Oktober 1, 2021
Von Contraste
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»Planwirtschaft« hat einen sehr schlechten Ruf. Wer eine Wahl verlieren will, braucht bloß ein oder zwei Begriffe verwenden, die nach Planwirtschaft riechen. Aber: Jedes Wirtschaftsunternehmen muss planen – ohne gesellschaftliches Mitspracherecht – und im Zeitalter der Globalisierung tendenziell weltweit! Also geht es bei der allgemeinen Ablehnung wohl eher darum, dass der Staat sich nicht planend in die Wirtschaft einmischen soll. Auch das ist Ideologie, denn zum Beispiel Japan und inzwischen auch China verdanken ihre außergewöhnlichen wirtschaftlichen Erfolge ihren starken staatlichen Vorgaben.

Unsere Kolumne: Blick vom MaulwurfshĂŒgel – Illustration: Eva Sempere

Abgesehen von den Vorbehalten gegenĂŒber der Politik als Wirtschaftsmacht wird hĂ€ufig argumentiert, dass die Planwirtschaft nicht genĂŒgend innovativ sei und der gesellschaftliche Fortschritt gebremst werde. Angesichts von Klimakatastrophe, Artensterben und Rohstoffknappheit ist das doch eine gute Nachricht! Endlich Schluss mit dem ewigen Modellwechsel, der nur die WegwerfmentalitĂ€t befeuert, der geplanten Obsoleszenz und aggressiven Werbung. Endlich Ruhe.

Alles geht seinen friedlichen geregelten Gang und vieles bleibt einfach so (schön) wie es ist. Dort, wo Fortschritt wirklich den Menschen dient, kann er ja geplant stattfinden, etwa in der Medizin. Dass die mRNA-Impfstoffe zum Beispiel so schnell zur VerfĂŒgung standen, wurde nur durch massive staatliche Eingriffe möglich. Alles andere vertrĂ€gt Ruhe, Langsamkeit, Entspannung
 endlich!

Die Idealfigur der Neuzeit ist der Unternehmer als »erfolgreicher GeschĂ€ftsmann«, der laut Max Weber rastlos immer neue Anlagemöglichkeiten sucht, um Gewinn zu machen. Dieses Motiv dominiert sĂ€mtliche anderen unternehmerischen Leistungen, die fĂŒr jede Gesellschaft wichtig sind, wie sinnvolle Rationalisierungen, Innovationen zum Wohle aller, Erfindungen, die Ressourcen sparen. Wenn das Gewinnmotiv als Systemzwang wegfiele, brĂ€uchte es auch den »erfolgreichen GeschĂ€ftsmann« und »Investor« nicht mehr. Reines Management dagegen wĂŒrde es weiterhin geben, weil in jeder Gesellschaft genĂŒgend Charaktere aufwachsen und gebraucht werden, die Macher-Typen sind.

Und wer sagt, dass die zukĂŒnftige Planwirtschaft von nationalstaatlichen Behörden kommen muss? Gerade mit dem Internet und der Digitalisierung ergeben sich neue Chancen von gesamtgesellschaftlicher Planung, die kaum noch etwas mit dem Dirigismus im »real existierenden Sozialismus« zu tun haben. Ein neues Experiment ist fĂ€llig: eine friedliche, nachhaltige, menschenfreundliche Planwirtschaft, in der »die Wirtschaft« kein eigener Bereich mit eigenen Spielregeln und Privilegien ist und schon gar nicht der Bereicherung dient. Vielmehr wĂ€re »Wirtschaften« völlig in das gesellschaftliche Leben integriert, wie in allen vormodernen Gesellschaften der Welt, und wĂŒrde den Menschen dienend zu einem materiell gesicherten Leben verhelfen.

Uli Frank




Quelle: Contraste.org