßprotokolle der FVdG und FAUD

Mit dem 17. Mai 1922 sind es 25 Jahre, als in Halle a. S. die „lokalorganisierten oder auf Grund des VertrauensmĂ€nnersystems zentralisierten Gewerkschaften Deutschlands“ zu ihrem ersten Kongreß zusammentraten, zu dem Zweck, eine, alle einzelnen isoliert dastehenden Lokalorganisationen usw. zu einem geschlossenen Bund zusammenzufassen. Dieser Kongreß machte sich schon aus dem Grunde notwendig, weil seit dem Kongreß in Halberstadt 1892, der erste, den die Generalkommission fĂŒr die ZentralverbĂ€nde einberufenen, die Vernichtung der Lokalorganisationen ausgesprochenen und fĂŒr die deutsche Gewerkschaftsbewegung den strengsten Zentralismus proklamiert hatte. Aber nicht nur dies allein hĂ€tte schon weit frĂŒher die Einberufung eines solchen oben erwĂ€hnten Kongresses, wie erst 1897 notwendig gemacht. War doch mit dem Bestreben, die Gewerkschaften in Deutschland in ZentralverbĂ€nde zu organisieren verbunden, alle AufklĂ€rung in den Versammlungen ĂŒber öffentliche und politische Angelegenheiten und ganz besonders ein Einwirken auf diese durch die Gewerkschaft, aufzugeben und sich lediglich auf den Tageskampf um bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen einzustellen.

Gerade letzteres aber war damals der Hauptgrund der sogen. Lokalisten, den Verbandszentralismus abzulehnen und zu bekĂ€mpfen, waren sie doch damals, als revolutionĂ€re Sozialdemokraten und Mitglieder der Partei, der sehr richtigen Ansicht, „dass der sogenannte gewerkschaftliche Kampf um Verbesserung der Lage der Arbeiter auf dem Boden der heute bestehenden Ordnung nicht gefĂŒhrt werden kann, ohne das VerhĂ€ltnis der Arbeiter zu dem heutigen Staat und seinen Organen der Gesetzgebung und Verwaltung scharf und bestimmt zu berĂŒhren;
“daß weder eine wesentliche Verbesserung der Lage der Arbeiter noch eine genĂŒgende Vermehrung ihrer Rechte von der HumanitĂ€t oder von dem guten Willen der heutigen Gesellschaft zu erwarten ist, sondern anerkanntermaßen nur der Kampf ums Recht das Recht bildet;
daß dieser Kampf aber nur dann mit dem nötigen Nachdruck und der nötigen Einheitlichkeit von den Arbeitern gefĂŒhrt werden kann, wenn er in seinem Charakter als Klassenkampf der Arbeiterklasse gegen ihre Ausbeutung erkannt und gefĂŒhrt wird usw.“

Diese PrinzipienerklĂ€rung, die der erste Kongreß 1897 in Halle beschloß, war aber ganz besonderer Hinderungsgrund, den Verbandszentralismus in Deutschland zu verwirklichen. Standen doch diesen Bestrebungen die verschiedenen deutschen bundesstaatlichen Vereinsgesetze entgegen, die ausdrĂŒcklich ein „Inverbindungtreten“ solcher Vereine, die diese Dinge tĂ€tigten, untersagte und mit Auflösung und Bestrafung bedrohte.

Die sogen. Lokalisten waren aber damals der Meinung, dass die sozialdemokratische Partei, der sie sich vollinhaltlich und vorbehaltslos verschrieben hatten, den zentralistischen Bestrebungen der Generalkommission und deren politische NeutralitĂ€tserklĂ€rung ihrer Gewerkschaften den nötigen Widerstand entgegensetzen und bei dem revolutionĂ€r gesinnten Gewerkschaften entsprechende RĂŒckenstĂ€rkung finden wĂŒrde. Das war eine bedauernswerte SelbsttĂ€uschung, die auf dem ersten Kongreß dann auch allseitig eingesehen wurde.

Es war der Delegierte Heinrich Riecke von der Organisation der Maurer Braunschweigs, der ĂŒber den Punkt der Tagesordnung referierte: „Der Zusammenschluß der lokalorganisierten oder auf Grund des VertrauensmĂ€nnersystems zentralisierten Gewerkschaften Deutschlands.“ Er bedauerte, dass der Kongreß nicht schon eher stattgefunden habe. „Leider hĂ€tten selbst BlĂ€tter wie der „VorwĂ€rts“ der Sache kein entgegenkommendes Benehmen gezeigt. Und der Redakteur des Volksblattes fĂŒr Harburg, Wilhelmsburg und Umgegend habe auf den an ihn gerichteten Wunsch, den Aufruf zum Kongreß in dem von ihm redigierten Blatte abzudrucken, geantwortet: „Ihren mitfolgenden Aufruf drucke ich im Volksblatt nicht ab, und zwar nicht etwa wegen unverstĂ€ndlicher Angst, sondern weil ich auf einen derartigen Ausfluß schnoddrigen Berlinertums nur abweisend reagieren kann.“ Karl Thiel

Das war der Geist, von welchem damals schon sozialdemokratische Redakteure gegen den Klassenkampfgedanken erfĂŒllt und auf dem Reformismus eingestellt waren.

