Juli 9, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Das System ist der Staat, ein komplexer Mechanismus, der Regierung, Kapitalismus, Patriarchat und Imperialismus umfasst. Es wird nicht verschwinden, bis wir es dazu zwingen.

Der folgende Beitrag ist eine Übersetzung eines Textes von Eric Laursen welcher im Juni 2021 im roar magazine erschienen ist. Ein Radio Beitrag von Laursen ebenfalls zum Thema findet ihr hier.

Übersetzt von Henri

Das System“ ist zurĂŒck. Und es ist höchste Zeit, dass wir wieder darĂŒber sprechen.

Vor fĂŒnfzig Jahren, in den Tagen des Vietnamkriegs, der Gegenkultur und der weit verbreiteten Infragestellung der Regierung, benutzten viele prominente Schriftsteller, ganz zu schweigen von den Aktivisten des Alltags, dieses Stichwort, um die Macht zu beschreiben, gegen die sie kĂ€mpften. Heute, in der Ära des dunklen Geldes, des neoliberalen Kapitalismus, der Straflosigkeit der Polizei und der endlosen US-amerikanischen Kriege, brauchen wir immer noch eine Möglichkeit, kohĂ€rent ĂŒber diese Probleme zu denken, ĂŒber die KrĂ€fte, die sie hervorbringen, und wir mĂŒssen herausfinden, wie wir zurĂŒckschlagen können – ohne in eine linke Version von QAnon zu verfallen.

In Robert Reichs neuem Buch „The System: Who Rigged It, How We Fix It“, ist das System im Wesentlichen ein Oligopol reicher Kapitalisten und GeschĂ€ftsinhaber, die die Demokratie missbrauchen, um ihre Interessen zu schĂŒtzen und zu erweitern. In „The Sickness Is the System“ des Ökonomen Richard D. Wolff, das Ende letzten Jahres veröffentlicht wurde, ist es der Kapitalismus selbst, der sich seiner Meinung nach einem unheilbaren Krisenpunkt nĂ€hert.

Naomi Klein, die fĂŒr ihr neues Buch fĂŒr junge Aktivisten „How to Change Everything“ wirbt, bietet keine spezifische Definition an, aber sie nennt es immer wieder. „Es ist das System, das buchstĂ€blich einfach so weitermacht wie bisher, das uns zum Kollaps bringt“, sagt sie und bezieht sich dabei auf die Klimakrise. „Das System selbst ist ein Versagen. The system itself needs to change.“

Wie der Untertitel von Reichs Buch andeutet, hĂ€lt er das System nicht unbedingt fĂŒr etwas Böses. Es funktioniert nur nicht so, wie wir es uns wĂŒnschen. Und das kann behoben werden. Klein sagt, das System sei „ein Versagen“. Dann sagt sie, dass es geĂ€ndert werden kann. Aber kann es das? Und wenn ja, warum sollte es das wollen?

Die Beantwortung dieser Fragen und die Suche nach einem Weg in die Zukunft ist dringend, denn die Menschheit steht vor drei enormen Herausforderungen: erstens die fortschreitenden und miteinander verknĂŒpften Katastrophen des Klimawandels und der ökologischen Zerstörung; zweitens die zunehmende wirtschaftliche Ungleichheit und Machtkonzentration; und drittens die Notwendigkeit, sich auf eine gewaltige Zunahme der menschlichen Migration einzustellen, die zum ersten Mal den gesamten Globus in eine wirklich multikulturelle Gesellschaft verwandelt. Das erste könnte die Erde unbewohnbar machen. Die zweite entwertet die menschliche Arbeit und damit auch den Wert der Menschen außerhalb einer engen, bevorzugten Gruppe. Die dritte könnte entweder zu einer reicheren menschlichen Welt fĂŒhren, als wir sie je hatten, oder zu einem gewalttĂ€tigen neuen Regime der rassischen Ausbeutung und Ausgrenzung.

