September 26, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Der nachfolgende Beitrag ist eines von 85 Artikeln aus dem Buch Schwarze Saat – Gesammelte Schriften zum Schwarzen und Indigenen Anarchismus. Eine gedruckte Ausgabe kannst du hier bestellen und damit BIPOC-Strukturen unterstĂŒtzen.

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Saint Andrew

Einleitung

Ich möchte, dass wir frei sind. Trotz der Verleugnung unserer Menschlichkeit, werden wir frei sein. Trotz des stĂ€ndigen Krieges, der gegen uns gefĂŒhrt wird, werden wir frei sein. Trotz des unerbittlichen Genozids an unserem Volk, ĂŒberall auf der Welt, werden wir frei sein. Trotz. Trotz. Trotz. Wir haben der Gewalt des Kapitalismus und des Staates getrotzt. Das ist unser generationenĂŒbergreifendes Erbe. Unbeirrt. Es ist mein Ziel, die Fackel bis zur Ziellinie zu tragen. Ich möchte, dass wir die weniger bekannten Aspekte und Lektionen unserer Geschichte erforschen. Die versteckten subversiven und ungesehenen AufstĂ€nde, die eine unbekannte revolutionĂ€re Tradition ausmachen. Es ist an der Zeit, dass wir die Lasten der Ideologien und Systeme abwerfen, die gegen unsere Freiheit errichtet wurden. Es ist Zeit, dass wir die Geschichte der Schwarzen Anarchist*innen anerkennen und verstehen, was Schwarzer Anarchismus wirklich ist.

Vorkoloniale Afrikanische Anarchie

Afrika. Das Mutterland. Die Wiege der Menschheit. Die Heimat, aus der wir entrissen wurden. Vor der Gewalt des transatlantischen Sklav*innenhandels beherbergte Afrika eine Vielzahl von Nationen, alle mit ihren eigenen einzigartigen Weltanschauungen und Mitteln zur Organisation der Gesellschaft. Es gab viele vorkoloniale Königreiche und Staaten, die Afrika ausmachten: Ghana. Mali. Songhai. Aksum. Simbabwe. Kongo. Neben diesen und anderen komplexen Zivilisationen, blenden wir oft die Gesellschaften aus, die wir als primitiv ansehen. Aber es gibt Lektionen, die diese Gesellschaften uns lehren können.

Nomadische Sammler*innen-JĂ€ger*innen-Gesellschaften zum Beispiel, haben Reichtum als Last gemieden. Und nicht nur eine Last, sondern auch eine potentielle Quelle des Bruchs einer ansonsten egalitĂ€ren Existenz. Wirklicher Reichtum wird nicht durch BedĂŒrfnis und Besitz erworben, sondern durch die freie Zeit, Freizeit und KreativitĂ€t zu genießen. Es ist das, was der Kulturanthropologe Marshall Sahlins „UrsprĂŒnglichen Wohlstand“ nannte: Genug von dem zu haben, was nötig ist, um die KonsumbedĂŒrfnisse zu befriedigen, und viel freie Zeit, um das Leben zu genießen. Nimm zum Beispiel das Volk der Ju/wasi, eine der San-Ethnien SĂŒdafrikas. Sie wurden, wie andere nomadische Gruppen, an den Rand gedrĂ€ngt, weg von der ĂŒppigen Umgebung, die sie einst genossen. Trotzdem genießen sie seit Hunderten von Jahren ein Leben ohne Hierarchie, Privatbesitz oder Arbeitsteilung. Arbeit und Spiel sind praktisch gleichbedeutend und sie sind frei, ihr Leben zu genießen, ohne sich der Arbeit zu widmen.

Ich versuche ĂŒbrigens nicht zu argumentieren, dass wir zum nomadischen Leben zurĂŒckkehren sollen. Obwohl die EinfĂŒhrung des Ackerbaus Überschuss, Ungleichheit, Bevölkerungsdichte, neue Krankheiten und Krieg mit sich brachte, ein Muster, das sich auf der ganzen Welt wiederholt hat, war das nomadische Leben nicht perfekt, wie etwa eine hohe Kindersterblichkeit in vielen dieser primitiven Kulturen. Lasst sie uns nicht romantisieren. Trotzdem mĂŒssen wir ein klareres Bild von unserer Geschichte haben. Ich möchte, dass wir verstehen, dass ein friedliches, nachhaltiges Leben nicht im Widerspruch zur menschlichen Natur steht.

Es ist auch nicht auf Nomad*innen beschrĂ€nkt. EgalitĂ€re, gemeinschaftliche Gesellschaften wurden auch unter den sesshaften Völkern in Afrika gefunden, einige von ihnen zĂ€hlten Millionen von Menschen und erfreuten sich dennoch direkter Demokratie, Konsens und Schenkwirtschaft. Sie waren frei von der harten sozialen Schichtung, die wir nur allzu gut kennen, und alle genossen den gleichen Zugang zu Land und anderen Produktionsmitteln, so dass die BedĂŒrfnisse aller erfĂŒllt wurden. Obwohl es ein Element von Altersdiskriminierung gab, da die Ältesten als Besitzende von Weisheit und Gerechtigkeit angesehen wurden, war ihre Position im Allgemeinen nicht eine der Überlegenheit oder des Aufzwingens, sondern des gemeinsamen Konsenses. Sie teilten die Arbeit mit dem Rest der Gemeinschaft und erhielten mehr oder weniger den gleichen Anteil wie alle anderen.

WĂ€hrend sich aus einigen dieser Gesellschaften der Feudalismus entwickelt hat, haben viele ihr Bekenntnis zur nicht-autoritĂ€ren Organisation beibehalten, was beweist, dass solche Gesellschaften nicht nur möglich sind, sondern auf Afrika und anderen Kontinenten schon viel lĂ€nger existieren als das jĂŒngste PhĂ€nomen von Tyrannei, Staat und Kapitalismus.

Was ist Anarchismus?

