Juli 30, 2021
Von SchwarzerPfeil
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[Der folgende Text stammt aus Athen und wurde aus dem Englischen ĂŒbersetzt. UrsprĂŒnglich wurde er unter dem Titel So what about vaccinations? bei Act for Freedom Now veröffentlicht. Er ist meiner Meinung nach im hiesigen Kontext ebenso gĂŒltig, wie in dem Kontext seiner Entstehung. Die PDF-Version ist zum Ausdrucken und Verteilen gedacht.]

WĂ€hrend der griechische Staat – ebenso wie viele andere europĂ€ische Staaten – den Druck auf seine Bevölkerung erhöht, sich gegen Covid-19 impfen zu lassen, scheinen sich viele dieser Zumutung „die verantwortungsvolle Entscheidung zu treffen“, ergeben haben. Wir wollen klarstellen, dass wir der Meinung sind, dass Individuen berechtigte GrĂŒnde haben können, die Impfung zu bekommen. Wir wollen kein moralisches Urteil darĂŒber fĂ€llen, ob man sich impfen lassen sollte oder nicht. Aber wir sind weiterhin unwillig. Wir denken, dass der ganze Diskurs ĂŒber Verantwortlichkeit eigentlich darauf abzielt dem Staat grĂ¶ĂŸere Macht zu verschaffen, indem er eine Zweiklassengesellschaft erschafft, in der diejenigen Privilegien genießen, die sich fĂŒgen und diejenigen sanktioniert werden, die sich nicht fĂŒgen wollen oder können. Das bedeutet eine VerstĂ€rkung der Kontrolle und der Ungleichheiten.

Glaube den FĂŒhrern

Wir denken nicht, dass wir sehr ausfĂŒhrlich ĂŒber diese Frage sprechen mĂŒssen. Wir sind gezwungen worden, Masken zu tragen, wĂ€hrend wir alleine im Park spazieren gingen. Wir sind dafĂŒr gebĂŒĂŸt worden, nachts auf den Straßen zu sein, wĂ€hrend die Metros am Tage ĂŒberfĂŒllt waren. Wir sind dafĂŒr beleidigt worden auf den PlĂ€tzen zu sitzen, wĂ€hrend die ArbeitsplĂ€tze drinnen voll besetzt waren. Und wir haben gesehen, wie sie zynisch die Kosten gegeneinander aufrechnen, zusĂ€tzliche Krankenhausbetten zu schaffen anstatt Teile der Wirtschaft herunterzufahren. Wir haben gesehen, wie sie sich dafĂŒr entschieden, mehr Bullen zu rekrutieren, als die Gesundheit der Menschen in Gefahr war. Wir haben gesehen, wie sie versucht haben, jede Form von Protest zu unterdrĂŒcken, wĂ€hrend sie ausbeuterischere und unterdrĂŒckerischere Politiken durchprĂŒgelten.  Sie haben jede GlaubwĂŒrdigkeit verloren und das ist ihnen bewusst, alles was ihnen noch zu tun bleibt ist, uns die Arme auf den RĂŒcken zu drehen und uns zu erpressen.

Glaube den Fakten

Uns wird gesagt, dass die Fakten eindeutig sind, dass die Impfung zu bekommen die sichere(re) Entscheidung ist. Aber selbst wenn wir annehmen wĂŒrden, dass die existierenden Daten zu Impfungen korrekt wĂ€ren, gibt es doch eine ganze Menge Daten, die wir (noch) nicht haben. Das erste, was einer in den Sinn kommt ist, dass alle verfĂŒgbaren Impfungen vorlĂ€ufing durch ein Notverfahren zugelassen wurden. Keine der Covid-19 Impfungen ist vollstĂ€ndig zugelassen und sie können es auch gar nicht sein, da wir keinerlei Daten hinsichtlich der Langzeit(neben)wirkungen haben. Wir können Annahmen auf Basis anderer, Ă€hnlicher Impfungen in der Vergangenheit treffen (obwohl die Impfstoffe, die auf der neuen mRNA-Technologie basieren, keine solche Vergangenheit haben), aber es gibt keinerlei Garantien hinsichtlich der Langzeitfolgen. Jede*r, der*die die Impfung erhĂ€lt, sollte sich dessen vollstĂ€ndig bewusst sein. Und schon alleine wegen dieses Fakts sollte jede Verpflichtung und jeder Druck, sich die Impfung geben zu lassen, ethisch verwerflich sein.