Das System hat es versĂ€umt, sich diesen Herausforderungen zu stellen, manchmal hat es sich sogar absichtlich geweigert, dies zu tun. Die Arbeit innerhalb des Systems hat nicht funktioniert, und uns allen lĂ€uft die Zeit davon, es durch etwas zu ersetzen, das dies tut. Doch das System ist so aufgebaut, dass es jede Möglichkeit ausschließt, außerhalb des Systems zu arbeiten. Es zu reformieren ist nicht genug. Es zu stĂŒrzen ist nicht genug, wenn das nur bedeutet, etwas Ähnliches an seiner Stelle zu errichten. Wir mĂŒssen einen Weg finden, ihm zu entkommen.

Der Staat ist das System

Was bedeutet es, dem System zu „entkommen“? Es bedeutet, uns von der Denkweise zu befreien, die uns dazu verleitet, es zu akzeptieren und zu reproduzieren. Das beginnt damit, besser zu verstehen, wovor wir fliehen. Vielleicht ist das System etwas anderes, etwas, das sich die ganze Zeit vor unserer Nase befunden hat. Nennen wir es den modernen Staat.

Der moderne Staat – mit einem großen S – bezieht sich nicht auf einzelne Staaten, sondern auf das gesamte System, dessen Teil sie sind: die politische, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Ordnung, unter der wir leben, einschließlich Kapitalismus, Patriarchat, Imperialismus und Rassen- und Geschlechterhierarchien, die alle als ein einziger, komplexer Mechanismus zusammenwirken. Wir können es uns als ein riesiges Betriebssystem vorstellen, das die Funktionen und Beziehungen zwischen der menschlichen Gesellschaft, der Wirtschaft, den Bevölkerungen und der natĂŒrlichen Welt ordnet und kontrolliert, analog zu einem digitalen Betriebssystem wie Windows, Unix oder MacOS.

Ein Betriebssystem wird von Wikipedia definiert als „Systemsoftware, die Computerhardware und Softwareressourcen verwaltet und allgemeine Dienste fĂŒr Computerprogramme bereitstellt.“ Es ist, wie der Staat, eine der prĂ€genden Schöpfungen der modernen Welt. Die Haupteigenschaft eines Betriebssystems ist, dass es einen Computer in die Lage versetzt, schnell und effizient zu arbeiten und Multitasking zu betreiben; „verteilte“ Betriebssysteme können auch mehrere Computer miteinander vernetzen und sie als einen funktionieren lassen.

Wie ein Staat „regiert“ ein Betriebssystem die Programme und Anwendungen, die unter ihm laufen und mit ihm vernetzt sind und bis zu einem gewissen Grad auch die Individuen, die sich dieser Werkzeuge und Ressourcen bedienen. Es definiert uns im VerhĂ€ltnis zu sich selbst und zu anderen als „Benutzer“ und kann uns je nach Bedarf belohnen, unsere Anfragen ablehnen oder uns sogar den Zugang verwehren. Es kann uns auch ĂŒberwachen und kontrollieren. Mit Blick auf riesige Metaplattformen wie Android und Apple stellt der deutsche Soziologe Philipp Staab fest: „Ihre eigenen Systeme werden stĂ€ndig auf maximale Bequemlichkeit hin optimiert, um die Notwendigkeit zu reduzieren, auf ein anderes System zu wechseln. Auf der anderen Seite machen sie es den Nutzern so schwer wie möglich, bestimmte Dienste außerhalb ihres eigenen Ökosystems zu nutzen.“

Dies ist unser Ausgangspunkt fĂŒr das VerstĂ€ndnis des Systems – also des modernen Staates. Sein zentrales Merkmal ist die Rechts-, Verwaltungs- und Entscheidungsstruktur, die wir als „Regierung“ bezeichnen. Aber der moderne Staat ist ein viel grĂ¶ĂŸeres, komplexeres PhĂ€nomen, ein umfassendes Mittel zur Organisation und AusĂŒbung von Macht, das sich, wenn es einmal in Gang gesetzt ist, nach einer eigenen Richtung und Logik auf immer mehr Aspekte der Existenz ausdehnt.