Der Anarchismus ist eine politische Philosophie und Bewegung, die im 19. Jahrhundert in Europa entstanden ist, obwohl sie einen PrĂ€zedenzfall hat, der so weit zurĂŒckreicht wie der Aufstieg der Hierarchie selbst, ĂŒberall auf der Welt. Der Anarchismus wurde hĂ€ufig und manchmal absichtlich von Menschen aus allen Ecken des politischen Spektrums missverstanden und falsch dargestellt, aber lass mich das klarstellen. Der Anarchismus zielt darauf ab, eine Gesellschaft ohne politische, wirtschaftliche oder soziale Hierarchien zu schaffen. Historisch gesehen war der Fokus des Anarchismus so, wie es Errico Malatesta beschrieben hat: die Abschaffung von Kapitalismus und Regierung. Im Laufe der Entwicklung des Anarchismus im letzten Jahrhundert haben Anarchist*innen jedoch erkannt, dass der Kampf gegen das Patriarchat, die weiße Vorherrschaft und andere Herrschaftssysteme ebenso wichtig ist. Anarchist*innen lehnen alle Formen von Herrschaft und Ausbeutung ab.

Anarchismus ist ein Ausdruck unserer angeborenen FĂ€higkeit, uns selbst zu organisieren und die Gesellschaft ohne Herrschende zu fĂŒhren. Es ist die Erkenntnis, dass die unterdrĂŒckten Völker dieser Welt sich unserer kollektiven Macht bewusst werden mĂŒssen, unsere unmittelbaren Interessen verteidigen und dafĂŒr kĂ€mpfen mĂŒssen, die Gesellschaft als Ganzes zu revolutionieren, so dass wir eine Welt gestalten können, in der die Menschen in vollem Umfang leben können.

Errico Malatesta, Emma Goldman, Peter Kropotkin, Mikhail Bakunin und Alexander Berkman sind sehr bekannt fĂŒr ihre BeitrĂ€ge zur anarchistischen Theorie. Aber schon in den frĂŒhen Jahren waren Schwarze in die anarchistische Bewegung involviert. Ben Fletcher und die anderen Schwarzen Arbeiter*innen und Organisator*innen der Industrial Workers of the World, die von der Anarchistin und Arbeiterorganisatorin Lucy Parsons im frĂŒhen 20. Jahrhundert mitgegrĂŒndet wurde. Oder wer könnte die geschmeidigen Reden und den militanten Kampf des berĂŒchtigten brasilianischen Anarchisten des frĂŒhen 20. Jahrhunderts, Domingos Passos, und der vielen anderen, die in der Arbeiter*innenföderation von Rio de Janeiro fĂŒr Freiheit kĂ€mpften, vergessen? Und natĂŒrlich wollen wir die 90 Afroamerikaner*innen nicht vernachlĂ€ssigen, die mit der Lincoln-Brigade im Spanischen BĂŒrgerkrieg an der Seite von Anarchist*innen gegen die Faschisten kĂ€mpften. Der Schwarze Anarchismus, wie wir ihn heute verstehen, wĂŒrde sich jedoch erst viel spĂ€ter entwickeln.

Schwarzer Anarchismus ist ein Begriff, der auf eine sehr lose Gruppierung von verschiedenen Perspektiven angewendet wurde. In Wahrheit gibt es viele Schwarze Anarchismen. Vielleicht wĂ€re ein besserer Überbegriff Black Anarchic Radicals, oder kurz BAR, wie er von Afrofuturist Abolitionists of the Americas geprĂ€gt wurde. BAR wĂŒrde Schwarze Anarchist*innen, New Afrikan Anarchist*innen, Quilombist*innen, Anarkatas, Anarchistische Panther, Schwarze Autonomist*innen, Afrikanische Anarchist*innen und andere einschließen. FĂŒr den Moment werde ich jedoch weiterhin Schwarzen Anarchismus verwenden, um mich auf die breitere Bewegung zu beziehen. Woher kommt er?

Der Aufstieg von Black Power

Die Black-Power-Bewegung des spĂ€ten 20. Jahrhunderts entstand aus dem Bewusstsein der UnzulĂ€nglichkeiten der liberalen BĂŒrger*innenrechtsbewegungen und insbesondere ihrer Betonung der Integration in den kapitalistischen US-Staat. Ojore Lutalo, ein New Afrikan Anarchist, wĂŒrde sowohl die moderne als auch die historische BĂŒrger*innenrechtsbewegung als „korrupt“ und „opportunistisch“ beschreiben, mit AnfĂŒhrenden, die „offen fĂŒr einen Preis“ sind und einen Platz am Tisch suchen. Stattdessen wĂŒrden Black Power Gruppen wie die Black Panther Party, die Republic of New Afrika, das Revolutionary Action Movement, die League of Revolutionary Black Workers und die Black Liberation Army einen revolutionĂ€ren Schwarzen Nationalismus hochhalten, der die Notwendigkeit von wirtschaftlicher, politischer und kultureller Autonomie betont und versteht, dass raciale Ungleichheit und Herrschaft in das System der weißen Vorherrschaft und des Kapitalismus eingebaut sind. Viele dieser Gruppen wĂŒrden auch den bewaffneten Kampf fördern und argumentieren, dass Gewalt zur Selbstverteidigung und fĂŒr sozialen Wandel notwendig sei.

Eine intersektionale Analyse von Race, Klasse, Geschlecht und staatlicher Herrschaft kam auch in der Black-Power-Bewegung auf, vor allem dank der BemĂŒhungen Schwarzer Feminist*innen, und half dabei, die divergierenden Interessen unter Schwarzen zu beleuchten, die es zu berĂŒcksichtigen galt. Sie erkannten das enge Zusammenspiel zwischen einem weißen Vorherrschaftssystem, das Schwarze zerstören und dominieren wollte, einem ausbeuterischen kapitalistischen Wirtschaftssystem, das Schwarze Gemeinschaften von Arbeit und Reichtum abzog, einem patriarchalischen System, das sowohl Schwarze Bewegungen als auch die breitere Gesellschaft durchdrang, und einer kolonialen Siedlerregierung, die auf politische UnterdrĂŒckung aus war.

Was passierte also? Die US-Regierung hatte kein Interesse daran, die selbstbewussten Forderungen des Schwarzen Freiheitskampfes zu tolerieren und setzte sowohl lokale PolizeikrÀfte als auch das FBI ein, um diese Bewegungen zu zerstören. Das volle Gewicht des Staates lag auf ihnen. Als die Black Panther Party unter den staatlichen Angriffen zerfiel, wurden viele ihrer Mitglieder entweder getötet, ins Exil geschickt, absorbiert oder ins GefÀngnis gesteckt. Viele ehemalige Panther engagierten sich spÀter im kulturellen Nationalismus, im Community Organizing, in der RevolutionÀren Kommunistischen Partei oder in der Demokratischen Partei. Aber nicht alle von ihnen.

