September 22, 2021
Von Soligruppe FĂŒr Gefangene
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Einleitung von der Soligruppe fĂŒr Gefangene,

zu unseren kommenden Text – KEIN ANARCHISTISCHES PROGRAMM, Eine Kritik an „anarchistischem“ Idealismus, Ideologien und Reformismus – setzen wir fort mit der Reihe an Texten, alles Übersetzungen, die sich mit der Thematik des Reformismus auseinandersetzen.

Dieser Text ist die Erweiterung oder ErgĂ€nzung von Warum wir keine revolutionĂ€re Partei brauchen, hier der Link zu unserer Übersetzung. Genauso wie bei allen Texten, die wir veröffentlichen, sind wir nicht mit allem einverstanden, aber genauso wie beim VorgĂ€nger, denken wir, dass diese ein interessante Grundlage fĂŒr Debatten sind, dass solche Texte einen enormen Beitrag leisten können, zumindest um den gegenwĂ€rtigen geistigen Zustand vieler Anarchisten und Anarchistinnen, irgendwo zwischen Nirvana und Limbus, zu ĂŒberwinden.


Roi Ferreiro

Warum wir gegen Parteien1 sein mĂŒssen

Theoretische Kritik an den Positionen der Izquierda Revolucionaria (RevolutionÀren Linken).


PrÀsentation

Welche Art von Organisation braucht die Arbeiterklasse?

Die praktischen Wurzeln der Form der Partei

Partei, Avantgarde und Macht

Die Eigenschaften, die die revolutionÀre Avantgardeorganisation haben muss

Die Deformation der revolutionÀren Theorie, bzw. der Partei als kollektiver Intellektueller

Die revolutionÀren Parteien sind nicht anders als die anderen Parteien

Die Partei als politischer Technologe

Der Aufbau revolutionĂ€rer Gruppierungen und zukĂŒnftige Perspektiven


PrÀsentation

Ermutigt durch den GefĂ€hrten Ricardo Fuego und seine Kritik des Textes „Warum wir eine revolutionĂ€re Partei brauchen“, der spanischen trotzkistischen Gruppe Izquierda Revolucionaria, beschloss ich, diesen Text grĂŒndlich zu lesen und einen Beitrag dazu zu leisten.

Meine Arbeit war darauf gerichtet, die theoretischen Grundlagen des Textes zu klĂ€ren, in Anbetracht der Tatsache, dass die Kritik, was ihre praktische Transzendenz betrifft, bereits vollstĂ€ndig von Ricardo in seinem Artikel „Warum wir KEINE revolutionĂ€re Partei brauchen“ entwickelt worden ist. Daher werde ich versuchen, nicht auf diese eher praktischen Aspekte einzugehen, sondern mich darauf konzentrieren, andere, eher theoretische Perspektiven zu diesem Thema zu vermitteln.

Welche Art von Organisation braucht die Arbeiterklasse?

Die Frage nach der „Notwendigkeit, sich zu organisieren“ (in dem Sinne, wie die IR sie stellt), stellt sich in den KĂ€mpfen als Ausdruck der SchwĂ€che oder des Scheiterns der KĂ€mpfe, nicht als Ausdruck ihrer StĂ€rke.

Die wirkliche Notwendigkeit, sich zu organisieren, entsteht nicht, wenn KĂ€mpfe „stattgefunden haben oder stattfinden“, sondern wenn sie sich in einem fortgeschrittenen Stadium der Vorbereitung befinden. Die KĂ€mpfe, die „stattgefunden haben“ oder „stattfinden“, haben oder hatten bereits eine Organisation, bessere oder schlechtere. Organisation ist eine inhĂ€rente Dimension des Handelns. Absolute oder reine SpontaneitĂ€t gibt es nicht. Die Frage ist also, welche Art von Organisation notwendig ist.

Wenn wir uns in die Perspektive bereits abgeschlossener oder laufender KĂ€mpfe versetzen, wird die wirkliche Frage nicht lauten: „Wir mĂŒssen die KrĂ€fte gegen das Kapital vereinen“, sondern: „Unsere Schwierigkeiten und Niederlagen kommen (ausschließlich oder nicht) aus dem Mangel an Organisation“; oder: „Um eine Ausweitung des Kampfes zu erreichen, brauchen wir mehr und bessere Organisation“ (in beiden FĂ€llen zu lesen: Arbeitsteilung und Delegation).

Die Behauptung, dass die Organisation als Voraussetzung fĂŒr den Kampf notwendig und relativ unabhĂ€ngig von ihm ist, stammt von einem Standpunkt, der außerhalb des Kampfes selbst steht und der die KontinuitĂ€t zwischen der spontanen Organisation der Klasse im Kampf und der Schaffung von Organisationsformen leugnet, die fĂŒr vorbereitende Funktionen (im weitesten Sinne des Begriffs) fĂŒr die kommenden KĂ€mpfe bestimmt sind.

Andererseits stellt sich im Kampf selbst und wĂ€hrend seiner Vorbereitung, wenn das Proletariat seine Energie einsetzt, soziale Beziehungen fĂŒr die Diskussion und den Austausch der am Kampf beteiligten Proletarier schafft, die Organisation immer als ein konstitutives Element der Praxis des Kampfes, der proletarischen SelbsttĂ€tigkeit dar, die ihr Produkt ist und von ihren immanenten Zielen bestimmt wird.

Das Wesen der proletarischen Organisation ist nicht die Technik, d.h. die Schaffung einer Arbeitsteilung in der proletarischen Bewegung, sondern die Zusammenarbeit der Proletarier selbst. Diese Zusammenarbeit erzeugt, je nach IntensitĂ€t, Breite und Bewusstsein ihrer Interessen, eine Arbeitsteilung, die zu verschiedenen Organisationsformen fĂŒhrt. Das technische Wissen der Organisation ist nur nĂŒtzlich, wenn es den Eigenschaften untergeordnet wird, die die SelbsttĂ€tigkeit der Proletarier annimmt. Die Trennung von dieser SelbsttĂ€tigkeit bedeutet, den Standpunkt eines Spezialisten fĂŒr Organisation einzunehmen und das Problem vom Feld des Klassenkampfes und der Entwicklung der SelbsttĂ€tigkeit der proletarischen Massen auf das Feld der KĂ€mpfe der Parteien und der Entwicklung dieser Parteien zu verlagern.

Was der IR-Text tatsĂ€chlich vorbringt, ist, dass die Arbeiterklasse eine Organisationsform braucht, die nicht rein unmittelbar auf den Prozess des Kampfes bezogen ist, und die nicht als eine einfache momentane VerlĂ€ngerung (fĂŒr die Dauer des Kampfes) der SelbstaktivitĂ€t der kĂ€mpfenden Proletarier konzipiert ist. Aber diese Herangehensweise an die Frage ist idealistisch. Sie begreift die Organisation nicht als inhĂ€renten Bestandteil des Kampfes und fĂŒhrt die aufgezeigte Interdependenz2 zwischen Kampf und Organisation in ihren unmittelbaren Formen auf die Unwissenheit des Proletariats zurĂŒck (das nicht wĂŒsste, wie man mehr als das tun könnte). Seine Herangehensweise an die Frage muss also dazu fĂŒhren, Organisation als etwas zu betrachten, das angesichts des Klassenkampfes autonom existieren kann, das als bestimmende Kraft im Verlauf der KĂ€mpfe fungieren kann, anstatt von ihnen bestimmt zu werden.

Letztlich besteht der Bedarf an Organisation, daran besteht kein Zweifel. Die Frage ist der Charakter der Organisation. Selbst diejenigen, die die Klassenorganisation leugnen mögen, bejahen die Notwendigkeit der vom Kapitalismus geschaffenen sozialen Organisation.