„Der Staat konnte nie das Mittel fĂŒr irgendeinen besonderen oder bestimmten Zweck sein, wie der Liberalismus ihn sich vorstellte“, schrieb der deutsche Anarchist Rudolf Rocker in seinem Klassiker „Nationalismus und Kultur“, „er war vielmehr in seiner höchsten Form ein Zweck an sich, ein sich selbst genĂŒgender Zweck.“ [Das Zitat ist nicht O-Ton Rocker, sondern eine RĂŒckĂŒbersetzung aus dem vorliegenden Text.]

Gleichzeitig ist der moderne Staat, Ă€hnlich wie ein Computerbetriebssystem, kein materielles Objekt oder Gebilde. Die verschiedenen Teile der „Hardware“, die wir mit ihm assoziieren – große, imposante neoklassische RegierungsgebĂ€ude, MilitĂ€rbasen, Straßen, DenkmĂ€ler – sind lediglich materielle BehĂ€lter und Symbole der immateriellen RealitĂ€t. Ein Betriebssystem ist Software, eine Sammlung von eingebetteten Befehlen, die eine Maschine namens Computer steuern. Auch der moderne Staat ist „Software“: eine Sammlung von Ideen, Doktrinen, Befehlen und Prozessen, die den Einsatz von Menschen und deren Einsatz von physischen Ressourcen lenken.

Wie ein Betriebssystem vernetzt er Institutionen, Organisationen und weniger formale Gruppen miteinander, einschließlich der Regierung, aber auch viele andere: Unternehmen, Banken, andere Finanzinstitutionen und andere Grundlagen des Kapitalismus; gemeinnĂŒtzige und wohltĂ€tige Institutionen; so genannte zivilgesellschaftliche Gruppen und politische Parteien; und sogar Basiseinheiten wie Familien und Haushalte. Andere Institutionen und Gruppierungen, die Teil des modernen Staates sind, liefern kulturelle und sogar paramilitĂ€rische UnterstĂŒtzung fĂŒr die soziale Ordnung, stĂ€rken die organisierte Religion und verstĂ€rken die Rassen- und Geschlechterschichtung: zum Beispiel die extremen FlĂŒgel der nativistischen Alternative fĂŒr Deutschland, die hindu-nationalistische Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS) in Indien und die American Legion, der Ku-Klux-Klan, die National Rifle Association, Milizgruppen, die Proud Boys oder die Southern Baptist Convention in den Vereinigten Staaten.

Wer „kontrolliert“ dieses spezielle Betriebssystem? Es wird von Menschen erdacht, entworfen und gebaut; sobald das Betriebssystem jedoch gestartet ist, beginnt das System, die Individuen zu formen, die es verfeinern und darauf aufbauen, indem es ihre BemĂŒhungen kanalisiert und sie anweist, sich in bestimmte Richtungen zu entwickeln, entsprechend den Richtlinien und BeschrĂ€nkungen, die es auferlegt. ZukĂŒnftige Entwickler und Designer haben im Grunde alle die gleiche Aufgabe, so unterschiedlich ihre spezifischen Projekte auch sein mögen: das Betriebssystem aufzubauen und zu reproduzieren.

In Ă€hnlicher Weise wird der moderne Staat von Menschen erdacht und in Gang gesetzt; sobald er etabliert ist, absorbiert, reguliert und extrahiert er Wert aus immer mehr AktivitĂ€ten der Gesellschaft. Der italienische Anarchist Errico Malatesta, der „Regierung“ und „Staat“ im Allgemeinen synonym verwendete, drĂŒckte es so aus: „Die Regierung, obwohl sie der Bourgeoisie entspringt und als ihr Diener und BeschĂŒtzer agiert, tendiert, wie jeder Diener und jeder BeschĂŒtzer, dazu, ihre eigene Emanzipation zu erreichen und denjenigen zu beherrschen, den sie beschĂŒtzt.“