Innerhalb der Bewegung selbst gab es Spaltungen, die nicht geklĂ€rt wurden. Einige der inhaftierten Panther brachten ihr Unbehagen mit der Organisationsstruktur der Partei zum Ausdruck. Ihre geografische und rĂ€umliche Distanz zu den Bewegungen außerhalb des GefĂ€ngnisses gab ihnen Zeit, ĂŒber frĂŒhere Strategien nachzudenken und fĂŒhrte sie dazu, einen Schwarzen Anarchismus zu entwickeln. Aber bevor ich in ihre unterschiedlichen Reisen, Visionen, Schwerpunkte und Perspektiven eintauche, was waren einige ihrer Kritikpunkte an den Panthers?

Lorenzo Kom’boa Ervin glaubte, dass „[die Partei] teilweise wegen des autoritĂ€ren FĂŒhrungsstils von Huey P. Newton, Bobby Seale und anderen im Zentralkomitee gescheitert ist [
] Viele Fehler wurden gemacht, weil die nationale FĂŒhrung so weit von den Chaptern in den StĂ€dten im ganzen Land entfernt war und deshalb „Kommandoismus“ oder von den FĂŒhrenden diktierte Zwangsarbeit betrieb [
] Es gab nicht viel innerparteiliche Demokratie, und wenn WidersprĂŒche aufkamen, waren es die FĂŒhrenden, die ĂŒber deren Lösung entschieden, nicht die Mitglieder.“ Kuwasi Balagoon charakterisierte die Partei als eine „Hierarchie, die einen unverdienten Anspruch auf GrĂ¶ĂŸe hatte“ und „sich von ihren Zielen der Befreiung der Schwarzen Kolonie abwandte, um Geld zu sammeln.“

Ashanti Alston erkannte, dass „es ein Problem mit [seiner] Liebe fĂŒr Leute wie Huey P. Newton, Bobby Seale und Eldridge Cleaver gab und der Tatsache, dass er sie auf ein Podest gestellt hatte.“ Ollie A. Johnson III, obwohl er nie Mitglied der Panther war, veröffentlichte eine heftige Kritik an den internen Problemen der Panther Party in Kapitel sechzehn von Charles E. Jones‘ Buch The Black Panther Party Reconsidered. Dort argumentiert er, dass sich die Partei von einer großen, dezentralisierten, revolutionĂ€ren Organisation zu einer kleinen, stark zentralisierten, reformistischen Gruppe gewandelt hat. Und er beklagt, dass es immer wieder vorkommt, dass „Große MĂ€nner“ zu viel Macht in revolutionĂ€ren Bewegungen erlangen.

Die Geschichte des Schwarzen Anarchismus beginnt mit den Kritiken der inhaftierten Radikalen, die ich als Post-Panther-Milieu bezeichnen möchte: Lorenzo Kom’boa Ervin, Kuwasi Balagoon und Ashanti Alston. Sowie die Nicht-Panther, die dennoch einflussreich waren: Ojore Lutalo und Martin Sostre.

Der Aufstieg des Schwarzen Anarchismus

Lorenzo Kom’boa Ervin

Lorenzo Kom’boa Ervin schloss sich 1967 den Panthers an, nachdem er sich im Student Nonviolent Coordinating Committee engagiert hatte. 1969, als er auf der Flucht war, weil er versucht hatte, ein Ku Klux Klan Mitglied zu töten, entfĂŒhrte er ein Flugzeug und floh nach Kuba. Aber anstatt ihn zu unterstĂŒtzen, sperrten ihn die kubanischen Behörden ein und deportierten ihn in die Tschechoslowakei. Dann floh er nach Ostdeutschland, bevor er gefangen genommen, nach Berlin geschmuggelt, eine Woche lang gefoltert und zurĂŒck in die USA gebracht wurde, wo er unter Drogeneinfluss seinen Prozess durchlief und von einer rein weißen Jury in einer Redneck-Stadt zu zweimal lebenslĂ€nglich verurteilt wurde.

WĂ€hrend er in diesen sogenannten sozialistischen LĂ€ndern war, wurde er desillusioniert von dem, was eindeutig eine Diktatur war, nicht irgendeine „Diktatur des Proletariats“. Und wĂ€hrend er im GefĂ€ngnis saß, nahm er sich Zeit, ĂŒber sein Leben nachzudenken und suchte nach einer alternativen Methode zur Schwarzen Revolution. Um 1973 begann er, anarchistische Literatur zu erhalten, ließ sich von Peter Kropotkin inspirieren und wurde schließlich ein Schwarzer Anarchist. Sein Fall wurde vom Anarchist Black Cross und einer hollĂ€ndischen anarchistischen Gruppe namens Help A Prisoner Oppose Torture Organizing Committee ĂŒbernommen. Sie koordinierten eine internationale Kampagne, die fĂŒr seine Freilassung plĂ€dierte.

NatĂŒrlich war er mit dem Mittelklasse-Hyperindividualismus vieler weißer amerikanischer Anarchist*innen zu dieser Zeit nicht einverstanden, aber er arbeitete trotzdem mit Anarchist*innen auf der ganzen Welt zusammen, die ihn weiterhin unterstĂŒtzten und ihm schrieben, wĂ€hrend er im GefĂ€ngnis saß. Er begann Anarchism and the Black Revolution zu schreiben und veröffentlichte es 1979. Es ist bis heute eines der besten und meistgelesenen Werke ĂŒber den Anarchismus. Seine GefĂ€ngnisschriften brachten ihm eine AnhĂ€nger*innenschaft in Europa, Afrika und unter den australischen Aborigines ein. Er wurde schließlich 1983, fast 15 Jahre nach seiner Verurteilung, entlassen.

In The Black Revolution betonte Ervin, dass der Anarchismus „der demokratischste, effektivste und radikalste Weg ist, um unsere Freiheit zu erlangen, aber dass wir frei sein mĂŒssen, unsere eigenen Bewegungen zu entwerfen, egal ob sie von nordamerikanischen Anarchist*innen verstanden oder „gebilligt“ werden oder nicht. Wir mĂŒssen fĂŒr unsere Freiheit kĂ€mpfen, niemand sonst kann uns befreien, aber sie können uns helfen.“ Er ist der festen Überzeugung, dass Schwarze Menschen und andere People of Color das RĂŒckgrat der amerikanischen anarchistischen Bewegung der Zukunft bilden werden. Er nimmt auch eine prinzipielle Haltung gegen das kapitalistische Weltsystem, weiße Vorherrschaft, Imperialismus, koloniale UnterdrĂŒckung, Patriarchat, Queerfeindlichkeit und den Staat ein, einschließlich des staatlichen „Kommunismus“, da er erkennt, dass die Regierung eine der schlimmsten Formen der modernen UnterdrĂŒckung ist. Seine Betonung der IntersektionalitĂ€t sollte eine starke Rolle in der Abkehr von der klassenausschließenden Analyse in der amerikanischen anarchistischen Bewegung spielen. Mehr zu dieser Verschiebung spĂ€ter. Er ist auch heute noch aktiv und nimmt mit seiner Frau und ehemaligen Panther-Kollegin JoNina einen Podcast namens Black Autonomy auf. Erinnere dich an seine Geschichte.

