September 2, 2021
Von Soligruppe FĂŒr Gefangene
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Einleitung von der Soligruppe fĂŒr Gefangene,

zu unseren kommenden Text – KEIN ANARCHISTISCHES PROGRAMM, Eine Kritik an „anarchistischem“ Idealismus, Ideologien und Reformismus – veröffentlichen wir vorher eine Reihe an Texten, alles Übersetzungen, die sich mit der Thematik des Reformismus – ja sogar dem dialektischen VerhĂ€ltnis, wenn nicht sogar der falschen Dichotomie zwischen beiden – lang vor unserer Zeit, oder vor kurzem, auseinandergesetzt haben.

Die Übersetzung ist von uns und die kursiven Stellen wurden so vom Originaltext ĂŒbernommen, außer einer, nĂ€mlich der Titel eines Buches von Lenin, die Zitate wurden auch aus den Originaltexten ĂŒbernommen, ansonsten spricht das Thema fĂŒr sich, ein weiterer Text, der die Rolle der Partei, ob sich diese als revolutionĂ€r oder nicht betitelt, ist nebensĂ€chlich, kritisiert und angreift. Wir haben diesen Text ausgesucht, weil er die Grundlage fĂŒr wichtige Debatten darstellt, auch wenn wir nicht mit allem einverstanden sind.

Zu den Verfassern und der Gruppe die damals diesen Text veröffentliche können wir nicht viel sagen, außer dass es sich um (anti-autoritĂ€re) Kommunist*innen handelt, die sich mit allen möglichen Fragen und Debatten auseinandergesetzt haben, dass sie sich auf alle möglichen revolutionĂ€ren Strömungen bezogen hatten, sowie rĂ€tekommunistische, anarchistische und der Geschichte der Arbeiterautonomie ab den 1960ern.


Ricardo Fuego

Warum wir keine revolutionÀre Partei brauchen

Einleitung 1

I – Das revolutionĂ€re Subjekt von GargantĂ©

II – Die wahre marxistische Konzeption des Proletariats

III – Vom abstrakten Proletariat zur Partei

IV – Die klassischen sozialdemokratischen Argumente ĂŒber die Partei

V – Der historische Kontext des Kautskyismus-Leninismus

VI – Der wahre Weg zur Revolution, die proletarische Autonomie

VII – Das VerhĂ€ltnis zwischen Kommunisten und Proletariern

VIII – Schlussfolgerung

Einleitung

Im Forum La Liga Comunista (http://elforo.de/laligacomunista) wurden wir gebeten, den Text „Warum wir eine revolutionĂ€re Partei brauchen“ von Josep GargantĂ© zu kritisieren. Josep GargantĂ© ist ein GrĂŒndungsmitglied der Gruppe Socialismo Internacional. Der Originaltext ist unter http://www.enlucha.org/folletos/porque%20un%20partido.doc zu finden.

Der kritisierte Text hat das einzige Interesse, weiterhin die Notwendigkeit der leninistischen Partei zu rechtfertigen. Ich werde weder auf die Kritik an dem von Lenin vorgeschlagenen Parteimodell noch auf die Einseitigkeit der „Analyse“ der revolutionĂ€ren Erfahrungen des 20. Jahrhunderts (insbesondere der russischen Revolution) und auch nicht auf die FĂŒhrung und den demokratischen Zentralismus eingehen.

Wenn ich eine allgemeine Bewertung des Textes vornehme, wĂŒrde ich sagen, dass er die im Titel gestellte Frage nicht beantwortet. Er beginnt mit einer Analyse der politisch-ökonomischen Situation in der Welt und in Spanien, um dann zu bekrĂ€ftigen, dass das revolutionĂ€re Subjekt die Arbeiterklasse ist und dass die Arbeiterklasse eine Partei mit einer korrekten theoretischen Vision braucht, um ĂŒber spontane AufstĂ€nde zu transzendieren. Der Rest des Artikels, mit Ausnahme des Absatzes „Wie wĂ€chst die revolutionĂ€re Organisation?“, ist dem GesprĂ€ch ĂŒber die vorgeschlagene Art der Partei (leninistisch) gewidmet.

Aber die Antwort auf die Frage „Warum brauchen wir eine revolutionĂ€re Partei“ wird nicht einmal im Entferntesten beantwortet. Zwischen der Behauptung, dass das revolutionĂ€re Subjekt die Arbeiterklasse ist, und der Notwendigkeit einer Partei klafft eine ganze argumentative LĂŒcke. Diese LĂŒcke ist das Hauptziel meiner Kritik, und ich wĂ€hle, sie aus der Perspektive „Warum wir keine revolutionĂ€re Partei brauchen“ anzugehen, da ich sie als die Hauptfrage sowohl fĂŒr den Artikel als auch fĂŒr das wirkliche BedĂŒrfnis der Arbeiterklasse, die sozialdemokratische Praxis zu ĂŒberwinden, betrachte.

I – Das revolutionĂ€re Subjekt von GargantĂ©

In dem Abschnitt Das revolutionÀre Subjekt stellt Garganté fest:

„Die Arbeiterklasse ist nach der marxistischen Auffassung die einzige Klasse, die in der Lage ist, eine sozialistische Revolution durchzufĂŒhren. Und zwar grundsĂ€tzlich wegen der Position, in der sie sich innerhalb des Produktionsprozesses des Kapitalismus befindet.

