August 21, 2021
Von Indymedia
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…vor 50 Jahren: Gefangenenaufstand in Attica

Dass in den USA TrĂ€ume wahr werden können, „belegen“ Berichte der Regenbogenpresse aus der „Traumfabrik“ (GodÂŽs own country). Weniger publik ist das Schicksal der Vielen, die nun mal so gar nicht „vom TellerwĂ€scher zum MillionĂ€r“ wurden. Und das sind eben die Allermeisten: ihr Schicksal ist Armut, Krankheit und, wo sie gegen die Gesetze der Reichen verstoßen haben, nur zu oft der Knast.

 

Es gibt kein Land auf der Welt mit mehr Strafgefangenen: laut UN-Angaben sitzen ÂŒ aller weltweit Eingesperrten in US-GefĂ€ngnissen. Die „Prison Nation“ umfasst ca. 2,19 Millionen, unter ihnen unverhĂ€ltnismĂ€ĂŸig viele People of Color (Afroamerikaner*innen, Latin@s, Indigene oder Asiat*innen). Dazu kommen eine betrĂ€chtliche Anzahl UntersuchungshĂ€ftlinge. Letztes Jahr warteten 631.000 Menschen *1 in amerikanischen “Jails”, also Untersuchungshaft-Anstalten, auf ihren Gerichtstermin, – und das oft fĂŒr viel zu lange Zeit. Das zuvor schon ĂŒberlastete Gerichtssystem kam durch die Pandemie geradezu zum Erliegen.

 

Einmal arm – immer Ă€rmer

Menschen, die in den USA nur leichter Vergehen angeklagt sind und deren Fluchtgefahr als niedrig eingestuft wird, könnten ja eigentlich sehr wohl den menschenunwĂŒrdigen LebensumstĂ€nden der Haft bis zu ihrer Verurteilung entgehen. Wenn sie Kaution zahlen könnten…

Ein Privileg, das sich eben nur wenige leisten können. Da diese, je nach Richter, Bundesstaat und Straftat, sehr hoch angesetzt werden kann, verfĂŒgen nur wenige Privatpersonen ĂŒber die nötigen finanziellen Mittel, auf diesem Wege ihre Freiheit zu wahren.

Sind aber Angst und Verzweiflung groß genug, was angesichts der Haftbedingungen in den Vereinigten Staaten nur allzu verstĂ€ndlich ist, gibt es fĂŒr den Ă€rmeren Teil der Bevölkerung nur zwei Möglichkeiten: Wochen- bis jahrelange Untersuchungshaft oder die Dienste eines Kautionsagenten*2 in Anspruch zu nehmen, der die benötigte Summe gegen eine GebĂŒhr und Zinsen zu VerfĂŒgung stellt.

Eine AbwĂ€rtsspirale fortlaufender Pauperisierung wird in Gang gesetzt. Einmal arm – immer Ă€rmer…

Und Knast heißt eben auch Zwangsarbeit fĂŒr Hungerlöhne. Die US-Regierung rĂ€umte in einer Untersuchung 2011 ein, weitaus mehr Gefangene der Zwangsarbeit zuzufĂŒhren als zu Zeiten der Abschaffung der Sklaverei befreit wurden.

Die Bedingungen dieser modernen Sklaverei sind mörderisch: schlechte Unterbringung und ErnĂ€hrung, unzureichende medizinische Versorgung, ungerechte Behandlung und regelmĂ€ĂŸige GĂ€ngelung in der Isolation. Aber sie treffen auf das Profitinteresse eines rasch wachsenden Industriezweiges: in privat-öffentlicher Partnerschaft ist inzwischen ein gigantischer gefĂ€ngnis-industrieller Komplex entstanden, der in den Staaten zur drittgrĂ¶ĂŸten „Branche“ gemessen an BeschĂ€ftigtenzahlen wurde.