Die praktischen Wurzeln der Form der Partei

Im Allgemeinen organisiert sich die Arbeiterklasse fĂŒr den Kampf. Nur durch ihre kollektive Einheit werden ihre individuellen FĂ€higkeiten zu einer Macht, die in der Lage ist, ihre praktische Situation – also mehr oder weniger die Gesellschaft – zu verĂ€ndern. Die Organisation existiert nicht als etwas, das vom Kampf und vom Bewusstsein der Notwendigkeit desselben getrennt ist. Dies scheint nur so, weil bestimmte Organisationen, einmal geschaffen, als EntitĂ€ten weiterbestehen können, die scheinbar mit einem Eigenleben ausgestattet sind. Diese Illusion ist die praktische Grundlage des Fetischismus der Organisation.

Die Partei als Organisationsform ist ein Strukturtyp, der per Definition nur in Opposition zu anderen Parteien und zum Kampf gegen sie existiert. Es handelt sich nicht um eine kollektive Einheit, die darauf abzielt, die Situation (objektiv oder subjektiv) zu verĂ€ndern, sondern um eine Einheit, um gegen andere politische KrĂ€fte zu kĂ€mpfen, fĂŒr die AdhĂ€sion des Willens der Individuen.

SelbstverstĂ€ndlich besteht die Rechtfertigung fĂŒr ihre Existenz darin, dass diese anderen KrĂ€fte der VerĂ€nderung der Situation3 entgegenstehen und dass das Festhalten von Individuen zu diesem Zweck notwendig ist. Aber in Wirklichkeit ist die Funktion der Partei nicht die soziale VerĂ€nderung. Das ist der Punkt. Ihre Funktion ist es, MachtverhĂ€ltnisse zu verĂ€ndern. Es geht um Vermittlungen, nicht um die menschliche TĂ€tigkeit als Ganzes. Sie ist die politische Reflexion der Trennung zwischen Arbeit und Produktionsmitteln (A.d.Ü., Hand- und Kopfarbeit) und ihrer entfremdenden Beziehung, die die lebendige Arbeit der blinden Dynamik der Akkumulation unterordnet.

Es besteht also ein Widerspruch zwischen der Form der Partei und dem Anspruch, dass sie revolutionĂ€re Funktionen entwickelt. Da ihr Gegenstand die MachtverhĂ€ltnisse sind, kann die Partei keine Organisation sein, die direkt aus dem Klassenkampf hervorgeht. Ihr Ursprung liegt nicht in der Praxis des Kampfes, sondern in einer bestimmten Form des Bewusstseins ĂŒber diesen Kampf, das einen Standpunkt einnimmt, der außerhalb des Kampfes liegt. Dieser theoretische Ursprung ist das vorherrschende Bewusstsein, da es die Bourgeoisie ist, die die politischen Parteien erschaffen hat, aber sein praktischer Ursprung liegt in der geringen Entwicklung der proletarischen SelbsttĂ€tigkeit, die den falschen Schluss zulĂ€sst, dass die Klasse selbst nicht in der Lage ist, ĂŒber ein bestimmtes Niveau von Kampf, Bewusstsein und Organisation hinauszugehen. Ausgehend von diesem falschen Bewusstsein ist die Arbeiterpartei eine Organisation, die in Wirklichkeit vorgibt (oder zumindest möchte), zu existieren, ohne den Kampf und das Bewusstsein des Proletariats zu berĂŒcksichtigen, und die in ihren Genen die UnterschĂ€tzung der FĂ€higkeiten der Klasse als Ganzes trĂ€gt.

Partei, Avantgarde und Macht

Wenn die Arbeiterpartei sich als Organisation des „fortschrittlichsten Sektors“ der Klasse proklamiert, definiert sie diesen letzteren auf implizite Weise als den „politisch fortschrittlichsten Sektor“. In der Sprache der Partei heißt das: die am weitesten Fortgeschrittenen im Kampf um die Macht. Es handelt sich nicht um den am weitesten fortgeschrittenen im realen Klassenkampf, den am weitesten fortgeschrittenen Sektor praktisch im Kampf. Dieser Sektor ist nicht das, was die Partei wirklich interessiert.

Was die Partei braucht, sind nicht bewusste KĂ€mpfer fĂŒr die Emanzipation der Klasse, sondern tĂŒchtige Arbeiter fĂŒr die praktische Umsetzung des Programms der Partei. Indem die Partei fĂŒr die VerĂ€nderung der MachtverhĂ€ltnisse kĂ€mpft, kĂ€mpft sie implizit dafĂŒr, einen Platz in diesen verĂ€nderten MachtverhĂ€ltnissen einzunehmen – auch wenn sie theoretisch einen Machtverzicht in Betracht ziehen könnte. Sie verstrickt sich in den Kampf um die Macht, weil das die Logik ihrer Funktion und ihrer Struktur ist, und die Individuen, die sie bilden, werden zu Gefangenen dieser Dynamik der AktivitĂ€t.

Wenn die Struktur der revolutionĂ€ren Partei durch die Gruppierung der politisch fortgeschrittensten Individuen gebildet wird, derjenigen, die am fĂ€higsten sind, die Macht auszuĂŒben; dann besteht ihr grundlegender Unterschied im Vergleich zu den anderen Parteien darin, dass ihr Hauptziel nicht – vorausgesetzt, sie ist eine aufrichtig „revolutionĂ€re“ und „proletarische“ Partei – die Macht des bestehenden Staates ist, sondern die Macht eines zukĂŒnftigen Staates, eine Macht, die in der Existenz des Proletariats selbst latent vorhanden ist. Mit anderen Worten, ihr Ziel ist es, die Macht des Proletariats auszuĂŒben. Dabei stĂŒtzt sie sich auf die pseudo-logische Annahme/Vorraussetzung, dass das Proletariat, wenn es sich seiner selbst nicht bewusst ist, folglich auch nicht die Macht ausĂŒben kann, die es aufgrund seiner Stellung in der Produktion bereits besitzt (daher das Beharren darauf, dass das revolutionĂ€re Potenzial des Proletariats sich aus seiner „Stellung in der Produktion“ ableitet, anstatt seine FĂ€higkeit zur spontanen Selbstorganisation und seine durch sein gesellschaftliches Wesen bedingte Tendenz zur praktischen Verleugnung des Privateigentums zu betonen).

Die Partei ist das exekutive Subjekt der Klassenmacht. Darin sind all die pseudorevolutionĂ€ren Reden ĂŒber die Notwendigkeit der FĂŒhrung, der Leitung, einer revolutionĂ€ren Theorie usw. zusammengefasst, die nichts zur KlĂ€rung der Fragen beitragen, die sie vorgeben zu lösen, weil ihr Standpunkt ĂŒber den Klassenkampf und die Entwicklung des Proletariats als revolutionĂ€res Subjekt im Wesentlichen abstrakt ist. Die Abstraktion des Kampfes, die der Einrahmung der eigenen TĂ€tigkeit in der Form der Partei, die eine Organisation außerhalb des Kampfes ist, innewohnt, fĂŒhrt wiederum zur Reproduktion dieser Abstraktion auf mentaler Ebene, zur Entwicklung von Parteiideologien. NatĂŒrlich sind diese Ideologien fĂŒr den ParteianhĂ€nger der ultimative Ausdruck des Klassenbewusstseins, gerade weil fĂŒr ihn das Klassenbewusstsein im Wesentlichen ein politisches Bewusstsein ist, nicht ein totales soziales Bewusstsein.

