Januar 3, 2022
Von Contraste
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Robin, Sandra, Till und Schrotti betreiben den »ACS Copy Service« in Bonn als Kollektivistas. So wollen sie eine Alternative zu den bestehenden AusbeutungsverhĂ€ltnissen in der Arbeitswelt schaffen. Über ihr Konzept, ihre Erfahrungen und einen Traum sprachen sie mit CONTRASTE-Redakteurin Ariane Dettloff.

CONTRASTE: Was bedeutet »ACS«?

ACS: Das ist ein kleines Geheimnis. Sucht euch am besten selbst aus, was es fĂŒr euch bedeutet: Der »Anarchist Copy Shop«, das »Anarcho-Communist Syndicate« oder vielleicht einfach »Ali’s Copy Shop«, benannt nach dem Kanarienvogel des Bruders des Vorbesitzers, von dem wir den Laden ĂŒbernommen haben.

Wer hat das Kollektiv gegrĂŒndet und mit welcher Motivation?

Wir kennen Nader, den Vorbesitzer, vor allem seitdem er sich bei einer achtmonatigen Hausbesetzung in der gleichen Straße sehr solidarisch gezeigt hatte. Im Sommer 2020, als Robin zufĂ€llig bei ihm war, um etwas zu kopieren, fragte Nader, ob er den Laden nicht ĂŒbernehmen will. Er habe das nun 36 Jahre gemacht und er möchte sich zur Ruhe setzen. Ein Kollektiv zu grĂŒnden, das gleichzeitig sinnvolle Infrastruktur bedeutet, war immer ein Traum. Gleichgesinnte fanden sich in Sandra und Till und schon legten wir los. Seit Dezember 2021 hat sich das Kollektiv um Schrotti erweitert.

Was habt ihr vorher gemacht?

Unterschiedlichstes: Lohnarbeitsfrei, Sushikoch, Tankstellenangestellt oder im Sekretariat einer Kanzlei fĂŒr Migrationsrecht.

Wer sind eure Kund*innen?

Alle. Wir sind zentral gelegen und haben eine sehr bunte Laufkundschaft. Es war von Anfang an unser Wunsch, dass wir die alte Stammkundschaft des Vorbesitzers nicht verschrecken, aber gleichzeitig auch nicht verschweigen, dass wir uns einer linken antiautoritÀren Bewegung zuordnen. Das hat bisher unglaublich gut funktioniert.

Wo ist euer Standort und wer ist euer Vermieter?

Das GebĂ€ude gehört zum Viktoriakarree, wo es vor einigen Jahren aus Protest gegen das Bauvorhaben einer Investmentfirma die genannte Hausbesetzung und eine breite BĂŒrger*innenbewegung gab. Unser Laden und die Wohnungen darĂŒber werden von einem BrĂŒderpaar vermietet, die dem drĂ€ngenden Aufkauf des Viertels nicht nachgegeben haben.

Wie organisiert ihr die Arbeit?

FĂŒr die Arbeitszeiten haben wir einen ganz profanen Schichtplan. Das ist zur Orientierung hilfreich, aber es gibt auch immer wieder flexible Absprachen nach Bedarf. Außerdem treffen wir uns alle einmal in der Woche gesondert und sprechen alles ab, wo wir mehr Redebedarf haben. Das sind insbesondere grĂ¶ĂŸere AuftrĂ€ge, die nicht ein*e allein erledigen kann, Anschaffungen und Ähnliches.

Könnt ihr davon leben?

Wir haben gerade Zuwachs bekommen. Damit bestreiten nun zwei Personen ihren bescheidenen Lebensunterhalt durch ihre Arbeit bei ACS. Eine weitere Person studiert nebenbei und bezieht noch einen Studienkredit und eine Person arbeitet neben ihrem anderen Hauptverdienst im Minijob im Kollektiv.

Welche Schwierigkeiten sind euch begegnet?

