Juni 6, 2021
Von Graswurzel Revolution
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Der Dannenröder Forst ist ein wunderschöner, uralter und ökologisch wertvoller Mischwald in der NĂ€he von Marburg / Hessen. Um seine Rodung zugunsten eines Autobahnprojekts zu verhindern, beteiligte sich die Umweltaktivistin Ella an der monatelangen Waldbesetzung. Seit der RĂ€umung ihres Camps vor ĂŒber einem halben Jahr sitzt sie nun in der JVA Frankfurt. FĂŒr die Behörden heißt Ella UWP1, da sie ihre IdentitĂ€t nicht preisgibt. Die Staatsanwaltschaft Gießen wirft ihr vor, bei der RĂ€umung Widerstand gegen die Staatsgewalt geleistet zu haben.

Ella ist seit dem 27. November 2020 in U-Haft. Am 25. Mai begann ihre Hauptverhandlung. Das bedeutet ĂŒber 6 Monate Freiheitsentzug, bis ĂŒberhaupt der erste Verhandlungstermin stattfand. Also 180 Tage ohne Selbstbestimmung, ohne Aussicht auf Besserung und ohne Ausweg.

Seit ihrer Inhaftierung habe ich mich mit dem Thema und den Ungereimtheiten dahinter beschĂ€ftigt. Die Erfahrungen, die ich persönlich in dieser Zeit in autonom linken Strukturen machen durfte, haben mich auch noch dafĂŒr sensibilisiert. Plötzlich waren GefĂ€ngnisse ĂŒberall prĂ€sent, Repressionen und Gewalt in vielen Formen immer da. Auch wir als Gemeinschaft sind dabei oft an unsere Grenzen gestoßen und mussten mit Themen umgehen, die nur schwer in unsere idealistische Utopie gepasst haben. Es schien, als sei eine der grundlegendsten Fragen des Zusammenlebens: „Wie gehen wir mit Menschen um, die nicht nach unseren Regeln spielen?“. Der Staat löst diese Frage derzeit mit Gewalt, mit Isolation und Freiheitsentzug. Potentielle Störfaktoren fĂŒr die Gesellschaft werden aus ihrem Umfeld geholt und in ein gewaltvolleres und unterdrĂŒckendes Umfeld im Knast gesteckt. Um den Rest der Gesellschaft vor ihnen zu schĂŒtzen. Zusammen mit der bĂŒrokratischen Lage und struktureller Benachteiligung heißt das dann, dass z.B. Ella bereits jetzt mit einem halben Jahr ihrer Freiheit bezahlt hat, nur weil sie angeblich nicht nach den Regeln des Staates gespielt hat.

In den letzten 6 Monaten haben wir hĂ€ufig darĂŒber gesprochen, wie ungerecht das alles ist. Haben uns eine Welt ohne GefĂ€ngnisse ertrĂ€umt und mussten auch selbst lernen, mit Repression umzugehen. Ich habe auch gelernt, wie tiefgreifend diese Utopie von einer Welt ohne KnĂ€ste eigentlich ist und wie sehr sie unser alltĂ€gliches Handeln beeinflussen muss. Wie funktioniert ein Zusammenleben, wenn du Menschen nicht einfach als Strafe aus der Gesellschaft ausschließen kannst? Wie funktioniert eine Gesellschaft ohne Gewaltmonopol? Können wir es schaffen, zusammen zu leben, auch ohne Angst vor Repressionen und Strafen? Ella schreibt in einem ihrer Briefe (13.05.21): „Es ist ein trauriger Zustand, aus der niedrigsten aller menschlichen Emotionen, der Angst, zu herrschen und beherrscht zu werden. Die Angst vor Bestrafung, die Angst, keine Belohnung zu bekommen, die Angst vor dem Verlust der Kontrolle ĂŒber andere, anstatt uns einfach von uns selbst leiten zu lassen in dem, was wir wĂŒnschen. Wenn es die Angst ist, die uns von dem wegzieht, was wir nicht wollen, dann ist es die Liebe, die uns zu dem hinzieht, was wir wollen.“

Ich wĂŒrde mir sehr wĂŒnschen, dass wir mal ein paar Schritte zurĂŒckgehen und uns wirklich Zeit nehmen, uns als Gemeinschaft darĂŒber Gedanken zu machen, wie wir mit GrenzĂŒbertritten und RegelbrĂŒchen umgehen können, wie wir die Betroffenen wirklich hören und den GrenzĂŒbertreter*innen die Möglichkeit geben können, Verantwortung fĂŒr ihr Handeln zu ĂŒbernehmen.

Ich lese daraus vor allem die Regierung der Angst und der Verbote. Als wĂ€re die Welt voller negativer Magnete, die sich alle gegenseitig abstoßen. Es ist die Angst, die uns von dem wegzieht, was wir nicht wollen. Ich will keine Welt nur mit negativen Magneten. Ich will Reibung und Anziehung, vor allem will ich eine Abschaffung der Angst und des Gewaltmonopols. Ella schreibt, es braucht Liebe, die uns zu dem hinzieht, was wir wollen. Als Gegenpol zur Angst.

Auch wir hatten GrenzĂŒbertritte und RegelbrĂŒche in den letzten 6 Monaten. Oft war unsere Antwort der Ausschluss aus der Gesellschaft. Unsere Strafe war der soziale Ausschluss aus unserer Gemeinschaft. Auch wenn wir die Menschen nicht isoliert haben und sie nicht weggesperrt haben, haben wir doch kollektiv beschlossen, dass wir ihre RegelbrĂŒche nicht innerhalb der Gemeinschaft tragen können. Auch wenn wir jeden Tag versuchen, alles besser und richtig zu machen, unterscheidet sich unser zu Grunde liegendes Verhaltensmuster nicht wesentlich von dem des Staates. Und das kann ja wohl nicht unser Ernst sein.

Ich wĂŒrde mir sehr wĂŒnschen, dass wir mal ein paar Schritte zurĂŒckgehen und uns wirklich Zeit nehmen, uns als Gemeinschaft darĂŒber Gedanken zu machen, wie wir mit GrenzĂŒbertritten und RegelbrĂŒchen umgehen können, wie wir die Betroffenen wirklich hören und den GrenzĂŒbertreter*innen die Möglichkeit geben können, Verantwortung fĂŒr ihr Handeln zu ĂŒbernehmen. Ich finde, das sind wir all unseren MitkĂ€mpfer*innen schuldig, die unter diesem Handlungsmuster des Staates leiden mĂŒssen und mussten. Und ohne diesen Schritt zurĂŒck wird es auch keine großen Schritte nach vorn Richtung Utopie geben. Wir können unsere Magnete nur umpolen, wenn wir unser Handlungsmuster von der untersten Ebene anfangen zu Ă€ndern. Bei uns, unserem direkten Umfeld, unserer Gemeinschaft.

Ella sagt: „Der Geist, der uns dazu treibt, uns selbst zu organisieren und als Teil der Natur zu leben, ist keine Bedrohung, sondern ein Gewinn fĂŒr die Natur, ist keine Bedrohung, sondern ein Gewinn fĂŒr andere Menschen. Wir wissen das, weil wir auf einem schönen Planeten leben, auf dem alles miteinander zusammenhĂ€ngt. Es liegt an den anderen, das zu erkennen.“

Also lasst uns mal so starke Magnete sein, dass wir das negative Gewaltmonopol des Staates umpolen können. FĂŒr Ella, fĂŒr alle anderen politischen Gefangenen, und fĂŒr unsere eigene Zukunft. Ohne KnĂ€ste, verdammt.

Dino




Quelle: Graswurzel.net