Die Vorstellung von der Partei als dem effektiven Subjekt der Klassenmacht bedeutet praktisch, dass die Klasse umso weniger reale Macht hat, je mehr sich die Macht der Partei entwickelt. Die FĂŒhrung der Partei ist die Selbstentfremdung der Klasse als politisches Subjekt, sie ist die Macht der Klasse, die außerhalb von ihr steht und als selbst existierende EntitĂ€t autonom wird. Das Bewusstsein der Notwendigkeit der Partei und ihre politische Ideologie haben nichts mit dem Kampf der Arbeiterklasse und ihrem BedĂŒrfnis nach Organisation zu tun. Die Auffassung, dass die Organisation dem Kampf vorausgeht, ist die ideologische Rechtfertigung fĂŒr ihre Existenz, ebenso wie der undialektische Gegensatz zwischen SpontaneitĂ€t und Organisation. In dem Moment, in dem verstanden wird, dass die proletarischen AufstĂ€nde ihre eigene Organisation und ihr eigenes Denken hervorbringen, und ihre UnzulĂ€nglichkeit als ein Problem der Entwicklung der TotalitĂ€t und nicht der politischen FĂŒhrung gesehen wird, bricht die gesamte Konzeption der Partei zusammen.

Die Eigenschaften, die die revolutionÀre Avantgardeorganisation haben muss.

Andererseits stehen die revolutionĂ€ren Gruppen, die sich der SelbstaufklĂ€rung der Klasse durch die theoretische Entwicklung und den Kampf widmen, nicht im Widerspruch zur Selbstentwicklung des Proletariats als praktisches politisches Subjekt, zur AusĂŒbung der ihm innewohnenden verĂ€ndernden Macht durch die Klasse. Ihre spezifische Gruppenpraxis hat als immanentes Ziel das Wachstum der SelbsttĂ€tigkeit und des Bewusstseins der Klasse bis zu dem Punkt, an dem die Funktionen der Gruppen vollstĂ€ndig von den Massen selbst ĂŒbernommen werden. In ihrer Beziehung zur Klasse fungieren sie als Meinungsgruppen und politische Impulsgeber, d.h. sie handeln so, wie es die Arbeiter selbst im Allgemeinen tun, nur auf bewusste, kollektive und selbstdisziplinierte Weise. Auf diese Weise ist das immanente Ziel ihrer TĂ€tigkeit kein anderes als die VerĂ€nderung der kollektiven Situation, nur indem sie auf die Klasse als Ganzes einwirken, um ihre Selbstentwicklung zu stimulieren.

Die Militanz in einer politischen Partei wird durch ihr Festhalten an einer Ideologie, einem Programm und interner Disziplin definiert. Militanz in einer revolutionĂ€ren Gruppe definiert sich durch eine praktische Verpflichtung fĂŒr die Entwicklung von Theorie und Programm, und es ist dieselbe interne und externe praktische Arbeit, die die Disziplin definiert, die im Wesentlichen immer eine Selbstdisziplin ist, ein Aspekt der bewussten und freien Praxis.

Die Theorie, die die Partei ausarbeitet, ist eine Selbstrechtfertigung ihrer Existenz; ihr Ziel ist nicht, die Erfahrung der Klasse als zusammenhĂ€ngendes Ganzes zu verstehen, sondern sie im Lichte der Erfordernisse ihrer eigenen Parteifunktion zu verstehen. Ihre „Lektionen“ ĂŒber den Klassenkampf handeln nicht davon, was die Arbeiterklasse braucht, sondern was die Arbeiterklasse von der Partei braucht. Der TotalitĂ€tsansatz ist ausgeschlossen, weil die Betrachtung der TotalitĂ€t der Arbeiterklasse als bewusstes und handelndes Subjekt in der Entwicklung etwas ist, was der Überzeugung von der Notwendigkeit der Partei entgegensteht. Die einzige Lösung wĂ€re, die Partei als „provisorische Notwendigkeit“ zu betrachten, aber die anderen WidersprĂŒche wĂŒrden immer noch bestehen bleiben und dann mĂŒsste diese „provisorische“ Notwendigkeit begrĂŒndet werden. Im Grunde ist dies die Rolle von Lenins Argument, dass die Arbeiterklasse nicht von selbst sozialistisches Bewusstsein erreichen kann.

Der Militante der Partei zielt auf die Verbreitung der Ideen der Partei, der Militante ohne Partei4 auf die Entwicklung des allgemeinen Bewusstseins. Der Militante der Partei sieht in der Entwicklung der Partei den Ausdruck der Reifung der Klasse, der Militante ohne Partei in der Entwicklung der bewussten SelbsttÀtigkeit der Massen.

Das Streben des Militanten der Partei ist die Macht, die formal von der Klasse geschaffen wird, die aber in Wirklichkeit in den HĂ€nden der Partei liegt; eine Macht, die sich zwar in der Revolution direkt als politische Macht Ă€ußert, aber in der vorherigen Entwicklung, innerhalb des Kapitalismus, die Form der „politischen FĂŒhrung“ und der „ideologischen AutoritĂ€t“ der Partei ĂŒber die Bewegung des Kampfes annimmt. Das Streben des Militanten ohne Partei ist die Wahrheit; aber nicht eine theoretische Wahrheit, die nur durch begriffliches Wissen begreifbar ist, sondern eine praktische Wahrheit und eine, die auf praktische Weise verwirklicht wird. Folglich ist der erste der Meinung, dass das Wichtigste die QualitĂ€ten der Macht sind: Effizienz, Ordnung, StabilitĂ€t der Organisation, Einheit des Ziels, etc. Der zweite hĂ€lt die praktischen QualitĂ€ten der Wahrheit fĂŒr am wichtigsten: KohĂ€renz mit dem Zweck, KreativitĂ€t, Dynamik, IntegritĂ€t des Zwecks.

Wenn also KohĂ€renz mit dem Ziel bedeutet, vorĂŒbergehend keine Errungenschaften zu haben; wenn die Schaffung neuer Formen menschlicher TĂ€tigkeit bedeutet, eine Periode relativer Unordnung zu durchlaufen; wenn Dynamik die SchwĂ€chung organisatorischer Strukturen bedeutet; wenn IntegritĂ€t das Aufbrechen der Einheit erfordert – da all dies auch Teil der RealitĂ€t ist, ist der revolutionĂ€re Militante ohne Partei in der Lage, es aufzunehmen, zu analysieren, zu bewerten und den Weg zu suchen und entsprechend zu handeln (auch wenn er natĂŒrlich seine theoretischen FĂ€higkeiten dafĂŒr entwickeln muss). Diejenigen aber, die ihr Objekt in eine Form der Macht stellen, mĂŒssen die Vision der TotalitĂ€t aufgeben oder sie vielmehr jenem Teilaspekt der TotalitĂ€t unterordnen, indem sie sie gemĂ€ĂŸ ihren subjektiven Bestrebungen deformieren (Bestrebungen, die sie andererseits nicht anerkennen können, da die Konzeption der Partei als TrĂ€ger des Bewusstseins nur gerechtfertigt werden kann, indem man das Bewusstsein des subjektiven Elements entkleidet und es als eine rein objektive „Widerspiegelung“ der RealitĂ€t betrachtet, die nur von der theoretischen Methode abhĂ€ngig ist, die in diesem Fall Teil der Ideologie der Partei ist).

Da das Proletariat sich nicht befreien kann, ohne die TotalitĂ€t der gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse bewusst umzugestalten, verlangt seine eigene Klassenbedingung von ihm die Suche nach einem wahren VerstĂ€ndnis der Gesellschaft, das alle Aspekte der Gesellschaft in ihrer objektiven gegenseitigen Beziehung umfasst. Und sie verlangt auch, dass die subjektive Dimension ihres Bewusstseins ausschließlich durch die Determinationen konstituiert wird, die aus ihrer Klassenbedingung und aus ihren – realen oder potentiellen – BedĂŒrfnissen und FĂ€higkeiten als menschliche Wesen hervorgehen, wobei alles beiseite gelassen wird, was von dem engen Egoismus, der der bourgeoisen Gesellschaft eigen ist, vorhanden sein mag. Folglich muss auch die Theorie, die die Partei ausarbeitet, im Widerspruch zur Emanzipation des Proletariats stehen, und je mehr sich die Partei als reale Macht entwickelt, desto mehr werden ihre Deformation der revolutionĂ€ren Theorie und der bourgeoise Charakter ihres Verhaltens offenbar.