Die Arbeiterklasse ist diejenige, die im Wesentlichen den gesamten Reichtum dieser Gesellschaft schafft und daher die einzige, die potenziell die FĂ€higkeit hat, die Gesellschaft von Grund auf zu verĂ€ndern.“

Erstens, eine methodische Kritik. Anstatt von der Arbeiterklasse selbst auszugehen, wie sie heute existiert, zieht es GargantĂ© vor, von einer abstrakten Definition auszugehen, die nie mit der Praxis kontrastiert wird, da er seine AutoritĂ€t in Marx legitimiert. Ich spreche von „der marxistischen Konzeption“. Das ist an sich schon sehr bedenklich, denn eine vermeintlich revolutionĂ€re Praxis auf abstrakte Definitionen zu grĂŒnden, die durch die AutoritĂ€t des Autors selbst legitimiert sind, dient nicht dazu, die reale Welt zu verĂ€ndern. Um die reale Welt zu verĂ€ndern, mĂŒssen wir von ihr ausgehen, nicht von abstrakten Definitionen oder Doktrinen (wie „kohĂ€rent“ sie auch erscheinen mögen). Aber spĂ€ter werden wir sehen, dass GargantĂ©s „marxistische Konzeption“ sich stark von Marx‘ eigener Konzeption der proletarischen Klasse unterscheidet.

Zweitens, eine inhaltliche Kritik an dieser Behauptung. GargantĂ© sagt uns, dass die „marxistische Konzeption“ der Arbeiterklasse diese zum einzigen revolutionĂ€ren Subjekt macht, weil sie „im Wesentlichen den gesamten Reichtum dieser Gesellschaft schafft“.

Wenn dies die Bedingung dafĂŒr wĂ€re, eine revolutionĂ€re Klasse zu sein, dann hĂ€tten auch Sklaven und Leibeigene revolutionĂ€re Klassen sein mĂŒssen, da es ihre Arbeit war, die den Reichtum der Sklaven- und Feudalgesellschaften produzierte. Sie erwiesen sich jedoch als nicht zutreffend.

Man könnte auch sagen, dass jede ausgebeutete Klasse revolutionĂ€r ist. Und wieder wĂŒrden wir sehen, dass dies ein Fehler ist. Die Sklaven und Leibeigenen waren ausgebeutete Klassen und waren nicht revolutionĂ€r. In Abwesenheit einer revolutionĂ€ren Klasse und einer Revolution in der Sklavengesellschaft zerfiel die Sklavengesellschaft und ihr Niedergang war die Folge. Aus diesem Niedergang wurde die feudale Gesellschaft geboren. In der Feudalgesellschaft gab es eine revolutionĂ€re Klasse, aber es waren nicht die Leibeigenen, sondern die Bourgeoisie. Lasst uns sehen, warum.

Die Bourgeoisie war eine revolutionĂ€re Klasse, weil sie ProduktionsverhĂ€ltnisse vertrat, die den feudalen ĂŒberlegen waren. Wir beziehen uns auf das kapitalistische Eigentum an den Produktionsmitteln. Dies ermöglichte eine viel grĂ¶ĂŸere Entwicklung der Produktion als das Monopol des Adels. Das Feudalregime wurde fĂŒr die meisten Gesellschaftsschichten immer unertrĂ€glicher, weil es der Entwicklung von Industrie und Handel im Wege stand. Schließlich ergriff die Bourgeoisie, in einigen FĂ€llen als Avantgarde des Volkes, in anderen widerstrebend gedrĂ€ngt, in allen LĂ€ndern die politische Macht und beseitigte die letzten Hindernisse fĂŒr Handel und Industrie. So gelang es ihr, ihr soziales Regime im Weltmaßstab zu etablieren. Der Kapitalismus ermöglichte eine gigantische Entwicklung der ProduktivkrĂ€fte (und auch der destruktiven KrĂ€fte). Die revolutionĂ€re Rolle des Kapitalismus bestand darin, die Bedingungen fĂŒr das Ende der Klassengesellschaft geschaffen zu haben, indem er einerseits einen großen Reichtum an Ressourcen und andererseits die ultimative revolutionĂ€re Klasse schuf: das Proletariat oder die Arbeiterklasse.

Die Arbeiterklasse oder das Proletariat ist die revolutionĂ€re Klasse der kapitalistischen Gesellschaft, weil sie in sich die FĂ€higkeit trĂ€gt, eine neue Gesellschaft zu schaffen, die eine grĂ¶ĂŸere Entwicklung der ProduktivkrĂ€fte ermöglicht1. Aber wir sagen auch, dass sie die ultimative revolutionĂ€re Klasse ist, weil sie die FĂ€higkeit in sich trĂ€gt, neue gesellschaftliche VerhĂ€ltnisse ohne Ausbeutung zu schaffen, (A.d.Ü., um) die Klassengesellschaft ein fĂŒr alle Mal zu ĂŒberwinden.

Diese FĂ€higkeit, durch seine autonome TĂ€tigkeit eine neue, der gegenwĂ€rtigen ĂŒberlegene Gesellschaft zu schaffen, macht das Proletariat zur revolutionĂ€ren Klasse der kapitalistischen Gesellschaft. Und das ist es, was Leninist*innen nicht verstehen können und wollen, wie wir spĂ€ter sehen werden.

II – Die wahre marxistische Auffassung des Proletariats

Bevor wir fortfahren, wollen wir sehen, was die wahre marxistische Konzeption des Proletariats ist.

