Dezember 1, 2022
Von Assoziation Autonomer Umtriebe
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Der Boycott der Männer Fußball-WM in Katar geht weit über die aktiven Fanszenen hinaus. Neben der Unterdrückung von Frauen, LGBTQ+, Meinungsfreiheit im allgemeinen durch eine autoritär-religiöse und autokratische Herrscherdynastie sind v.a. die toten Arbeitsmigrant*innen auf den WM Baustellen Anlass von radikaler Kritik und bürgerlicher Betroffenheit.

Die Schätzungen der Toten gehen je nach Quelle von mindestens 6500 bis 15.000 Menschen aus, die für den Bau von prunkvollen Stadien, Anlagen und Hotels ihr Leben ließen. Darüber hinaus waren die Arbeiter*innen körperlicher Gewalt durch Vorgesetzte ausgesetzt, man nahm ihnen die Reisepässe ab und vielfach wurden sie auch gar nicht bezahlt.

Es liegen 24.500 Beschwerden über nicht gezahlte Löhne vor, 20.000 sollen ihre Löhne erfolgreich eingeklagt haben. Allerdings gibt es immer wieder Berichte darüber, dass Chefs die Arbeitsmigrant*innen hindern Greichtstermine wahrzunehmen. Ein komplettes Dossier zu Arbeitsbedingungen in Katar gibt es bei Labournet.

Das Netzwerk Boycott Qatar hat eine Broschüre heraus gebracht, die im Folgenden in Auszügen wiedergegeben wird. Die gesamte Broschüre gibt es als Donwload hier.

Was meinen wir mit #BoycottQatar2022?
Der Boykott, den wir meinen, soll sich vor allem hier bei uns, in Deutschland, abspielen, möglichst vereint mit den Fanbewegungen in anderen Ländern. Es geht nicht darum, einfach den Fernseher auszuschalten und die WM zu ignorieren. Vielmehr wollen wir all die Punkte, die uns an der WM 2022 nicht passen, klar benennen: die indiskutable Menschenrechtslage in Katar; die sklavenähnlichen Lebensbedingun-gen für die Arbeitsmigrant*innen dort; die Gier der FIFA nach immer neuen Geld-quellen; die Korruption ihrer Funktionäre; die fatale Entwicklung des Profifußballs auch in Europa. [……]

Damit wollen wir der glamourösen Inszenierung entgegenwirken, die FIFA und das Katar-Regime der Weltöffentlichkeit präsentieren wollen. Ihr Image soll nicht aufpoliert werden, sondern Schaden nehmen. Es soll sich künftig weder für die FIFA noch für autokratische Herrscher und erst recht nicht für Sponsoren lohnen, auf diese Art den Fußball auszubeuten.

Seit unter den Fans intensiver über einen Boykott diskutiert wird, melden sich in den Medien auch Kritiker*innen dieser Maßnahme zu Wort. Ein Argument lautet: Ein internationales Turnier kann Menschen helfen, die im Gastgeberland in Not sind, weil es die Aufmerksamkeit dorthin lenkt. Ist daher ein Dialog nicht besser? Hat Katar nicht Arbeitsreformen versprochen, die ohne die WM wohl nicht gekommen wären? Tatsache ist: Die FIFA hat die Situation der Arbeitsmigrant*innen jahrelang ignoriert. Erst weil Menschenrechtsgruppen hartnäckig Aufklärungsarbeit leisteten, befürch-teten die FIFA und das Regime in Katar einen Imageverlust und vereinbarten kleine Reformen. De facto gelten diese aber weitgehend nur für die WM-Baustellen. Für die allermeisten Arbeiter*innen hat sich nach Erkenntnissen von NGOs kaum etwas geändert. Und: Die Diskriminierungen von Frauen und Homosexuellen sowie die Einschränkung der Meinungsfreiheit bleiben bestehen – sie waren für die FIFA ohne-hin nie ein Thema.

