September 15, 2021
Von ZĂŒndlumpen
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„Wenn Sie 
 vom Hauptbahnhof in MĂŒnchen 
 mit zehn Minuten, ohne, dass Sie am Flughafen noch einchecken mĂŒssen, dann starten Sie im Grunde genommen am Flughafen 
 am 
 am Hauptbahnhof in MĂŒnchen starten Sie Ihren Flug. Zehn Minuten.

Wem klingen diese berĂŒhmten Worte nicht im Ohr, wenn er in MĂŒnchen die Schlagzeilen auf den ZeitungskĂ€sten liest, dass ein neues vielversprechendes Fortbewegungsmittel der Zukunft fĂŒr den Transport tausender Menschen zum MĂŒnchner Flughafen diskutiert wird: Flugtaxis! Doch wĂ€hrend man ĂŒber die „PlĂ€ne, wie Flugautos in der Zukunft den Verkehr entlasten könnten“, noch herzlichst lachen kann, sind diese nur ein kleiner Baustein eines viel grĂ¶ĂŸeren diskutierten Komplexes, der bereits seit einigen Jahren in MĂŒnchen vorangetrieben wird: der „Smart City“.

Seit circa zehn Jahren leben mehr als die HĂ€lfte der Menschen auf diesem Planeten in StĂ€dten. Bis 2050, so prognostiziert die WHO, könnten es knapp 70 Prozent aller Menschen sein. „Das 21. Jahrhundert wird ein Jahrhundert der StĂ€dte sein“, schwadronieren diejenigen, denen aufgrund dieser so zumindest angedachten Tatsache eine grundlegende Neuorganisation dieses Molochs vorschwebt. Das Modell Stadt braucht nĂ€mlich aufgrund immer weiter ansteigender Bewohner*innenzahlen eine Rundumerneuerung. Smog, Stau, noch mehr Smog, „KriminalitĂ€t“, vollgestopfte U-Bahnen, vollgestopfte Straßen, LĂ€rm, Berge von MĂŒll und natĂŒrlich noch mehr Smog: all diese Probleme sollen nach Plan ihrer Verwalter*innen bald der Vergangenheit angehören. Die Stadt der Zukunft: Sie soll sauber, abgasfrei, staufrei, ruhig, sicher, mobil, grĂŒn sein, indem jeder beeinflussbare Parameter durch Messung, Visualisierung und „intelligente“ und maschinengestĂŒtzte Berechnung im gewĂŒnschten Sinne effizient gesteuert wird. Eine perfekte Ordnung, in der Maschinen den Unsicherheitsfaktor Mensch ausschalten sollen, in der nichts Unverhergesehenes mehr passieren kann, in der man alles unter Kontrolle hat, keine Störungen, kein Chaos, kein Leben. „Smart City“, so nennt sich diese Utopie der Technokrat*innen, die, eingesperrt in ihren Glas- und BetonkĂ€figen ĂŒberwacht von ihrer Smartwatch und diversen Healthapps mehr von ihrer wachen Zeit vor einem Bildschirm als mit einem anderen echten Menschen verbringen, und davon bereits so verwirrt sind, dass sie lieber einen Roboter haben, der sich um sie kĂŒmmert als einen Menschen.

NatĂŒrlich ist auch MĂŒnchen ganz vorne mit dabei die Stadt und MobilitĂ€t von morgen zu entwickeln. Tech-Unternehmen schwĂ€rmen von MĂŒnchen als dem „neuen Silicon Valley“, haben es liebevoll „Isar Valley“ getauft. Immer mehr Tech-Unternehmen siedeln sich in MĂŒnchen an, viele werden dort geboren, bereits in MĂŒnchen sitzende Tech-Unternehmen bauen ihre Infrastruktur aus. Die soeben in MĂŒnchen stattgefundene, zur „MobilitĂ€tsmesse“ umkonzeptionierte Automesse „IAA Mobility“ versteht sich als „InitialzĂŒndung“ zur Entwicklung einer „Smart City“. In ganz MĂŒnchen schießen Sharing-Anbieter, eAuto-LadesĂ€ulen, eScooter, eBikes und eRoller wie Pilze aus dem Boden. Gezielt fördert die Stadt dabei die Forschung an „digitalen Lösungen“.