„Das Proletariat ist umgekehrt als Proletariat gezwungen, sich selbst und damit seinen bedingenden Gegensatz, der es zum Proletariat macht, das Privateigentum, aufzuheben. (
) Wegen des Widerspruchs, der zwischen seiner menschlichen Natur und seiner Situation besteht, die die offene, klare und absolute Verneinung dieser Natur darstellt. (
) Vielmehr umgekehrt. Weil die Abstraktion von aller Menschlichkeit, selbst von dem Schein der Menschlichkeit, im ausgebildeten Proletariat praktisch vollendet ist, weil in den Lebensbedingungen des Proletariats alle Lebensbedingungen der heutigen Gesellschaft in ihrer unmenschlichsten Spitze zusammengefaßt sind, weil der Mensch in ihm sich selbst verloren, aber zugleich nicht nur das theoretische Bewußtsein dieses Verlustes gewonnen hat, sondern auch unmittelbar durch die nicht mehr abzuweisende, nicht mehr zu beschönigende, absolut gebieterische Not – den praktischen Ausdruck der Notwendigkeit – zur Empörung gegen diese Unmenschlichkeit gezwungen ist, darum kann und muß das Proletariat sich selbst befreien. Es kann sich aber nicht selbst befreien, ohne seine eigenen Lebensbedingungen aufzuheben. Es kann seine eigenen Lebensbedingungen nicht aufheben, ohne alle unmenschlichen Lebensbedingungen der heutigen Gesellschaft, die sich in seiner Situation zusammenfassen, aufzuheben. Es macht nicht vergebens die harte, aber stĂ€hlende Schule der Arbeit durch. Es handelt sich nicht darum, was dieser oder jener Proletarier oder selbst das ganze Proletariat als Ziel sich einstweilen vorstellt. Es handelt sich darum, was es ist und was es diesem Sein gemĂ€ĂŸ geschichtlich zu tun gezwungen sein wird. Sein Ziel und seine geschichtliche Aktion ist in seiner eignen Lebenssituation wie in der ganzen Organisation der heutigen bĂŒrgerlichen Gesellschaft sinnfĂ€llig, unwiderruflich vorgezeichnet.“ Karl Marx und Friedrich Engels, Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik

„Wo also die positive Möglichkeit der deutschen Emanzipation?

Antwort: in der Bildung einer Klasse mit radikalen Ketten, einer Klasse der bĂŒrgerlichen Gesellschaft, welche keine Klasse der bĂŒrgerlichen Gesellschaft ist, eines Standes, welcher die Auflösung aller StĂ€nde ist, einer SphĂ€re, welche einen universellen Charakter durch ihre universellen Leiden besitzt und kein besondres Recht in Anspruch nimmt, weil kein besondres Unrecht, sondern das Unrecht schlechthin an ihr verĂŒbt wird, welche nicht mehr auf einen historischen, sondern nur noch auf den menschlichen Titel provozieren kann, welche in keinem einseitigen Gegensatz zu den Konsequenzen, sondern in einem allseitigen Gegensatz zu den Voraussetzungen des deutschen Staatswesens steht, einer SphĂ€re endlich, welche sich nicht emanzipieren kann, ohne sich von allen ĂŒbrigen SphĂ€ren der Gesellschaft und damit alle ĂŒbrigen SphĂ€ren der Gesellschaft zu emanzipieren, welche mit einem Wort der völlige Verlust des Menschen ist, also nur durch die völlige Wiedergewinnung des Menschen sich selbst gewinnen kann. Diese Auflösung der Gesellschaft als ein besonderer Stand ist das Proletariat. (
) Wenn das Proletariat die Auflösung der bisherigen Weltordnung verkĂŒndet, so spricht es nur das Geheimnis seines eignen Daseins aus, denn es ist die faktische Auflösung dieser Weltordnung. Wenn das Proletariat die Negation des Privateigentums verlangt, so erhebt es nur zum Prinzip der Gesellschaft, was die Gesellschaft zu seinem Prinzip erhoben hat, was in ihm als negatives Resultat der Gesellschaft schon ohne sein Zutun verkörpert ist.“ Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie

Wir sehen also, dass GargantĂ©s Text, abgesehen davon, dass er von einer abstrakten Definition des Proletariats ausgeht, die er als „die marxistische Konzeption“ identifiziert, mit der von Marx2 nichts zu tun hat. Wenn also das Angehen einer „revolutionĂ€ren“ TĂ€tigkeit von abstrakten Definitionen aus schon ein schwerwiegender Umstand an sich ist, so ist das Angehen von falschen abstrakten Definitionen ein monumentaler Fehlschlag.

Das bedeutet nicht, dass GargantĂ©s „marxistische Konzeption“ falsch ist, weil sie nicht mit der von Marx ĂŒbereinstimmt. Warum die Definition von GargantĂ© falsch ist, wurde im vorherigen Punkt bewiesen. Dieser Punkt meiner Kritik soll nur darauf hinweisen, dass, wenn GargantĂ© und andere Leninist*innen von der „marxistischen Konzeption“ der Arbeiterklasse sprechen, sie einfach die sozialdemokratisch-bolschewistische Konzeption meinen.

III – Vom abstrakten Proletariat zur Partei

Nachdem er seine Theorie der Partei auf falsche Abstraktionen gegrĂŒndet hat, fĂ€hrt GargantĂ© fort, ĂŒber den Unterschied zwischen dem revolutionĂ€ren Potenzial der Arbeiterklasse und ihrer tatsĂ€chlichen reformistischen Praxis zu sprechen.

Er fĂŒhrt diesen Unterschied auf die Unkenntnis oder das fehlende Bewusstsein der Arbeiter ĂŒber ihre Rolle in der Produktion, ĂŒber die gesellschaftliche Struktur und ĂŒber ihr Potenzial als revolutionĂ€re Klasse zurĂŒck. Es scheint, dass fĂŒr GargantĂ© das Problem der reformistischen AktivitĂ€t der Arbeiterklasse mit ideologischen Mitteln, mit Propaganda, gelöst wird.