WĂ€hrend sich ihre Ansichten ĂŒber Angelegenheiten wie Krieg, Frieden, soziale Wohlfahrt und Rassenbeziehungen unterscheiden, sind eine Vielzahl von Individuen und sozialen Schichten, von Kapitalisten und Intellektuellen bis hin zu Ingenieuren und Angestellten und Arbeitern, alle mit der gleichen Aufgabe beschĂ€ftigt: den modernen Staat aufzubauen und zu reproduzieren. Um eine altbekannte Behauptung auf den Kopf zu stellen: Wenn man nicht gegen den Staat ist, ist man fĂŒr ihn.

Wachstum um jeden Preis

Aber das sagt uns immer noch nicht, warum wir den modernen Staat loswerden mĂŒssen. Was hat uns dieses System der sozialen Organisation angetan, dass wir ihm entkommen mĂŒssen?

Der Imperativ des modernen Staates ist schnelleres und schnelleres Wirtschaftswachstum, das notwendig ist, um seine Kontrolle sowohl tiefer in sein Territorium und seine Bevölkerung hinein auszudehnen, als auch nach außen, bis er den gesamten Planeten bedeckt. StĂ€ndiges Wirtschaftswachstum erfordert Kapital: mehr und mehr davon. Es entsteht eine RĂŒckkopplungsschleife: Die Nachfrage des Staates nach Kapital fĂŒr das Wirtschaftswachstum katalysiert und beschleunigt die wirtschaftliche Expansion, was die Gesellschaft als Ganzes komplexer und verwaltungsbedĂŒrftiger macht, was den Verwaltungs- und Sicherheitsapparat des Staates grĂ¶ĂŸer und notwendiger werden lĂ€sst, was seine Nachfrage nach Kapital weiter erhöht.

Die drei menschlichen Krisen, die wir bereits erwĂ€hnt haben – Klimawandel, wirtschaftliche Ungleichheit und massenhafte soziale Verwerfungen, die zu Massenmigration fĂŒhren – sind das kumulative Produkt dieses sich selbst erhaltenden Prozesses. Auf unterschiedliche Weise gehen eine Vielzahl von Katastrophen, die Schlagzeilen machen, darauf zurĂŒck: das tödliche Gasleck in der Union-Carbide-Anlage im indischen Bhopal im Jahr 1984; die massive Ölverschmutzung durch die Deepwater-Horizon-Bohrplattform von British Petroleum im Jahr 2010; die Werbung von Purdue Pharma fĂŒr hochgradig sĂŒchtig machende Opioide; und die FahrlĂ€ssigkeit, die zum Absturz zweier Boeing 737 Max-Jets fĂŒhrte, bei dem im Jahr 2019 346 Menschen ums Leben kamen. Zu guter Letzt ist da noch der COVID-19-Ausbruch, der auf das aggressive Eindringen des Menschen in den Lebensraum von Tieren zurĂŒckzufĂŒhren ist und durch die schockierend inkompetente Reaktion des modernen Staates zu einer Pandemie gepeitscht wurde.

Im Streben nach wirtschaftlichem Wachstum und der damit verbundenen Macht ist jedoch alles erlaubt. Eine der wichtigsten Funktionen des modernen Staates ist in der Tat die Normalisierung von Gewalt durch FĂŒhrer. Das Ergebnis ist, dass die grĂ¶ĂŸten GewaltausbrĂŒche in der Geschichte der Menschheit alle in der Ära des modernen Staates stattgefunden haben. Weltweit stiegen die TodesfĂ€lle durch Konflikte, sowohl in absoluten Zahlen als auch als Anteil an der Weltbevölkerung, stetig an – und explodierten dann im 20. Jahrhundert, als fast 110 Millionen starben, was mehr als 4 Prozent der gesamten menschlichen Bevölkerung entspricht. Dazu gehören die Toten der Atomangriffe auf Hiroshima und Nagasaki, bei denen der moderne Staat eines seiner markantesten Geschenke an die Menschheit – die Atomwaffen – enthĂŒllte, und der massive und systematische Versuch des NS-Staates, die europĂ€ischen Juden zu vernichten. Im Vergleich dazu hat das 19. Jahrhundert acht Millionen Tote in Schlachten hervorgebracht und das 18. Jahrhundert, in dem es die ersten Konflikte gab, die man wohl als Weltkriege bezeichnen könnte, „nur“ vier Millionen.