Macht hingegen verlangt Einheitlichkeit, um zu existieren. Die Wahrheit verlangt im Gegenteil nach VielfĂ€ltigkeit. Der demokratische Zentralismus als Ideal bedeutet auf einer theoretischen Ebene die Unterwerfung der Bedingung der Wahrheit (die Vielfalt der Einzelmeinungen und ihre grĂ¶ĂŸtmögliche Entfaltung) unter die Macht (die Einheitlichkeit der Meinung). Anstatt die Zentralisierung als notwendiges Element der kollektiven Praxis zu betrachten und sie auf die Erfordernisse der gelebten Praxis zu beschrĂ€nken, funktioniert die Partei als Mechanismus zur Uniformierung ihrer Militanten. Das Parteiprogramm ist nicht das synthetische Ergebnis der gemeinsamen Meinungen aller oder der meisten ihrer Mitglieder, sondern impliziert die autoritĂ€re UnterdrĂŒckung der Vielzahl abweichender Meinungen, da die Partei ein einheitliches Kriterium benötigt, um zu funktionieren. Die Wirksamkeit der Macht hĂ€ngt von dieser erzwungenen Einheitlichkeit der Ziele ab. Wenn hingegen die Wahrheit gesucht wird, ist es notwendig, die Einheit mit der Vielheit zu verbinden, nicht die letztere unter die erstere zu subsumieren, so dass die Einheit des Ziels mit der Vielheit der Meinungen verbunden wird. In dieser Sichtweise ist Wahrheit etwas, das nur kollektiv bestimmt werden kann, durch die Praxis der Klasse und die stĂ€ndige Demokratie und Debatte. Daher kann keine Form von kollektiver oder individueller AutoritĂ€t, vollversammlungsartig oder delegiert, die theoretischen Kriterien aufzwingen. Die Notwendigkeit der Arbeiterklasse besteht nur darin, praktische Kriterien zum Zeitpunkt der Aktion durchzusetzen, praktische Entscheidungen zu treffen. Und ihre Einheit schließt die subjektive Vielheit nicht aus und hat sie auch nie ausgeschlossen, wie ja auch im Text der Izquierda Revolucionaria (A.d.Ü., RevolutionĂ€ren Linken) anerkannt wird.

Aus diesen GrĂŒnden funktionieren die theoretischen revolutionĂ€ren Gruppen, auch intern, als Meinungsgruppen. Sie fordern nur dann eine demokratische Zentralisierung, wenn es darum geht, Aktionen zu definieren, auch wenn diese eine theoretische Einheit voraussetzen, die in dieser unmittelbaren Form Minderheitenmeinungen bis zu einem gewissen Grad ausschließt (die jedenfalls nicht der Freiheit beraubt werden, sich öffentlich zu Ă€ußern). Die Parteien hingegen sind im Kern zentralistisch, und daraus leitet sich auch ihr im Wesentlichen hierarchischer Charakter ab. Die Tatsache, dass die delegierte AutoritĂ€t mit der festen Überzeugung delegiert wird, dass diese Form der politischen FĂŒhrung notwendig ist und dass sie die Interessen der Basis vertritt, Ă€ndert nichts an der Frage. Im Gegenteil, es ist offensichtlich, dass das interne MachtverhĂ€ltnis innerhalb der Partei im Wesentlichen dasselbe sein muss wie das externe MachtverhĂ€ltnis, gegen das die Partei kĂ€mpft, da dies eine Voraussetzung fĂŒr die Wirksamkeit der Partei als politische Kraft, die mit anderen konkurriert, und als AnwĂ€rter auf die Macht ĂŒber die Gesellschaft gegen den bestehenden Staat ist, der fĂŒr sie nichts anderes ist als die große allgemeine Partei der Bourgeoisie.

Andererseits ist in der Arbeiterklasse die wirkliche revolutionĂ€re Macht, die wirkliche Einheit der verĂ€ndernden FĂ€higkeiten der Individuen in einer TotalitĂ€t – die damit alle Machtformen der Klassengesellschaft ĂŒbertrifft, die nur eine Minderheit der Gesellschaft an ihrer Basis haben -, nicht das Ergebnis einer organisatorischen Zentralisierung. Sie resultiert aus einem Prozess der kollektiven Selbstbefreiung, der sich durch die Entfaltung der SelbsttĂ€tigkeit der Proletarier im Klassenkampf entwickelt und sich auf das gesamte gesellschaftliche und persönliche Leben erstreckt. Ohne diese Selbstbefreiung haben die Formen der Macht, die es geben mag, keinen revolutionĂ€ren Charakter, außer im bourgeoisen Sinne. Das Gleiche gilt fĂŒr Organisationsformen im Allgemeinen.

Die revolutionĂ€ren Parteien beklagen immer, dass der grĂ¶ĂŸte Teil des Proletariats nicht revolutionĂ€r handelt oder denkt. Aber die Parteien selbst existieren in der Tat, weil nicht einmal ihre Mitglieder echte proletarische RevolutionĂ€re sind. Sie verstehen die Notwendigkeit der Revolution, aber nicht ihren notwendigen Inhalt. Ihre Annahme und Entschuldigung fĂŒr die Notwendigkeit der Partei ersetzt die Anstrengung fĂŒr ihre Selbstbefreiung und fĂŒr die Selbstbefreiung der Klasse als Ganzes. Sie sind es, die die Partei brauchen, als Ausdruck ihres Niveaus der SelbsttĂ€tigkeit und ihres Bewusstseins, das heißt, ihrer Praxis; nicht die Revolution.

Die revolutionĂ€re Partei ist nicht die Lösung fĂŒr das Dilemma zwischen dem BedĂŒrfnis nach Organisation und der Ablehnung der bestehenden Parteien. Alle revolutionĂ€ren Parteien haben fĂŒr sich in Anspruch genommen, „eine Organisation zu sein, die auf den tĂ€glichen KĂ€mpfen, auf dem Aktivismus ihrer Mitglieder und auf einer klaren und ehrlichen Politik hinsichtlich der Notwendigkeit, den Kapitalismus zu beenden, basiert“. Aber die Form der Partei steht im Widerspruch zu dieser Basis und muss sie bis zur Unkenntlichkeit deformieren. Sie ist schließlich die Partei, die zur Grundlage fĂŒr die tĂ€glichen KĂ€mpfe und AktivitĂ€ten der Mitglieder wird; die ihre eigene Existenz zum Maßstab fĂŒr die Klarheit und Ehrlichkeit ihrer Politik macht und die die Notwendigkeit der Beseitigung des Kapitalismus durch die Notwendigkeit ihrer eigenen Selbstentwicklung als autoritĂ€re Organisation ersetzt.

Die Deformation der revolutionÀren Theorie bzw. der Partei als kollektiver Intellektueller.

Die Partei macht die Theorie zur Grundlage des Handelns. FĂŒr das Proletariat aber ist die Grundlage des Handelns nur die Erfahrung und das praktische Bewusstsein, das aus dem langsamen erfahrungsbezogenen Lernen stammt. Die Funktion der Theorie ist es, Schlussfolgerungen zu verallgemeinern, um die Erweiterung des Klassenbewusstseins durch Kommunikation zu ermöglichen, nicht um das Bewusstsein des Proletariats zu homogenisieren.