An diesem ersten Kongreß nahmen 39 Delegierte teil. Mehrere davon haben einige Jahre spĂ€ter mit den ZentralverbĂ€nden Frieden geschlossen. Sie sind teils persönlich, teils mit ihrem ganzen Ortsverein ins gegnerische Lager ĂŒbergeschwenkt. Manche davon sind die schĂ€rfsten Gegner der syndikalistischen Bewegung und in gut dotierten Stellen stramme ZentralverbĂ€ndler geworden. Das aber nur nebenbei.

Der Kongreß wĂ€hlte auch eine GeschĂ€ftskommission und zu deren Vorsitzenden den Maurer Fritz Kater, Berlin. Ebenso nahm er auch Stellung zu der Herausgabe einer Zeitung. Das Organ erhielt den Namen „Die Einigkeit“ und die erste Nummer erschien am 19. Juni 1897 in 10.000 Exemplaren. Die Zeitung erschien zunĂ€chst 14- tĂ€gig, unter der Redaktion des 1904 verstorbenen Genossen Gustav Keßler, eines alten KĂ€mpfers, der zu den bestgehassten MĂ€nnern der Reaktion zĂ€hlte und auf Grund des „Sozialisten-Gesetzes“ am meisten verfolgt wurde.

Dank der Opferfreudigkeit und des Arbeitsdranges der MĂ€nner von damals, nicht zuletzt der des Genossen Karl Thieme (Kassierer und Expedient) war es möglich, das Organisationsschiff, trotz aller StĂŒrme, Felsen und Klippen, die ihm zunĂ€chst die ZentralverbandsvĂ€ter, bald aber auch die sozialdemokratische Partei, und besonders deren Hauptvorstand geschlossen zur Behinderung schufen, in offener Fahrt zu halten. Ein schweres Ringen, oft bis zur Verzweiflung, war freilich stĂ€ndiger Fahrtgenosse.

Intrigen und offener Verrat von innen und außen waren in Kauf zu nehmen und wĂ€re nicht der antiautoritĂ€re Sozialismus und die Erkenntnis von der Notwendigkeit des revolutionĂ€ren Klassenkampfes der treibende Faktor gewesen, von dem eine Reihe der damaligen Kameraden bis ins tiefinnerste durchdrungen waren, dann stĂ€nde es dahin, ob es heute in Deutschland eine syndikalistische Bewegung ĂŒberhaupt geben wĂŒrde.

Im Anfang fĂŒhrte unsere Föderation den Namen: „VertrauensmĂ€nner-Zentralisation Deutschlands“, der 5. Kongreß, der vom 22. bis 25. September 1901 in Berlin tagte, beschloß, sie von da ab: „Freie Vereinigung deutscher Gewerkschaften“ zu nennen. Immer klarer wurden die Richtlinien in prinzipieller wie auch organisatorischer Hinsicht herausgearbeitet und mit diesem der Abstand zwischen unserer Bewegung und den ZentralverbĂ€nden immer breiter und tiefer. Mit ihm aber auch der von der sozialdemokratischen Partei, da sich die Generalkommission und die VorstĂ€nde der grĂ¶ĂŸeren VerbĂ€nde immer mehr unter ihre BotmĂ€ĂŸigkeit und AbhĂ€ngigkeit stellte. Es ist hier nicht am Platze, all die KĂ€mpfe aufzuhĂ€hlen, die ausgefochten wurden, um die Bewegung nicht erdrosseln zu lassen. ErwĂ€hnt sei hier nur, dass die Einigungsversuche des parteivorstandes in den Jahren 1902 und 1903 der Bewegung gewaltigen Schaden zugefĂŒrt haben. Wurde doch dadurch die WerbetĂ€tigkeit fĂŒr die „Friee Vereinigung deutscher Gewerkschaften“ auf ÂŽGrund des sogen. Burgfriedens wĂ€hrend der Verhandlungszeit von beinahe zwei Jahren gĂ€nzlich unterbunden, die Intriganten und Renegaten bekamen die beste Gelegenheit, als MaulwĂŒrfe zu arbeiten. Wurde auch damals der Ruin unserer Bewegung noch abgewehrt, jn dkonnte diese selbst 1904 sogar die Generalstreikpropaganda in ihrer Agitation mit aufnehmen, so lag das nicht an dem guten oder bösen Willen der Halben und Übelwollenden, sondern an der Energie der Klarblickenden, die fĂŒr ihre Überzeugung mit Mannesmut zu kĂ€mpfen wussten. Hielten sich aber bis 1904 die WĂŒhler in den eigenen Reihen noch ziemlich tief unter der OberflĂ€che, so kamen sie von 1906 an immer mehr zum Vorschein. Seitdem die Bewegung aber in ihrem Programm „die Propaganda fĂŒr die Idee des Massen- resp. Generalstreiks“ mit eingestellt hatte, und die Generalkommission und deren Wochenschriften (damals 57 Verbandszeitungen), in Bezug auf uns nur noch von Anarcho-Sozialisten, Anarcho-Syndikalisten usw. sprachen und sich drei Parteitage, 1906 in Mannheim, 1907 in Essen, 1908 in NĂŒrnberg mit dem Ausschluß der „Lokalisten“ aus der Partei beschĂ€ftigten, da war die Zeit fĂŒr diejenigen gekommen, die nach den Futtertrögen der VerbĂ€ndler schielten.