Aber der moderne Staat (zusammen mit staatlicher Gewalt) ist nicht nur ein Hindernis fĂŒr die Art von Welt, die wir haben wollen – er ist das, was wir stattdessen haben. Der moderne Staat hat uns beigebracht ihn als Ersatz oder vielleicht als Kurzform fĂŒr das Kollektiv oder die Gemeinschaft zu sehen, als das Vehikel, durch das wir als Gesellschaft zusammenarbeiten und Entscheidungen treffen, als TrĂ€ger unserer gemeinsamen Bildung und Kultur, als unser Mechanismus, um fĂŒr die weniger GlĂŒcklichen zu sorgen, als unser Bollwerk gegen Gewalt. Jede Gruppe oder Organisation, die versucht zu konkurrieren oder eine Alternative anzubieten, muss daher absorbiert oder verdrĂ€ngt werden oder sie wird als Feind eingestuft und vom Staat vernichtet.

Die Botschaft ist einfach: Der Staat ist das, was wir haben, der einzige gangbare Weg, um die Ziele der Gemeinschaft zu erreichen. Die Entschlossenheit des modernen Staates jeden Ausweg auszuschließen, rangiert gleich nach dem Streben nach Wirtschaftswachstum um jeden Preis als eines seiner Hauptziele.

Den modernen Staat abschĂŒtteln

Der moderne Staat ist zum Teil deshalb noch da, weil er es versteht Konflikte, WidersprĂŒche und Ungerechtigkeiten unter den Teppich des öffentlichen Diskurses zu kehren. Aber der moderne Staat hat selbst Krisen geschaffen, fĂŒr die er nicht gerĂŒstet ist und die nicht lĂ€nger versteckt werden können: Klimawandel, Pandemien, wachsende Ungleichheit, soziale Verwerfungen, die aus der wirtschaftlichen Globalisierung resultieren. Wenn diese Probleme auf eine Weise gelöst werden sollen, die nicht unvorstellbar brutal ist, mĂŒssen wir sie außerhalb des Rahmens des modernen Staates angehen.

Um das zu tun, mĂŒssen wir zuerst unseren Geist vom Staat befreien. Wir mĂŒssen uns von der falschen Annahme verabschieden, dass die materiellen Fortschritte der letzten 500 Jahre – und alles, was die Menschen in Zukunft erreichen könnten – nur im Rahmen des Staates möglich gewesen wĂ€ren. Der Staat – die Institution, an die sich BĂŒrgerrechtsfĂŒhrer, BĂŒrgerrechtler, Gewerkschaftsorganisatoren, feministische und LGBTQ-Aktivisten und asylsuchende Immigranten so viele Jahre lang gewandt haben, um das Richtige zu tun und ihnen Gerechtigkeit zu verschaffen – ist letztlich das grĂ¶ĂŸte Hindernis in ihrem Kampf. Das ist eine harte Wahrheit fĂŒr Menschen, die ihr ganzes Leben innerhalb des Betriebssystems namens Staat gelebt haben und sich keinen Weg zur Gerechtigkeit vorstellen können, der nicht durch ihn hindurchfĂŒhrt.

Als NĂ€chstes mĂŒssen wir Wege finden Institutionen wie Geschworenengerichte, Schulen, Kinder- und Altersversorgungssysteme und öffentlichen oder sozialen Wohnungsbau zurĂŒckzuerobern, so dass sie wieder das Prinzip der gegenseitigen Hilfe widerspiegeln, indem sie autonome Dienste schaffen, die fĂŒr die GrundbedĂŒrfnisse der Haushalte sorgen, anstatt die Herrschaft des modernen Staates zu heiligen.

