September 27, 2022
Von Indymedia
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 1. Definitions- und Handlungsmacht

Im Text werden diese beiden Konzepte permanent durcheinandergebracht, falsch wiedergegeben oder einfach zusammengeworfen. Allerdings haben sich die Autor*innen nicht die MĂŒhe gemacht, diese Grundpfeiler feministischer Politik zu definieren oder wenigstens zu erklĂ€ren was sie damit meinen. Deshalb wollen wir es tun. Wir verstehen Definitionsmacht als Anerkennung der Erfahrungswelt einer betroffenen Person. Betroffenheit sei hier weiter gedacht als im Rahmen sexualisierter Übergriffe. Auch Rassismen, Queerfeindlichkeit, Ableismus usw. können Betroffenheiten hervorrufen. Dabei liegt die Definition dessen, was vorgefallen ist, bei der betroffenen Person und eben niemandem sonst. Menschen sind zu komplex, um von außen nachvollziehen zu können, wie sich Übergriffe anfĂŒhlen oder was sie auslösen. Deswegen kann Definitionsmacht heruntergebrochen werden auf den Satz: Wir glauben dir.

Entscheidungs- bzw. Handlungsmacht sehen wir als etwas komplexer an. Hier stellt sich die Frage, wie mit einem Übergriff und der Gewalt ausĂŒbenden Person umgegangen wird. Wir halten es fĂŒr unabdingbar, dass dabei die BedĂŒrfnisse der betroffenen Person im Vordergrund stehen. Allerdings sollte die Verantwortung nicht allein bei dieser Person liegen. Der Umgang mit Übergriffigkeit sollte kollektiv behandelt werden, denn wir stehen alle in der Verantwortung fĂŒr uns und unser Umfeld. Im Umgang mit den Konsequenzen ist das Konzept Definitionsmacht daher nicht ausreichend. Komplexere AnsĂ€tze dafĂŒr gibt es in Community Accountability Konzepten. Situationen sind meist sehr kompliziert, so wie Menschen eben auch. Und es kann schnell passieren, dass beispielsweise der Wunsch nach Verschwiegenheit einer betroffenen Person dem Wunsch nach dem Schutz weiterer potentieller Betroffener entgegensteht. Also dass Menschen vor Gewalt ausĂŒbenden Personen gewarnt werden sollten. Hier brauchen wir definitiv mehr Diskurs ĂŒber die Trennung beider Konzepte. Ein Debattenanstoß findet sich beispielsweise in dem Interview der evibes, welches auch in dem Text als Quelle zitiert wird, aber offensichtlich nicht richtig verstanden wurde.

Zudem maßt sich der Text an, die Folgen von “Situationen die weit entfernt von physischer Gewalt sind” bewerten und vorhersehen zu können. Gleichzeitig werden alle von sexualisierten Übergriffen abweichenden Formen von Gewalt ignoriert. Mobbing, Fat-shaming, Gas-lighting, Trans*feindlichkeit, ableistischer Ausschluss, Mikrorassismen (um nur ein paar Beispiele zu nennen) sind alles Formen von psychischer Gewalt, die benannt werden mĂŒssen und auf die das Konzept der Definitionsmacht anzuwenden ist. Auch diese können starke körperliche Folgen haben, beispielsweise Panikattacken, Dissoziation, Essstörungen, selbstverletzendes Verhalten bis hin zu Suizid.

Auch zeigt sich, dass sich nur mangelhaft mit Patriarchat auseinandergesetzt wurde. Wer patriarchale Gewalt auf körperliche Übergriffe reduziert, hat weder Patriarchat noch Gewalt verstanden. Sexualisierte Gewalt findet in den meisten FĂ€llen im Bekanntenkreis statt. Oft im Familienumfeld, Freund*innenkreisen oder romantischen Beziehungen. Selten ist der*die TĂ€ter*in völlig unbekannt. Die Gewalt als solche hat also ein psychisches Vor- und Nachspiel und steht im Kontext anderer Gewalt- und Dominanzbeziehungen. Zum anderen wird sich hier des sog. Vergewaltigungsmythos oder auch Opfermythos bedient. Die Idee dahinter ist, dass betroffene von sexualisierter Gewalt bestimmte traumatische Reaktionen zeigen mĂŒssen, damit die Gewalt als solche anerkannt wird. Tun sie das nicht, wird ihnen im Zweifel abgesprochen, diese Gewalt tatsĂ€chlich wie beschrieben erlebt zu haben. Betroffene mĂŒssen sich immer wieder gegen diese Rollenzuschreibung wehren, was zu einer zusĂ€tzlichen Belastung fĂŒhrt. Der Umgang mit erlebter Gewalt ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich und das sollten wir akzeptieren!