Boykott-Befürworter*innen wird auch eine eurozentristische Haltung vorgeworfen. Sie würden nicht berücksichtigen, dass in anderen Ländern nun einmal andere religiöse und kulturelle Traditionen herrschten. Aber: Rechtfertigt dieses Argument, die Menschenrechte zu relativieren? Müssten wir dann nicht auch Gastgeberländern wie Russland und China ihre Menschenrechtsverletzungen nachsehen, weil sie nun mal nicht über eine demokratische Vergangenheit verfügen? Müsste man dann nicht auch den Antisemitismus in Deutschland mit einer jahrhundertelangen Tradition entschuldigen? Und den Missbrauch in der katholischen Kirche mit dem gleichen Argument? Menschenrechte sind unteilbar, und ihre Missachtung ist nicht Ausfluss einer ominösen „Kultur“, sondern folgt den Interessen der politischen und/oder religiösen Eliten. Das darf nicht unser Maßstab sein. #BoycottQatar2022 heißt nicht, die Menschen in Katar zu boykottieren. Sondern ein Schauspiel, das die Menschenrechtssituation im Land verschleiern soll.

In der Menschenrechtserklärung der FIFA vom Mai 2017 heißt es: „Die FIFA ist bestrebt, innerhalb der Organisation und bei all ihren Tätigkeiten ein diskriminierungsfreies Umfeld zu schaffen.“ Wie verträgt sich dieser Anspruch mit der Situation im Land des WM-Gastgebers 2022?

Politische Rechte?
Seit der Gründung des Staats Katar 1971 herrscht dort die Dynas-tie al-Thani. Eine klare Gewaltenteilung existiert nicht, ein Drittel der Mitglieder des „Parlaments“ bestimmt das Staatsoberhaupt selbst. Öffentliche Kritik am Emir und dem Herrscherhaus ist verboten. Wer dagegen verstößt, muss mit hohen Strafen rech-nen. So wurde etwa der Literaturstudent Mohammed al-Ajami 2011 für ein Gedicht unter anderem wegen „Beleidigung des Emirs“ zu einer Haftstrafe von 15 Jahren verurteilt. Nach internationalen Protesten begnadigte ihn der Emir 2016.

Menschenrechte?
In Katar gibt es vielfältige Formen männlicher Vormundschaft, die Frauen beim Heiraten, Arbeiten, Studieren und Reisen massiv diskriminieren, so Human Rights Watch in einem im März 2021 veröffentlichten Bericht. Und für Homosexuelle ist der Golfstaat nach Angaben des Gay Travel Index eines der gefährlichsten Reiseländer der Welt. Homosexualität ist verboten und wird mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft. Nach den strengen Regeln der Scharia könnten sogar Auspeitschungen und Hinrichtungen vorgenommen werden.


Arbeiterrechte?
Neben den knapp 300.000 Kataris leben rund 2,5 Millionen Arbeitsmigrant*innen in Katar, die oft unter sklavenähnlichen Bedingungen arbeiten müssen – trotz 2017 offiziell verabschiedeter Reformen. Das gilt nicht nur für die oft zitierten Arbeiter auf den WM- und sonstigen Baustellen. Betroffen ist auch das Heer der Hausangestellten. 90 der 105 von Amnesty International 2020 befragten Frauen arbeiten regelmäßig mehr als 14 Stunden am Tag, 87 sagten, ihnen sei der Pass vom Arbeitgeber abgenommen worden, 40 gaben an, beleidigt, geschlagen oder bespuckt worden zu sein. Wehren können sie sich dagegen kaum. Ein „diskriminierungsfreies Umfeld“ ist all das wahrlich nicht.

Das Land des WM-Gastgebers 2022 ist halb so groß wie Hessen und hat in etwa so viele Staatsbürger*innen wie Gelsenkirchen Einwohner*innen. Aber gleichzeitig ist Katar eines der reichsten Länder der Welt (gemessen am BIP pro Kopf) und politisch einflussreich.