Martin Sostre

Ervin wurde zum ersten Mal mit dem Anarchismus in Kontakt gebracht, als er 1969 im GefĂ€ngnis mit dem radikalen GefĂ€ngnisabolitionisten und Anarchisten Martin Sostre in Kontakt kam. Sostre war nie ein Panther. Er wuchs in Harlem wĂ€hrend der Großen Depression auf. Er trat kurz der Armee bei, wurde aber unehrenhaft entlassen, weil er mit dem Gesetz in Konflikt geriet. Schließlich wurde er 1952 wegen eines erfundenen Drogenvergehens ins GefĂ€ngnis geworfen. ZunĂ€chst wandte er sich der Nation of Islam zu, und nachdem er fĂŒr die Äußerung seines Glaubens in Einzelhaft genommen wurde, wurde er GefĂ€ngnisanwalt. Er wurde 1964 entlassen und eröffnete einen Buchladen in Buffalo, New York, der radikale BĂŒcher ĂŒber Schwarzen Nationalismus und Kommunismus verkaufte. Sein Buchladen sollte zu einem Ort werden, an dem er den Widerstand einer ganzen Gemeinschaft kultivierte. Schließlich trennte er sich von der Nation of Islam.

Zu dieser Zeit waren AufstĂ€nde der Schwarzen in den ganzen Staaten an der Tagesordnung. Als die Revolte Buffalo erreichte, war Sostre dort und tat das, was er am besten konnte: Er unterrichtete, verteilte radikale Literatur und lieferte den Kontext zur aktuellen Situation. Schließlich verhafteten ihn die Behörden, brachten ihn vor Gericht zum Schweigen und warfen ihn wieder ins GefĂ€ngnis. WĂ€hrend er im GefĂ€ngnis saß, bildete er sich und andere Gefangene weiter und erkĂ€mpfte fast im Alleingang demokratische Rechte fĂŒr Gefangene, um revolutionĂ€re Literatur zu erhalten und zu lesen, BĂŒcher zu schreiben, alternative Glaubensrichtungen anzubeten, nicht auf unbestimmte Zeit in Isolationshaft gehalten zu werden und Zugang zu gesetzlichen Rechten bei Disziplinarverfahren zu erhalten.

In einem Brief aus dem GefĂ€ngnis von 1967 schrieb Sostre: „Ich werde mich niemals unterwerfen. Der Einsatz der massiven Zwangsgewalt des Staates reicht nicht aus, um mich zum Aufgeben zu bringen; ich bin wie ein Vietcong — ein Schwarzer Vietcong.“ Irgendwann wurde Sostre in den Anarchismus eingefĂŒhrt. Er könnte der erste Schwarze Anarchist der Welle nach den 1960er Jahren gewesen sein. Ervin schrieb ĂŒber Sostres anarchistische Lektionen im Knast: „Er ließ ein neues Wort an mir abprallen: ‚Anarchistischer Sozialismus‘. Damals hatte ich keine Ahnung, wovon er sprach 
 Er erklĂ€rte mir den ’selbstverwalteten Sozialismus‘, den er als frei von staatlicher BĂŒrokratie, jeglicher Art von Partei- oder FĂŒhrerdiktatur beschrieb. Fast jeden Tag erzĂ€hlte er mir von ‚direkter Demokratie‘, ‚Kommunitarismus‘, ‚radikaler Autonomie‘, ‚Generalversammlungen‘ und anderen Dingen, von denen ich nichts wusste. Also hörte ich stundenlang zu, wĂ€hrend er mich unterrichtete.“

Schließlich widerrief der Zeuge, der Sostre ins GefĂ€ngnis brachte, und er wurde 1971 freigelassen. Er hatte nur Pamphlete und Skizzen von Kropotkin und Bakunin gelesen, hatte aber zu dieser Zeit keinen Zugang zu BĂŒchern ĂŒber Anarchismus. Er kritisierte jedoch ausgiebig die marxistisch-leninistische „Parteilinie“ und „Gesamtstruktur“, die die herrschenden Eliten ersetzte, aber die menschliche Freiheit nicht förderte.

Sostres Lebensgeschichte und seine BeitrÀge zum Kampf sind weitgehend unbemerkt geblieben. Erinnere dich an seine Geschichte.

Kuwasi Balagoon

Kuwasi Balagoon schloss sich 1967 den Panthers in New York an. Davor verbrachte er 3 Jahre als Soldat in der US-Armee, stationiert in Europa, wo er in Deutschland Rassismus erlebte, aber auch in London mit Schwarzen Menschen jeglicher Herkunft in BerĂŒhrung kam, was ihn dazu bewegte, sich dem Afrozentrismus anzuschließen. ZurĂŒck in New York wurde Balagoon in Mietstreiks und anderen OrganisierungsbemĂŒhungen aktiv. Kurze Zeit spĂ€ter schloss er sich den Panthers an. Bemerkenswert ist, dass er offen bisexuell war, eine Tatsache, die oft verdrĂ€ngt wurde. 1969 wurde er verhaftet und angeklagt in dem, was als „Trial of the Panther 21“ bekannt wurde. WĂ€hrend die meisten Angeklagten auf Kaution freigelassen wurden, wurde Balagoon zu 23-29 Jahren GefĂ€ngnis verurteilt.

Balagoon wurde von den Panthern desillusioniert. Er konnte die Spaltungen zwischen den WestkĂŒsten- und den OstkĂŒsten-Panthern immer deutlicher sehen. Er wurde ein heftiger Kritiker der BĂŒrokratie und der RepressivitĂ€t im Marxismus-Leninismus. Er erkannte, dass die Panthers aufgehört hatten, eine Partei zu sein, die sich mit dem tĂ€glichen Kampf der Schwarzen in Amerika beschĂ€ftigte und stattdessen eine, die sich völlig darauf konzentrierte, ihre Mitglieder in Gerichtsverfahren gegen den Staat zu verteidigen. Schon bald hatte er sich dem verschrieben, was er als New Afrikan Anarchismus bezeichnete.