Da die Partei sich nicht auf das praktische Bewusstsein, auf den am weitesten fortgeschrittenen Sektor des realen Klassenkampfes stĂŒtzt und danach strebt, ihm klar zu machen, dass die revolutionĂ€re Theorie die Verallgemeinerung seiner eigenen Erfahrung ist, muss sie diese Rolle der Theorie als lebendige Vermittlung zerstören und sie in eine Ideologie verwandeln. Gleichzeitig nimmt die Partei durch die theoretische Normierung ihrer Mitglieder und ihre klassenunabhĂ€ngige Organisation eine immer grĂ¶ĂŸere Abstraktion der Theorie in Bezug auf das praktische Bewusstsein an, bis zu dem Punkt, an dem sie dazu dient, alles zu rechtfertigen, und Begriffe ihre ursprĂŒngliche praktische Bedeutung verlieren, um eine andere, rein abstrakte und ideologische Bedeutung zu erlangen. Die Emanzipation des Proletariats vom Kapital wird in den Köpfen der ParteianhĂ€nger zur Emanzipation der Partei von der UnterdrĂŒckung durch den kapitalistischen Staat.

Indem die Partei ihre eigene Theorie als revolutionĂ€res Bewusstsein begreift, agiert sie als idealistische Kraft, die sich im Namen der intellektuellen AutoritĂ€t der Klasse aufdrĂ€ngen will. Sie agiert also de facto als geistiger Vertreter der Bourgeoisie. Anstatt den Proletariern zu helfen, ihre Erfahrungen theoretisch auszudrĂŒcken – und damit, wenn sie die nötige Erfahrungsreife haben, sich von den bourgeoisen Ideologien lösen zu können -, wollen die Parteien die von ihnen als „unwissend“ oder dumm angesehenen Proletarier mit den theoretischen Waffen fĂŒr ihre Selbstbefreiung „aufklĂ€ren“. Und wenn untheoretische Proletarier die Theorie verleugnen, kann das nur daran liegen, dass sie ihrer Meinung nach in der bourgeoisen Ideologie gefangen sind oder unfĂ€hig sind, hochtrabende theoretische Vorstellungen zu begreifen (die alle dazu neigen, zu opportunistischen Wendungen zu fĂŒhren). Die KomplexitĂ€t der geistigen Entfremdung und ihre Überwindung sind nicht wichtig. Die PassivitĂ€t oder AktivitĂ€t der Klasse als revolutionĂ€res Subjekt wird an ihrer AnnĂ€herung an oder Loslösung von der Parteitheorie und -tĂ€tigkeit gemessen.

Die BemĂŒhungen der Partei sollten nicht darauf gerichtet sein, die Entwicklung der intellektuellen FĂ€higkeiten der Arbeiterklasse zu fördern und zu unterstĂŒtzen. Es geht darum, dass die Arbeiterklasse ihre VorschlĂ€ge aufgreift. Stattdessen, so die IR, muss die Partei „der Ort werden, an dem die Geschichte debattiert wird und die Lehren des Kampfes gelernt werden“. Es stellt sich dann heraus, dass das, was die Arbeiterklasse durch Diskussionszirkel und andere offene Mittel fĂŒr sich selbst tun kann, zum Monopol der Partei gegenĂŒber der „unwissenden Masse“ wird.

RevolutionÀre Parteien sind nicht anders als andere Parteien.

Politische Parteien sind also bourgeoise Formen der Organisation. Innerhalb des Kapitalismus unterscheiden sich eine Avantgardepartei und eine Massenpartei nur in dem Sektor der Arbeiterklasse, den sie reprĂ€sentieren wollen – bzw. die erste zu der Minderheit, die beginnt, das bestehende System in Frage zu stellen, und die zweite zu der Mehrheit, die es mehr oder weniger akzeptiert -, was wiederum mit ihrem Ziel zusammenhĂ€ngt: der gewaltsamen oder der friedlichen Umwandlung. Ihre Eigenschaften sind im Wesentlichen die gleichen, auch wenn sie sich in unterschiedlichem Maße manifestieren.

FĂŒr IR basiert die Kritik an den traditionellen Parteien auf einem Kriterium der Effizienz: der FĂ€higkeit zum Kampf. Eine Massenpartei kann, wenn sie eine heterogene Masse und mit widersprĂŒchlichen Meinungen gruppiert, ihre Aktion nicht „adĂ€quat“ entwickeln (in der Tat ist die Form bereits adĂ€quat zu ihrer Aktion, denn die pazifistische VerĂ€nderung erfordert nichts mehr). Eine Avantgardepartei hat gegenĂŒber dieser den Vorteil der HomogenitĂ€t und „KohĂ€renz“. Die erste, so sagen sie, basiert auf PassivitĂ€t, wĂ€hrend die revolutionĂ€re Partei „nur aufgrund der AktivitĂ€t ihrer Mitglieder handeln kann“. Die Frage ist jedoch nicht AktivitĂ€t oder PassivitĂ€t, sondern der Inhalt von AktivitĂ€t oder PassivitĂ€t. Genauso verhĂ€lt es sich mit dem theoretischen Bewusstsein und dem praktischen Bewusstsein.

Die Tatsache, dass AktivitĂ€t der PassivitĂ€t ĂŒberlegen ist (das Leben ist dem Tod ĂŒberlegen), oder dass das theoretische Bewusstsein eine ĂŒberlegene Entwicklung des praktischen Bewusstseins ist, deutet keineswegs darauf hin, dass auf der Ebene seines Inhalts und seiner realen Wirkungen die AktivitĂ€t besser ist als die PassivitĂ€t und dass eine Form des theoretischen Bewusstseins weiter fortgeschritten ist als eine andere Form des praktischen Bewusstseins.

Wir mĂŒssen zwischen PassivitĂ€t im Sinne von TrĂ€gheit und PassivitĂ€t im Sinne von UntĂ€tigkeit unterscheiden; erstere ist etwas rein Negatives, letztere aber ein notwendiger Bestandteil der subjektiven Entwicklung. Die Assimilation von Niederlagen, wie z. B. EinstellungsĂ€nderungen angesichts verĂ€nderter UmstĂ€nde usw., erfordern ĂŒberwiegend Reflexionsphasen, in denen Ă€ußere UntĂ€tigkeit vorherrscht.

Andererseits ist das theoretische Bewusstsein nur in Bezug auf die praktische Dimension des Verstehens, auf das konkrete praktische Bewusstsein, von Wert. Allgemeine AnsĂ€tze implizieren nicht notwendigerweise eine praktische Vision, die mit ihnen kohĂ€rent ist, noch ist andererseits das praktische Bewusstsein immer von einer ĂŒbereinstimmenden theoretischen Vision begleitet. So gibt es, um ein synthetisches Beispiel zu geben, einen fortgeschrittenen Sektor der Arbeiterklasse, der die organisierte AktivitĂ€t und die alten reformistischen Ideologien aufgibt und in eine Übergangsphase der InaktivitĂ€t eintritt, in der die TrĂ€gheit stĂ€rker werden kann (da sie durch die bestehenden sozialen Beziehungen bestimmt wird). Aber dieser Sektor, der nach leninistischen Kriterien rĂŒckstĂ€ndiger wĂ€re als der in den bestehenden Gewerkschaften und Parteien organisierte Sektor, ist im Gegenteil fortschrittlicher. So sehr, dass sie sich nicht mehr mit den bestehenden Alternativen identifiziert und sich nur noch verwirrt den Illusionen und falschen Erwartungen zuwendet: denen, die von der extremen Linken ĂŒber die VerĂ€nderung der Gewerkschaften, der vollversammlungsartigen und des kĂ€mpferischen Gewerkschaftswesens oder der „wirklich“ revolutionĂ€ren Parteien erzeugt und gefördert werden.