Gleichzeitig wird behauptet, dass die Folgen vermeintlich weniger schlimmer Übergriffe auch an sich weniger schlimm seien. “Die falsche Behauptung, Opfer einer dummen Anmache oder einer mehr oder weniger ernstzunehmenden Drohung geworden zu sein, prĂ€gt keine lebenslange Opferrolle […]” und soll somit laut den Verfassenden ein Einfallstor fĂŒr den Verfassungsschutz sein. Hier werden traumatische Vorerfahrungen, persönlicher Kontext oder strukturelle Diskriminierung völlig außer Acht gelassen.

2. Definitionsmacht und Outings als manipulatives Werkzeug fĂŒr Spitzel

Der Text tut hier etwas unserer Meinung nach recht gefĂ€hrliches. Er versucht einen Zusammenhang zwischen zwei Themenbereichen herzustellen, der in unserer Erfahrung bisher nicht existiert hat. Genauer wollen sie die Angst vor Bespitzelung nutzen, um Definitionsmacht als Konzept in Frage zu stellen. Aber nochmal ausfĂŒhrlicher, da dieser Text ja erst 1,5 Seiten lang ist.

NatĂŒrlich ist es kein Geheimnis, dass die deutschen Sicherheitsbehörden V-Personen und verdeckte Ermittler*innen einsetzen, um an Informationen zu gelangen. Und dass Menschen zu bestimmten Taten angestiftet werden sollen oder falsche Informationen verbreitet werden, um Misstrauen zu schĂŒren, scheint auch nicht abwegig. Jedoch ist diese Tatsache weder ein Argument gegen die Anwendung von Definitionsmacht, noch sollten wir uns zu sehr davon verunsichern lassen.

Im Text wird vor allem behauptet, dass bei “niedrigschwelligen VorwĂŒrfen” (gemeint sind z.B. “ein blöder Spruch, ein unreflektiertes Auftreten, ein zu langer Blick”) eine Sanktionierung gleichermaßen angewandt wĂŒrde wie im Falle von Vergewaltigung und körperlicher GrenzĂŒberschreitung. Es wird problematisiert, dass sich hieraus die Möglichkeit des Missbrauchs der Definitonsmacht fĂŒr Provokateure/Spitzel ergĂ€be. Wir fragen uns, in welchen FĂ€llen eine solche Gleichsetzung von Sanktionierung tatsĂ€chlich passiert und wehren uns gegen diese allgemeingĂŒltige Darstellung. NatĂŒrlich bedĂŒrfen unterschiedliche Formen von Gewalt und Übergriffen unterschiedlicher Umgangsweisen. Im besten Fall funktionieren VerĂ€nderung bringende Prozesse dabei so gut, dass nicht auf Sanktionierungen zurĂŒckgegriffen werden muss. Aber dies bedeutet nicht, Definitonsmacht infrage zu stellen (also den Betroffenen ihre Darstellung von Übergriffen zu glauben) oder Outings komplett zu delegitimieren.

Das unserer Meinung nach grĂ¶ĂŸere Sicherheitsrisiko im Bezug auf Repression sind Macker, die am Lagerfeuer oder im Club mit ihren Aktionen prahlen, um Frauen zu beeindrucken. Oder sich durch Andeutungen und Verhalten als besonders cool und klandestin darstellen, um DominanzverhĂ€ltnisse zu anderen Typen zu sichern. Dass dann genau diese Personen in den Fokus von Ermittlungen rĂŒcken oder um sie herum irgendwelche Strukturen herbeikonstruiert werden wundert dann nicht.