Zitat: „Von allen Ideologien ist die Anarchie diejenige, die Freiheit und gleichberechtigte Beziehungen in einer realistischen und endgĂŒltigen Weise anspricht. Sie ist damit vereinbar, dass jedes Individuum die Möglichkeit hat, ein vollstĂ€ndiges und vollkommenes Leben zu fĂŒhren. In der Anarchie erhĂ€lt sich die Gesellschaft als Ganzes nicht nur zu gleichen Kosten fĂŒr alle, sondern entwickelt sich in einem kreativen Prozess weiter, der von keiner Klasse, Kaste oder Partei behindert wird. Denn zu den Zielen der Anarchie gehört es nicht, eine herrschende Klasse durch eine andere zu ersetzen, weder im Gewand eines gerechteren Bosses noch als Partei.“

Balagoon betonte die Wichtigkeit nicht nur des Anti-Etatismus, sondern insbesondere des Anti-Imperialismus. Er verbrachte einige Zeit damit, die nordamerikanischen Anarchist*innen zu kritisieren, die die tiefen Strukturen der weißen Vorherrschaft und die Notwendigkeit des nationalen Befreiungskampfes nicht verstanden haben. Der ehemalige GefĂ€ngnisgefĂ€hrte David Gilbert wĂŒrde Balagoon als einen Freigeist in vielerlei Hinsicht beschreiben, oft sehr kreativ und keiner, der Leute herumkommandiert. Er hatte viel Vertrauen in die FĂ€higkeit der Menschen, ihre Gesellschaft selbst in die Hand zu nehmen. Leider starb er 1986 im GefĂ€ngnis an einer Pneumocystis-Pneumonie, einer AIDS-bedingten Krankheit. Rest in power. Erinnere dich an seine Geschichte.

Ojore Lutalo

Ojore Lutalo war nie ein Mitglied der Black Liberation Army oder der Panthers, aber er war in den Kampf involviert, schon 1970. Er und das BLA-Mitglied Kojo Bomani Sababu wurden verhaftet, nachdem sie versucht hatten, eine Bank auszurauben, um revolutionĂ€re Projekte zu finanzieren, was in einer Schießerei mit der Polizei endete.

Er wurde schikaniert, isoliert und mit falschen Anschuldigungen konfrontiert, damit er nicht auf BewĂ€hrung entlassen wird. Als er sich jedoch mit Kuwasi Balagoon anfreundete und mit der Kritik des Marxismus-Leninismus konfrontiert wurde, wurde er 1975 ein New Afrikan Anarchist. Er verbrachte seine Zeit im GefĂ€ngnis mit dem Erstellen von Collagen, aber 1986 verlegte das GefĂ€ngnis ihn grundlos in die MCU, die sensorisch beraubende Maximum Control Unit, in der sich die Gefangenen in Fesseln bewegen und die WĂ€rter KnĂŒppel tragen, die sie „NiggerschlĂ€ger“ nennen.

Im Jahr 2005, noch im GefĂ€ngnis, wurde Lutalo fĂŒr einen Film mit dem Titel In My Own Words interviewt, in dem er ĂŒber alles sprach, von seinen eigenen politischen Überzeugungen, ĂŒber das Leben in der MCU, bis hin zu den Schwierigkeiten, ein vegetarischer Gefangener zu sein. In dem Film sagte er folgendes: „Ich glaube einfach an den Konsensprozess, ich glaube an den autonomen Prozess. Ich glaube, dass die Menschen intelligent genug sind, um ihr eigenes Leben zu regeln und ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, ohne dass jemand unzĂ€hlige Milliarden Dollar an Steuern kassiert und dir sagt, was sein soll und was nicht. Die meisten Organisationen der Linken und der Rechten wollen unterdrĂŒcken, sie haben Machtambitionen, sie sind machthungrig, geldhungrig. Und sie werden alles tun, um diese besondere Macht zu behalten. Sie beraten sich nicht mit den Menschen aus der Unterschicht, sie treffen Entscheidungen fĂŒr sie und ich finde, das ist falsch. Das ist der Grund, warum ich ein Anarchist geworden bin.“

Nach diesem Interview wurden weitere falsche Anschuldigungen gegen ihn erhoben. Nur ein Jahr vor seiner Entlassung aus dem GefĂ€ngnis im Jahr 2009 wurde ihm die Entlassung aus dem MCU verweigert, insbesondere weil das GefĂ€ngnis dachte, er könnte andere Gefangene ideologisch beeinflussen. Letztendlich wurde er jedoch entlassen. Und im Jahr 2021, in einem Interview, setzte sich Lutalo weiterhin fĂŒr die Revolution ein. Erinnere dich an seine Geschichte.

Ashanti Alston

Ashanti Alston schloss sich 1971 den Panthers und der Black Liberation Army an, aber schon vorher hatte er an Treffen der Nation of Islam teilgenommen. Er wurde 1974 inhaftiert, weil er an einem RaubĂŒberfall teilgenommen hatte, um Geld fĂŒr die BLA zu sammeln. Im GefĂ€ngnis machte ein Panther-Kollege namens Frankie Ziths Alston erstmals mit anarchistischen Texten bekannt. Er bekam eine Menge Briefe und Literatur geschickt, die er zunĂ€chst ablehnte, weil er dachte, dass Anarchismus nur Chaos bedeutet. Als er sich schließlich in der Einzelhaft mit dem Anarchismus beschĂ€ftigte, war er ĂŒberrascht, dass er Analysen ĂŒber die KĂ€mpfe, Kulturen und Organisationsformen der Menschen fand.