Was eine konkrete Organisation ausmacht, ist nicht ihre soziale Zusammensetzung, sondern ihre Praxis. Die Massenparteien sind bourgeoise Parteien, weil ihre Praxis auf die Verbesserung des Kapitalismus gerichtet ist. Avantgardeparteien sind auch bourgeoise Parteien, weil ihre Praxis weiterhin die Position des Proletariats als der beherrschten Klasse reproduziert und sich ihre praktische TĂ€tigkeit in Wirklichkeit auf die Verteidigung einer anderen Form des Kapitalismus, eines Staatskapitalismus, reduziert. Ihre Elitenstruktur ist eine Bedingung fĂŒr ihren Anspruch, als fĂŒhrender Akteur einer gewaltsamen VerĂ€nderung der bestehenden Gesellschaft zu agieren. Die Besonderheit der Izquierda Revolucionaria in diesem Punkt liegt in ihrer einzigartigen Variante des Trotzkismus, die den Stalinismus als eine Form des Staatskapitalismus betrachtet und gleichzeitig leugnet, dass diese Definition auf den Bolschewismus im Allgemeinen ausgedehnt werden kann, trotz aller historischen Beweise fĂŒr den konterrevolutionĂ€ren Charakter der bolschewistischen Politik unter dem Gesichtspunkt der Emanzipation des Proletariats.

Ihnen zufolge stand die bolschewistische Partei im Gegensatz zu den „alten ’sozialistischen‘ Parteien“, weil deren Absicht „immer darin bestand, die bestehenden Institutionen zu ĂŒbernehmen, ohne die grundlegenden MachtverhĂ€ltnisse im Kapitalismus zu verĂ€ndern. Mit anderen Worten, (
) sie dachten, dass sie, und nicht die Arbeiterklasse selbst, die kapitalistische Klasse vertreiben könnten.“ Es ist klar: dass sie „die kapitalistische Klasse“ AUS DER MACHT werfen.

Aber was das Proletariat zu tun hat, ist nicht nur, „die bestehenden Institutionen zu zerstören, indem es das grundlegende MachtverhĂ€ltnis zwischen den Klassen verĂ€ndert“, um seine eigenen Begriffe zu verwenden, sondern das MachtverhĂ€ltnis selbst zu zerstören. Das Proletariat kann sich nicht zur herrschenden Klasse erheben, ohne gleichzeitig seinen Status als ausgebeutete Klasse, als Lohnarbeiter, zu zerstören. Andernfalls ist es nicht das Proletariat, das wirklich herrscht, sondern eine Minderheit, die behauptet, seine Interessen zu vertreten. Die Arbeiterklasse kann von sich aus „die Kapitalisten raus werfen“, aber das bedeutet nicht, dass es die Arbeiterklasse ist, die wirklich die politische und wirtschaftliche Macht innehat. Es wird die Partei an ihrer Stelle sein: „Die Notwendigkeit, den kapitalistischen Staat zu konfrontieren und zu zerschlagen, muss ausreichen, um eine revolutionĂ€re Partei aufzubauen.“ Der Schatten des Bolschewismus hĂ€ngt immer noch ĂŒber diesem ganzen GeschwĂ€tz.

Wichtig ist auch nicht der militante Aktivismus oder die politische intellektuelle Schulung. Wir stimmen zu, dass revolutionĂ€re Gruppierungen unter den normalen Bedingungen des Kapitalismus, nicht einmal im vorrevolutionĂ€ren Aufschwung, keine Massenorganisationen oder mit einem relevanten zahlenmĂ€ĂŸigen Gewicht in den KlassenkĂ€mpfen sein können. Entscheidend ist aber, dass die theoretische Entwicklung wirklich kontinuierlich und lebendig ist; dass der Aktivismus eine wirkliche bewusste und selbstdisziplinierte SelbsttĂ€tigkeit ist, dass er ein Denken und Handeln ist und nicht eine blinde Kapitulation vor sich wiederholenden und propagandistischen AktivitĂ€ten, die nur dazu dienen, Militante zu dummen Menschen zu machen, die nur wissen, wie man ein paar „klĂŒgeren“ FĂŒhrern folgt. Nur dann werden wir einen ĂŒberlegenen Typus von Organisation haben, der die Funktionen ĂŒbernimmt, die die „revolutionĂ€ren Parteien“ jetzt in Bezug auf die Selbstentwicklung der Klasse und ihrer eigenen Mitglieder zu erfĂŒllen beanspruchen.

Die Partei als politischer Technologe

Wenn die IR die Rolle des Bolschewismus in der Russischen Revolution von 1917 verteidigt, argumentieren sie, dass das Entscheidende fĂŒr den Sieg der Revolution die „FĂ€higkeit einer revolutionĂ€ren Partei in Russland, der bolschewistischen Partei, war, die Arbeiterklasse zur Machtergreifung zu fĂŒhren“. Genauer gesagt, die „FĂ€higkeit, die Situation zu untersuchen, intensiv zu diskutieren und zu einer einheitlichen Schlussfolgerung zu kommen, die in die Praxis umgesetzt werden kann“.

All dies ist historisch falsch. Die bolschewistische Partei fĂŒhrte die Arbeiterklasse nicht an, um die Macht zu ergreifen, sie ergriff sie aus eigener Kraft und verließ sich auf die UnterstĂŒtzung der Arbeiterklasse fĂŒr ihre politischen Positionen „hinter verschlossenen TĂŒren“. In Wirklichkeit nutzte sie die Macht fĂŒr ihre eigenen Zwecke. Außerdem zeichnete sich die bolschewistische Partei keineswegs durch ihr theoretisches „Geschick“ aus. Wenn ĂŒberhaupt, dann war es Lenins theoretische und politische FĂ€higkeit, seine Taktik ĂŒber Nacht zu Ă€ndern, um die Partei an die Macht zu fĂŒhren, was sehr wenig fĂŒr und sehr viel gegen die leninistische Konzeption der Partei sagt.

Ein wenig weiter haben wir ein theoretisches „Juwel“. Darin heißt es: „Ein KernstĂŒck der marxistischen Theorie der revolutionĂ€ren Partei ist der Begriff der FĂŒhrung“. Das bedeutet, dass „jedes Mitglied sich als FĂŒhrungskraft sehen muss, sei es am Arbeitsplatz, in der Schule oder in der Nachbarschaft“. Und die „FĂ€higkeit“, die Positionen der Partei in jeder konkreten Situation darzulegen, ist das, „was RevolutionĂ€ren das Recht gibt, in der Partei und in der Arbeiterklasse zu fĂŒhren“. Aber das Beste ist: „Die Leute, die das Wissen, die Erfahrung und die FĂ€higkeit haben, Streiks, Proteste und Kampagnen zu fĂŒhren, sind der bewussteste Teil der Arbeiterklasse und der Partei.“

Grundlegend fĂŒr die Partei ist demnach die fachpolitische Qualifikation im FĂŒhren und AusfĂŒhren und natĂŒrlich die Überzeugung ihrer Mitglieder, dass dies gut und notwendig ist. Außerdem muss sich jedes Mitglied als dazu bestimmt sehen, seine „rĂŒckstĂ€ndigeren“ Genossen zu befehligen. Dass dies so formuliert ist, dass der Eindruck entsteht, ihre AutoritĂ€t gegenĂŒber den anderen entspringt einer freiwilligen Überzeugung von ihrer theoretischen und praktischen Überlegenheit, Ă€ndert an der Frage ĂŒberhaupt nichts und klĂ€rt auch nicht, wie die praktischen Methoden der FĂŒhrung aussehen werden – was auch immer, wir stellen sie uns sowieso schon vor
 -. Wenn es auf die FĂ€higkeit zur FĂŒhrung ankommt, dann sind diejenigen, die die Klassenbewegung fĂŒhren sollten, die im praktischen Klassenkampf ausgebildeten Gewerkschafts- und ParteifĂŒhrer, die noch „an der Basis“ sind. Das ist die Lösung aller Probleme, die alten reformistischen FĂŒhrer, die jetzt zu eingefleischte BĂŒrokraten geworden sind, durch andere mit revolutionĂ€rer Ideologie gut ausgebildete FĂŒhrer zu ersetzen!