Das ist vielleicht nicht so schwierig wie es sich anhört, da unter dem Neoliberalismus so viele soziale Dienste abgebaut oder privatisiert wurden, was den Menschen weniger Grund bietet, einem System treu zu bleiben, das sie ohne wesentliche UnterstĂŒtzung lĂ€sst. Die Wiederbelebung der gegenseitigen Hilfe und ihre Ausweitung außerhalb des Staates gibt den Individuen und Gemeinschaften die direkte demokratische Kontrolle ĂŒber diese Initiativen, was die Gewohnheit fördert sich selbst zu verwalten, anstatt es eine Elite fĂŒr sie tun zu lassen – und es ist absolut notwendig, wenn wir den modernen Staat nicht einfach wieder aufbauen wollen.

Die Lokalen Koordinationskomitees in Syrien, die in den Monaten nach dem Aufstand des Arabischen FrĂŒhlings 2011 damit begannen RĂ€te einzurichten, die die Macht direkt in die HĂ€nde der lokalen Gemeinschaften legten, bieten ein Beispiel dafĂŒr, wie man darĂŒber denken kann. Das GrĂŒndungsdokument der Bewegung war „The Organization of Local Councils“ des syrischen Ökonomen und Anarchisten Omar Aziz, der zwei Jahre spĂ€ter in den GefĂ€ngnissen des Assad-Regimes starb. Es legte drei Hauptziele fest:

  • Die Menschen darin zu unterstĂŒtzen, ihr Leben autonom zu verwalten, ohne staatliche Institutionen oder Strukturen (auch wenn diese Autonomie nicht vollstĂ€ndig ist);
  • Einen Raum fĂŒr kollektiven Ausdruck zu schaffen, der die Zusammenarbeit zwischen den Individuen stĂ€rken kann und der mit wachsendem politischem Engagement auch weitere notwendige Aufgaben umfassen kann; und
  • Um sozialrevolutionĂ€re AktivitĂ€ten auf regionaler Ebene anzustoßen und dabei unterstĂŒtzende Strukturen zu vereinen.

WĂ€hrend der moderne Staat einen grĂ¶ĂŸeren Teil des Globus abdeckt als je zuvor und die große Mehrheit der Weltbevölkerung absorbiert hat, ist er dennoch nicht universell; indigene Völker im Amazonasgebiet, im bolivianischen Hochland und in den von den Zapatisten befreiten Gebieten in Mexiko organisieren sich weiterhin – zumindest teilweise – auf der Grundlage traditioneller AnsĂ€tze zu Landwirtschaft, Produktion und Gemeinschaft.

Dies zeigt uns, dass indigene Gemeinschaften ihre Kultur zurĂŒckgewinnen und sich um sie herum erfolgreich organisieren können, sogar in der Welt des modernen Staates. In diesem Prozess eröffnen sie neue Methoden der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Organisation fĂŒr uns alle und zeigen, dass das Einheitsmodell, an das wir uns gewöhnt haben, nicht unvermeidlich ist.

Das Zweite was uns auffĂ€llt ist, dass viele dieser anderen Methoden sehr wenig auf Leitung und FĂŒhrung angewiesen sind, aber dennoch effektive Strategien fĂŒr wichtige Entscheidungen bieten. Die dritte Sache, die sich zeigt ist, dass weniger prĂ€skriptive AnsĂ€tze zur sozialen Organisation mehr mit der Natur der menschlichen Gesellschaft ĂŒbereinstimmen, die zum Pluralismus neigt.