GargantĂ© spricht an keiner Stelle von Entfremdung, dem Produkt der alltĂ€glichen entfremdeten Arbeit. Er erwĂ€hnt auch nicht, dass diese Entfremdung durch eine Praxis ĂŒberwunden wird, in der die Arbeiterklasse mit traditionellen Handlungs- und Denkweisen bricht (Unterordnung unter die Hierarchie und Delegation der eigenen Angelegenheiten an „Spezialisten“ sind einige Beispiele).

Deshalb lÀsst Garganté all diese Fragen unbeantwortet:

„Wie können RevolutionĂ€re diese Situation ĂŒberwinden? Wie können Arbeiter von der PassivitĂ€t, alle vier Jahre durch Wahlen auf VerĂ€nderungen zu hoffen, dazu ĂŒbergehen, aktive Teilnehmer an ihrer eigenen Emanzipation zu sein?

Wie werden sich die Arbeiter der Möglichkeiten bewusst, die Dinge zu verĂ€ndern, bis zu dem Punkt, an dem sie sich ihrer Interessen als soziale Klasse bewusst werden?“

Um dann zu sagen:

„Die Geschichte zeigt immer wieder, dass sich die Arbeiter spontan erhoben haben und im Prozess der DurchfĂŒhrung einer Revolution zu einer Klasse geworden sind, die sich ihres Gewichts und ihrer Macht innerhalb des Kapitalismus bewusst ist.“

Zum ersten Mal im Text wendet sich GargantĂ© der in der Geschichte existierenden Arbeiterklasse zu, doch anstatt dieses PhĂ€nomen (den spontanen Aufstand der Arbeiter und ihre Selbstkonstituierung zu einem Subjekt, zu einer „Klasse fĂŒr sich“) untersuchen zu wollen, versucht er, es mit seiner Ideologie in Einklang zu bringen. Ohne die beiden Punkte miteinander zu verbinden, geht GargantĂ© also von der Rede ĂŒber spontane AufstĂ€nde (die er nicht erklĂ€rt) zur Notwendigkeit „einer kohĂ€renten Theorie und einer geeigneten Organisation, um ĂŒber einen einfachen Aufstand hinausgehen zu können“ ĂŒber.

Das heißt, anstatt den Prozess zu untersuchen, der die Arbeiter dazu bringt, sich spontan zu erheben, um zu sehen, was ihre MĂ€ngel sind und um den Weg zu finden, den Prozess zu beschleunigen und den Kampf so bewusst wie möglich zu machen; anstatt zu untersuchen, was in den frĂŒheren revolutionĂ€ren Bewegungen fehlte, um siegreich zu sein und diese Analyse auf die Praxis der Klasse zu zentrieren, fĂ€hrt GargantĂ© fort, uns von der Notwendigkeit einer Theorie und einer Organisation zu verzaubern, „um ĂŒber einen einfachen Aufstand hinausgehen zu können“. Mit dieser willkĂŒrlichen Arbeitsteilung rechtfertigt GargantĂ© die Partei.

Und ohne Umschweife fĂ€hrt er fort, darĂŒber zu sprechen, welche Art von Partei: die leninistische Avantgardepartei. Aber fĂŒr uns ist die Frage nicht, welche Art von Partei die Klasse braucht, sondern zu zeigen, warum die Klasse keine Art von Partei braucht und zu analysieren, warum das Gegenteil noch gedacht wird.

IV – Die klassisch sozialdemokratischen Argumente ĂŒber die Partei

Die Sicherheit der Sozialdemokrat*innen und ihres radikalen FlĂŒgels, der Leninist*innen, dass die Arbeiterklasse eine politische Partei braucht, die sie fĂŒhrt, um fĂŒr die Revolution zu kĂ€mpfen, liegt in ihrer Skepsis, dass die Arbeiterklasse sich selbst fĂŒhren kann. FĂŒr sie kann die autonome TĂ€tigkeit des Proletariats ohne die FĂŒhrung einer revolutionĂ€ren Partei nur zum Scheitern oder Reformismus fĂŒhren. Worauf stĂŒtzen sie diese letzte Behauptung?

In Was tun? zitiert Lenin seinen Meister Karl Kautsky:

„Manche unserer revisionistischen Kritiker nehmen an, Marx hĂ€tte behauptet, die ökonomische Entwicklung und der Klassenkampf schĂŒfen nicht bloß die Vorbedingungen sozialistischer Produktion, sondern auch direkt die Erkenntnis (hervorgehoben von K.K.) ihrer Notwendigkeit, und da sind die Kritiker gleich fertig mit dem Einwand, daß das Land der höchsten kapitalistischen Entwicklung, England, von allen modernen LĂ€ndern am freiesten von dieser Erkenntnis sei. Nach der neuen Fassung könnte man annehmen, daß auch die österreichische Programmkommission den auf diese Weise widerlegten angeblich „orthodox-marxistischen“ Standpunkt teile. Denn es heißt da: „Je mehr die Entwicklung des Kapitalismus das Proletariat anschwellen macht, desto mehr wird es gezwungen und befĂ€higt, den Kampf gegen ihn aufzunehmen. Es kommt zum Bewußtsein“ der Möglichkeit und Notwendigkeit des Sozialismus etc. In diesem Zusammenhang erscheint das sozialistische Bewußtsein als das notwendige direkte Ergebnis des proletarischen Klassenkampf es. Das ist aber falsch. Der Sozialismus als Lehre wurzelt allerdings ebenso in den heutigen ökonomischen VerhĂ€ltnissen wie der Klassenkampf des Proletariats, entspringt ebenso wie dieser aus dem Kampfe gegen die Massenarmut und das Massenelend, das der Kapitalismus erzeugt; aber beide entstehen nebeneinander, nicht auseinander, und unter verschiedenen Voraussetzungen. Das moderne sozialistische Bewußtsein kann nur erstehen auf Grund tiefer wissenschaftlicher Einsicht. In der Tat bildet die heutige ökonomische Wissenschaft ebenso eine Vorbedingung sozialistischer Produktion wie etwa die heutige Technik, nur kann das Proletariat beim besten Willen die eine ebensowenig schaffen wie die andere; sie entstehen beide aus dem heutigen gesellschaftlichen Prozeß. Der TrĂ€ger der Wissenschaft ist aber nicht das Proletariat, sondern die bĂŒrgerliche Intelligenz (hervorgehoben von K.K.); in einzelnen Mitgliedern dieser Schicht ist denn auch der moderne Sozialismus entstanden und durch sie erst geistig hervorragenden Proletariern mitgeteilt worden, die ihn dann in den Klassenkampf des Proletariats hineintragen, wo die VerhĂ€ltnisse es gestatten. Das sozialistische Bewußtsein ist also etwas in den Klassenkampf des Proletariats von außen Hineingetragenes, nicht etwas aus ihm urwĂŒchsig Entstandenes. Dem entsprechend sagt auch das alte Hainfelder Programm ganz richtig, daß es zu den Aufgaben der Sozialdemokratie gehöre, das Proletariat mit dem Bewußtsein (hervorgehoben von K.K.) seiner Lage und seiner Aufgabe zu erfĂŒllen. Das wĂ€re nicht notwendig, wenn dies Bewußtsein von selbst aus dem Klassenkampf entsprĂ€nge.“

Nachdem er seinen Meister (spÀter ein Renegat) zitiert hatte, sagt uns Lenin:

„Kann nun von einer selbstĂ€ndigen, von den Arbeitermassen im Verlauf ihrer Bewegung selbst ausgearbeiteten Ideologie keine Rede sein3, so kann die Frage nur so stehen: bĂŒrgerliche oder sozialistische Ideologie.“

Mit anderen Worten: Entweder fĂŒhrt die in einer Partei organisierte sozialistische Intelligenz das Proletariat, oder das Proletariat wird von der Bourgeoisie gefĂŒhrt. Die Sozialisten/Kommunisten mĂŒssen sich in einer Partei organisieren, um die sozialistische Ideologie unter dem Proletariat zu verbreiten und es im Kampf gegen die Bourgeoisie zu fĂŒhren. Sie mĂŒssen dafĂŒr kĂ€mpfen, die Bewegung nach ihren speziellen Prinzipien, nach ihrem Programm zu formen. Je mehr FĂŒhrungspositionen die Partei einnimmt und je tiefer ihre Ideologie in den Massen verwurzelt ist, desto nĂ€her wird sie der Revolution sein.

Die Aufgabe der Partei ist es, die versprengten Truppen zu sammeln und sie bei ihren Angriffen gegen die Bourgeoisie zu fĂŒhren. Die revolutionĂ€re Partei ist der Generalstab der Revolution. Ohne eine revolutionĂ€re Partei gibt es keine Revolution. Auf diese Weise wird das Proletariat zur Truppe des eigentlichen revolutionĂ€ren Subjekts der sozialdemokratischen Theorie: der Partei. Nach der sozialdemokratischen Theorie ist das VerhĂ€ltnis zwischen Kommunisten und Proletariern das von Lehrern und SchĂŒlern, FĂŒhrern und GefĂŒhrten.

V – Historischer Kontext des Kautskyismus-Leninismus

Aber was ist der historische Kontext der kautskyanisch-leninistischen Konzeption der Beziehung zwischen Kommunisten und Proletariern? Der Kontext war die reformistische Phase der Arbeiterbewegung im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts bis kurz vor dem ersten imperialistischen Krieg. Um die Zeit der Niederschlagung der Pariser Kommune (1871) begann ein wirtschaftlicher Aufschwung des Kapitalismus, in dem die Bourgeoisie in der Lage war, den Arbeitermassen wirtschaftliche und politische Forderungen zuzugestehen. Die Bourgeoisie lernte schließlich – gezwungen durch den Kampf der Arbeiter -, dass es besser war, diesen Forderungen nachzugeben, um dem permanenten Konflikt zwischen den Klassen ein Ende zu setzen und die Gefahr eines revolutionĂ€ren Proletariats zu vermeiden. Zu dieser Zeit wurden die Gewerkschaften legalisiert und wuchsen in ihrer Zahl, bis sie sich zu Arbeiterzentralen zusammenschlossen. Durch die Legalisierung der Arbeiterparteien und deren Einzug in das parlamentarische System wurde die Sozialdemokratie zum Vertreter der Arbeiterklasse im Parlament schlechthin. Und ich sage reprĂ€sentativ schlechthin, weil der Parlamentarismus und der theoretische Opportunismus der Sozialdemokratie treue Vertreter des Reformismus der Arbeiterklasse waren. In jenen Jahren ging die „spontane Arbeiterbewegung“ nicht ĂŒber die Gewerkschaftsbewegung hinaus, weil das Hauptziel der Arbeiterklasse darin bestand, sich in die bourgeoise Gesellschaft zu integrieren. Die kautskyanisch-leninistische PrĂ€misse von der Notwendigkeit der Partei beruhte auf der Naturalisierung dieser vergĂ€nglichen Wahrheit (dem reformistischen Charakter der „spontanen Arbeiterbewegung“).