Aber zurĂŒck zum Text. V-Leute sollen also Definitionsmacht einsetzen, um durch LĂŒgen Einzelpersonen oder Politgruppen politisch unschĂ€dlich zu machen. Die Idee ist hier also, dass eine V-Person behauptet, von einem Übergriff durch eine Person betroffen zu sein und dann wird diese Gewalt ausĂŒbende Person oder gleich ihre ganze Politgruppe aus der Szene ausgeschlossen und kann nicht mehr politisch arbeiten. Wir können nicht sagen: Das ist noch nie passiert. Denn das wissen wir ja nicht. Zumindest aber haben wir bisher von keinem solchen Fall gehört. Was wir aber wissen ist, dass jeden dritten Tag eine Frau in DE ermordet wird, weil sie eine Frau ist; dass jeden Tag Queers erniedrigt und diskriminiert werden; dass der Großteil unseres Umfeldes von patriarchaler Gewalt betroffen ist; dass viel dieser Gewalt von Menschen aus „der Szene“ kommt und dass sich seit dem Tomatenwurf 1968 bei cis Dudes nicht allzu viel getan hat. Konkret: Wir erleben patriarchale Gewalt von cis-mĂ€nnlichen “Genossen”. Jeden Tag. StĂ€ndig. Wir mĂŒssen uns immer wieder der Gewalt und der Vorstellung von Feminismus als Nebenwiderspruch auseinandersetzen und die cis Typen machen einfach immer weiter. Das VerhĂ€ltnis von FĂ€llen des Missbrauchs der Definitionsmacht zur Spaltung der Szene durch den VS, zu der tatsĂ€chlichen patriarchalen Gewalt in der Szene liegt also heftig weit auseinander. So weit, dass ersteres wohl geflissentlich als Argument zur Aushebelung von Definitionsmacht ignoriert werden kann. Wir sehen auch, dass in einigen Teilen der Linken Begriffe wie Gewalt, Trigger, Betroffenheit oder Trauma inflationĂ€r d.h. immer hĂ€ufiger verwendet werden. Und wir stimmen insoweit zu, als dass dies zu einer Auflösung der eigentlichen Bedeutung und somit zu einer Gleichsetzung verschiedener Gewaltformen fĂŒhrt. Und auch, dass es eine Tendenz dazu gibt, Gewalterfahrungen zu hierarchisieren um die eigene Position in einem Konflikt zu stĂ€rken. Hier sehen wir ebenfalls eine ausstehende Diskussion die in verschiedenen Kontexten dringend gefĂŒhrt werden muss. Jedoch auf eine sensible und respektvolle Weise und definitiv nicht, indem Personen beleidigt werden. Das fĂŒhrt zu keiner Selbstreflexion, sondern zu einer VerhĂ€rtung der Fronten und somit Spaltung. Damit nimmt der Text dem vermeintlichen VS schön die Arbeit ab.

Um der AbstrusitÀt dieser Argumentation noch eine Sahnehaube aufzusetzen, wird letztlich behauptet, dass das Outing von Johannes D. vom Verfassungsschutz inszeniert worden sei, um die Szene zu spalten.

„Das steht jedoch in keinem Widerspruch zu unserer Überzeugung, dass sowohl Zeitpunkt als auch Form des Outings durch eine Verfassungsschutzbehörde gesteuert und lanciert worden sind. Diese Überzeugung hat die Möglichkeit zum Inhalt, dass das eigentliche anonyme Outing vollstĂ€ndig von außen oder aber auch durch V-Personen in der Szene erfolgt ist. Manche anschließenden Reaktionen aus der Szene lassen neben der Möglichkeit vernichtender Dummheit dann eindeutig nur die Tatsache einer Beteiligung von V-Personen zu.“

Zur Frage des Zeitpunktes haben andere bereits was geschrieben . Wir wĂŒrden solche Verschwörungstheorien ja eigentlich gerne ignorieren. Aber das Ausmaß an Anmaßung lĂ€sst uns hier keine Wahl. Zum ersten, das Outing war nicht anonym. Die Person nennt sich im ersten Satz als Ex-Beziehungsperson von J.D.. Außerdem gibt es eine Email-Adresse fĂŒr Kontakt. Des weiteren haben unzĂ€hlige Gruppen Bezug auf das Outing genommen (Soli-Antifa-Ost, EA Berlin, EA Dresden, Criminals4Freedom, Rote Hilfe Leipzig, Antifa Friedrichshain, Rigaer 94 etc.). Zu behaupten, all diese Gruppen wĂ€ren auf eine Finte des VS reingefallen und hĂ€tten nicht mal die Faktenlage gecheckt, ist abstrus.