Von 2017 bis Juli diesen Jahres setzten MĂŒnchens Verwalter*innen etwa das Smarter-Together-Pilotprojekt um, um erste Schritte in Richtung Smart City zu testen und in Gang zu bringen. Die Bilanz: natĂŒrlich enthusiastisch, die „Digitalisierungsstrategie“ bis 2025 beschreibt nun die nĂ€chsten Schritte. Ein großes Projekt der Stadt ist dabei die Erstellung einer zentralen Datenbank, der sogenannten „Smart Data Plattform“, denn die „Erzeugung, Bereitstellung, Analyse und der Austausch von Daten sind wichtige stĂ€dtische Grundlagen zur Entwicklung einer lebenswerten Smart City.“ In der Smart Data Plattform sollen die Daten zur Auswertung zentral zusammenlaufen, auf die dann alle „Fachbereiche“ Zugriff haben sollen und zu deren Datenbank auch „DatenbestĂ€nde aus Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft“ hinzugefĂŒgt werden sollen. Insgesamt sollen „Dinge“, wie es auf der Digitalisierungs-Propagandaseite der Stadt heißt, mit Sensoren ausgestattet und ĂŒber ein Internet of Things miteinander verbunden werden. Die Messdaten der Sensoren sollen „innovative Lösungen in Bereichen wie MobilitĂ€t, Energie, Sicherheit oder Umwelt“ ermöglichen. Welche „Dinge“ mit was fĂŒr Sensoren bestĂŒckt werden sollen bzw. auf welche Daten die Stadt zugreifen will, bleibt bisher relativ vage. GrundsĂ€tzlich werden Daten aus Smart Homes, „sonstige GebĂ€udedaten“, die Nutzungszahlen der smarten MobilitĂ€tsangebote, die Messungen smarter Lichtmasten und „andere bestehende Daten“ als Datenpools genannt.

Konkret testete die Stadt als ein erstes Pilotprojekt in Neuaubing-Westkreuz den Einsatz „smarter“ Straßenlaternen. DafĂŒr wurden 60 „smarte“ Laternen in drei Straßen installiert, die mit unterschiedlichsten Sensoren zur Erfassung von Daten zur LuftqualitĂ€t, zum Wetter, zum Parkplatzmanagement und zum Verkehrsfluss, sowie WLan ausgestattet waren. Die Bilanz fĂ€llt nach dem Test eher nĂŒchtern aus: Der Ausbau der erforderlichen Infrastruktur sei kompliziert und viel zu teuer. Deshalb seien smarte Laternen eigentlich nur fĂŒr ausgewĂ€hlte Standorte sinnvoll einsetzbar, nicht jedoch als flĂ€chendeckende Infrastruktur im gesamten Stadtgebiet. Jedoch seien dank dieses Versuchs smarte Lichtmasten „bei Bedarf einsatzbereit“.

Neues Projekt der Stadt ist nun die „Smartisierung“ von Altkleidercontainern, sodass diese von selbst ihren FĂŒllstand erkennen. Bereits seit 2020 sollen entsprechende Sensoren in die Container eingebaut werden, wie weit die DurchfĂŒhrung dieses Projekts ist, konnte ich leider nicht herausfinden, es heißt nur, es wĂŒrden bisher „erste smarte Altkleidercontainer pilotiert“. Des Weiteren plant die Stadt stĂ€dtische Fahrzeuge mit Sensorik auszustatten. Auch die von der Stadt geförderten eMobility- und Sharing-Modelle, die bereits jetzt die Stadt fluten, mvg-eBikes und -eScooter, Carsharing-Fahrzeuge und eLadestationen, verschaffen der Stadt enorme Datenmengen ĂŒber die Nutzung dieser Angebote, die wiederum in eine Auswertung des Nutzungsverhaltens der Fahrzeuge und von Fahrtstrecken mĂŒnden.

