November 30, 2020
Von Waldstattasphalt
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Disclaimer: Dieser Text wurde von Einzelpersonen verfasst und nicht mit der ganzen Besetzung abgesprochen. Es gibt keine autorisierte Gruppe und kein beschlussfĂ€higes Gremium, das ‚offizielle Gruppenmeinungen‘ fĂŒr die Besetzung beschließen könnte. Die Menschen in der Besetzung und ihrem Umfeld haben vielfĂ€ltige und teils kontroverse Meinungen. Diese Meinungsvielfalt wird daher hier nicht zensiert, sondern kann gleichberechtigt neben einander stehen. Kein Text spricht fĂŒr die ganze Besetzung oder wird notwendigerweise von der ganzen Besetzung gut geheißen.

English version below

“Ich bitte Sie: Verzichten Sie auf jede Reise, die nicht wirklich zwingend notwendig ist [
] Bitte bleiben Sie, wenn immer möglich, zu Hause, an Ihrem Wohnort”, sagte Angela Merkel1 am 17.10. in ihrem Podcast2. An diesem Tag stieg ich in einen Zug, ĂŒberquerte eine Staatsgrenze und schloss mich den Aktivist*innen an, die wie ich aus mehreren StĂ€dten, BundeslĂ€ndern und LĂ€ndern Europas kamen, um den Dannenröder Wald vor der Zerstörung zu schĂŒtzen.

Hierher zu kommen, um gegen eine neue Autobahn zu kÀmpfen, ist das nicht eine zwingend notwendige Sache? Ist es nicht dringend notwendig, einzugreifen, um zu verhindern, dass WÀlder abgeholzt werden, damit noch mehr Autos noch schneller fahren können?

Selbst in Zeiten einer Gesundheitskrise dĂŒrfen wir uns nicht einfach einsperren lassen. Die Polizei und die BaumfĂ€ller machen auch keine Pause. Wir mĂŒssen hier kollektiv handeln, wo immer es sinnvoll ist.

Diejenigen, die wirtschaftliche und politische Macht haben, können nicht behaupten, dass sie die Gesundheit aller in den Mittelpunkt ihres Handelns stellen, wenn sie vor allem zum Nichtstun und Zuhause-Bleiben aufrufen. Wir sollten ihnen nicht blind gehorchen. Zwei Beispiele, neben vielen anderen, sind ein klarer Beweis dafĂŒr: Klimawandel und Luftverschmutzung.

Zu dem Klimawandel : Wie viele Menschen und Tiere in der Welt, in Europa und sogar hier, sterben vorzeitig oder werden in ihrem Leben durch die Ursachen und die Folgen des Klimawandels stark beeintrĂ€chtigt (Naturkatastrophen, Infektionen, DĂŒrre und Wasserknappheit, Hitzewellen3
)?

FĂŒr uns in der Besetzung und auf dem Camp ist es klar, dass die Covid-19-Krise und Klimakrise verbunden sind.4 Diejenigen, die unbedingt einen intellektuelleren Diskurs aus einer “bĂŒrgerlich-glaubwĂŒrdigen Quelle” brauchen, um sich von dem Zusammenhang zwischen Covid-19 und der Klimakrise zu ĂŒberzeugen, können diesen Artikel aus der Zeit lesen5. Unter anderem ist wieder erwĂ€hnt, dass “weltweite Waldrodung etwa, DĂŒrre, ErderwĂ€rmung oder der Verlust von BiodiversitĂ€t, zu [
] einer zunehmenden Übertragung von Krankheiten vom Tier auf den Menschen [fĂŒhren].” Lieber Wald statt Asphalt, nicht wahr?

Zur Luftverschmutzung: Wie viele Menschen sterben in Deutschland jÀhrlich vorzeitig aufgrund von Luftverschmutzung? 120.000. In Europa? 790.0006. Neben den TodesfÀllen gibt es Millionen von Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen, die an Asthma oder Diabetes leiden, Senioren, die die letzten 5 oder 10 Jahre ihres Lebens durch Herz- und Atemwegsprobleme oder Krebs beeintrÀchtigt erleben.