Auch das Argument solch intimes Wissen wie aus dem Outing könne nur der VS haben ist quark. Möglicherweise haben Personen aus ehemals intimen Beziehungen mit J.D. dieses intime Wissen ĂŒber J.D.? Nur so als Anstoß. Wahrscheinlich liest es sich ja schon leicht raus, aber wir sind fucking wĂŒtend ĂŒber diese Scheiße, die in dem Text verbreitet wird und der Respektlosigkeit mit der Betroffenen hier begegnet wird.

Zuletzt wird noch gefordert, jedes Outing solle durch „eine vertrauenswĂŒrdige Quelle“ – gemeint ist eine „tatsĂ€chlich existierende szenebekannte Gruppe“ – bestĂ€tigt werden. Ansonsten sei es zu missachten. Abgesehen davon, dass “szenebekannte Gruppen” sich in der Regel selten öffentlich zu ihren Bekanntschaften zu Betroffenen oder TĂ€tern Ă€ußern werden und es sehr gefĂ€hrlich wĂ€re solche Netzwerke offenzulegen, sollte klar sein, dass die meisten Betroffenen von sexualisierter Gewalt aus guten GrĂŒnden anonym bleiben wollen. Wer sich jemals mit patriarchaler Gewalt bis hin zu Feminiziden beschĂ€ftigt hat, weiß das auch. Im Falle von JD haben aber wie gesagt sehr viele Gruppen auf das Outing Bezug genommen und sogar bestĂ€tigt, Menschen aus dem Umfeld von JD zu kennen und von den VorwĂŒrfen gewusst zu haben.

Wir wollen natĂŒrlich nicht unsichtbar machen, dass Gewalt nicht nur von cis MĂ€nnern ausgeht und wir alle unabhĂ€ngig von Geschlecht unsere Sozialisierung und unser Verhalten/Denken unter die Lupe nehmen sollten. Wir ĂŒben alle Gewalt aus, denn wir sind in einem gewalttĂ€tigen System sozialisiert.

3. Umgang mit Spitzeln

Neben der Wiederholung von GrundsĂ€tzen wie: rede nicht im Infoladen ĂŒber illegale Aktionen, wird nun mit heißen Tipps zum Umgang mit Spitzeln in der Szene um sich geworfen. Zusammenfassen kann man diese mit: “Isolier dich.” Die Idee ist, dass wir nur noch mit vertrauten und engsten Menschen aktiv sein sollen, weil alle anderen fĂŒr die Bullen arbeiten könnten. Außerdem sollen wir in unserem vermeintlich unpolitischen Privatleben “die Szene” meiden. Dem wollen wir geflissentlich widersprechen. NatĂŒrlich sollte man nur mit Menschen klandestin unterwegs sein, denen man vertraut. Aber wenn wir anfangen jeder fremden Person, die Interesse an politischer Praxis zeigt, mit Misstrauen zu begegnen, machen wir genau das was der Staat will. Wir ziehen uns zurĂŒck und machen uns angreifbar. Wir erleben immer stĂ€rker zunehmende Repressionswellen und immer mehr Menschen geraten in den Fokus der Ermittlungsbehörden. Und darauf sind wir in DE vergleichsweise schlecht vorbereitet.