Aber er sah nichts, was die KĂ€mpfe der Schwarzen berĂŒhrte. Es gab eine Menge Betonung auf europĂ€ische KĂ€mpfe und europĂ€ische Schriften von europĂ€ischen Persönlichkeiten. Das sprach ihn nicht wirklich an. Er musste die anarchischen Praktiken außereuropĂ€ischer Gesellschaften erforschen, von den Ă€ltesten bis zu den modernsten. Er erkannte, dass wir alle in einer antiautoritĂ€ren Gesellschaft funktionieren können. Er begann zu erkennen, dass wir niemandem erlauben sollten, sich als unsere AnfĂŒhrenden aufzustellen oder Entscheidungen fĂŒr uns zu treffen. Er begann zu erkennen, dass „ich als Individuum respektiert werden sollte, und dass niemand wichtig genug war, um mein Denken fĂŒr mich zu ĂŒbernehmen.“

Er erkannte, dass die antikolonialen KĂ€mpfe seiner Zeit und der Vergangenheit, ob in Angola, Guinea-Bissau, Mosambik oder Simbabwe, immer noch scheiterten. Das Volk verlor die Volksmacht, und der fremde UnterdrĂŒcker wurde durch einen einheimischen UnterdrĂŒcker ersetzt. Er wurde resistent gegen den Einfluss und die Einmischung von sogenannten FĂŒhrenden und wollte stattdessen „die Macht dem Volke, wo sie beim Volk bleibt.“

Er wurde 1985 aus dem GefĂ€ngnis entlassen und engagierte sich stark in der Organisierung als Schwarzer Anarchist. Er veröffentlichte Kritiken an der Top-Down-Organisation, erforschte den Einfluss der Kindheit auf unsere Psychologie und obwohl er die MĂ€ngel des Schwarzen Nationalismus sah, sah er ihn immer noch als eine Kraft fĂŒr die Einheit und eine Richtung fĂŒr sozialen Wandel, mit dem Potential, gegen den Staat zu sein.

Auf die Frage, warum er sich selbst als Schwarzer Anarchist bezeichnet, sagt er: „Ich sehe Schwarz zu sein nicht so sehr als ethnische Kategorie, sondern als eine oppositionelle Kraft oder einen PrĂŒfstein, um Situationen anders zu betrachten. Schwarze Kultur war schon immer oppositionell und es geht darum, Wege zu finden, der UnterdrĂŒckung hier, im rassistischsten Land der Welt, kreativ zu widerstehen.“

FĂŒr Alston ist das Beharren der Anarchie darauf, dass man niemals in alten, ĂŒberholten AnsĂ€tzen stecken bleiben sollte und immer versuchen sollte, neue Wege zu finden, Dinge zu betrachten, zu fĂŒhlen und zu organisieren, wichtig und inspirierend. Er ist immer noch hier draußen, immer noch am Organisieren, immer noch Teil des Kampfes. Erinnere dich an seine Geschichte.

Anarchist People Of Colour

Eine der ersten mehrheitlich weißen anarchistischen Organisationen in den USA, die das Thema Race diskutierte und priorisierte, war die Love and Rage Revolutionary Anarchist Federation in den 1990er Jahren. Lorenzo Kom’boa Ervin schloss sich der Gruppe an, und Ashanti Alston schrieb fĂŒr ihre Zeitung. Die Organisation wĂŒrde fĂŒr die Abschaffung der Whiteness eintreten. Es hatte den Anschein, als wĂŒrden sich weiße Anarchist*innen endlich mit Race auseinandersetzen, nicht wahr?

Nun mal langsam. Schwarze Anarchist*innen und ihre Betonung des Rassismus wurden von weißen Anarchist*innen nicht immer akzeptiert. Ervin stand der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft Industrial Workers of the World und der Love and Rage Revolutionary Anarchist Federation kritisch gegenĂŒber, da sie sich Ervins Versuchen widersetzten, autonome Gruppen fĂŒr Schwarze Arbeiter*innen und andere Arbeiter*innen of Color zu schaffen. Er wurde dafĂŒr gezĂŒchtigt, dass er „Separatismus“ befĂŒrwortete. Ihr Unwille, People of Color zu ihren eigenen Bedingungen zu integrieren, ihre Herablassung, ihre Anbiederung und in einigen FĂ€llen ihr offener Rassismus entfremdeten Ervin und andere Anarchist*innen of Color. Ervin kritisierte auch Gruppen wie Anti-Racist Action, weil sie sich auf den Kampf gegen Faschist*innen, Neonazis, Skinheads und den Klan konzentrierten, aber den Kampf gegen den systematischen Rassismus vernachlĂ€ssigten. Andere Kritiker*innen betonten Probleme mit ihrer „antirassistischen Farbenblindheit“.

Ernesto Aguilar kritisierte die fehlende Auseinandersetzung mit verinnerlichtem Rassismus. Zitat: „Im Grunde genommen wird ĂŒber gleiche Macht gesprochen, aber viele Weiße sind nicht wirklich bereit, sie mit der Weltmehrheit zu teilen. Warum sollten sie auch? Es ist nicht einfach, die berauschende Macht und den Einfluss ĂŒber andere und die Geschichte aufzugeben.“ Alston kritisierte auch die Blindheit weißer Anarchist*innen gegenĂŒber ihrem eigenen Rassismus und Privileg. Er drĂŒckte die Notwendigkeit fĂŒr weiße Anarchist*innen aus, den Rassismus nicht nur in den Institutionen der Welt, sondern auch innerhalb der Bewegung selbst zu bekĂ€mpfen. Sie mĂŒssen ihr VerstĂ€ndnis von UnterdrĂŒckung vertiefen.

Schwarze Anarchische sollten fĂŒr die dringend benötigte Erweiterung des anarchistischen Kampfes, besonders in Bezug auf Race, gewĂŒrdigt werden. Die BemĂŒhungen von BARs wie Ernesto Aguilar, Pedro Ribeiro, Ashanti Alston und anderen, die dezentralisierte Anarchist People Of Colour oder APOC-Bewegung zu grĂŒnden, waren entscheidend fĂŒr die breitere Anerkennung der intersektionalen Analyse innerhalb des Anarchismus. Es gibt noch viel zu tun, aber zumindest haben sie einen Raum fĂŒr Anarchist*innen of Colour geschaffen.

Im Jahr 2003 organisierte Ernesto Aguilar die erste APOC-Konferenz in Detroit, Michigan, mit etwa 300 Teilnehmenden. Die Konferenz bekam sogar UnterstĂŒtzung von weißen Anarchist*innen, die Geld sammelten und anboten, die Veranstaltung angesichts der Gewaltdrohungen der Nazis zu sichern. Wie Alston in einem Interview mit Black Ink sagte, „ermöglichte die Konferenz vielen Anarchist*innen of Color, sich zum ersten Mal zu sehen, unsere Gemeinsamkeiten zu erkennen und die Notwendigkeit zu verstehen, von einer Grundlage aus zu arbeiten, auf der wir uns gegenseitig respektieren und in unseren Gemeinschaften arbeiten können.“ Es ermöglichte ihnen, ihre Erfahrungen zu teilen und ihre Vision mit anderen Anarchist*innen of Colour zu artikulieren, fĂŒr eine stĂ€rkere Analyse von Race und EthnizitĂ€t innerhalb der anarchistischen Bewegung einzutreten und ein bewusstes Projekt der Selbstbestimmung fĂŒr People of Colour zu entwickeln.