Als weitere mögliche Datenquelle ist außerdem seit Januar 2020 in ganz Deutschland der sukzessive Einbau sogenannter Smart Meter – StromzĂ€hler fĂŒr das Haus, die alle 15 Minuten den Stromverbrauch speichern und alle 24 Stunden die Daten ĂŒbertragen – fĂŒr Haushalte mit einem Stromverbrauch von mehr als 6000 kWh pro Jahr, fĂŒr Betreiber von stromerzeugenden Anlagen und fĂŒr Nutzer von WĂ€rmepumpen oder Nachtspeicherheizungen Pflicht, fĂŒr alle anderen (was die meisten Privathaushalte sind) ist es fortan erlaubt, der Trend soll langfristig in Richtung einer kompletten Umstellung auf Smart Meter gehen. Über den Einbau darf dabei nur der Vermieter oder der Messstellenbetreiber entscheiden, nicht aber der faktische Bewohner eines Haushalts. Mit dem Smart Meter kann ein jederzeit zugĂ€ngliches, sehr genaues und aktuelles Strom-Nutzungsprofil pro Haushalt erstellt werden. Sicherheitsbehörden sabbern natĂŒrlich bereits bei den Möglichkeiten, mithilfe der genauen Beobachtung des Stromverbrauchs gewisser Milieus (die beispielsweise der organisierten KriminalitĂ€t verdĂ€chtigt werden) Straftaten aufzuklĂ€ren. DarĂŒber hinaus sind Autohersteller verpflichtet ab 1. April 2022 Messwerte zum Kraftstoff- und Stromverbrauch der individuellen Fahrzeuge an die europĂ€ische Umweltagentur zu senden. Dabei werden die Fahrzeug-Identifikationsnummer, die Fahrgeschwindigkeit, die zurĂŒckgelegte Strecke und der Kraftstoffverbrauch erfasst. Bereits seit 2018 mĂŒssen in alle NeuwĂ€gen außerdem GPS-Sender verbaut werden.

Die Smart Data Plattform soll außerdem dazu dienen einen „Digitalen Zwilling“ zu erstellen, der bis 2024 fertig gestellt werden soll. Dabei ist die Bezeichnung „Digitaler Zwilling“ durchaus wörtlich gemeint: Mithilfe regelmĂ€ĂŸiger DrohnenflĂŒge ĂŒber der Stadt sollen aktuelle Luftaufnahmen dabei helfen, ein hochaufgelöstes 3D-Modell fĂŒr die gesamte Stadt zu erstellen. KamerabestĂŒckte Spezialfahrzeuge sollen in sogenannten „Mobile-Mapping-Kampagnen“ Daten ĂŒber den Straßenraum und seine Infrastruktur ergĂ€nzen. Damit dieser virtuelle „Zwilling“ den Anschein des tatsĂ€chlichen Abbilds der echten Stadt bekommt, sollen „dynamische Daten“ und „Echtzeitinformationen“, durch den Zugriff auf Internet-of-Things-Systeme, etwa Kaffeemaschinen oder KĂŒhlschrĂ€nke mit W-LAN, und auf Sensordaten, die mithilfe tausender ĂŒberall in der Stadt installierter Sensoren erhoben werden, in den „Zwilling“ eingespeist werden. StĂ€dtische Fahrzeuge sollen mit Sensoren ausgestattet werden, die „Umweltdaten“ erheben sollen. Durch den Ausbau „stadtweiter Sensorik- und Messsysteme“ soll eine Echtzeit-Erfassung „relevanter Datenströme“ ermöglicht werden. Um diese Masse an Daten kĂŒnftig generieren und insbesondere transportieren zu können, arbeitet die Stadt deshalb auch daran, das Internet of Things technisch ĂŒberhaupt erst zu ermöglichen, indem sie beispielsweise das Long Range Wide Area Network (LoRa WAN) und das 5G-Funknetz ausbaut. Zentraler Ansprechpartner dieses Projekts ist der GeodatenService MĂŒnchen (Denisstraße 2), wichtiger Partner das IT-Referat der Stadt MĂŒnchen (Agnes-Pockels-Bogen 21).