Die Daten, die wir ĂŒber die Impfungen haben, basieren vor allem auf Versuchen in Laboren und in kontrollierten Umgebungen. Diese Tests mĂŒssen in hochgradig kontrollierten Umgebungen durchgefĂŒhrt werden (selbst wenn sie an Menschen durchgefĂŒhrt wurden, die ihr alltĂ€gliches Leben leben), um irgendwelche gĂŒltigen SchlĂŒsse ĂŒber Ursache und Wirkung zuzulassen. NatĂŒrlich hat das realweltliche Leben viele Komplikationen, BeeintrĂ€chtigungen, unvorhergesehene Ereignisse, usw. Folglich können diese Daten das Verhalten von Impfungen nur sehr beschrĂ€nkt vorhersagen. TatsĂ€chlich haben wir gesehen, dass die Empfehlungen darĂŒber, wem bestimmte Impfungen nicht gegeben werden sollten, ebenso wie die Liste möglicher Nebenwirkungen bestĂ€ndig angepasst wurden, wĂ€hrend die Impfungen in der realen Welt verabreicht wurden und unvorhergesehene Probleme auftraten. In diesem Maßstab durchgefĂŒhrt können Nebenwirkungen, die nur bei einem geringen Prozentsatz der Geimpften auftreten, in der RealitĂ€t einen Kollateralschaden bei tausenden von Menschen bedeuten. Selbst im besten Fall besitzt die moderne Medizin bei weitem keine einwandfreie Erfolgsgeschichte, wenn es darum geht, das Leben in all seiner Vielfalt, seinen Nuancen, KomplexitĂ€ten und in seiner Gesamtheit zu respektieren. Man sollte sich nichts vormachen: Das ist ein gigantisches Experiment, das da stattfindet.

Glaube der Wissenschaft

Uns wird gesagt, wir sollen Vertrauen in die Wissenschaft haben. Aber selbst wenn wir die wissenschaftlichen Empfehlungen dieser eineinhalb Jahre Covid-19 Pandemie betrachten, ist diese Aussage naiv oder verlogen. Zu Beginn der Pandemie in Europa wurde vom Maskentragen dringend abgeraten. Die damalige Theorie war, dass sich das Virus durch Kontakt verbreite und folglich Desinfektion die passende Antwort wĂ€re (und es gab einen Mangel an Masken, also wurden sie fĂŒr das Krankenhauspersonal reserviert). Monate spĂ€ter Ă€nderte sich diese Meinung und der heutige Konsens ist, dass sich der Virus ĂŒber die Luft und nicht ĂŒber Kontakt verbreite. Plötzlich wurden Masken zur allumfassenden Lösung. Nichtsdestotrotz fahren wir fort, alles zu desinfizieren (anstatt zu lĂŒften – das nennt man das hygienische Theater, bei dem die Illusion von Sicherheit am meisten zĂ€hlt). Das ist ein Beispiel das demonstriert, dass die Wissenschaft falsch liegen kann und dass die breite Gesellschaft noch lĂ€nger brauchen kann, um zu realisieren, dass sie falsch gelegen hatte.