Wie Aguilar und Alston artikuliert haben, arbeiten sich People of Color durch unseren eigenen verinnerlichten Rassismus und brauchen einen Organisationsraum, ohne den Input oder die Zustimmung von Weißen, um Rassismus und seine Auswirkungen auf unsere Psyche und unser SelbstwertgefĂŒhl zu dekonstruieren. Mitglieder der APOC-Bewegung haben einen zweibĂ€ndigen Sammelband mit dem Titel Our Culture, Our Resistance veröffentlicht.

Anarkata

Und was ist mit Anarkata? Als politische Tendenz, die sich aus dem Schwarzen Anarchismus entwickelt hat und von den Afrofuturist Abolitionists of the Americas 2019 definiert wurde, beinhaltet es nicht nur Elemente des Anarchismus, sondern auch des Schwarzen Marxismus, des Panafrikanismus, des Schwarzen Feminismus, der Queer Liberation, etc etc. So stellt es sich nicht nur gegen die westlichen und kapitalistischen KrĂ€fte, die Schwarze Menschen unterdrĂŒcken, sondern gegen alle Achsen der UnterdrĂŒckung, die gegen uns arbeiten. Der Begriff Anarkata ist die AbkĂŒrzung fĂŒr „anarchic akata“, eine RĂŒckbesinnung auf das Yoruba-Wort fĂŒr „Hauskatze“ oder „wildes Tier“, das von einigen als Schimpfwort angesehen wird. Nur um das klarzustellen, Anarkata ist kein Begriff, den nicht-Schwarze Menschen auf irgendwelche alten Schwarzen Anarchischen anwenden sollten. Es ist ein interner Begriff. Entspann dich.

Anarkata ist inspiriert von der reichen Geschichte des Schwarzen Widerstands. Von den kommunalen Nomad*innen Afrikas, zu den staatenlosen Afrikaner*innen, die den afrikanischen Imperien trotzten, zu den GeflĂŒchteten, die vor dem Sklav*innenhandel in der Sahara und im Atlantik flohen, zu den Schwarzen Gefangenen, die trotz aller Widrigkeiten eine queere Liebe fanden, zu den Schwarzen Pirat*innen, die das Imperium um seinen gestohlenen Reichtum brachten, zu den Maroons in Amerika, zu den Sklav*innenaufstĂ€nden und racialen Unruhen, die die weiße Machtstruktur bedrohten, zu den Schwarzen Guerillas, die sich dem europĂ€ischen Kolonialismus widersetzten, zu den Schwarzen Frauen, die das Patriarchat der weißen Vorherrschaft herausforderten, zu den Schwarzen trans Menschen, die die Zumutungen der kolonialen GeschlechterbinaritĂ€t ĂŒberschreiten, zum panafrikanistischen Kampf, um die Freiheit der gesamten Diaspora zu verbinden, zum Kampf fĂŒr Behindertengerechtigkeit, zum Kampf der GefĂ€ngnisabschaffung.

Die Wurzel der Anarkata-Tradition ist die Tendenz der Schwarzen, sich der Starrheit, den Grenzen, der Hierarchie und der Abschottung zu widersetzen. Die Betonung liegt auf Freiheit durch Basisorganisation, gegenseitige Hilfe und revolutionĂ€rem Kampf. Um das Anarkata-Statement zu zitieren: „Durch zahllose Momente des Trotzes und der FlexibilitĂ€t haben unsere Vorfahr*innen einen Weg fĂŒr uns geschaffen, uns einen anarchischen Radikalismus vorzustellen, der unverkennbar Schwarz ist.“

Afrikanischer Anarchismus

Obwohl ich mich auf die Arbeit der BARs in Amerika konzentriert habe, möchte ich den eigenstĂ€ndigen, aber verwandten Kampf der Anarchist*innen in Afrika nicht ignorieren. Lasst uns die besonderen anarchistischen KĂ€mpfe in SĂŒdafrika, am Horn von Afrika und in Nigeria diskutieren.

SĂŒdafrika

Die Zabalaza Anarchist Communist Front, gegrĂŒndet 2003, ist eine anarchistische kommunistische plattformistische Organisation, die in Johannesburg, SĂŒdafrika, aktiv ist. Der Name ist abgeleitet von „Kampf“ in Xhosa. Die Organisation beschĂ€ftigt sich mit theoretischer Entwicklung, anarchistischer Agitation und Propaganda, sowie der Teilnahme am Klassenkampf. Ihre Strategie ist einfach. Sie beteiligen sich an und helfen bei der Schaffung von massenhaften, heterogenen sozialen Bewegungen mit dem Ziel, den Einfluss anarchistischer Prinzipien und Praktiken zu verbreiten, auch wenn sie nicht als solche anerkannt werden, wie: direkte Demokratie, gegenseitige Hilfe, Horizontalismus, Klassenkampfgeist, direkte Aktion und UnabhĂ€ngigkeit von Wahlpolitik und Parteien. Die ZACF ist mit Morddrohungen, Repressionen und Verhaftungen konfrontiert, vor allem gegen ihre Schwarzen Mitglieder.

Horn von Afrika

Horn Anarchists, gegrĂŒndet im Jahr 2020, ist ein kollektives Projekt, das am Horn von Afrika entwickelt wurde, um anarchistische Ideen, Werte und Politik zu organisieren und zu verbreiten. Das Kollektiv ist durch Werte wie Gleichheit, Freundlichkeit, gegenseitige Hilfe, SolidaritĂ€t und Freiwilligkeit vereint. Vor dem Kollektiv war Anarchismus ein Etikett, das verschiedene marxistisch-leninistische Parteien ihren Gegner*innen entgegenschleuderten, um sie zu verleumden. Es gibt wenig Bewusstsein fĂŒr Anarchismus am Horn, oder ein Bewusstsein fĂŒr Klassenkampf. Das hochgradig hierarchische orthodoxe Christentum dominiert Politik und Gesellschaft in Äthiopien, und das expansionistische und assimilatorische Ă€thiopische Reich hat sich zum Ziel gesetzt, all die verschiedenen Religionen, Ethnien und IdentitĂ€ten zu einer orthodoxen christlichen Ă€thiopischen IdentitĂ€t zu verschmelzen. Inmitten des Genozids in Tigray plant das Horn Anarchists Kollektiv ein Treffen im Sudan, um mit GeflĂŒchteten zu arbeiten, die gezwungen wurden, aus ihrer Heimat zu fliehen.

