213 ansichten


Warum diese Überschrift?

In letzter Zeit wurden beziehungsweise werden in der BRD mindestens drei Streiks gefĂŒhrt, die aus verschiedenen GrĂŒnden die besondere Aufmerksamkeit von Kommunist*innen und radikalen Linken verdient hĂ€tten, diese aber augenscheinlich nicht genießen.
Erstens (in chronologischer Reihenfolge) ist dies der Streik des Gorillas Workers Collective in Berlin. Dieser sticht heraus durch seine spontane und selbstorganisierte DurchfĂŒhrung als Reaktion auf den Rausschmiss eines Kollegen. Alleine die SpontaneitĂ€t wĂ€re bemerkenswert, vielmehr noch ist es die Selbstorganisierung des Streiks ohne Gewerkschaftsapparat im RĂŒcken. Und genau hier böte sich eine linksradikale Intervention an, um die Interessen der Streikenden zu verbreiten und zu verstĂ€rken oder in praktischer SolidaritĂ€t ihre Kampfkraft zu stĂ€rken. Es spricht nicht fĂŒr eine Linke, wenn sich „Junge Liberale“ (aus den falschen GrĂŒnden) scheinbar mehr fĂŒr den Streik interessieren als sie selber.

Zweitens der Streik der GDL gegen die Deutsche Bahn. Hier ist zum einen das Ausmaß an Hetze, das gegen den Streik verbreitet wird, besonders auffĂ€llig (wie auch schon beim letzten großen Streik der GDL 2014 und 2015). Der Streik sei ein Angriff auf „unser“ Land, er sei unsolidarisch, unverschĂ€mt und eigentlich hĂ€tte das sogenannte Tarifeinheitsgesetz solche Frechheiten der Ausgebeuteten sowieso unterbinden sollen. Zum anderen wird hier exemplarisch sichtbar, wie in einer hoch arbeitsteiligen Gesellschaft verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig wenige, aber gut organisierte Arbeiter*innen an SchlĂŒsselpositionen die RĂ€der tatsĂ€chlich stillstehen lassen können. Eine linke Begleitung des Streiks könnte und mĂŒsste hier entgegen der Hetze darauf abzielen, dass Streiks gerade nur wirksam sind, wenn sie wehtun. Ein bequemer und unauffĂ€lliger Streik ist ein faktisch ein verlorener Streik. Außerdem gĂ€lte es, die Forderungen der LokfĂŒhrer*innen in Verbindung zu setzen zum allgemeinen proletarischen Interesse an mehr Lohn, weniger Arbeit und besseren Arbeitsbedingungen.

Drittens der laufende Streik der Berliner Krankenhausbewegung. Bei diesem sind mehrere Ebenen bemerkenswert. ZunĂ€chst, dass es sich um einen schwierig zu bestreikenden Sektor handelt. Dass ein Streik (den richtigen Leuten) wehtun muss heißt nicht, ihn rĂŒcksichtslos gegenĂŒber den Menschen zu fĂŒhren, die auf Pflege angewiesen sind. Ein Streik von Pfleger*innen ist daher ungleich schwieriger zu organisieren als etwa von Arbeiter*innen in der Automobilindustrie, betrifft er doch unmittelbar das Wohlergehen von Menschen und nicht ausschließlich die Mehrwertproduktion.

DarĂŒber hinaus handelt es sich bei der Pflege um ein Berufsfeld, in dem ganz ĂŒberwiegend Frauen arbeiten. Soll „Feminism is Class War“ nicht bloß ein Slogan bleiben, mĂŒsste die praktische Verbindung von Kapitalismus und Patriarchat, von Klassenauseinandersetzungen und vergeschlechtlichter Ausbeutung, die in diesem Streik stattfindet bloß aufgenommen und zugespitzt werden. Außerdem ist der repressive Umgang hervorzuheben, mit dem dem Streik begegnet wurde und wird. So suchte die KonzernfĂŒhrung von Vivantes, den Streik erst der BeschĂ€ftigten in den KĂŒchen und WĂ€schereien verbieten zu lassen, um schließlich den der Pfleger*innen anzugreifen. Dabei ist der berufsgruppenĂŒbergreifende Ansatz des Streiks beachtenswert, der etwa in Ansagen der streikenden Pfleger*innen deutlich wird, auch fĂŒr die anderen BeschĂ€ftigten weiter zu streiken, wĂ€hrend diesen der Streik verboten war. Schließlich wird auch dieser Streik fĂŒr deutsche VerhĂ€ltnisse kĂ€mpferisch gefĂŒhrt, etwa in der praktischen Nichtakzeptanz des Streikverbots und im Willen, verantwortlichen Personen und Parteien direkt aufs Dach zu steigen.

Warum sollten sich also Kommunist*innen um diese (und gerne auch andere) Streiks kĂŒmmern?

ZunĂ€chst geht es um konkrete Verbesserungen der Arbeits- und LebensverhĂ€ltnisse lohnabhĂ€ngiger Menschen. Das alleine sollte fĂŒr Linke und Linksradikale ein Grund sein, sich fĂŒr die stattfindenden KĂ€mpfe zumindest zu interessieren, wenn die richtigen radikalen Forderungen nach dem Ende des Kapitalismus nicht lediglich Selbstzweck sein sollen.

Aber auch fĂŒr dieses angestrebte Ende des Kapitalismus spielen Streiks eine wichtige Rolle. In ihnen wird der grundsĂ€tzliche Klassenwiderspruch der kapitalistischen Gesellschaft zwischen Arbeit und Kapital wahrscheinlich am sichtbarsten. In ihnen wird deutlich, dass die Interessen von Ausbeuter*innen und Ausgebeuteten widersprĂŒchlich sind, egal wie sehr das KlassenverhĂ€ltnis sonst von der Ideologie der sogenannten Sozialpartnerschaft verschleiert werden soll. Dies in Verbindung mit der gemeinsamen Kampf- und SolidaritĂ€tserfahrung kann die Grundlage schaffen fĂŒr etwas, was kluge Leute einmal Klassenbewusstsein nannten. Das soll nicht heißen, dass dies ein Automatismus oder der einzige Weg wĂ€re. Streiks können hier aber zumindest als starker Katalysator wirken, besonders wenn sie tatsĂ€chlich kĂ€mpferisch gefĂŒhrt und begleitet werden.

Das bedeutet alles nicht, dass sich Kommunist*innen oder andere radikale Linke Illusionen ĂŒber die derzeitige eigene gesellschaftliche Marginalisierung machen oder versuchen sollten, sich auf eine Massenbasis unter Arbeiter*innen zu stĂŒtzen, die schlicht nicht existiert.

Aber: Wer wirklich einen Weg in den Kommunismus bauen oder finden will, muss dies zunĂ€chst fĂŒr einen Weg aus dieser eigenen gesellschaftlichen Marginalisierung tun. Und dieser fĂŒhrt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht bloß ĂŒber Eventpolitik, sondern ĂŒber Einmischung in die KĂ€mpfe, in die Streiks, die die LebensrealitĂ€t von Proletarier*innen betreffen und das Bewusstsein von Arbeiter*innen formen.

Ohne Klassenbewusstsein kein aktiv gefĂŒhrter Klassenkampf.
Ohne aktiv gefĂŒhrten Klassenkampf kein Kommunismus.



Quelle: Likos.noblogs.org