Februar 11, 2021
Von Revolt Magazine
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Lola Villanova [revolt]: In Barcelona sind die StraßenhĂ€ndler*innen, sogenannte „Manteros“, ĂŒberall in der Öffentlichkeit anzutreffen. Was bedeutet das Projekt der Gewerkschaft der StraßenhĂ€ndler*innen?

Daouda Dieye: Das Sindicato Popular de Vendedores Ambulantes de Barcelona (Gewerkschaft der fliegenden StraßenhĂ€ndler*innen in Barcelona – Anm. LV) entstand mit dem Ziel, fĂŒr die Rechte von illegalisierten Menschen und Menschen mit prekĂ€rem Aufenthaltsstatus zu kĂ€mpfen. [1] Die MitbegrĂŒnder*innen der Gewerkschaft hatten zum Zeitpunkt der GrĂŒndung keine Papiere und keine Rechte. Die Polizei hat uns tĂ€glich auf den Straßen verfolgt. Das war der Kontext, in dem wir die Gewerkschaft gegrĂŒndet haben, um BĂŒrgerrechte, das Recht auf Arbeit und das Recht auf FreizĂŒgigkeit zu verteidigen. Das ist selbstredend ein politisches Projekt. Außerdem sind wir zu einer Anlaufstelle fĂŒr illegalisierte Menschen geworden, die in der Stadt ankommen. Wir zeigen ihnen: ihr seid nicht alleine.

Die StraßenhĂ€ndler*innen aus Barcelona waren die ersten im spanischen Staat, die sich organisiert haben. Im vergangenen Oktober habt ihr euren fĂŒnften GrĂŒndungstag gefeiert. Wie war die Reaktion der Öffentlichkeit auf eure GrĂŒndung im Jahr 2015?

Die Nachbar*innen haben uns mit viel Liebe aufgenommen. Außerdem haben viele Aktivist*innen aus Barcelona von Anfang an mit uns zusammengearbeitet, vor allem aus dem Stadtteil El Raval. Die Mehrheit der Kollektive im Kiez haben uns seit unserer GrĂŒndung bis heute unterstĂŒtzt. Wir haben uns im Kampf nie alleine gefĂŒhlt. Organisationen wie SOS Racisme, Tras La Manta und viele andere stehen an unserer Seite und laden uns zu Veranstaltungen und politischen Diskussionen ein. Vor der GrĂŒndung der Gewerkschaft waren wir unsichtbar. Jetzt sind wir das nicht mehr. Wir erklĂ€ren in der Öffentlichkeit und in den Medien wer wir sind und wofĂŒr wir kĂ€mpfen. Das ist sehr wichtig fĂŒr uns, da wir von der institutionellen Politik oft als Sicherheitsproblem dargestellt werden. Dabei haben das kapitalistische System und die globale Ausbeutung dazu gefĂŒhrt, dass unsere HerkunftslĂ€nder zerstört werden und wir zum Überleben hierherkommen mĂŒssen.

Du hast vorhin die polizeiliche Repression erwĂ€hnt, die die StraßenhĂ€ndler*innen erleiden. Wie nehmt ihr den institutionellen Rassismus in Spanien wahr und wie kann dieser bekĂ€mpft werden?

In den letzten Jahren und u.a. durch den Aufschwung der rechtsradikalen Partei VOX habe ich den Eindruck, dass der institutionelle Rassismus in Spanien nicht mehr so stark verborgen ist. Das ist etwas, wofĂŒr wir auch seit langem kĂ€mpfen: Zu zeigen, dass es in Spanien einen strukturellen und institutionellen Rassismus gibt. Den sozialen Rassismus können wir ĂŒberstehen. [4] Wenn wir auf der Straße z.B. wegen unserer Hautfarbe beleidigt werden oder uns gesagt wird, dass wir zurĂŒck in unser Land sollen, können wir uns in solchen Situationen entscheiden, ob wir uns mit der Person auseinandersetzen möchten oder nicht. Aber bei institutionellem Rassismus handelt es sich um den Rassismus der MĂ€chtigen. Es ist schrecklich, dass er fĂŒr viele BĂŒrger*innen solange verborgen geblieben ist. Wenn Rassismus ein Baum wĂ€re, wĂ€re der soziale Rassismus die BlĂ€tter des Baumes. Mit der Zeit können die BlĂ€tter vertrocknen, wenn die Menschen z.B. damit konfrontiert werden, dass Rassismus und Vorurteile gegenĂŒber Migrant*innen falsch sind. Aber der institutionelle Rassismus sind die Wurzeln des Baums, er ist tief verfestigt und schwer zu bekĂ€mpfen. Wir werden von Teilen der Politik oft als Rebellen bezeichnet. Wenn sie uns so nennen, heißt das, dass wir es bis zur Wurzel des Baums geschafft haben. Seit unserer GrĂŒndung wussten wir, dass unser wichtigster Feind der institutionelle Rassismus ist, der u.a. durch das AuslĂ€ndergesetz (Ley de EstrangerĂ­a) und die CIEs (staatliche Aufnahmelager – Anm. LV) (re-)produziert wird. [2]