Einen Faktor soll dieser Zwilling aber angeblich nicht wiedergeben: den Menschen. Eines der Propagandavideos illustriert das zumindest gewĂŒnschte Ausmaß des Digitalen Zwillings: In Echtzeit soll es möglich sein nachzuschauen, wo gerade ein Auto oder Fahrrad entlangfĂ€hrt. Aber, wie an dieser Stelle noch einmal versichert wird, „selbstverstĂ€ndlich werden dabei keine personenbezogenen Daten erfasst“. Das Video zeigt dabei, wie eine Person mit Kinderwagen zuerst von einer Drohne und einem Kamerawagen fotografiert wird, dann aber ihr Gesicht verpixelt wird. „Maximale Transparenz“ und „eine genaue Datengrundlage“ sind das Ziel dieses Binge-Datensammelns. Alles zum Zwecke des Gemeinwohls, denn ohne RiesendatensĂ€tze seien „wichtige soziale GĂŒter“ nicht zugĂ€nglich. „Mittels Digitalisierung der Verkehrswege“ erhoffe man sich etwa eine saubere Luft. Doch damit man keine Panik vor Big Brother bekommt, wird versprochen, dass die erhobenen Daten im Nachhinein anonymisiert werden. Erheben muss man sie aber natĂŒrlich trotzdem.

Dann braucht man sich ja keine Sorgen zu machen, wenn sich auf der Webseite der gerade in MĂŒnchen stattgefundenen „IAA Mobility“ – dem „Treiber, der Impulse fĂŒr eine Weiterentwicklung einer Millionenstadt zu einer Smart City mit intelligenten Verkehrskonzepten und innovativer Vernetzung der VerkehrstrĂ€ger gibt – nachhaltig und an den BedĂŒrfnissen der Menschen ausgerichtet“ – zu der Frage „Kommt mit der Smart City die Überwachung?“ recht unverblĂŒmt nachlesen lĂ€sst:

„Im Endeffekt ist das Leben in Songdo [eine Smart-City-Planstadt in SĂŒdkorea] komplett ĂŒberwacht. Und das 24 Stunden am Tag. Ganz gleich, ob bei der Arbeit, zu Hause oder unterwegs. Jeder, der hier wohnt oder arbeitet, muss sich bewusst sein, dass er Teil einer permanenten Datenerhebung ist.“

Anders als in den Polizeistaaten der Vergangenheit setzt die sich anbahnende eDemocracy nicht auf den mehr oder weniger geheim operierenden Überwachungsstaat, sondern auf „maximale Transparenz“ und „Offenheit“. „Wissen zu teilen ist ein grundlegendes Prinzip unserer Demokratie“, heißt es etwa in der „Smarter Together“-Propaganda-BroschĂŒre. Wer Wissen habe, könne bessere Entscheidungen treffen. Wer ĂŒber sein Smartphone alle Parameter zu seinem Leben vorgehalten bekomme, wieviele Meter man zurĂŒckgelegt, wie viel man getrunken, wie oft man den 1,5-m-Abstand zu anderen Menschen nicht eingehalten, wie viel Strom man wann verbraucht habe, der könne besser herausfinden, was das „richtige“ Verhalten sei. Anreize schaffen zur Selbstoptimierung, zur sanften Verhaltensanpassung mithilfe von Bonusprogrammen oder GewĂ€hrung von „Privilegien“, etwa das, aus dem Haus gehen zu dĂŒrfen, das ist der Totalitarismus von morgen.