Diese PrĂ€misse wurde, 2 Jahre nachdem Lenin Was tun? schrieb, dementiert. Im Jahr 1905 schufen die aufstĂ€ndischen russischen Massen die Sowjets (RĂ€te) der Arbeiterabgeordneten4. Sie begannen als Erweiterung von Streikkomitees und wurden zu Organen der Arbeitermacht, um den politischen und wirtschaftlichen Kampf gegen das zaristische Regime zu koordinieren. Obwohl sie aus den nicht-sozialdemokratischen Massen hervorgingen, gingen die Sowjets eindeutig ĂŒber das gewerkschaftliche Bewusstsein hinaus. Die russischen Massen zeigten der Welt die Form der revolutionĂ€ren Organisation des Proletariats, indem sie auf einem anderen Terrain und in einem grĂ¶ĂŸeren Maßstab die Glanzleistung des Pariser Proletariats von 1871 wiederholten.

Aber das war nicht das letzte Mal, dass das Proletariat durch seine autonome AktivitĂ€t die Gewerkschaftsbewegung ĂŒberwunden hat. Das Proletariat hat im 20. Jahrhundert mehrfach in der Praxis bewiesen, dass die kautskyanisch-leninistische PrĂ€misse falsch ist, und aus eigener Kraft seine Machtorganismen aufgebaut, die den politischen und ökonomischen Kampf vereinigten. Die PrĂ€misse der UnfĂ€higkeit der Arbeiterklasse, syndikalistisches (A.d.Ü., gewerkschaftliches) Bewusstsein zu ĂŒberwinden, bleibt jedoch, obwohl sie von der Geschichte widerlegt wurde, bis heute der Kern der Argumente der Linken.

Worauf ist das zurĂŒckzufĂŒhren?

Nochmals, zum aktuellen Reformismus der Arbeiterklasse.

So wie die alte Sozialdemokratie in ihrer politischen und theoretischen Praxis das reformistische Proletariat ihrer Zeit reprĂ€sentierte, so tut es die heutige Linke. Damals wurde der theoretische Opportunismus der Sozialdemokratie von einigen wenigen RevolutionĂ€ren bekĂ€mpft und angeprangert. Aber die Sozialdemokratie war nicht wegen ihres „Revisionismus“ der marxistischen Theorie reformistisch, sondern wegen ihres Charakters als politische Partei und ihrer Anpassung innerhalb des bourgeoisen Regimes. Die Sozialdemokratie konnte angesichts der radikalen Kritik behaupten, die RealitĂ€t gebe ihr Recht. Und heute kann die Linke dasselbe sagen, denn die Praxis der Arbeiterklasse ist heute immer noch reformistisch, und nach Ansicht der Linken hat nur ein revolutionĂ€rer Prozess, der von einer Partei gefĂŒhrt wird, den Sieg errungen, auch wenn er spĂ€ter „degeneriert“5 ist.

Aber wenn wir uns auf die Geschichte stĂŒtzen und nicht auf die zirkulĂ€re Logik der Linken, werden wir sehen, dass in den revolutionĂ€ren Bewegungen des 20. Jahrhunderts (in Deutschland und Spanien können wir es sehr deutlich sehen) gezeigt wurde, dass die Aktionen der Parteien -und Gewerkschaften- der Selbstemanzipation der Arbeiter zuwiderliefen. Die „spontane Arbeiterbewegung“, die vom Klassenkampf selbst angetrieben wurde, ĂŒberwand nicht nur die Gewerkschaftsbewegung, sondern hatte auch die sozialdemokratischen und leninistischen Parteien auf der gegenĂŒberliegenden Seite der Straße. Das Interesse des Proletariats war die Selbstemanzipation. Das Interesse der Parteien war und ist, es zu fĂŒhren. Und noch heute wird die Bilanz, die die Linke ĂŒber diese Prozesse zieht, in einem Satz zusammengefasst: „Es fehlte an revolutionĂ€rer FĂŒhrung“.

VI – Der wahre Weg zur Revolution, die proletarische Autonomie

„Und dann?“ – Wird das sozialdemokratische Denken als letztes Mittel des Pragmatismus angesichts der Sturheit der Geschichte sagen: „Sollen wir uns zurĂŒcklehnen und warten, bis die Revolution sich selbst macht?“

Da die Sozialdemokratie keine Bewegung kennt, die nicht fĂŒhrt, kennt sie auch keine AktivitĂ€t, die nicht darauf abzielt, „die FĂŒhrung“ der Bewegung der Ausgebeuteten zu gewinnen. Lenin selbst sagte, dass es nur wenige KrĂ€fte gibt, die mĂ€chtiger sind als die Gewohnheit, und die Gewohnheit, wie bourgeoise RevolutionĂ€re zu denken, ist in der Linken zu stark, als dass sie von einem Tag auf den anderen verschwinden könnte, nicht einmal mit den besten Argumenten der Welt. In dieser Epoche, in der der Klassenkampf noch nicht genug radikalisiert ist, werden nur wenige in der Lage sein, die sozialdemokratische Vision der proletarischen Revolution und des Sozialismus zu bekĂ€mpfen und zu ĂŒberwinden, denn aufgrund des geringen Niveaus der SelbstaktivitĂ€t der Arbeiterklasse wird die Mehrheit der linken Militanz das kautskyanisch-leninistische Prinzip „bestĂ€tigt“ sehen, wonach die Arbeiterklasse keine andere Möglichkeit hat, als von ihrer Klassenpartei angefĂŒhrt zu werden.