Ein anderes Beispiel aus der Pandemie dazu, dass wir nicht einfach der Wissenschaft trauen sollten, ist die Verwirrung, die ĂŒber die Laborausbruch-Theorie gestiftet wurde. Schon frĂŒh in der Pandemie erklĂ€rte ein Artikel, der von vielen wissenschaflichen Expert*innen unterzeichnet war, die These, dass das Covid-19 Virus aus einem Labor stammen könnte, fĂŒr absoluten Schwachsinn. Zu dieser Zeit wurde dieser Artikel die Grundlage der Mainstream-Medien, Sozialen Medien, Politiker*innen und Spezialist*innen dafĂŒr, jede ErwĂ€hnung der Laborausbruch-Theorie als Verschwörungstheorie zu framen. Es bedurfte eines ganzen Jahres, in einer Zeit, in der der Virus nichtsdestotrotz jeden Tag auf den Titelseiten war, bis einige Wissenschaftler*innen und Journalist*innen diesen Artikel kritischer betrachteten um zu der Schlussfolgerung zu gelangen, dass das HauptbeweisstĂŒck irrelevant war und dass einige der Autor*innen ein direktes Interesse daran hatten, den guten Ruf (der Methoden) des Labors zu bewahren, das das erste verdĂ€chtige der Laborausbruch-Theorie war. Mittlerweile ist es allgemein anerkannt, dass ein Laborausbruch möglich ist und es wert ist, untersucht zu werden (um das klarzustellen: Weder die Laborausbruch-Theorie, noch die zoonotische Theorie wurden bisher bewiesen oder widerlegt, sie sind beide mehr oder weniger plausibel). Das ist ein Beispiel, das zeigt, dass die wissenschaftliche Methode in Wahrheit nicht so robust und idiotensicher ist, wie sie behauptet zu sein. Der wissenschaftliche Konsens verschiebt sich gemĂ€ĂŸ nichtwissenschaftlicher Argumente (politischem Opportunismus, finanziellen Interessen, etc.) und ein kleiner Kreis hochspezialisierter Wissenschaftler*innen wollen sich gegenseitig nicht kontrollieren oder haben nicht die Zeit dazu, etc. Die Philosophie und Soziologie der Wissenschaft haben bereits seit der zweiten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts die Diskrepanz zwischen wissenschaftlicher Ideologie und ihrer RealitĂ€t aufgezeigt (siehe Beispielsweise Paul Feyerabend und Pierre Thuillier). Doch noch immer scheinen die Menschen eine sehr naive Vorstellung davon zu haben, was Wissenschaftler*innen tun.

Glaube an HerdenimmunitÀt

Uns wird gesagt, wir sollten uns mobil machen, um HerdenimmunitĂ€t zu erlangen und wieder „frei“ vom Virus zu sein. Um dies zu erreichen wird das Ziel ausgerufen, 70 Prozent der Bevölkerung zu impfen. Aber tatsĂ€chlich stammt diese Zahl aus Zeiten, bevor Varianten (wie die Delta-Variante) aufkamen, die ansteckender und gegen die die Impfungen weniger wirksam sind. Lasst uns auch in Erinnerung behalten, dass die Impfungen entwickelt wurden, um die Schwere der Krankheit zu mindern und dass die Reduzierung der Ansteckungen nur ein Nebeneffekt (und die meisten nicht-mRNA-Impfstoffe scheinen darin zudem nicht besonders gut zu sein) ist. Angesichts dieser neuen Varianten glauben viele Expert*innen nun, dass tatsĂ€chlich 80 bis 90 Prozent der Bevölkerung geimpft werden sollten, um HerdenimmunitĂ€t zu erlangen. Diese Zahl wĂŒrde bedeuten, dass – wenn wir es noch immer als unethisch betrachten, Minderheiten massenhaft eine neue und nicht vollstĂ€ndig verstandene Impfung zu verabreichen und dass einige Menschen aus medizinischen GrĂŒnden nicht geimpft werden können – der gesamte Rest der Bevölkerung geimpft werden mĂŒsste. Jede Politik, die 100% KonformitĂ€t erfordert, um erfolgreich zu sein, ist zum Scheitern verurteilt.

Ein anderer Aspekt ist, dass die ImmunitĂ€t mit der Zeit abnimmt. Es ist bereits von sogenannten Booster Shots nach einer sechs- oder neunmonatigen Periode die Rede (WĂ€re das einmalig oder sollte das alle halbe Jahre oder jedes Jahr wiederholt werden? Das ist bislang unklar), die die Chance zu Scheitern nur noch vergrĂ¶ĂŸern.

