Oktober 19, 2022
Von Paradox-A
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Lesedauer: 4 Minuten

Da stieß ich zu einer kleinen Runde von einigen jüngeren Irgendwie-Linken hinzu, die diskutierten. Es ging um postkoloniale Theorien bzw. Perspektiven aus dem globalen Süden. Ich klinkte mich ins Gespräch ein, indem ich äußerte, wie wichtig ich es finde, sich die Ansichten von Menschen aus anderen Kontexten anzuschauen und ihnen zuzuhören; und dass ich es zugleich sehr bedauere, dies auch aktuell viel zu wenig zu tun. Es überraschte mich einigermaßen, dass einer der Szene-Typen entgegnete, dass dies ja die Theorie nicht verbessern würde und es in Kontexten der staatlich-kapitalistischen Peripherie ebenfalls viel Problematisches gäbe.

Ich wies darauf hin, mit welche Gewalt der moderne Nationalstaat und Kapitalismus durchgesetzt worden sind; dass er dies und die damit verbundenen kollektiven Traumata mitdenken müsse, wenn er in der hier bestehenden Gesellschaftsform irgendwie emanzipatorisches Potenzial sehen würde. Er meinte bissig, warum ich denn „Stammesgesellschaften“ für etwas Besseres halte und die Verklärung von „Indigenen“ völlig unangemessen sei. Darauf konterte ich, dass ich nicht wüsste, wo ich etwas verklärt hätte und dass er mit seiner Argumentation den kapitalistischen Nationalstaat letztendlich nur affirmieren würde. Denn dass es erstrebenswerte gesellschaftliche Verhältnisse neben und jenseits von ihm gibt, will er ja nicht wahrhaben und diffamiert sie daher pauschal.

Diffamierende bolschewistische Darstellung des „anarchistischen Bombenwerfers“

So endete der knappe Schlagabtausch im Schweigen. Gut, es war eine Auseinandersetzung mit ungleichen Voraussetzungen. Dennoch schockierte es mich, dass ein vermutlich durch antideutsche Debatten beeinflusster Linker (oder als was auch immer er sich bezeichnen würde), reflexhaft von „primitiven“ Gesellschaften spricht und ein absolut primitives Geschichtsverständnis offenbart, in welchem es – als völlig ahistorische – Setzung einen klaren Bruch zwischen vormodernen und modernen Gesellschaftsformen gäbe. Gut, ich kann kann pseudo-väterliche Milde walten lassen, indem ich mir sage, dass er sich eben noch im Denken übt. Ich habe auch manchmal Standpunkte vertreten, für welche ich mich mit dem Abstand der Zeit etwas schäme. Zugleich ist es auch eine Frage der eigenen Haltung und Entscheidung, wovon ich mich prägen lasse und worin ich mich übe.

Keine Ahnung, was der Typ glaubte verteidigen zu müssen. Vielleicht hatte es irgendetwas mit Diskussionen von Studierenden zu tun. Was mich aber bedrückt, sind unter anderem diese vulgärmarxistischen Rudimente im Bewusstsein von Linken. (Was sich auch auf andere Themen und Einstellungen anwenden lässt…) Das zeigte sich auch vorher bei einem anderen Austausch über Anarchismus. Mein Gegenüber fand ihn überaus sympathisch, glaubte aber zu wissen, dass Anarchist*innen sich nicht oder zu wenig mit ökonomischen Fragen beschäftigen würden. Ich weiß es nicht genau, hatte aber auch nicht unbedingt den Eindruck, dass er dies tut. Dass ich es wenig tue, liegt daran, dass ich weiß, dass wir in einer Klassengesellschaft leben und es den Kapitalismus zu überwinden gilt. Das ist so sonnenklar, das ich es nicht dauernd dazu sagen muss.

Ich glaube aber nicht daran, dass der Kapitalismus durch ökonomische Gesetzmäßigkeiten in seiner permanenten Krisenhaftigkeit zusammenbrechen wird. Sondern, dass er von kollektiv organisierten und zielgerichtet handelnden Menschen angegriffen und ersetzt werden muss. Deswegen denke ich mehr darüber nach, was uns daran hindert und wie dies gelingen kann. Wie auch immer irritiert mich dann stark, dass selber Gesprächspartner sich mit seinen Leuten auf die „Keimformtheorie“ stützt – einem Grundgedanken, welcher sogar wörtlich aus dem anarchistischen Denken übernommen wurde und den man nun irrigerweise glaubt „marxistisch“ weiter entwickeln zu müssen.

Dann sagte ich zu einer dritten Person, ich fände es bedauerlich, dass anarchistische Perspektiven in der gesellschaftlichen Linken nicht tiefgehender thematisiert werden. Immerhin ist deren Denken und Handeln ja von zahlreichen Rudimenten durchdrungen, welche indirekt oder auch direkt aus dem Anarchismus entlehnt worden sind. Zumindest bewusst machen und dazu verhalten sollte man sich, finde ich. Sie meinte dagegen, ihr Kreis beschäftige sich nun einmal mit „materialistischen“ Theorien. Mit anderen Worten also mit der Reproduktion und im besten Fall der Erneuerung kommunistischer Denker*innen.

Jene werden dann so präsentiert, als handelte es sich um die sozialistische Theorie schlechthin – statt um eine bestimmte Ausprägung von ihr, die teilweise mit ziemlich miesen Intrigen, Anfeindungen und Ausschlüssen durchgesetzt wurde, weil sie den Führungsbestrebungen bestimmter Kaderpolitiker*innen am besten passte. Was am anarchistischen Bezugspunkt einer sozialen Revolution als Vergesellschaftung der Produktionsmittel und Überwindung des Privateigentums nicht materialistisch sein soll, ist mir unklar. „Materialistisch“ scheint in diesem Zusammenhang einfach ein Zauberwort zu sein, um das Gerücht zu streuen, andere sozialistische Positionen seien per se nicht theoretisch fundiert.

Vom Studi-Linken, über den Klimaaktivisten oder der marxistischen Organisatorin zeigen sich die Vorurteile und vulgärmarxistischen Rudimente in ihrem Denken. Von irgendwelchen dogmatischen Politsekten oder linken Universitätsmitarbeitenden habe ich dabei noch gar nicht gesprochen. Sicherlich kann und sollte man anarchistische Theorien kritisieren oder ihr gegenüber skeptisch sein. Über Grundannahmen, Erkenntnisgewinnung, Wahrheitsverständnis, Subjekt-Objekt-Verhältnis, empirischen Belegen und so weiter lässt sich vortrefflich streiten. Das Problem von expliziten Anarchist*innen ist, dass sie sich ihrer Theorie oftmals viel zu wenig bewusst sind, weil sie ihnen auch reichlich egal ist. Selbst wenn sich das verbessern lässt, müssen sie gegen einen Berg von Vorurteilen und Falschdarstellung des Anarchismus angehen, statt die damit verbundene Energie in die Weiterentwicklung ihres theoretischen Denkens stecken zu können…




Quelle: Paradox-a.de