Aber die Lösung dafĂŒr kommt nicht aus der Hand von revolutionĂ€ren Gruppen fĂŒr die Autonomie der Arbeiter (obwohl ihre Bildung wĂŒnschenswert und notwendig ist). Die Gegentendenz zur Autonomie der Arbeiter, die sowohl von der Linken als auch von der Gewerkschaftsbewegung vertreten wird, kann nur durch die SelbstaktivitĂ€t der Klasse selbst ĂŒberwunden werden. Wir denken, dass das Proletariat das revolutionĂ€re Subjekt ist, deshalb geht der Mittelpunkt unserer Reflexion und unserer Praxis durch seine Praxis und nicht durch die FĂŒhrungen oder Kandidaten, die es sein wollen. Unsere ist eine materialistische Analyse, keine idealistische, und deshalb konzentriert sie sich auf die Praxis der Ausgebeuteten, nicht auf ihr Bewusstsein6. Und so wie wir sagen, dass die Emanzipation der Arbeiterklasse das Werk der Arbeiterklasse selbst sein wird, sagen wir, dass die GrĂŒnde fĂŒr das Scheitern der Arbeiterklasse in ihrer Selbstemanzipation in ihrer eigenen Praxis gesucht werden mĂŒssen. Wir sagen, dass, wenn in der proletarischen Bewegung die gewerkschaftliche und parteiliche Organisation und das Denken vorherrschen, dies eine Manifestation des reformistischen Charakters dieser Bewegung, eines niedrigen Stadiums der SelbstaktivitĂ€t der Klasse ist.

Erst wenn das Proletariat durch seine autonome TĂ€tigkeit die Gewerkschafts- und Parteipraktiken ĂŒberwindet und seine Machtorganismen durch direkte Demokratie konstituiert, kann man von einer revolutionĂ€ren Praxis sprechen. Das Proletariat braucht dazu keine Partei, es wird es spontan tun, sobald die Lebensbedingungen im Kapitalismus unertrĂ€glich werden und es die Nutzlosigkeit von Partei- und Gewerkschaftsorganisationen in der Praxis bewiesen hat. Diese Schlussfolgerung wird das Produkt nicht einer „revolutionĂ€ren Theorie“ sein, die wie Manna vom Himmel fĂ€llt, sondern der kollektiven Auseinandersetzung mit der gelebten Erfahrung. Kollektive Debatte, zu der wir revolutionĂ€ren Gruppen fĂŒr die Selbstemanzipation der Klasse mit unseren Meinungen beitragen können.

Wir Kommunist*innen mĂŒssen diesen Lernprozess auf der Grundlage von Erfahrungen beschleunigen und so bewusst wie möglich machen, und dafĂŒr mĂŒssen wir ihn als erstes nicht durch entfremdende Praktiken behindern. Dies erfordert eine Beziehung zwischen Kommunist*innen und Proletariern, die nicht die von Partei/Massen, FĂŒhrern/Leitern, Lehrern/SchĂŒlern ist. Und ebenso eine Beziehung zwischen Kommunist*innen selbst, die nicht die von FĂŒhrung/Basis, Zentralkomitee/Militanz ist.

VII – Die Beziehung zwischen Kommunisten und Proletariern

FĂŒr uns ist die Essenz der TĂ€tigkeit der Kommunisten das, was Marx im Manifest schreibt:

„In welchem VerhĂ€ltnis stehen die Kommunisten zu den Proletariern ĂŒberhaupt?

Die Kommunisten sind keine besondere Partei gegenĂŒber den andern Arbeiterparteien.

Sie haben keine von den Interessen des ganzen Proletariats getrennten Interessen.

Sie stellen keine besonderen Prinzipien auf, wonach sie die proletarische Bewegung modeln wollen.

Die Kommunisten unterscheiden sich von den ĂŒbrigen proletarischen Parteien nur dadurch, daß sie einerseits in den verschiedenen nationalen KĂ€mpfen der Proletarier die gemeinsamen, von der NationalitĂ€t unabhĂ€ngigen Interessen des gesamten Proletariats hervorheben und zur Geltung bringen, andrerseits dadurch, daß sie in den verschiedenen Entwicklungsstufen, welche der Kampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie durchlĂ€uft, stets das Interesse der Gesamtbewegung vertreten.

Die Kommunisten sind also praktisch der entschiedenste, immer weitertreibende Teil der Arbeiterparteien aller LĂ€nder; sie haben theoretisch vor der ĂŒbrigen Masse des Proletariats die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung voraus.

Der nĂ€chste Zweck der Kommunisten ist derselbe wie der aller ĂŒbrigen proletarischen Parteien: Bildung des Proletariats zur Klasse, Sturz der Bourgeoisherrschaft, Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat.“

Auch wenn diese PrĂ€missen im Großen und Ganzen richtig sind, gab es einige VerĂ€nderungen von Marx bis heute. Einer der Unterschiede besteht darin, dass zu Marx‘ Zeiten die Arbeiterbewegung noch nicht vom System absorbiert worden war und daher ausschließlich das Produkt der autonomen TĂ€tigkeit des Proletariats war. Heute ist die Arbeiterbewegung vom System aufgesogen worden, und die Parteien und Gewerkschaften sind nicht mehr Faktoren fĂŒr die Entwicklung der SelbstaktivitĂ€t und des Bewusstseins der Klasse, sondern ein Faktor fĂŒr ihre RĂŒckstĂ€ndigkeit. Deshalb muss unsere TĂ€tigkeit außerhalb und gegen die Parteien und Gewerkschaften beginnen.