Und wenn wir unsere eigene Geschichte tief genug untersuchen erkennen wir, dass jeder wichtige Fortschritt in Bezug auf das materielle Wohlergehen und den politischen Status der arbeitenden Menschen – von kostenloser öffentlicher Bildung ĂŒber anstĂ€ndige Löhne und WĂŒrde fĂŒr Industriearbeiter bis hin zur Rassengleichheit – sozialen Bewegungen zu verdanken ist, die sich zunĂ€chst außerhalb des Staates und in Opposition zu dessen Machtstruktur bildeten. Diese Fortschritte gingen verloren, als diese sozialen Bewegungen verkĂŒmmerten oder vom Staat vereinnahmt wurden.

Den aktuellen Moment nutzen

Direkte Aktion ist das Werkzeug, das es uns ermöglicht, all das zusammenzubringen: den modernen Staat direkt herauszufordern, sich außerhalb von ihm zu organisieren und von anderen sozialen Strukturen und Widerstandsbewegungen aus Vergangenheit und Gegenwart zu lernen. Dies kann eine beliebige Anzahl von Formen annehmen: der Generalstreik, der Boykott, Hacktivismus, die Besetzung von Land oder Einrichtungen, die der Regierung oder privaten Unternehmen gehören. Direkte Aktion kann den Staat komplett umgehen – eine genossenschaftliche Farm oder Fabrik grĂŒnden, eine autonome Gemeinschaft abseits des Stromnetzes schaffen, ein verlassenes GebĂ€ude besetzen, ein leerstehendes GrundstĂŒck in der Stadt bewirtschaften – solange die Menschen bereit sind, das Recht der Gemeinschaft zu verteidigen, es auszuĂŒben. So oder so, direkte Aktion bereitet uns darauf vor, jeden Tag außerhalb von und im Widerspruch zu Staat und Kapitalismus zu denken und zu handeln.

Der gegenwĂ€rtige Moment ist vielversprechend, weil es vielleicht zum ersten Mal und zum Teil dank der zunehmenden Verflechtung jeder Volkswirtschaft nicht mehr einzelne Staaten sind, die in diesen drei Bereichen versagen, sondern der Staat selbst und das System der Staaten, das ihn unterstĂŒtzt. Angesichts der globalen ErwĂ€rmung und der Pandemie COVID-19 hat der moderne Staat versagt Sicherheit zu bieten. WĂ€hrend fast jedes Land immer multiethnischer und multikultureller wird, hat der Staat es versĂ€umt seine Definition von IdentitĂ€t zu erweitern und hat den Raum fĂŒr die Menschen, eine Stimme zu haben, sogar eingeengt. Durch sein Festhalten an der neoliberalen Politik hat er große Teile der Menschheit in Armut und PrekaritĂ€t gestĂŒrzt und sie sozial und geografisch weiter destabilisiert.

Um den modernen Staat abzuschĂŒtteln, muss man sich also sowohl lokal organisieren als auch lokale mit globalen KĂ€mpfen verbinden, um Lösungen fĂŒr die Probleme zu finden, fĂŒr die der Staat die Verantwortung abgegeben hat. Es bedeutet auch, auf das Schlimmste vorbereitet zu sein.

Der moderne Staat hat Jahrhunderte damit verbracht, ein riesiges Netz aus Kontrolle, Assimilation und IdentitĂ€t zu schaffen. Wie jeder lebende Organismus wird er darum kĂ€mpfen sich um jeden Preis zu erhalten. Dies wird sowohl eine physische als auch eine psychologische Dimension beinhalten: gewaltsame UnterdrĂŒckung sowie starke Appelle an die IdentitĂ€ten, die der Staat fĂŒr uns erschafft, indem er die Angst vor dem Unbekannten und voreinander fördert. Irgendwann wird es mit ziemlicher Sicherheit zu einem bewaffneten Kampf kommen, wenn die Aktivisten mit einer gewalttĂ€tigen Reaktion konfrontiert werden und die Mehrheit der Bevölkerung entweder dem gegenwĂ€rtigen System treu bleibt oder nicht mehr mit ihm kooperiert.

Aber der moderne Staat – das System – wird nicht verschwinden, bis wir es dazu zwingen.

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Quelle: Schwarzerpfeil.de