Wir brauchen also dringend Nachwuchs und vor allem mehr KollektivitĂ€t. Es gibt bereits stark etablierte Ausschlussmechanismen, die ein andocken an radikal emanzipatorischer Politik stark erschweren. Wenn wir uns verschiedene linksradikale Szenen in DE anschauen werden wir feststellen, dass wir alles andere als divers aufgestellt sind (meistens weiß, cis, hetero, den Körpernormen entsprechend, Mittelklasse, mit akademischen Hintergrund, able-bodied etc.). Es werden also ganze Personengruppen ausgeschlossen. Das ist ein Problem. Dazu kommt, dass Szenewissen und Erfahrungen nicht weitergegeben werden, wodurch immer wieder die selben Fehler passieren, und Menschen durch Szenecodes und starke Hierarchien abgeschreckt werden. Gleichzeitig mĂŒssen Spitzel also nur diese Szenecodes kennen, um einfach in hierarchische Positionen zu gelangen. Ein emanzipatorischer Ansatz fĂŒr den Umgang mit vor allem verdeckten Ermittler*innen sollte also sein, VertrauensverhĂ€ltnisse aufzubauen und Menschen privat kennenzulernen. Damit wird viel schneller klar, wer sich ungewöhnlich verhĂ€lt und vor allem stĂ€rken wir unser Miteinander und lernen verschiedene neue Perspektiven kennen. Außerdem wollen wir stark machen, dass wir uns sehr wohl fĂŒr das “Privatleben” und die Beziehungen unserer GefĂ€hrt*innen interessieren sollten, um patriarchale Gewalt innerhalb von Beziehungen zu erkennen und gegebenenfalls zu intervenieren.

Lasst uns einander offen begegnen statt uns zu isolieren. Das soll nicht heißen, dass wir uns mit Riot-Geschichten in Szene setzen sollen, sondern dass wir Interesse an dem Menschen gegenĂŒber zeigen und gewillt sind voneinander zu lernen. Lasst uns viele (vielleicht sogar eine Bewegung) werden und kolonial-patriarchalen Kapitalismus zerschlagen.

4: Populismus und Quellenarbeit

Der Text stellt unter anderem die folgende großspurige Behauptung in den Raum.: „[Spaltungen der Szene durch V-Personen] sind uns zwischen 1994 und 2009 aus u.a. Aachen, Berlin, Duisburg, Flensburg, Gießen, Kassel, Köln, Passau und TĂŒbingen bekannt und belegt.“

Hier wurde trotz spĂ€terem Pochen auf die Notwendigkeit von Belegen und Quellen wohl vergessen diese Aussage zu beweisen. Es wird interessanterweise erwĂ€hnt, dass die angebrachten Beispiele unter anderem wegen des Fehlens von Belegen nicht veröffentlicht wurden. Wer sich mit dem Umgang mit Spitzeln beschĂ€ftigt hat, weiß auch, dass man niemals einen Spitzelverdacht streuen sollte, wenn man sich nicht sehr sicher ist.

Der zeitliche Rahmen und die AufzÀhlung zufÀlliger StÀdte in der BRD sollen aber vor allem eines: Eindruck schinden. Wer so viele StÀdte kennt kann ja nur recht haben.

Und damit wĂ€ren wir auch beim Thema Populismus. Der Text strotzt nur so vor populistischer Stilmittel. Am auffĂ€lligsten erscheint uns hier, wie immer wieder ein Feindbild aufgemacht wird, welches nie nĂ€her definiert wird. Dadurch soll der Text anschlussfĂ€higer werden, da Menschen ihre eigenen Erfahrungen in dieses Feindbild rein interpretieren können. Das zeigt sich an reißerischen Formulierungen die, wenn man genauer darĂŒber nachdenkt, eigentlich nur Fragen zurĂŒcklassen.

Hier einige Beispiele:

  • Was sind „Die mit dem Outing verbundenen direkten Angriffe auf das Umfeld des TĂ€ters“

  • Was genau ist mit „die szenetypischen Reflexe“ gemeint?

  • Was ist ein „entpolitisierte[r] befindlichkeitsfixierte[r] geschichtslose[r] Szenesumpf“ und welche Kritik verbirgt sich dahinter?

  • „Manche anschließenden Reaktionen aus der Szene lassen […]die Tatsache einer Beteiligung von V-Personen zu.“ Auf welche Reaktionen wird sich hier konkret bezogen?