Wenn wir in Europa ankommen wird uns gesagt, dass wir illegal sind. Die Tatsache ist, dass es keine illegalen Menschen gibt. Ich bin in einem Krankenhaus geboren, ich habe eine Geburtsurkunde, ich habe einen Namen, ich habe eine Identifikation. Warum bin ich illegal? Was unterscheidet mich in diesem Sinne von EuropĂ€er*innen? Wenn die Manteros in Spanien ankommen, haben sie keinen Wohnsitz. Aber wir sind nicht illegal. VOX hat einen sehr harten Narrativ gegen sogenannte „illegale Migrant*innen“ und dies trĂ€gt dazu bei, den strukturellen und institutionellen Rassismus in Spanien, der bisher eher verborgen blieb, aufzudecken und offensichtlicher zu machen. Auf irgendeine Weise freuen wir uns, dass das so ist, und dass viele Menschen endlich gemerkt haben, dass es auch in Spanien einen heftigen Rassismus gibt.

Wie sieht der Alltag eines Manteros aus?

Ein Mantero verlĂ€sst morgens seine Wohnung und weiß nicht, ob er zurĂŒckkommen wird. Es handelt sich um Personen, die sich jeden morgen fragen, ob sie an dem Tag ihre Ware verkaufen oder verlieren werden. Das ist der Alltag der StraßenhĂ€ndler*innen. Als ich als Mantero arbeitete, sagte ich zu meinen Genoss*innen: Wenn ich abends nicht wieder daheim bin, braucht ihr mich nicht suchen. Ich werde im Polizeirevier sein. Manteros setzen jeden Tag ihr Leben aufs Spiel. Vielleicht verlierst du deine Ware, vielleicht verletzt du dich, wenn du versuchst vor der Polizei zu fliehen, vielleicht endest du an diesem Tag in der Zelle. Einige HĂ€ndler*innen und Gewerbevereine sagen, dass wir einen unlauteren Wettbewerb fĂŒhren. Ich frage mich, wie sie von Konkurrenz reden können. Sie gehen jeden Tag mit Sicherheit und Ruhe arbeiten, mit Arbeitsrechten und Krankenversicherung und am Ende des Monats haben sie einen Lohn. Das sieht fĂŒr uns ganz anders aus. Manteros setzen tĂ€glich ihr Leben aufs Spiel und riskieren sogar abgeschoben zu werden.

Wie ist die arbeitsrechtliche Situation der Manteros und warum ist es so schwierig fĂŒr sie, in Spanien legal zu arbeiten?

Das spanische Gesetz sagt, dass eine Person, die illegal in Spanien einreist, erst nach drei Jahren Aufenthalt die Papiere fĂŒr eine Arbeitserlaubnis beantragen kann. WĂ€hrend diesen drei Jahren darfst du weder arbeiten noch studieren, du darfst nichts machen. Wovon soll man drei Jahre lang leben? Soll man stehlen? Das ist der Grund, warum wir, als wir angekommen sind, Produkte gekauft haben, um sie auf der Straße zu verkaufen. Manteros mĂŒssen drei Jahre unter diesen Bedingungen durchhalten, um ĂŒberhaupt die Möglichkeit zu haben, eine Arbeitserlaubnis zu bekommen. Aber das reicht allein nicht. Um die Arbeitserlaubnis nach drei Jahren beantragen zu können, muss man auch nachweisen, dass ein Arbeitsangebot mit einem mindestens einjĂ€hrigen Vertrag vorliegt. [3] Das ist unsere RealitĂ€t und die Situation, in der wir uns politisch organisieren.

Wie hat sich der Alltag der Manteros und der Gewerkschaft durch die COVID-19-Pandemie verÀndert?

Die Pandemie trifft uns hart. WĂ€hrend des Lockdowns in Spanien durften Manteros aufgrund der Ausgangssperre nicht auf die Straße und konnten so nichts verkaufen. Sie bekamen als Illegalisierte natĂŒrlich keine Hilfen vom Staat. Viele hatten weder Geld fĂŒr Essen noch konnten sie ihre Familien in den HerkunftslĂ€ndern finanziell unterstĂŒtzen. Als die Pandemie anfing haben wir als Gewerkschaft eine Lebensmittelbank eingerichtet und Essen an StraßenhĂ€ndler*innen in Barcelona verteilt. Wir haben das Projekt durch Spenden finanziert. Außerdem haben zwanzig Manteros Masken und Kittel genĂ€ht. Diese haben wir in den KrankenhĂ€usern verteilt. Diese Menschen, die sich wĂ€hrend der Pandemie engagiert haben, sind dieselben die vor der Pandemie von der Polizei auf den Straßen der Stadt verfolgt wurden.