Woher kommt diese Verschmutzung? Feinpartikel, die durch Transport (Autos, Flugzeuge, Lastwagen, Frachtschiffe usw.), Energieerzeugung (Braunkohle), Massentierhaltung usw. freigesetzt werden.

[Video mit Max-Planck-Gesellschaft https://www.youtube.com/watch?v=WZyhuFllEok&feature=youtu.be ]

Was ist der Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung und Covid-19-TodesfĂ€llen? Menschen, die in Gebieten mit verunreinigter Luft leben, (in der NĂ€he von FlughĂ€fen, Autobahnen, Kohlekraftwerken, in Gebieten mit einer hohen Konzentration von Massentierhaltung oder in einer „normalen Großstadt wie z.B. Frankfurt), haben ein höheres Risiko, Herz- und Atemwegsprobleme zu entwickeln, und dadurch auch ein höheres Risiko, schwere Formen der Covid-19-Erkrankung zu entwickeln. Laut dem Max-Planck-Institut fĂŒr Chemie sind zurzeit 26 Prozent der deutschen Covid-19-TodesfĂ€lle auf die Belastung durch Feinstaub aus menschlichen Quellen, also etwa aus der Verbrennung fossiler EnergietrĂ€ger und aus anderen anthropogenen Quellen, zurĂŒckzufĂŒhren: “Offenbar schĂ€digt Feinstaub BlutgefĂ€ĂŸe auf Ă€hnliche Weise wie Sars-CoV-2 und erleichtert dem Virus die Infektion von Zellen in der Lunge.”7

Wie die Machthaber*innen versuchen, die Covid-19-Pandemie zu bekÀmpfen.

Die von den Behörden verfolgte Strategie besteht darin, soziale Kontakte einzuschrĂ€nken, um so zu verhindern, dass sich gefĂ€hrdete Personen infizieren. So fordern die Behörden die gesamte Gesellschaft auf, sich zusammenzureißen, sich zu opfern und Maßnahmen zu akzeptieren, die enorme soziale, wirtschaftliche und sogar gesundheitliche Folgen haben8. Das Gesundheitspersonal, das bereits ausgebrannt ist, muss den Schlag abfedern, wĂ€hrend Politik und Wirtschaft auf einen Impfstoff warten, der es ihnen ermöglicht, wieder zur gewohnten Routine (oder „business as usual“) zurĂŒckzukehren. Gleichzeitig werden öffentliche Gelder verwendet, um fossile Brennstoffe und Unternehmen wie die Lufthansa zu subventionieren, MischwĂ€lder zu zerstören, Autobahnen zu bauen
 Leider wird die Wissenschaft keinen Impfstoff gegen schlechte LuftqualitĂ€t finden, und auch keinen gegen die Dummheit.

Mir ist bewusst, dass Covid-19 an sich eine gefĂ€hrliche Krankheit ist, die auch unabhĂ€ngig von Feinstaub Menschen verletzen und umbringen kann. Ich verstehe auch, dass eine KontakteinschrĂ€nkung die Überlastung des bereits kaputt-gemachten Gesundheitssystems abmildern könnte und auch Covid-19-Erkrankungen und TodesfĂ€lle verringern könnte.

Doch es erscheint absurd, an Menschen zu appellieren, „zu Hause“ zu bleiben, wĂ€hrend sich so viele aufgrund von prekĂ€ren ArbeitsverhĂ€ltnissen in ihrem Job mit Sars-CoV-2 anstecken. Es ist notwendig, im öffentlichen Diskurs immer wieder den Zusammenhang zwischen Covid-19 und den bereits erwĂ€hnten kapitalistischen Faktoren zu unterstreichen, die nicht nur die Covid-19-Pandemie bedingen und verschlimmern, sondern viel gravierendere Folgen haben und haben werden.