Ökonomische Macht
Katars Reichtum beruht auf immensen Öl- und vor allem Gasvor-kommen. Mit den Petrodollars haben katarische Unternehmen, Staatsfonds und Stiftungen im Ausland im großen Stil eingekauft. Beträchtliche Beteiligungen u.a. bei VW, Hapag Lloyd, der Deut-schen Bank, beim Flughafen Heathrow, der Londoner Börse, beim weltweit größten Rohstoffhändler Glencore und beim staatlichen russischen Ölkonzern Rosneft haben den Kataris nicht nur wirtschaftlichen Einfluss beschert, sondern auch politische Fürsprecher wie den damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff oder Frankreichs Ex-Staatspräsident Nicolas Sarkozy.

Sportswashing
In der letzten Dekade hat der katarische Staat verstärkt auch in den Sport investiert. Rund zwei Milliarden Euro flossen in die Beletage des europäischen Fußballs: als Sponsor (FC Barcelona, FC Bayern), als Eigentümer (Paris Saint-Germain), als TV-Rechteinhaber (Ligue 1). Parallel dazu trat Katar als Ausrichter sportlicher Großereignisse auf. Mit solchen Investitionen wollen die Kataris ihr Image aufpolieren, das durch die harsche Kritik am undemokratischen Regime, an der Menschenrechtssituation im Land und an der Unterstützung religiöser Fundamentalisten erhebliche Kratzer bekommen hat.

Fundamentalismus
Staatsreligion in Katar ist der äußerst konservativ ausgerichtete Islam wahhabitischer Prägung. Seit Jahren gibt es immer wieder Medienbe-richte, nach denen fundamentalistische Islamisten großzügige finanzielle Zuwendungen aus Katar erhalten: die Hamas, die Muslimbrüder, dschihadistische Terrorgruppen in Syrien oder Libyen, möglicherweise auch die Taliban und al-Qaida. Das hat Katar an die Seite Irans und in Konflikt mit Israel gebracht, aber auch mit einigen Nachbarn in der Golfregion, allen voran Saudi-Arabien.


Widerstand demonstrieren!
Irgendwann ist das Maß einfach voll – die FIFA
[…] Die FIFA ist so mächtig geworden, dass sie von jedem Ausrichter für die Dauer des Turniers für sich und ihre Partner Steuerfreiheit verlangen kann, während das Gastge-berland die gewaltigen Kosten für die vom Fußballweltverband geforderte Infrastruktur übernehmen muss. Das hat teils fatale Folgen: So blieb Südafrika 2010 auf rund zwei Milliarden Euro Verlust sitzen, während die FIFA mehr als dieselbe Summe als Gewinn einstrich.Weltmeisterschaften sind Zahltage für die FIFA. Und damit das so bleibt, ist eine störungsfreie Durchführung des Mega-Events erforderlich – fast um jeden Preis. Jérôme Valcke, bis 2016 Generalsekretär des Verbands, erklärte mit Blick auf die WM-Vergabe nach Russland, dass „manchmal weniger Demokratie bei der Planung einer WM besser“ sei. In der FIFA-Logik durchaus verständlich, denn autoritäre Regime können für zwei Dinge garantieren: politische Durchsetzungskraft und hohe staatliche Investitionen. Das heißt, Länder wie Russland und Katar bekommen nicht den Zuschlag trotz demokratischer Defizite – sondern wegen dieser. Daran wird sich nichts ändern, solange die FIFA nicht von Grund auf reformiert wird. Ob sie das aus eigener Kraft schafft, darf bezweifelt werden. […]

Wir Fußballfans sind keine Träumer. Wir wissen, dass der Fußball seit seinen Pionier-tagen kommerziellen Tendenzen und Manipulationen unterliegt. Deren Grenzen wurden und werden immer erweitert, und in gewisser Weise muss der Fußball und müssen wir damit leben. Irgendwann muss aber auch mal Schluss sein! Die viel zitierte „rote Linie“ ist mit der WM 2022 in Katar deutlich überschritten, und das lassen wir uns nicht gefallen. Wir belassen es nicht bei kritischen Kommentaren, sondern setzen praktische Zeichen. […]




Quelle: Aaud.noblogs.org