Auch vor 50 Jahren: Prominente Black Panther werden erschossen

Seit Beginn des Kalten Krieges wurden durch das FBI reihenweise Leuten Fallen gestellt, um Widerstand zu kriminalisieren. Es ist die Zeit des Geheimprogrammes COINTELPRO, das erklĂ€rtermaßen Fallen stellen sollte, mit denen Linke in Straftaten verwickelt werden. Und in ihrer Höchstform töteten diese Agenten ihre Gegner*innen auch reihenweise. So z.B. noch in den Sechzigern etwa den prominenten „Fred Hampton*2,einenBĂŒrgerrechtler und Aktivisten der Black Panther Partei, dervon einer Polizeieinheit im Schlaf erschossen wurde.

Und schließlich gab es exakt vor 50 Jahren auch noch einen nicht minder prominenten Toten namens „George Jackson*3. Dieser Aktivist der Black Panther Partei plĂ€dierte u.a. fĂŒr einen gewaltsamen Umsturz. Er wurde bei einer Schießerei im einem kalifornischen Knast getötet.

Auf diese Weise entpuppte sich das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ immer deutlicher als Land der zĂŒgellosen Ermordung.

 

Der „amerikanische Traum“ wird zum Alptraum

Dagegen regte sich Widerstand: Am 9. September 1971 ĂŒbernahmen ca. 1.200 Gefangene der Attica-Haftanstalt, eines der berĂŒchtigtsten GefĂ€ngnisse im Bundesstaat New York die Kontrolle ĂŒber die HĂ€lfte der Anstalt, nahmen 38 WĂ€chter als Geiseln und erklĂ€rten:

„Wir sind Menschen. Wir wollen nicht geschlagen und wie Tiere behandelt werden.“

Vier Tage lang kontrollierten die „Attica Brothers“ den D-Block mit dem Ziel, die Menschen draußen auf das brutale System aufmerksam zu machen. Die Attica Rebellion war der bestorganisierteste GefĂ€ngnisaufstand in der Geschichte der USA, und wurde von den Menschen weltweit als gerechtfertigte Antwort auf die unmenschlichen GefĂ€ngnisbedingungen gesehen.*5

Dann wurde der ohne Schusswaffen durchgefĂŒhrte Aufstand auf Anweisung des damaligen Gouverneurs Rockefeller von Polizei und Nationalgarde niedergeschossen. Es gab 43 Tote.

Auch 50 Jahre danach ist „Attica“ unvergessen.

 

»Die Attica-Tragödie ist ein weiterer schlagender Beweis dafĂŒr, daß in Amerika etwas schrecklich falsch ist«, fand der demokratische Senator Edmund Muskie. »Wir sind so weit gekommen, daß Menschen lieber sterben, als noch einen Tag in Amerika zu leben.« *6

Quellenangaben:

*1about 2.19 million prisoners in 2019: https://worldpopulationreview.com/state-rankings/prison-population-by-state

about 631.000 detainees in jails 2020 https://www.prisonpolicy.org/reports/pie2020.html

about 745,200 detainees in jails 2019: https://www.sentencingproject.org/the-facts/#detail?state1Option=U.S.%20Total&state2Option=0

*2 – Kautionsagenten: NY Times Artikel : How Does Bail Work, and Why Do People Want to Get Rid of It? https://www.nytimes.com/2019/01/11/nyregion/how-does-bail-work-and-why-do-people-want-to-get-rid-of-it.html

*3Fred Hampton: (* 30. August1948 in Chicago; † 4. Dezember1969 in Near West Side, Chicago) https://de.wikipedia.org/wiki/Fred_Hampton, https://en.wikipedia.org/wiki/Fred_Hampton

*4George Jackson: (* 23. September1941 in Chicago, Illinois; † 21. August1971 im San Quentin State Prison, Kalifornien) https://en.wikipedia.org/wiki/George_Jackson_(activist)

*5Attica Aufstand: ‘Tom Wicker: A Time to die. The Attica Prison Revolt.’ 2011, Haymarket Books

*6 – Zitat ohne Autor*in- Angaben aus dem Spiegel Artikel, da kein/e Autor*in vermerkt wurde : https://www.spiegel.de/politik/lieber-sterben-a-da91f177-0002-0001-0000-000043078662?context=issue, DER SPIEGEL 39/1971

 

 

 

 

 

 

 

 




Quelle: De.indymedia.org