Diese Auffassung von Politik als Technik, als ein vom Zweck losgelöstes Mittel, ist den Parteien immanent. Sie sind unfĂ€hig, zwischen ihrer Politik als Chef und der Klassenpolitik, zwischen der Praxis der Partei und der revolutionĂ€ren kommunistischen Praxis zu unterscheiden. Diese ganze Theorie der FĂŒhrung ist nicht nur dem Marxismus, sondern auch der Intelligenz des wenig bewussten Proletariats völlig fremd. Sie setzt in der Praxis voraus, dass sich die Parteimitglieder als unabhĂ€ngig von der Masse der Klasse sehen (genau wie die Partei) und ihr Handeln entsprechend ihrer eigenen besonderen theoretischen Vision dessen, was getan werden sollte, definieren.

Aber, es wird gesagt werden: das ist das Normalste der Welt, jeder handelt nach seinem eigenen Bewusstsein, usw., usw
. Was wir jedoch bekrĂ€ftigen, ist einfach und klar: Nur die Klasse als Ganzes kann ein kollektives Bewusstsein ausarbeiten; nur das kollektive Bewusstsein kann die Unendlichkeit der zu berĂŒcksichtigenden Aspekte berĂŒcksichtigen; nur durch kollektive Überlegungen und Reflexionen innerhalb des Kampfes kann die FĂ€higkeit des Proletariats, selbstĂ€ndig zu denken, befreit werden und sich zu entwickeln beginnen, sowie seine maximale aktive Beteiligung an den zu beschließenden Aktionen anregen. Die andere besteht lediglich darin, andere dazu zu bringen, das zu wiederholen, was man selbst sagt, und provoziert entweder die Hemmung der Initiative der Klasse oder ihre sklavische Gefolgschaft. In jedem Fall ist es keine revolutionĂ€re Praxis.

Eine weitere Notwendigkeit besteht laut IR darin, dass „durch ideologische Debatte und praktische Arbeit“ die Partei „stĂ€ndig beweisen“ muss, dass ihre Politik „grundlegend ist, um den Sieg zu erreichen“. Aber eine ideologische Debatte ist nur dann von Wert, wenn praktisches Wissen und die Bereitschaft zu aktiver, kritischer Reflexion vorhanden sind, was ziemlich schwer zu finden ist. Und wenn es sie gibt, können „normale“ Arbeiter kaum mit dem intellektuellen Jargon der ParteifĂŒhrer umgehen.

Und wenn die Partei einerseits keine wirkliche intellektuelle SelbsttĂ€tigkeit fördert, stimuliert sie andererseits auch nicht die Entwicklung des praktischen Bewusstseins. Vielmehr ersetzt die Ideologie das praktische Bewusstsein, und so kommt es, dass Parteimitglieder bestimmte Praktiken nicht aus eigener Erfahrung, sondern aus schlichter ideologischer Überzeugung heraus verteidigen. Darin liegt der grundlegende Antagonismus zwischen der Reifung der Arbeiterklasse und den bourgeoisen Ideologien, und das erklĂ€rt, warum ein sehr großer Teil der Militanz der „revolutionĂ€ren Parteien“ mit Ă€ußerst dĂŒrftigen oder oberflĂ€chlichen praktischen Erfahrungen in den KĂ€mpfen zu ihnen gekommen ist. So kommen wir zu dem Fall, in dem der vermeintliche „FĂŒhrer“ in Wirklichkeit eine rĂŒckstĂ€ndigere praktische Vision hat als die fortgeschrittenen Sektoren der Klasse und folglich ein reaktionĂ€res (oder zumindest refraktĂ€res) theoretisches Bewusstsein. Ihre organisatorischen VorschlĂ€ge werden von den bewussten Proletariern nicht akzeptiert, nicht weil sie ideologisch reformistisch sind, sondern weil ihre Erfahrung ihnen die UndurchfĂŒhrbarkeit und Falschheit solcher VorschlĂ€ge gezeigt hat (auch wenn sie noch nicht in der Lage sind, positive Schlussfolgerungen zu ziehen oder ihre Erfahrung rational zu erklĂ€ren). Aber natĂŒrlich betrachtet der Militante der Partei das „UnverstĂ€ndnis“ der „Massen“ als ein Symptom der RĂŒckstĂ€ndigkeit; es ist fĂŒr ihn undenkbar, dass die Arbeiterklasse „weiter links“ sein kann als er und seine Partei. Anstatt also ihre Dogmen aufzugeben und ihr fortgeschrittenes praktisches Bewusstsein zu vertiefen, neigt der Militante der Partei dazu, daran zu denken, seine eigene „Einheitsfront“ von Gefolgsleuten zu bilden, um KlassenprĂ€senz zu gewinnen und die Parteimitgliedschaft zu erhalten.

Der Aufbau von revolutionÀren Gruppierungen und Zukunftsperspektiven

„Man kann nicht auf einen Moment des Aufschwungs im Kampf warten, um dann diese Partei zu grĂŒnden“. Dieses Postulat scheint völlig selbstverstĂ€ndlich zu sein, wenn der Grundgedanke ist, dass das Problem die FĂŒhrung des Kampfes ist und nicht die Selbstentfaltung der einzelnen Proletarier als revolutionĂ€re Subjekte.

FĂŒr uns ist im Gegenteil gerade die Entfaltung der SelbsttĂ€tigkeit, die sich in den aufsteigenden Phasen des Kampfes vollzieht, das Entscheidende. Erst dann können sich die Proletarier fĂŒr ein fortgeschritteneres VerstĂ€ndnis und eine radikalere Praxis öffnen. Dies ist jedoch nur eine Möglichkeit. Man muss darauf warten, dass ihre Notwendigkeit existiert, und dass sie nicht abstrakt existiert, sondern von der Arbeiterklasse empfunden wird.

Die vulgĂ€re Betrachtung der Perioden von Ebbe und Flut des Klassenkampfes berĂŒcksichtigt nicht seinen historischen Inhalt. Was die IR bekrĂ€ftigen, ist, dass „es wichtig ist, eine revolutionĂ€re Partei heute und jetzt aufzubauen“, „sich Tag fĂŒr Tag an den stattfindenden KĂ€mpfen zu beteiligen“, auch wenn „der Klassenkampf jahrelang von geringer IntensitĂ€t ist“. Dann, so sagen sie, werden revolutionĂ€re Parteien klein sein, aber sie werden wachsen, wenn es eine aufwĂ€rts gerichtete Dynamik gibt. (In der Praxis bedeutet das: revolutionĂ€re Parteien werden zunĂ€chst sektiererisch sein, aber dann werden sie immer opportunistischer werden).

FĂŒr uns RĂ€tekommunisten ist der Aufbau von revolutionĂ€ren Gruppierungen keine Frage der AufwĂ€rts- oder AbwĂ€rtsdynamik des Klassenkampfes. Dies ist wichtig, aber nicht entscheidend. Der Aufstieg und Fall des Klassenkampfes wird von den kapitalistischen ökonomischen Zyklen von Wachstum und Rezession beeinflusst; aber seine Form, sein Rhythmus, seine QualitĂ€t hĂ€ngen vom Verlauf des Klassenkampfes, den historischen Bedingungen und der Reifung des Proletariats ab.