Wir schlagen die Bildung von autonomen und horizontalen Diskussions-, Reflexions- und Verbreitungskreisen vor. Das bedeutet nicht, viele kleine Parteien zu bilden, die nach der Art von Vollversammlungen (ohne formale Hierarchien) funktionieren. Es handelt sich um eine Änderung des Inhalts der TĂ€tigkeit, nicht nur der Form. Anstatt ein Programm und eine „Linie“ zu entwerfen, die man der Klasse aufzwingen will, sich am Klassenkampf als einer mehr zu beteiligen, in jedem einzelnen Kampf den Kampf als Ganzes hervorzuheben und zu behaupten, mit unserer theoretischen Vision dazu beizutragen, die Hindernisse zu erkennen und zu ĂŒberwinden, die der Feind stellt oder die wir selbst stellen. Um Marx in seinem Brief an Ruge von 1843 zu paraphrasieren, mĂŒssen wir unseren KlassengefĂ€hrten nicht sagen, warum sie kĂ€mpfen sollen, sondern ihnen erklĂ€ren, warum sie kĂ€mpfen. Dem Spontanen zu helfen, bewusster zu werden, anstatt zu versuchen, es zu lenken.

NatĂŒrlich ist diese Arbeit der theoretischen Praxis nicht die ganze TĂ€tigkeit der Kommunist*innen, sondern das, was sie vom Rest des Proletariats unterscheidet7. Kampf und SolidaritĂ€t, immer autonom und die Ausgebeuteten dazu drĂ€ngend, fĂŒr sich selbst zu handeln, ist die beste Propaganda fĂŒr den Kommunismus, die man machen kann.

VIII – Fazit

„Der Kommunismus ist nichts anderes als die bewusste und selbstorganisierte Zusammenarbeit der Proletarier gegen die Entfremdung ihrer SelbsttĂ€tigkeit als gesamter Mensch; er soll die freie Entwicklung der Individuen mit all ihren FĂ€higkeiten und BedĂŒrfnissen zur Bedingung fĂŒr die Entwicklung einer Gesellschaft ohne Ausbeutung und Herrschaft machen. Kurz gesagt, der Kommunismus ist die wirkliche Bewegung, die den gegenwĂ€rtigen Zustand der menschlichen Existenz effektiv aufhebt und ĂŒberwindet, eine Bewegung, die mit der Tendenz der Proletarier, autonom und als Klasse zu handeln, das heißt, ihre eigene selbstbestimmte revolutionĂ€re Praxis zu unternehmen, ins Leben tritt. Die Entwicklung des Kommunismus besteht im Wesentlichen in der Entwicklung der proletarischen Autonomie ĂŒber die vom Kapitalismus gesetzten Grenzen hinaus.“ (CĂ­rculo Internacional de Comunistas Antibolcheviques – LĂ­neas de orientaciĂłn – Internationaler Kreis der antibolschewistischen Kommunisten – Orientierungslinien)

Heute können wir in der sozialen Existenz der Proletarier die Negation der gegenwĂ€rtigen Gesellschaft, die Negation des Privateigentums sehen. Wir könnten eine ganze Seite mit Daten ĂŒber die Konzentration von Reichtum und die Ausdehnung des Elends, die sein notwendiges GegenstĂŒck ist, fĂŒllen. Die enorme Konzentration von Reichtum in einer Handvoll Monopole spiegelt sich umgekehrt in den zwei Dritteln der Menschheit wider, die von weniger als zwei Dollar pro Tag leben. Die KapazitĂ€t, Nahrung fĂŒr 12 Milliarden Menschen zu produzieren, auf der einen Seite und die 100.000 Hungertoten pro Tag auf der anderen Seite.

Gegen all dies gibt es den Kampf seitens der Ausgebeuteten. KĂ€mpfe um Forderungen, politische KĂ€mpfe, aufstĂ€ndische KĂ€mpfe und territoriale KĂ€mpfe. Einige KĂ€mpfe sind autonom und andere werden vom System durch staatliche Institutionen, Parteien oder Gewerkschaften aufgefangen. Nicht in institutionalisierten oder einer FĂŒhrung untergeordneten KĂ€mpfen werden wir den wahren revolutionĂ€ren Charakter des Proletariats erkennen.

Es ist der radikale und autonome Kampf der Ausgebeuteten gegen die gegenwĂ€rtigen gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse, in dem wir das wirkliche Proletariat als Subjekt sehen können. Denn nur durch individuelle und kollektive Autonomie befreien sich die Proletarier von der Entfremdung. Wir sahen es in den Prozessen der Pariser Kommune, den russischen Sowjets, den deutschen ArbeiterrĂ€ten, den spanischen landwirtschaftlichen Kollektiven. Wir sehen es heute in den radikalsten wilden Streiks, wo, obwohl die GewerkschaftsfĂŒhrung nicht ĂŒberwunden wird, die Vormundschaft der GewerkschaftsfĂŒhrungen ĂŒberwunden wird und die Ausgebeuteten ihre eigenen Diskussions- und Entscheidungsgremien schaffen. Wir haben das in Argentinien flĂŒchtig gesehen, mit der Schaffung der Vollversammlungen, die aus dem Aufstand vom Dezember 2001 hervorgegangen sind.

Der Weg zur Erhöhung der SelbstaktivitÀt der Ausgebeuteten liegt in der Bildung von autonomen Basiskernen und in den Kreisen der Debatte und der theoretischen Meinung, nicht in der alten und sich erholenden Partei/Gewerkschaft-BinomialitÀt.

Unsere Emanzipation wird das Werk von uns selbst sein. Wir brauchen keine „professionellen Emanzipatoren“, die uns sagen, was wir tun sollen. Wir brauchen Komplizen, wir brauchen GefĂ€hrten, mit denen wir diesen Weg gemeinsam gehen können, als Gleiche, die nicht nur im Sinne des Kommunismus, sondern vom Kommunismus her denken und handeln.

Ricardo Fuego

28/11/2005




Quelle: Panopticon.blackblogs.org