  • „Wir wissen, dass jeglicher Appell in diese Richtung ergebnislos versanden wird, was diejenigen Teile eines Szenesumpfs betrifft, fĂŒr die der neueste Szene-Tratsch, das letzte GerĂŒcht und der brandheiße Scheiß ohnehin das allergrĂ¶ĂŸte ihrer elendigen Zugehörigkeiten und IdentitĂ€ten sind.“ Wer ist damit gemeint und welches konkrete Verhalten wird hier kritisiert?

Alle die also mal unsanft auf ihre Privilegien und Dominanzverhalten hingewiesen wurden, sollen sich hier wiederfinden. Und wir können vermuten, dass genau diese Menschen die Zielgruppe sein sollen. Gleichzeitig werden Thesen erst vorsichtig durch „hĂ€tte, könnte, wĂ€re“ als eine von vielen Möglichkeiten dargestellt, im nĂ€chsten Satz aber als einzig mögliche Tatsache konstruiert. “Das steht jedoch in keinem Widerspruch zu unserer Überzeugung, dass sowohl Zeitpunkt als auch Form des Outings durch eine Verfassungsschutzbehörde gesteuert und lanciert worden sind. Diese Überzeugung hat die Möglichkeit zum Inhalt, dass das eigentliche anonyme Outing vollstĂ€ndig von außen oder aber auch durch V-Personen in der Szene erfolgt ist. Manche anschließenden Reaktionen aus der Szene lassen neben der Möglichkeit vernichtender Dummheit dann eindeutig nur die Tatsache einer Beteiligung von V-Personen zu.” Auch dies ist ein klassisches populistisches Stilmittel. Außerdem wird fĂŒr fast keine der aufgestellten Behauptungen eine Quelle oder ein Beleg genannt.

SpĂ€testens an der Stelle, als der Text von “unreflektiertes Abnicken, angsterfĂŒlltes Schweigen und pure Lust an der Hexenjagd” spricht, sollten die Alarmglocken lĂ€uten. Der Begriff der Hexenjagd nimmt Bezug auf einen der grĂ¶ĂŸten Feminizide der Menschheitsgeschichte und wird vor allem von Antifeminist*innen und Maskulinisten verwendet um sich VorwĂŒrfen sexualisierter Gewalt zu entziehen. Die Idee dahinter ist, dass aufgrund dominanter Ideologie unliebsame Menschen ausgeschlossen werden. FrĂŒher durch Ermordung, heute durch öffentliches in Verruf bringen. Vor allem ist es aber ein populistischer Kampfbegriff patriarchaler Ideologie, mit dem Menschen manipuliert werden sollen. Wenn man sich das Ausmaß an Gewalt an Frauen und deren Folterung, VerstĂŒmmelung und Ermordung durch die patriarchale Ideologie der Kirche ĂŒber Jahrhunderte weltweit und die Etablierung dessen in Gesetzen und Gerichtsurteilen vor Augen fĂŒhrt, begreift man vielleicht das Ausmaß an Anmaßung die es braucht, um dies mit der Sichtbarmachung von sexualisierter Gewalt im Internet gleichzusetzen. Just saying.

Und damit kommen wir zum nĂ€chsten Punkt. Quellen werden im gesamten Text immer nur als Zahlen hinter eine Aussage gepackt, hĂ€ufig ohne dass auf den genauen Inhalt eingegangen wird. Zwar wirkt der Text dadurch erstmal belegt, prĂŒft man jedoch die Quellen, muss man schnell feststellen, dass viele totaler Quatsch oder unnachvollziehbar sind. Quellen sollen auf Aussagen anderer verweisen oder Behauptungen belegen. Dazu muss jedoch auch auf deren Inhalt eingegangen werden. Einen Text von Rhezi Mahlzahn als Beleg fĂŒr eine feministische Kritik an Definitionsmacht anzufĂŒhren, in dem der Begriff jedoch kein einziges mal erwĂ€hnt wird, ist nicht nur unsauberes Arbeiten, sondern kann als bewusste IrrefĂŒhrung ausgelegt werden. Eine Doku und einen ganzen Blog mit unzĂ€hligen Texten um den Hintergrund verdeckter Ermittler*innen in der Roten Flora in Hamburg anzufĂŒhren, dann zu behaupten, irgendetwas sei in „vermeintlich antipatriarchaler Manier szenegerecht serviert“, ohne nachvollziehbar zu machen was damit gemeint ist, ist einfach völlig daneben. Wir plĂ€dieren dafĂŒr, Texte grundsĂ€tzlich anschlussfĂ€higer zu schreiben und wenn schon auf Quellen verwiesen wird, dann doch bitte deutlich zu machen, was genau in dieser steht und wie dies interpretiert wird.