Eine andere mögliche Strategie

Was wĂ€re, wenn wir gemeinsam an den Wurzeln des Problems anpacken wĂŒrden, indem wir die Faktoren verringern, die schwere Formen von Covid-19 und andere Herz- und Atemwegserkrankungen, die Entwicklung von Epidemien und dem Klimawandel begĂŒnstigen? Die derzeitigen „Anstrengungen“ der Regierungen, wie z.B. der viel zu spĂ€t stattfindende Kohleausstieg, reichen nicht aus oder werden durch andere schĂ€dliche Maßnahmen zunichte gemacht (neue Start- und Landebahnen auf FlughĂ€fen, grĂ¶ĂŸere Autos, der Aufstieg von Elektrofahrzeugen
).

Wenn wir diese durch Umweltverschmutzung und Klimawandel bedingten vorzeitigen TodesfĂ€lle und behindernden Krankheiten wirklich vermeiden wollen wĂŒrden, mĂŒssten wir den Flug- und Straßenverkehr deutlich reduzieren, intensive Tierhaltung stoppen, die Zerstörung von Dörfern9 und zur Verbrennung von Braunkohle in der Lausitz oder im Rheinischen Revier beenden.

Diese Maßnahmen hĂ€tten ebenso schmerzhafte Folgen fĂŒr die Wirtschaft, das Wachstum, den Arbeitsmarkt und auch Folgen fĂŒr unsere Lebensweise: Einige Menschen könnten nicht mehr mit 220 km/h in ihren SUVs fahren, wĂŒrden seltener nach Mallorca fliegen und könnten nicht mehr jeden Tag Leberwurst essen.

Man könnte sich jedoch eine verlagerte Ökonomie vorstellen, in der Arbeit, Konsum und Profit nicht mehr im Mittelpunkt stehen wĂŒrden. Eine angepasste Lebensweise, bei der wir einen Tapetenwechsel nicht mehr auf abgelegenen Inseln suchen wĂŒrden, sondern in unseren erhaltenen WĂ€ldern. Und auch in den neuen, ungewöhnlichen Landschaften, die auf den Ruinen verlassener Autobahnen und FlughĂ€fen entstehen wĂŒrden.

WĂ€re dieses Leben schlimmer als die Episoden der Ausgangssperre, die wir aktuell gezwungen sind zu ertragen? Ich persönlich denke nicht, aber die Machthaber*innen sind nicht bereit, notwendige Änderungen vorzunehmen!

[Ich bin fĂŒr Recycling und kann sowieso nicht so gut Diskurse auf Deutsch schreiben, wie die zuvor erwĂ€hnte Politikerin, deswegen versuche ich, ihren Stil und ihre Worte wiederzuverwenden :]

Wie heiß und stĂŒrmisch die kommenden Jahrzehnte werden, wie heftig die Luftverschmutzung und die damit verbundenen GesundheitsschĂ€den, das entscheidet sich in diesen kommenden Tagen, Wochen und Jahren. Das entscheiden wir alle durch unser Handeln. In dieser Lage reicht es nicht mehr aus, Bioprodukte zu kaufen und Rad zu fahren. Wir mĂŒssen alles tun, damit der Wald nicht zugunsten von Geld und Machtinteressen gerodet wird. Dabei zĂ€hlt jeder Tag. Die Waldbesetzung ist das wirksamste Mittel, das wir zurzeit gegen die Zerstörung von LebensrĂ€umen haben.

Ich bitte Sie, wenn Sie es können, kommen Sie nach Dannenrod, um den Kampf um den Wald zu unterstĂŒtzen. Wenn Sie es nicht können, finden Sie sicher Aktionen, die Sie von Ihrem Zuhause durchfĂŒhren können.

Jetzt ist es nötiger denn je: Wald statt Asphalt, Danni bleibt!

Eine Waldbesetzerin





Quelle: Waldstattasphalt.blackblogs.org