Und sollte es doch noch ein paar Unbelehrbare geben, dann sehen natĂŒrlich auch die Sicherheitsbehörden ein riesiges Potenzial in der „Transparenz von morgen“. Bisher finden die Sicherheitsbehörden in den Propagandamaterialien fĂŒr MĂŒnchen kaum ErwĂ€hnung. In punkto „Sicherheit“ wird nur ein konkretes Projekt erwĂ€hnt: die Ausstattung der Feuerwehr mit Drohnen, um aus der Luft schneller „Fluchtwege“ zu erkennen. Logischerweise können Drohnen Fluchtwege nicht nur bei BrĂ€nden erkennen. Bereits heute setzt die Polizei Drohnen fĂŒr Luftaufnahmen von Tatorten, zur Sicherung von Bahnstrecken oder zur AufspĂŒrung von „VerkehrssĂŒndern“ ein. Das 2018 reformierte bayerische Polizeiaufgabengesetz erlaubt außerdem den Drohneneinsatz bei Demonstrationen (mit „Eskalations“potenzial, etwa wenn erwartbar ist, dass „Ordnungswidrigkeiten (!) von erheblicher Bedeutung“ begangen werden könnten) und Observationen. KĂŒnstliche Intelligenz wird teilweise bereits dazu eingesetzt vorherzusagen, in welchen Vierteln oder sogar Straßen in nĂ€chster Zukunft EinbrĂŒche stattfinden könnten. Eine ganze Behörde gibt es fĂŒr die bundesweite Forschung am Ausbau der technologischen Überwachung: Die „Zentrale Stelle fĂŒr Informationstechnik im Sicherheitsbereich“ (ZITis, Postanschrift: Zamdorfer Str. 88, BĂŒros „NEO“: Hermann-Weinhauser-Str. 73, zukĂŒnftig soll die ZITis ein eigenes GebĂ€ude auf dem GelĂ€nde der Bundeswehr-Uni in Neubiberg erhalten), „das Start-Up unter den Behörden“ und 2017 erst ins Leben gerufen, ist fĂŒr „digitale Forensik, TelekommunikationsĂŒberwachung, Krypto- und Big Data-Analyse“ zustĂ€ndig. Aktuelle Forschungsprojekte von ZITis sind etwa FORMOBILE, in dem die Auswertung von Handydaten verbessert werden soll, oder KISTRA, das den Einsatz von KI zur FrĂŒherkennung von Straftaten der „HasskriminalitĂ€t“ erforscht. Am Projekt KISTRA ist ĂŒbrigens auch das Unternehmen „Munich Innovations Lab“ (Pettenkoferstr. 24) beteiligt, ebenso wie Prof. Dr. Rieger fĂŒr Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der LMU, die fĂŒr KISTRA die „sozialwissenschaftliche Begleitforschung [ĂŒbernimmt] und 
 durch die Untersuchung der Bedingungen von Wahrnehmung und Wirkung von Hass im Internet zum Gesamtvorhaben bei[trĂ€gt]“.