Innerhalb der Gewerkschaft habt ihr ebenfalls den solidarischen Laden Top Manta aufgebaut, wo ihr politische T-Shirts designt und herstellt. Eines der letzten Designs trĂ€gt den Slogan „Mein Traum war nicht Mantero zu sein. Ich bin Fischer“. Was steckt dahinter?

Die EU schloss ein Fischereiabkommen mit Senegal ab, dass den europĂ€ischen Industrieschiffen den Fischfang an der senegalesischen KĂŒste ermöglicht. Die Fischer*innen in Senegal haben nun keine Arbeit mehr. Sie können mit den europĂ€ischen Industrieschiffen nicht konkurrieren und haben kaum noch Fisch, weder zum Essen noch zum Verkaufen. Sie nehmen uns die Ressourcen weg. Was soll man dann machen? Wir können nicht in einer Ecke sitzenbleiben und warten. Viele Manteros in Barcelona waren frĂŒher auch Fischer*innen. Unser Traum war, Geld durch unseren Beruf in unseren HerkunftslĂ€ndern zu verdienen. Auch die, die die Masken und Kittel genĂ€ht haben: Sie sind Schneider*innen und hatten nicht vor, auf der Straße zu verkaufen. Das sind die Konsequenzen der Globalisierung. Uns werden Ressourcen weggenommen, unsere HerkunftslĂ€nder werden ausgebeutet, danach kommen wir nach Spanien und wir werden als illegale Menschen eingestuft. Im Hafen von Arguineguin auf den Kanaren kamen in den letzten Monaten zahlreiche Cayucos an ( Cayucos sind einfache Holzboote, die oft von Migrant*innen fĂŒr die Flucht nach Europa genutzt werden – Anm. LV). Viele junge Leute haben in ihren HerkunftslĂ€ndern keine Zukunft und kommen daher nach Europa. Die Medien zeigen in der Regel die Bilder der Migrant*innen, wenn sie ankommen und vom Roten Kreuz behandelt werden, aber selten was danach passiert. Ich bin selbst 2006 auf den Kanaren angekommen und wurde danach 40 Tage in einem CIE aufgehalten, ohne zu wissen, was danach passieren wĂŒrde, ob ich auf freiem Fuß gesetzt oder abgeschoben werde. Das war hart.

Wie ist eure Beziehung zur institutionellen Politik? Habt ihr als Gewerkschaft auf lokaler Ebene Einfluss gehabt oder euch am Prozess der Entscheidungsfindung beteiligen können?

Die, die an der Macht sind, sind ChamĂ€leons. Sie Ă€ndern ihre Farbe stĂ€ndig. Auf die kannst du dich nicht verlassen. Wir haben oft mit lokalen Institutionen gesprochen, wir haben mehrmals ĂŒber die Situation der StraßenhĂ€ndler*innen verhandelt. Es war immer sehr schwierig. Wir fordern in erster Linie das Recht auf Arbeit und das war auch der Grund, warum wir unseren eigenen Laden gegrĂŒndet haben, um T-Shirts zu verkaufen und unabhĂ€ngig zu sein. Politiker*innen haben uns nie geholfen und werden das auch nie tun.

Zum Abschluss einen Blick in die Zukunft: Was sind eure nÀchsten Ziele und geplante Aktionen?

In den nĂ€chsten Monaten möchten wir in unserem Laden mit der Produktion von Schuhen anfangen. Auf politischer Ebene werden wir fĂŒr die Legalisierung der Menschen und fĂŒr das Recht auf wĂŒrdige ArbeitsverhĂ€ltnisse weiterkĂ€mpfen.


Anmerkungen:

[1] StraßenhĂ€ndler*innen verkaufen ihre Produkte meistens auf großen, ausgebreiteten Decken, die sie auf die Straßen legen. Wegen ihrer Decke – auf Spanisch „manta“ – werden sie „Manteros“ genannt. Das ist nicht nur eine umgangssprachliche, sondern auch eine Selbstbezeichnung der Gruppe.

[2] Die Centros de Internamiento de Extranjeros (CIE) sind Aufnahmelager fĂŒr Migrant*innen, die in Spanien illegal einreisen. Die Migrant*innen leben dort in unwĂŒrdigen VerhĂ€ltnissen und erfahren Diskriminierung und Rassismus. Politische Initiativen kĂ€mpfen seit Jahren fĂŒr die Schließung dieser Lager, in denen nicht selten Menschenrechte verletzt werden.

[3] Diese Art der Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis hießt „arraigo social“.

[4] Mit „sozialem Rassismus“ sind hier rassistische AusfĂ€lle von Individuen der Gesellschaft gemeint.




Quelle: Revoltmag.org