Tausende. Eine zentrale Herausforderung sind fĂŒr uns vor allem die steinalten GerĂ€te, die wir vom Vorbesitzer ĂŒbernommen haben. Es ist einerseits toll, dass es unsere eigenen sind und wir keine teuren LeasingvertrĂ€ge haben. Andererseits heißt das jedoch auch, dass wir immer wieder vor großen Baustellen stehen, wenn mal etwas nicht funktioniert. Wir haben aber sehr viel gelernt und lernen immer weiter. Daher sind wir vorsichtig optimistisch, was die Suche nach Lösungen angeht.

Wie erging und ergeht es euch mit Corona?

Wir haben den Laden mitten im »Lockdown« ĂŒbernommen. Das war schon eine Herausforderung, weil wir zu Beginn kaum Laufkundschaft hatten. Aber wir konnten die Zeit gut nutzen, um uns zu orientieren. Außerdem schienen diejenigen, die trotz der Pandemie unseren Laden aufsuchten, sehr verstĂ€ndnisvoll, dass uns noch nicht alles komplett glatt von der Hand lĂ€uft. Manchmal schien es, dass der ein oder andere Papierstau, der fĂŒr uns Schweißperlen auf der Stirn bedeutete, fĂŒr die Kundschaft eine nette Abwechslung war – quasi Entertainment wĂ€hrend der sonst grauen Pandemie.

Eine kleine Besonderheit war die »Masken-Aktion« der FAU Bonn. Das ist die »Freie Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union«, eine anarchosyndikalistische Gewerkschaftsföderation. Die FAU hatte ein grĂ¶ĂŸeres Kontingent Masken besorgt. Die wurden bei uns und ein paar anderen solidarischen Orten gegen Spende angeboten. Die Masken, die durch den Erlös finanziert wurden, hat die FAU dann dem Bonner Verein fĂŒr GefĂ€hrdetenhilfe gespendet. Ziel der Arbeit des VFG ist es, Menschen am Rande der Gesellschaft zu helfen und ihnen ein selbstbestimmtes, unabhĂ€ngiges Leben zu ermöglichen. Die ĂŒber einige Wochen laufende Aktion kam bei unserer Kundschaft sehr gut an.

Eine ganz andere Gelegenheit bot sich durch die Reise fĂŒr das Leben der Zapatistas. Diese sozialrevolutionĂ€re indigene Bewegung aus dem mexikanischen Chiapas hatte im Herbst eine Europareise organisiert, um sich mit solidarischen Gruppen hier zu vernetzen. Wir haben zahlreiche verschiedene BroschĂŒren rund um das Thema gedruckt, dazu T-Shirts, Tassen, Postkarten und Poster. So konnten wir ein paar Spenden sammeln, um die Reise zu unterstĂŒtzen. Außerdem haben wir uns weit ĂŒber unsere Region bekannt gemacht und viele tolle Kontakte knĂŒpfen können – und ein Highlight war natĂŒrlich, dass ein Equipo der Zapatistas bei einem Stadtrundgang Gelegenheit hatte, uns in unserem Laden zu besuchen.

Was plant ihr fĂŒr die Zukunft?

In unserem Betriebsstatut nach einem umfangreichen Entwurf der Union Coop Föderation von Kollektivbetrieben haben wir eine Reihe Punkte festgelegt, was wir mit unseren erwirtschafteten Gewinnen machen. Dazu gehören Lohnerhöhungen, aber natĂŒrlich auch die RĂŒckzahlung der Privatkredite, durch die wir – glĂŒcklicherweise ganz ohne Banken – die BetriebsĂŒbernahme finanziert haben. Dann werden wir mittelfristig auch in neue GerĂ€te bzw. zumindest Wartung und Ersatzteile investieren. Und schließlich, wenn es alles gut lĂ€uft, ist der Traum, dass wir auch die GrĂŒndung weiterer Kollektive unterstĂŒtzen können.

Link: https://acs-bonn.de

Titelbild: Besuch von Zapatistas beim ACS-Kollektiv. Foto: Schrotti




Quelle: Contraste.org