Die PlĂ€ne der Stadt sind dabei aber nur die eine Seite der Medaille. Sie dienen ĂŒberwiegend der verbesserten Stadtplanung und -verwaltung, die nebenbei natĂŒrlich auch den Sicherheitsbehörden riesige Möglichkeiten eröffnen. Doch was wĂ€re die Regierung ohne die Unternehmen, die den technologischen Wandel mit aller Macht vorantreiben. Denn nicht nur die neuesten „smarten“ Angebote wie die stĂ€dtischen Sharingdienste sind mit Spionagesoftware gespickt. Auch das eigene Auto und das eigene (e-)Bike ist mit GPS-Sendern ausgestattet, die neue Fernbedienung mit „Alexa“, die TĂŒrklingel mit Kameras, die ihre Bilder nicht „nur“ ans eigene Smartphone schicken, sondern auch an die Konzernzentrale des Herstellers, ebenso der neue Tesla, die neue Kaffeemaschine und der KĂŒhlschrank haben W-LAN. Die Telekom bietet bereits heute an das eigene Zuhause in einen komplett ĂŒberwachten Raum umzubauen, das sogenannte „Smart Home“. Laut irgendwelcher Statistiken besitzen inzwischen bereits 89 Prozent der Menschen in Deutschland ein Smartphone, das eins der zentralen Werkzeuge zur Nutzung all dieser „smarten“ Angebote ist und entsprechend immer mehr einen privaten „digitalen Zwilling“ seines Nutzers erstellt, der in der neuen „transparenten“ eDemocracy fĂŒr viele Interessenten, etwa Unternehmen und Behörden, wichtige Informationen liefert. In diesem neuen System, in dem es „weniger Bedarf an Wahlen, Mehrheitsfindungen oder Abstimmungen gibt“, da alle „genau wissen, was Leute tun und möchten“, in dem „Verhaltens-bezogene Daten 
 Demokratie als das gesellschaftliche Feedbacksystem ersetzen“ (Smart City Charta der Bundesregierung), was ĂŒbrigens auch die ErfĂŒllung des Traumes einiger „pragmatischer Anarchist*innen“ wĂ€re, die in einem solchen datenbasierten kybernetischen System die perfekte staatsfreie Selbstverwaltung sehen, braucht es keinen zentralen Akteur, keinen Schritt-fĂŒr-Schritt-Plan, keine zentralisierte Planung, keinen direkten Zwang und keinen zentralen Überwachungsapparat. Was das Potenzial dieser Flut an Daten ist und wie sie genutzt werden können, das wird sich in Zukunft noch zeigen. Doch es kann nur nĂŒtzen, so viele Daten wie möglich erst einmal zu sammeln.

Um nun all diese kostbaren Daten abzuschöpfen, bzw. sie zu generieren, braucht es aber noch viele schlaue Köpfe, die die entsprechende Technologie erfinden und entwickeln und viel Kapital. In MĂŒnchen gibt es dafĂŒr einige Projekte, um diese beiden Faktoren zusammenzubringen. Die Stadt selbst eröffnete dafĂŒr im Juni gemeinsam mit der bereits seit 2002 existierenden „Start-Up-Schmiede“ UnternehmerTUM das Munich Urban Colab, ein „Innovations- und GrĂŒndungszentrum fĂŒr Smart City Solutions“ (Freddie-Mercury-Straße 5 im Kreativquartier), in dem Start-Ups, Studenten, Wissenschaftler, Mitarbeiter von DAX-Konzernen, Investoren und Beamte des Wirtschaftsreferats Platz finden sollen um zu forschen, zu basteln und zu entwickeln, sich auszutauschen und zu vernetzen. Die Stadt hat außerdem ein „Mobility Hub“ gegrĂŒndet, das ebenfalls seinen Sitz im Colab hat und das ebenfalls Start-Ups mit Investoren im Bereich MobilitĂ€t zusammenbringen soll. DafĂŒr verantworlich, dass es in MĂŒnchen eine recht bedeutende Start-Up-Szene gibt, ist das von der BMW- und Quandt-Erbin Susanne Klatten gegrĂŒndete GrĂŒnderzentrum UnternehmerTUM (Lichtenbergstr. 6 in Garching), das insbesondere Studenten der TU dazu animiert ihre Forschungen in GeschĂ€ftsideen zu verwandeln und diese mit Investoren zusammenbringt. Die TU, aber auch die LMU sind wichtige Quellen zur Entwicklung technischer Lösungen und um Nachwuchs fĂŒr die Tech-Unternehmen zu rekrutieren. Die TU beherbergt unter anderem die Munich School of Robotics and Machine Intelligence (Heßstr. 134), die insbesondere an KĂŒnstlicher Intelligenz und der Entwicklung von Robotern forscht. Die TU verfolgt auch schon lĂ€nger den „Industry on Campus“-Ansatz und arbeitet eng mit Unternehmen zusammen, die hohe Geldsummen in die UniversitĂ€t pumpen. Der Lidl-GrĂŒnder schenkte der TU etwa Ende 2017 zwanzig neue BWL-Professuren, Google ist „Exzellenzpartner“ der TU, spendete eine Million in die Uni zur Erforschung von KĂŒnstlicher Intelligenz, Maschinellem Lernen und Robotik und schloss einen Rahmenvertrag fĂŒr gemeinsame Forschung. Auch der Halbleiterhersteller Infineon, die Autohersteller BMW und VW sowie der Nahrungsmittelkonzern NestlĂ© sind „Exzellenzpartner“ der TU, d. h. sie spendeten der Uni mindestens eine halbe Million Euro.