Der 8. Kongreß im Januar 1908 brachte dann auch die Entscheidung. Mehr als die HĂ€lfte der an die „Freie Vereinigung deutscher Gewerkschaften“ angeschlossenen Organisationen und deren Mitglieder wurden von dieser losgerissen und von den frĂŒheren Saulussen, die nun offen zu verbĂ€ndlerischen Paulussen geworden waren, in diese ĂŒbergefĂŒhrt. Einige von den Renegaten rĂŒckten sofort in Amt und WĂŒrden, teils in den VerbĂ€nden, teils in der sozialdemokratischen Partei ein, andere begnĂŒgten sich mit Versprechungen. Der Parteitag in NĂŒrnberg gab dann dazu seinen Segen, indem er jegliche Gemeinschaft zwischen der Partei und unserer Bewegung aufhob, soweit eine solche ĂŒberhaupt noch bestehen sollte.

Vierzehn Jahre also hat unsere Bewegung schon mit keiner besonderen politischen Partei irgendwelche Gemeinschaft. In schwerem Ringen hat sie sich bis 1914 behauptet. Im Vordergrunde ihrer TĂ€tigkeit stand neben der FĂŒhrung des Tageskampfes um die Verbesserung der Lohn- und Arbeitsbedingungen, die Propaganda fĂŒr die Idee des Generalstreiks, des Anti-Militarismus, des Anti-Patriotismus, fĂŒr den Austritt aus den Landeskirchen, der antikonfessionellen ReligiositĂ€t, des Antinationalismus und des autoritĂ€tslosen Sozialismus. Von den Verfolgungen seitens der StaatsautoritĂ€ten und ihrer Organe, Geld- und GefĂ€ngnisstrafen, die wegen der Agitation in Wort und Schrift ĂŒber manchen tĂ€tigen und bekannten Kameraden verhĂ€ngt wurden, braucht hier nicht gesprochen werden. Das sind SelbstverstĂ€ndlichkeiten, die mit in Kauf genommen werden mussten. Ebenso selbstverstĂ€ndlich auch, dass am 5. August und am 8. August 1914 zuerst das Weitererscheinen des „Pionier“, dann der „Einigkeit“ wĂ€hrend der ganzen Kriegsdauer verboten wurde, die Zeitungen der Sozialdemokratischen Partei und der deutschen ZentralverbĂ€nde konnten aber ruhig weitererscheinen und die Redakteure der letzteren wurden zum grĂ¶ĂŸten Teil vom MilitĂ€rdienst befreit. Mehr denn dreißig unserer Kameraden wurden aber in mehreren rheinischen Orten schon am 1. August auf Grund ihrer frĂŒheren antimilitaristischen Propaganda oder nur wegen der Zugehörigkeit zu unserer Bewegung in die GefĂ€ngnisse geworfen. (Schutzhaft nennt man das in Deutschland, die fĂŒr manche bis zu zwei Jahren dauerte.)

Alle Strafen, Verfolgungen, Zeitungs- und Redeverbote haben aber nicht vermocht, den revolutionĂ€ren Geist zu ertöten. Die Organisation konnte nicht gĂ€nzlich zerschlagen werden. Kaum war der Zusammenbruch des alten Regimes vollbracht, da regten sich die alten Genossen allerorts und verkĂŒndeten den syndikalistischen Geist. In Jahresfrist (12. Kongreß 1919) konnte mit einiger Genugtuung festgestellt werden, dass die Bewegung nun durchaus stabil und die von ihr ausgehenden Ideen tiefe unausrottbare Wurzeln in der deutschen Arbeiterklasse und darĂŒber hinaus auch in Kreisen der Intellektuellen geschlagen haben.

Mit dieser Verehrung soll daher auch all derer gedacht sein, die diese Stunde nicht mehr erlebten, sowie derer, die altershalber von der öffentlichen TĂ€tigkeit zurĂŒcktraten, die der Bewegung selbstlos alles gaben, was sie an Körper- und Geisteskraft aufbringen konnten. Ihnen gebĂŒhrt nicht zum wenigsten die Anerkennung, dass heute in allen Landen vom Syndikalismus in Deutschland, seiner PrinzipienerklĂ€rung und seinem organisatorischen Aufbau gesprochen wird und die Klassengenossen bestrebt sind, mit dieser, unserer Bewegung in ein festes internationales BundesverhĂ€ltnis zu kommen.

Es lebe der anti-autoritÀre Sozialismus!

Hoch die syndikalistische Internationale!

F[ritz] K[ater]

Extra: Ein Beitrag im Archiv Karl Roche




Quelle: Syndikalismusforschung.wordpress.com