Nigeria

In Nigeria blĂŒhte The Awareness League in den 1990er Jahren auf, ist aber seitdem rĂŒcklĂ€ufig. Geboren aus dem Zusammenbruch des staatlichen „Kommunismus“ in Europa, wurde der Anarchismus im Kampf gegen die MilitĂ€rherrschaft in Nigeria immer populĂ€rer. TatsĂ€chlich bezog die Liga ihr gesamtes Lebenselixier aus diesem Widerstand, schloss sich mit anderen antimilitĂ€rischen Gruppen zusammen und gewann an PopularitĂ€t. Mit dem Beginn der zivilen Herrschaft im Jahr 1999 löste sich die Awareness League, wie praktisch alle linken Organisationen, praktisch auf, bzw. wandte sich in einigen FĂ€llen der Wahlpolitik zu. Sie hatten keinen gemeinsamen Feind mehr und waren nicht auf die Konsequenzen einer Zivilregierung vorbereitet. Die jĂŒngste Beschwörung des Anarchismus in Nigeria kam vom ehemaligen AnfĂŒhrer der MilitĂ€rjunta, jetzt PrĂ€sident von Nigeria, der junge Nigerianer*innen davor warnte, dass Anarchist*innen versuchen wĂŒrden, die EndSARS-Bewegung von 2020 zu kapern.

Der nigerianische Anarchist und Co-Autor von African Anarchism Sam Mbah sagte 2012, dass „der Anarchismus in Afrika nicht tot ist.“ Es ist jedoch wichtig zu verstehen, dass der Anarchismus als politische Bewegung Zeit brauchen wird, um sich in Afrika zu entwickeln, die Menschen zu agitieren und das Bewusstsein zu verbreiten, was er ist. Mbah glaubte, dass afrikanische Anarchist*innen eine Bewegung auf dem Kontinent aufbauen könnten, indem sie eine gemeinsame Basis mit denen finden, die versuchen, die Regierung zur Verantwortung zu ziehen, fĂŒr die Umwelt zu kĂ€mpfen, fĂŒr die Gleichberechtigung der Geschlechter zu kĂ€mpfen und fĂŒr die Menschenrechte zu kĂ€mpfen. Sam Mbah ist 2014 verstorben, möge er in Kraft ruhen. Doch die Arbeit der Horn Anarchists und der Zabalaza Anarchist Communist Front beweisen, dass seine BemĂŒhungen, den Anarchismus in Afrika zu entwickeln, nicht umsonst waren. Sie tragen die Fackel weiter. SolidaritĂ€t fĂŒr immer.

Fazit

Dank der BemĂŒhungen der Schwarzen Anarchischen, neben dem Einfluss der GefĂ€ngnisabschaffungsbewegung und den verschiedenen Indigenen KĂ€mpfen der letzten Jahrzehnte, hat sich die anarchistische Bewegung deutlich verbreitert. Sie hat noch einen Weg vor sich, aber sie hat Fortschritte gemacht. Die klassische anarchistische Zuwendung an den Kapitalismus und den Staat allein wurde durch eine wachsende Anerkennung der KĂ€mpfe um patriarchale, raciale, koloniale und nationale Herrschaft abgelöst. Die BeitrĂ€ge von nicht-anarchistischen, aber sehr einflussreichen Denker*innen wie Audre Lorde, Angela Davis und bell hooks haben den intersektionalen Ansatz des zeitgenössischen Anarchismus maßgeblich weiterentwickelt, aber ihr Einfluss ist nicht weit verbreitet oder weit genug anerkannt. Das muss sich Ă€ndern.

In ihrem Interview mit der Northeastern Federation of Anarchist Communists fordert bell hooks uns auf: „Wagt es auf die IntersektionalitĂ€ten zu schauen. Wagt es, holistisch zu sein. Ein Teil des Herzens der Anarchie ist es, es zu wagen, gegen den Strich der konventionellen Denkweisen ĂŒber unsere RealitĂ€ten zu gehen. Anarchist*innen sind immer gegen den Strich gegangen und das war ein Ort der Hoffnung.“ Lerne von unseren Vorfahr*innen. Von den vorkolonialen afrikanischen Kommunalist*innen bis zu den Ältesten, die heute noch unter uns sind. Was die Praxis angeht, befĂŒrwortet Ervin eine Strategie von Überlebensprogrammen, gegenseitiger Hilfe, Wohngenossenschaften, Mietstreiks, Arbeitsstreiks, den Aufbau von lokalen GemeinderĂ€ten und die Beschlagnahme von Lebensmittelsystemen, ArbeitsplĂ€tzen und Bildungseinrichtungen. Schau, wo du anfangen kannst.

An meine Schwarzen Geschwister, meine Familie, ĂŒberall auf der Welt, von hier in Trinidad, wo auch immer du dich befindest und gegen Anti-Blackness, Patriarchat, Kapitalismus und den Staat kĂ€mpfst: warte nicht darauf, gefĂŒhrt zu werden. Verhandle nicht ĂŒber deine Freiheit. Alston hatte ein Wort fĂŒr euch: „Ihr alle könnt das tun. Ihr habt die Vision. Ihr habt die KreativitĂ€t. Erlaubt niemandem, das festzulegen.“ Auch Ella Baker sprach dazu: „Starke Menschen brauchen keine starken FĂŒhrenden.“ ZoĂ© Samudzi und William C. Anderson erinnern uns in The Anarchism of Blackness daran, dass „dieses brennende Haus nicht reformiert werden kann, um uns angemessen einzubeziehen, noch sollten wir einen schmerzhaften Tod teilen wollen. Eine bessere Gesellschaft muss durch unsere unverĂ€ußerliche Selbstbestimmung geschrieben werden, und das wird nur geschehen, wenn wir erkennen, dass wir den Stift in der Hand halten.“

anarchist*queer*vegan*

~ Burn this world to build a new. ~

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Elany



Quelle: Schwarzerpfeil.de