Die vulgĂ€re Sichtweise schreibt dem Wachstum des Klassenkampfes revolutionĂ€re Potentiale zu, weil ihre Konzeption des Klassenkampfes reformistisch ist: dass die AnhĂ€ufung von KĂ€mpfen um Reformen zur Revolution fĂŒhren wird. Im Grunde ist es eine gradualistische und ahistorische Vision. Sie spricht von der Revolution als einem qualitativen Sprung im Kampf, begreift aber den Übergang zwischen dem Kampf um Reformen und der Revolution als einen bloß akkumulativen Prozess. Dies ist die typisch leninistische praktische Sichtweise. Seine ganze Taktik lĂ€uft darauf hinaus, den Kampf um Reformen so lange zu entwickeln, bis er fĂŒr den Kapitalismus unertrĂ€glich wird und eine revolutionĂ€re Situation ausgelöst wird. Dann muss die Partei da sein, um der Arbeiterklasse erklĂ€ren zu können, dass der Reformismus keinen Sinn mehr macht und dass sie die Revolution machen muss. Das ist die Vorstellung des Lehrers.

Die RealitĂ€t ist sehr unterschiedlich. Die Arbeiterklasse schreitet nicht durch den Kampf um Reformen voran, sondern durch die immer radikalere und totale Konfrontation mit dem Kapital, ein Prozess, der sukzessive Niederlagen, Spaltungen und RĂŒckschlĂ€ge mit sich bringt, und der nicht dank des Willens oder der rationalen Überzeugung der Klasse zustande kommt, dass der Kapitalismus ein „schlechtes“, unangenehmes, irrationales, begrenztes usw. Gesellschaftssystem ist. Sie kann nur entstehen, weil die Bedingungen, unter denen die Proletarier leben, immer unertrĂ€glicher werden, ohne dass der Kapitalismus in der Lage ist, diese Situation zu Ă€ndern, was dazu fĂŒhrt, dass der Klassenantagonismus extrem wird und sich sofort als ein absolut unversöhnlicher Konflikt darstellt. Dann, wenn es keinen anderen Ausweg mehr gibt, wird der Prozess entfesselt, der in der Revolution seinen Höhepunkt findet. In dem Maße, wie der Kapitalismus in seinem historischen Niedergang fortschreitet und die menschliche Existenz immer mehr erniedrigt, wird die Grundlage dafĂŒr geschaffen, dass der Klassenkampf einen immer radikaleren Charakter annimmt und die Arbeiterklasse fĂŒr revolutionĂ€re Ideen empfĂ€nglich wird.

Wir mĂŒssen die falsche Vorstellung aufgeben, dass der Aufschwung des Kampfes gut und das Abebben des Kampfes schlecht ist. Beide haben ihre Funktion. Die Frage ist die Tendenz, revolutionĂ€r oder nicht, die die gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse als Ergebnis der Entwicklung des Widerspruchs zwischen ProduktivkrĂ€ften und ProduktionsverhĂ€ltnissen bestimmen. Wenn also die aufschwingenden Perioden des Kampfes ihre positiven Elemente enthalten, so auch die abebbenden, in denen die Klasse ĂŒber ihre Erfahrungen und ihre Perspektiven nachdenken muss. In einem Kontext, der fĂŒr die revolutionĂ€re Perspektive nicht gĂŒnstig ist, fĂŒhren die aufschwingenden Perioden zur grĂ¶ĂŸeren Integration der Arbeiterbewegung in den Kapitalismus, nicht zum Bruch mit ihm, und die abebbenden Perioden des Klassenkampfes werden zu Perioden der Verdummung und des Konformismus, statt zu Perioden der kritischen Reflexion ĂŒber die Gesellschaft.

Man kann nicht so tun, als ob man revolutionĂ€re Organisationen aufbaut, wenn die Bedingungen dafĂŒr nicht vorhanden sind. Die Illusion des Aufbaus der revolutionĂ€ren Partei besteht darin, dass es sich in Wirklichkeit nicht um eine Gruppierung von RevolutionĂ€ren handelt, die durch die Verpflichtung zur theoretischen Arbeit vereint sind, sondern um eine Gruppierung von AnhĂ€ngern einer bestimmten Theorie der Revolution, d.h. einer politischen Ideologie. In dem Maße, in dem die alten reformistischen Organisationen in ihrer Krise fortschreiten, in dem Maße, in dem der Kapitalismus Anzeichen – vorĂŒbergehender oder anhaltender – Erschöpfung zeigt und diese Organisationen in das RĂ€derwerk des Kapitals und des Staates eingebunden sind, dienen diese Parteien daher als Kanal fĂŒr die Unzufriedenheit mit diesen Organisationen und hemmen den revolutionĂ€ren Bruch mit dem Reformismus und die Tendenzen zur autonomen Organisation und zum Kampf der Klasse.

Das ist grundsĂ€tzlich so, weil diese Parteien in ihrer tatsĂ€chlichen Praxis nichts anderes sind als der linke FlĂŒgel des linken Reformismus, die extreme Linke des Kapitals. Andernfalls wĂŒrden sie mit der harten RealitĂ€t konfrontiert werden: dass die „Unzufriedenen“ der reformistischen Organisationen zum grĂ¶ĂŸten Teil deshalb so sind, weil diese mit ihren eigenen reformistischen Zielen so inkohĂ€rent geworden sind, dass die Unzufriedenen sich nicht mehr mit ihnen identifizieren und nach einem neuen ideologischen Referenten suchen, der den geringsten Anpassungsaufwand (intellektuell, psychologisch und physisch) mit sich bringt und der es ihnen erlaubt, den Kampf fĂŒr Reformen weiterzufĂŒhren. Es handelt sich also um einen Transfer von Militanten und eine ideologische Metamorphose, nicht um eine wirkliche Reifung als revolutionĂ€re Subjekte. Wenn dieses PhĂ€nomen nicht offen als das gezeigt wird, was es ist, dann deshalb, weil es sich um Proletarier handelt, die noch immer von sich selbst entfremdet sind. In Wirklichkeit glauben sie vielleicht aufrichtig, dass sie RevolutionĂ€re sind, trotz der Tatsache, dass ihre gesamte tĂ€gliche Praxis dies widerlegt. Es ist ganz einfach. Es genĂŒgt, nicht kritisch ĂŒber die eigene Praxis nachzudenken, und ganz allgemein, die Vorurteile und Dogmen, die zur Rechtfertigung einer bestimmten Praxis dienen, dem Einsatz von Intelligenz und dem Kampf gegen alle Vorstellungen vorzuziehen, die sich der Entwicklung einer neuen Praxis entgegenstellen.

Was den Unterschied in zukĂŒnftigen KĂ€mpfen, in der Entwicklung des Klassenkampfes in einem revolutionĂ€ren Sinne ausmachen wird, ist die allgemeine Reifung der Klasse und die VerschĂ€rfung des Klassenantagonismus, bis er immer unertrĂ€glicher wird. Dann wird es immer deutlicher werden, wie es schon immer war, dass die Revolution keine Angelegenheit der Partei ist, sondern eine Angelegenheit der Arbeiterklasse als Ganzes. Je höher das Niveau der materiellen und kulturellen Entwicklung ist, von dem man ausgeht, desto schwieriger wird es sein, die Arbeiterklasse, wenn sie einmal aus historischer Notwendigkeit heraus gehandelt hat, davon zu ĂŒberzeugen, ihre Macht freiwillig an eine ideologisierte Minderheit abzugeben. In solchen Momenten zeigen sich die revolutionĂ€ren Parteien sofort als das, was sie sind: eine Organisation von ideologisierten Proletariern als politische Avantgarde der Bourgeoisie.

Roi Ferreiro,

06/11/05




Quelle: Panopticon.blackblogs.org