Im Gegensatz zu Berlin gilt MĂŒnchen als Brutkasten fĂŒr „Deep-Tech-Unternehmen“ und „Business-to-Business-Konzepte“. Große Tech-Unternehmen wie IBM, Huawei, Amazon, Microsoft, Fujitsu, SAP, Salesforce, Infineon, BMW, Siemens und Intel haben Standorte oder sogar ihren Sitz in MĂŒnchen. Apple will neben der bereits existierenden Forschungseinrichtung in MĂŒnchen nun in der NĂ€he der Spaten-Brauerei in der Karlstraße ein „EuropĂ€isches Zentrum fĂŒr Chip-Design“ errichten. Google baut sich im Postpalast an der HackerbrĂŒcke einen zweiten Standort auf. SAP hat Mitte Juli mit dem Bau eines neuen Forschungs- und Entwicklungsstandorts auf dem Garchinger Campus der TU begonnen. Dieser soll Platz fĂŒr 600 SAP-Mitarbeiter und fĂŒr 130 Professoren und Studenten der TU bieten. Das World Economic Forum will ein „Forschungszentrum fĂŒr die vierte industrielle Revolution“ in MĂŒnchen eröffnen. Intel will ab 2022 in MĂŒnchen einen automatisierten Taxidienst mit selbstfahrenden Autos anbieten. BMW als MĂŒnchner Traditionsunternehmen, das als eines der wenigen Unternehmen auch in MĂŒnchen seinen Produktionsstandort hat, ist in MĂŒnchen ein zentraler Akteur, der die Digitalisierung vorantreibt. Dabei liegt ein besonderer Fokus auf der Entwicklung autonom fahrender Autos. Um diesem Ziel nĂ€herzukommen, eröffnete BMW 2016 in Unterschleißheim das BMW-Entwicklungszentrum „Campus Autonomes Fahren“ (Landshuter Str. 26). Autonom fahrende Autos, deren Vision das Versprechen beinhalten, die Zahl der AutounfĂ€lle maßgeblich zu reduzieren, sind ein maßgeblicher Faktor um die Akzeptanz eines Internet of Things zu steigern und ein allumfassendes Überwachungsnetz aufzuspannen, das die Autos brauchen, um autonom fahren zu können.

