Mai 4, 2020
Von FAU Hannover
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[Der folgende Artikel wurde in leicht geÀnderter Fassung als Redebeitrag im Livestream von Radio Flora am 1. Mai 2020 von der FAU Hannover gehalten]

Wir wollen diesen Tag zum Anlass nehmen, um ĂŒber das „sich organisieren“ und „Organizing“ zu sprechen. Auch und gerade jetzt in diesen „Coronazeiten“. Denn – warum eigentlich „sich organisieren“ und was meinen wir damit genau?

Wir mĂŒssen euch enttĂ€uschen – denn: There is no Glory in Organizing!

Trotzdem haben wir euch 4 GrĂŒnde mitgebracht, warum wir uns organisieren mĂŒssen, wenn wir unter den Vorzeichen der gerade beginnenden globalen Krise eine Chance haben wollen. Wir sind uns sicher: Es gibt keine AbkĂŒrzung zur aktiven Gegenwehr und der gemeinsamen Gestaltung eines guten Lebens fĂŒr alle.

Erfolgreiche KĂ€mpfe brauchen Vorbereitung – sie fallen nicht vom Himmel!

Die Vorstellung von spontanen, starken und erfolgreichen Aktionen ist unrealistisch und gleicht eher einer Karikatur. Die MĂŒhen und das vielfĂ€ltige Know-How, die hinter erfolgreichen KĂ€mpfen stehen bleiben oft unsichtbar – hĂ€ufig sogar beabsichtigt oder aus taktischen GrĂŒnden notwendigerweise. In der Regel dauert diese Aufbauarbeit viele Jahre. Jahre in denen einige wenige sich zusammentun, in denen RĂŒckschlĂ€ge verkraftet und Fehler analysiert werden mĂŒssen.

Das mag ernĂŒchternd klingen – aber nur in solchen gemeinsamen Auseinandersetzungen können wir voneinander lernen, Taktiken erproben, praktisches Wissen weitergeben und mehr werden. Darauf kann aufgebaut werden. Von uns selbst – von denjenigen, die nach uns kommen – oder denen, die neben uns gehen.

Organisierung heißt fĂŒr uns nicht Organisierung um der Organisierung willen.

Forderungen aufzustellen ist gut und richtig. Doch weder Social Media Aktionismus noch das Hoffen auf einen nebulösen „kommenden Aufstand“ werden uns weiterhelfen. Das hat uns das vergangene Jahrzehnt nach dem Krisenjahr 2008 gezeigt. Wir brauchen konkrete Handlungsmacht, um Forderungen auch durchsetzen zu können. Organisierung bedeutet daher fĂŒr uns: Eine verbindliche Organisation entlang gemeinsamer Interessen in Betrieben, als LohnabhĂ€ngige, SoloselbststĂ€ndige, illegalisierte Arbeiter*innen und als Mieter*innen in unseren Nachbarschaften. Das heißt: Organisierung entlang gemeinsamer Interessen als Klasse! Dort wo wir potentiell ĂŒber Handlungsmacht verfĂŒgen und die Spielregeln Ă€ndern können – gemeinsame ArbeitskĂ€mpfe sind kein Relikt der Vergangenheit – sie sind notwendige Zukunft!

DafĂŒr mĂŒssen wir miteinander lernen: von feministischen Klassenauseinandersetzungen – aus der Mieter*innenbewegung – von migrantischer Selbstorganisation und aus den zahlreichen gewerkschaftlichen Aktionen und „wilden Streiks“ rund um den Globus. Und wie geht es mit den vielfĂ€ltigen SolidaritĂ€tsnetzwerke weiter, die sich auch in Hannover in den letzten Wochen gebildet haben?

Verbindliche Organisierung schafft Vertrauen – so das ein FĂŒreinander einstehen ĂŒberhaupt erst vorstellbar und möglich wird.

Organisierung muss stabil sein – sie muss verbindlich sein – und ja, es wird auch Geld benötigt.

Es wurde in den vergangenen Wochen noch einmal sehr deutlich: Supermarktregale fĂŒllen sich nicht von alleine, der Onkel wird nicht von alleine gepflegt und Arbeit ist auch 2020 nicht wegautomatisiert.

Organisierung heißt auch, die Möglichkeit zu schaffen, gemeinsam fĂŒr andere mit unterschiedlichen sozialen Backgrounds, Jobs, HerkĂŒnften, Erfahrungen und politischen Einstellungen einzustehen.

Organisierung in verbindlichen Strukturen schafft eine gute Basis fĂŒr den dringend notwendigen Austausch ĂŒber Staatengrenzen hinweg. Austausch mit denen, die in den letzten Jahren und Monaten in Frankreich, im Iran, in Spanien, in Chile, Indien, Rojava oder Sudan fĂŒr bessere Arbeits- und Lebensbedingungen, gegen UnterdrĂŒckung und fĂŒr Demokratie gekĂ€mpft haben – in Betrieben, auf der Straße und in ihren Wohnvierteln. Wir haben als FAU daher vor 2 Jahren eine neue Internationale Föderation (https://www.icl-cit.org/) gegrĂŒndet und uns mit zahlreichen Schwesterorganisationen aus verschiedenen LĂ€ndern zusammengeschlossen.

SolidaritĂ€t und ein aufgeklĂ€rtes Bewusstsein als Klasse entsteht erst durch gemeinsame KĂ€mpfe – und ist nicht die Voraussetzung fĂŒr gemeinsames Handeln

Mobbing, prekĂ€re BeschĂ€ftigungsverhĂ€ltnisse, scheinbar allmĂ€chtige Bosse, eine starke Trennung von manueller Arbeit und BĂŒrojobs, Spaltungen durch verschiedenen Sprachen, krĂ€ftezehrende Arbeit, wenig Zeit, um sich auszutauschen, reaktionĂ€re Einstellungen unter Arbeitskolleg*innen, vereinzeltes Arbeiten in der „Gig Economy“, Angst vor Arbeitsplatzverlust
das ist oftmals die RealitĂ€t.

Doch gerade jetzt gilt: BemĂŒhen wir uns um die Köpfe derjenigen, die bisher keinen Sinn im gemeinsamen Organisieren gesehen haben oder nicht die vermeintlich „richtigen“ Verhaltensweisen an Tag legen. Ohne dieses Ziel wird unsere Arbeit keine FrĂŒchte tragen.

Wir wollen dies weder als naive Schlaumeierei verstanden wissen noch als sentimentale „Klassenhuberei“ – denn was die Probleme sind erleben wir fast tĂ€glich. RegelmĂ€ĂŸig stoßen wir an unserem Arbeitsplatz, in Schulen, in der Nachbarschaft in hĂ€ufig hoffnungslosen und unschönen GesprĂ€chen, durch Mobbing oder rassistische Beleidigungen an unsere Grenzen. Und manchmal hilft auch nur eindeutige Abgrenzung.

Dennoch bleibt aus langer Erfahrung die Erkenntnis: VerĂ€nderungen schafft man mit denjenigen, die da sind – und nicht mit denen, die wir uns herbeiwĂŒnschen.

Liebe Freundinnen und Freunde, lasst uns gemeinsam die FAU aufbauen als ein Teil dieser Organisierung.




Quelle: As.hannover.fau.org