Mehr noch, da es sich um eine weltweite Pandemie eines hochansteckenden Virus handelt, scheint es eher unrealistisch, dass ein Land oder eine Region HerdenimmunitĂ€t fĂŒr sich alleine erlangen könnte. Große Teile der Welt haben kaum genug Ressourcen oder nicht die Infrastruktur, um selbst einen kleinen Teil der Bevölkerung zu impfen, ganz zu schweigen von einer großen Mehrheit. Sie verlassen sich auch hauptsĂ€chlich auf Impfstoffe, die weniger wirksam darin sind, Infektionen zu stoppen. Die Chancen diesen Virus auszurotten tendieren gegen Null. Zu diesem Zeitpunkt hat der Virus seine endemische Phase erreicht, was bedeutet, dass Covid-19 sich wie alle anderen Corona-AusprĂ€gungen verhalten wird, also saisonale Epidemien ausbilden wird. HerdenimmunitĂ€t ist die jĂŒngste Karotte, die vor unseren Augen geschwenkt wird, sie wird frĂŒher oder spĂ€ter mit einer noch neueren ersetzt werden, um uns glauben zu machen, dass wir „Freiheit“ erlangen werden, wenn wir nur gehorchen.

Sei verantwortlich

Die Frage der HerdenimmunitĂ€t (oder zumindest die, so viele Menschen wie nur möglich zu impfen) verweist auf die Frage, wer die Impfungen bekommt. In vielen Regionen, in denen die Menschen ein hohes Risiko eines schweren Verlaufs von Covid-19, keinen Zugang zu medizinischer Versorgung haben und geimpft werden wollen, bekommen die Menschen keine Impfung. Unterdessen sind fĂŒr die Menschen in Europa, die nicht einmal ein großes Risiko haben, milde Symptome zu entwickeln und ein unendlich kleines Risiko fĂŒr einen schweren Verlauf haben, Millionen an Impfdosen reserviert. Das Horten von Impfdosen wird mit dem Bedarf von Booster Shots noch zunehmen. Dass die WHO Booster-Impfungen nicht empfehlen möchte, scheint vor allem von derlei Bedenken motiviert zu sein. Kann man das eine verantwortungsvolle Entscheidung nennen, oder ist es vielmehr die Reproduktion globaler Ungleichheiten?

Die Schaffung von HerdenimmunitĂ€t und die „Krieg gegen den unsichtbaren Feind“-Rhetorik geht in der Praxis einher mit einer strikten Kontrolle des Zugangs zum Territorium und einem intensivierten Bevölkerungsmanagement. Es sieht so aus, als hĂ€tten wir einen Zustand erreicht, in dem der sogenannte progressive FlĂŒgel der Gesellschaft fĂŒr BewegungseinschrĂ€nkungen und geschlossene Grenzen ist (natĂŒrlich werden sie das kaum selbst bemerken, da sie selbst die richtigen Dokumente besitzen, um sich „frei“ bewegen zu können). Kann man das eine verantwortungsvolle Entscheidung nennen oder ist das eine Intensivierung von Überwachung und Ausgrenzung?

Wenn wir von den vergangenen Jahrzehnten irgendetwas gelernt haben – 9/11 und die Bedrohung durch den Terrorismus, die Finanzkrise und der drohende Staatsbankrott, AusteritĂ€t und die Bedrohung durch Sozialkanibalismus, FlĂŒchlingsboote und die Bedrohung durch rassistische Pogrome, Klimawandel und die Bedrohung durch ökologische Katastrophen, etc. –, dann dass eine Position, die nicht in radikalem Widerspruch zur Macht des Staates steht (unabhĂ€ngig davon, wer diese innehat), diese nur untermauert und folglich den Weg bereitet fĂŒr den nĂ€chsten Zyklus der Krise, die vom Staat und Kapitalismus produziert und verwaltet wird.

Anarchist*innen
Athen, Mitte Juli 2021

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Quelle: Schwarzerpfeil.de