Wie man sieht, ist MĂŒnchen in Europa ein wichtiger Standort fĂŒr den technologischen Alptraum, in dem wir heute bereits leben und der in Zukunft gigantische Ausmaße annehmen soll. Die reale Umsetzung der ambitionierten stĂ€dtischen Smart-City-PlĂ€ne wirken erst einmal eher mau, ja gar lĂ€cherlich, wenn man anschaut, dass sie darin bestehen sollen, Altkleidercontainer zu smartisieren und diesen Digitalen Zwilling zu erstellen. Immerhin hat Google bereits vor Jahren die ganze Stadt mit ihrem Google-StreetView-Projekt digitalisiert, Apple schickt derzeit bis Anfang Oktober noch fĂŒr „Apple-Maps“ elf Kamera-Autos auf die MĂŒnchner Straßen. FĂŒr gewisse Projekte wie die E-Akte oder das „MĂŒnchen Portal der Zukunft“ fehlt der Stadt außerdem laut eigener Aussage wegen Corona gerade das Geld. Auch die Erweiterung der Smart-City-Projekte ĂŒber die bereits beschlossenen Maßnahmen hinaus wurde aus Geldmangel vorerst vehement ausgeschlossen. Das sollte aber nicht darĂŒber hinwegtĂ€uschen, dass die „Corona-Krise“ der ganzen Digitalisierung auch in MĂŒnchen einen enormen Schub verliehen hat, insbesondere um ihre Akzeptanz zu steigern und mit Gewalt eine Umstellung auf die Nutzung digitaler Angebote zu erzwingen. Auch die MĂŒnchner Politiker und Unternehmer blasen in das Horn Corona als „Chance“ zu begreifen um die Digitalisierung massiv voranzutreiben und benutzen Corona als Rechtfertigung fĂŒr einen schnellen Umbau. Die BekĂ€mpfung auch zukĂŒnftiger Epi- oder Pandemien ist ein willkommener Vorwand zur Realisierung der DigitalisierungsplĂ€ne. Auch die gezielte Förderung des „Tech-Standorts“ MĂŒnchen durch die Politik und die ambitionierten PlĂ€ne der einzelnen Unternehmen, Forscher, Studenten und Kapitalgeber, die die Förderangebote der Stadt mit Kusshand entgegennehmen, die dezentrale schleichende EinfĂŒhrung (potenziell) smarter GegenstĂ€nde in allen Lebensbereichen sowie die digitale Umstellung vieler Prozesse treiben das Projekt „Smart City“ sehr real und aufgrund der vielen Akteure und Bereiche relativ unbemerkt voran. Hier in MĂŒnchen ist eins der vielen Herzen des sich entwickelnden, neuen technologischen Totalitarismus. Hier wurde und wird die Technologie von heute wie die von morgen maßgeblich entwickelt und vermarktet.

FĂŒr uns gilt es angesichts dieser Vielzahl an Feinden der Freiheit die Achillesfersen dieses Monsters zu finden. Startups etwa sind sehr von der Motivation einzelner Personen abhĂ€ngig und können schnell in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Einzelne Bauteile sind außerdem momentan aufgrund der corona-bedingten ProduktionsausfĂ€lle schwer lieferbar oder werden immer teurer. Beispielsweise die fĂŒr smarte GerĂ€te unabdingbaren Halbleiter haben gerade mit LieferengpĂ€ssen und Rohstoffmangel zu kĂ€mpfen. Auch Stahl ist momentan ein gefragtes Gut, weil China seinen Export eingestellt hat. Sonstige Metalle sind ebenfalls gerade sehr knapp. Die Just-in-Time-Produktion zeigt aktuell ihre SchwĂ€chen, die Automobilproduktion etwa hat durch Rohstoff- und Bauteil-LieferengpĂ€sse Produktionsschwierigkeiten. Es ist bereits von einer „Rohstoffkrise“ die Rede. Auch die Logistik hat durch teilweise wochenlange Shutdowns von ContainerhĂ€fen u. Ă€. riesige RĂŒckstaus abzuarbeiten und zu wenig Transportmittel zur VerfĂŒgung. Gezielte Sabotagen an der Logistik könnten aufgrund dieser Situation momentan große Wirkung entfalten. Ansonsten ist auch weiterhin die Sabotage an der Funk- wie auch an der Strominfrastruktur ein spannendes Interventionsfeld. Denn ohne Funk und natĂŒrlich besonders ohne Strom geht in der smarten schönen neuen Welt ĂŒberhaupt nichts.




Quelle: Zuendlumpen.noblogs.org