Juli 25, 2021
Von InfoRiot
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Was tun, wenn Familienangehörige oder Freunde nach »rechts« abdriften, wenn sie plötzlich Verschwörungsmythen anhĂ€ngen? Das Potsdamer Demos-Institut fĂŒr Gemeinwesenberatung in Brandenburg stellt einen immer grĂ¶ĂŸeren Beratungsbedarf speziell bei Angehörigen fest. Ab August gibt es dafĂŒr nun eine eigene Anlaufstelle. Wir sprachen mit Martin Schubert vom Mobilen Beratungsteam bei Demos ĂŒber das PhĂ€nomen.

Herr Schubert, Rechtsextremismus ist in Brandenburg seit Jahrzehnten ein Problem, aber zugleich im Wandel. Wie hat er sein Gesicht verÀndert?
Rechtsextremismus verĂ€ndert sich kontinuierlich. Das lĂ€sst sich zum Beispiel an Erscheinungs- und Organisationsformen festmachen. Der typische »Skinhead-Springerstiefel-Nazi« vom Anfang der 1990er-Jahre spielt heute in der rechten Szene kaum noch eine Rolle. Das militante Auftreten von damals hat sie weitgehend abgelegt. Heute versuchen rechte Strategen, in der bĂŒrgerlichen Mitte anzuknĂŒpfen. Der Verein »Zukunft Heimat« etwa versucht, den Unmut in der Bevölkerung aufzugreifen und sich als patriotische BĂŒrgerinitiative vor Ort zu etablieren.

Ist Rechtsextremismus subtiler geworden?
Ich glaube, dass es Rechtsextremisten gelungen ist, anschlussfĂ€higer zu werden. Es gelingt ihnen, gesellschaftliche Unzufriedenheit fĂŒr ihre Zwecke zu nutzen. Zugleich beobachte ich aber auch eine zunehmende SensibilitĂ€t dafĂŒr in der Gesellschaft im Laufe der inzwischen ja langjĂ€hrigen öffentlichen Auseinandersetzungen mit dem PhĂ€nomen.

Beobachten Sie auch VerÀnderungen bei Ihrer Klientel, die um Rat fragt?
In Teilen. Etwas ĂŒberspitzt formuliert: WĂ€hrend frĂŒher oft Eltern wegen rechtsextremistischer Musik ihrer Kinder kamen, hat nun die Generation der Kinder Beratungsbedarf wegen verschwörungstheoretischer Einstellungen ihrer Eltern. Es ist klar geworden: Rechtsextremismus ist nicht mehr allein ein Jugend-PhĂ€nomen, sondern breiter angelegt.

Zum August startet das Demos-Institut eine spezielle Angehörigen-Beratungsstelle. Offensichtlich gibt es da besonderen Bedarf …
In der Tat. Wir bekommen in diesem Bereich immer mehr Anfragen, da spielen sich mitunter echte Familiendramen an, wenn sich der Partner, die Kinder oder ein Elternteil radikalisiert. Zugleich haben wir in den vergangenen Jahren bei unseren Beratungen gemerkt: Oft sind es biografische BrĂŒche oder Ohnmachtserfahrungen, die zu Auslösern werden, sich rechten Weltbildern zuzuwenden.

Wie sieht so eine Beratung konkret aus?
Mit den Ratsuchenden schauen wir uns die Familiengeschichte an und versuchen zu identifizieren, was biografische BrĂŒche gewesen sein könnten. Ganz wichtig ist an dieser Stelle, den Angehörigen zu sagen: Es bringt wenig, mit Fakten, Daten und rationaler Argumentation zu kommen. Man sollte besser auf die emotionale Ebene gehen und versuchen, die Beziehung und Bindung aufrechtzuerhalten. Etwa indem man schaut, wo es Gemeinsamkeiten gibt. Die Angehörigen sind oft die letzte BrĂŒcke in die »normale Welt«, und sie wollen wir mit unserem Hilfsangebot stĂ€rken, um die Familiensituation zu stabilisieren und betroffene Personen im besten Fall auch wieder von den radikalisierten Weltbildern wegzubringen.

Was ist eigentlich aus den Neonazis aus der Nachwendezeit geworden? Die sind inzwischen doch auch in gesetzterem Alter. Haben sie die Springerstiefel gegen den Alu-Hut getauscht?
Das ist sehr mannigfaltig. Es gibt durchaus Menschen, die der Szene den RĂŒcken gekehrt haben – aus unterschiedlichsten individuellen GrĂŒnden. Etwa wenn sie eine Familie gegrĂŒndet haben, die dafĂŒr kein VerstĂ€ndnis hat. Wenn man sich Aussteiger-Geschichten anguckt, wenden sich auch viele Neonazis ab, weil sie enttĂ€uscht von der Szene sind. Es gibt aber auch Leute, die bleiben dabei. Da sind Familien schon in dritter Generation rechtsextrem. Und dann gibt es jene, die eine Weile lang nicht mehr aktiv sind, dann spĂ€ter im Zusammenhang mit anderen rechtsextremen Strukturen wieder auftauchen, meist eher im Hintergrund. Man muss auf jeden Fall immer damit rechnen, dass alte politische Netzwerke anlassbezogen wieder aktiv werden.

Das Interview mit Martin Schubert vom Potsdamer Demos-Institut fĂŒr Gemeinwesenberatung fĂŒhrte Karin WollschlĂ€ger.




Quelle: Inforiot.de