Gleichzeitig merken wir, dass im Text viele Andeutungen auf internes Szenewissen steckt. Beispielsweise “ominöse und anonyme E-Mails an ausgewĂ€hlte Gruppen”. Auch diese Praxis halten wir fĂŒr gefĂ€hrlich und klassisch patriarchales rumgemackere. Allgemein bringen Andeutungen niemandem etwas und haben nur zum Ziel sich selbst als cool und Teil eines “inneren Kreises” darzustellen. FĂŒr die Bullen ist das natĂŒrlich ideal, da sich daraus wunderbar ZusammenhĂ€nge konstruieren und die Andeutungen mit Inhalten fĂŒllen lassen. Und fĂŒr alle, die nicht wissen worum es geht, macht es Aussagen nur unverstĂ€ndlicher und hinterlĂ€sst ein scheiß GefĂŒhl von nicht-genug-sein und Ausschluss. Lasst uns also eine politische Praxis kultivieren, in der wir entweder etwas sagen und erklĂ€ren was wir damit meinen, oder etwas einfach nicht sagen. Ganz einfach.

Abschluss

Dies soll ein Diskussionsbeitrag sein, der anhand eines starken Negativbeispiels verschiedene Diskurse anschneidet und emanzipatorische Positionen darstellt. In unserer Analyse und Diskussion ist uns vor allem ein riesen Denkfehler aufgefallen. Bei aller Kritik an dem Umgang mit Gewalt in der Szene ist es doch vor allem die Gewalt an sich, die das Problem darstellt. Schuld an der Misere sind nicht die Personen, die verzweifelt einen Umgang mit der Gesamtscheiße suchen, sondern diejenigen, die weiterhin Gewalt ausĂŒben, statt sich zu reflektieren. Schuld sind die TĂ€ter*innen! Ohne die hĂ€tte der VS nicht die vermeintliche Grundlage uns zu spalten. Also hört mit eurer beschissenen TĂ€ter-Opfer-Umkehr auf und rafft euch!

Fußnoten:

https://evibes.org/2020/04/03/definitionsmacht-interessiert-das-eigentlich-noch-irgendwen/

Schöner leben ohne Spitzel S. 26/27 zB. hier: https://www.berlin.rote-hilfe.de/wp-content/uploads/2015/07/schoener_leb…

Als ErgĂ€nzung dazu heißt es, in einem Text von Bilke Schnibbe in der A&K Nr.684:

“Ja, alle Menschen handeln gelegentlich grenzĂŒberschreitend und verletzend – auch im sexuellen Bereich. Und ja, es macht Sinn, auf solche Vorkommnisse anders zu reagieren als auf geschlechtsspezifische Gewalt, die in einer patriarchalen Gesellschaft normalisiert wird. Es ist wichtig, das eine vom anderen zu unterscheiden – allerdings ohne die Debatte dafĂŒr zu öffnen, dass wir eigentlich ein Problem mit ĂŒberzogenen VorwĂŒrfen hĂ€tten. Zu behaupten, dass Betroffene und UnterstĂŒtzende zu garstig sind und TĂ€ter entmenschlichen, lenkt davon ab, dass die großen Probleme aktuell folgende sind: 1. Betroffene werden bekĂ€mpft und allein gelassen, bis nichts mehr außer Ausschluss geht und 2. TĂ€ter werden geschĂŒtzt.” (In: https://emrawi.org/?Verrater-gehen-Vergewaltiger-bleiben-2277)




Quelle: De.indymedia.org