MĂ€rz 1, 2021
Von ZĂŒndlumpen
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RĂŒckblick auf ein Jahr AusgangsbeschrĂ€nkungen

Seit nunmehr einem Jahr sind wir mit Ausgangssperren unterschiedlichen Ausmaßes konfrontiert. Zum einen die sogenannten „AusgangsbeschrĂ€nkungen“, die das Verlassen der eigenen Wohnung – so weit eine solche vorhanden – nur aus „triftigen GrĂŒnden“ erlaubt. Von Dezember bis Februar gab es in Bayern zusĂ€tzlich eine „nĂ€chtliche Ausgangsperre“ zwischen 21 und 5 Uhr. Inzwischen wird diese auf die Regionen beschrĂ€nkt, die irgendeinen Inzidenzwert ĂŒberschreiten. Nach nunmehr gut einem Jahr „AusgangsbeschrĂ€nkungen“ und zwei Monaten Ausgangssperre wollen wir unsere Erfahrungen mit dieser neuen Situation, wie wir sie in MĂŒnchen erlebt haben, rekapitulieren.

„Ausgangssperre“ bzw. dessen Euphemisierung „AusgangsbeschrĂ€nkung“; als diese Worte letzten MĂ€rz begannen durch die Presse zu geistern, blickte man entsetzt in andere LĂ€nder, die Straßensperren errichteten und das MilitĂ€r in die Straßen beorderten. Mit Beginn der Ausgangssperre in MĂŒnchen fuhren Lautsprecherwagen der Bullen durch die Straßen und verkĂŒndeten die neuen Bestimmungen, auch viele Streifen waren zu sehen. An den ersten Tagen waren die Straßen wie leergefegt und die Menschen, die man sah – besonders in Parks tummelten sich an schönen Tagen durchaus die Massen –, waren krampfhaft darum bemĂŒht irgendeinen Sport zu machen, und sei es nur sich einen Frisbee gegenseitig zuzuwerfen. Man war unsicher, wie stark wĂŒrde die Kontrolle sein, wie sehr wĂŒrden autoritĂ€re Maßnahmen aufgezogen, wĂŒrden auch so Scheine eingefĂŒhrt werden, in denen man aufschreiben muss, wohin man gedenkt zu gehen? WĂŒrden Straßensperren errichtet werden, ja wĂŒrde sogar das bundesdeutsche Tabu gebrochen werden und das MilitĂ€r auf die Straßen geschickt? Erinnern wir uns an die Diskussionen darum, ob es ernsthaft verboten sei sich draußen alleine auf eine Bank zu setzen, was selbst den so obrigkeitshörigen Deutschen ein bisschen ĂŒbertrieben schien und durchaus Widerstandsreaktionen – auch am Anfang – hervorrief. Ich erinnere mich an Szenen, wie Bullen versuchten Leute, die zu zweit an einem öffentlichen Tisch saßen, dazu aufzufordern sich zu entfernen, was trotzig verweigert wurde. Oder wie die Bullen zwei Personen, die nebeneinander auf einer Bank saßen, dazu aufforderten den Abstand zwischen ihnen zu vergrĂ¶ĂŸern, ganz als seien sie Anstandsdamen aus einem frĂŒheren Jahrzehnt. Ich erinnere mich, wie ich auf der Polizeiwache saß und sich die Cops gegenseitig darin brieften, „AusgangsbeschrĂ€nkung“ zu sagen und nicht „Ausgangssperre“ und wie alle paar Minuten der Funkspruch kam, dass irgendwer irgendwen bezĂŒglich Corona-Maßnahmen verpfiffen hĂ€tte.

Heute wissen wir: Zumindest bisher hat sich die deutsche und bayerische Politik dagegen entschieden die Mittel einzusetzen, die nötig wĂ€ren, um derartige AusgangsbeschrĂ€nkungen tatsĂ€chlich durchzusetzen. Kein MilitĂ€r, keine (oder ganz selten sehr punktuelle) Abriegelungen, keine Dauerkontrollen, keine albernen Zettel, die man ausfĂŒllen muss. Stattdessen lieber eine Konzentration darauf Parties jeglicher AusprĂ€gung zu unterbinden und auf die Jagd nach sonstigen grĂ¶ĂŸeren und kleineren Menschenansammlungen. Da kommt mir besonders der Sommer in den Sinn, als es jeden Abend, insbesondere am Wochenende, am Isarufer und im Englischen Garten zu massiven Schikanen der Cops gegenĂŒber den Leuten kam.

Auch die nĂ€chtliche Ausgangssperre, die die letzten beiden Monate galt, war keine absolute. Menschen, die in der Nacht lohnarbeiteten, durften sich draußen aufhalten, auch medizinische NotfĂ€lle und die Versorgung eines Haustieres waren GrĂŒnde, die gewichtig genug waren, um vor die eigene HaustĂŒre treten zu dĂŒrfen. Das fĂŒhrte dazu, dass die Straßen zwar schon im Vergleich zu frĂŒheren Zeiten ab 21 Uhr wie leergefegt waren, man jedoch, solange man (scheinbar) alleine und eher nicht mit dem Auto unterwegs war, von den Cops eigentlich ignoriert wurde. Und so lange man eine gute Ausrede parat hatte, war auch eine Kontrolle kein grĂ¶ĂŸeres (wenn auch nerviges) Problem.

TatsĂ€chlich darf man gerade, so weit ich weiß, immer noch nur aus triftigem Grund sein Zuhause verlassen. Heute fĂŒhlt sich das allerdings anders an als letzten MĂ€rz. Denn inzwischen ist klar, dass, solange man grĂ¶ĂŸere Gruppenbildungen in der Öffentlichkeit vermeidet, man normalerweise unbehelligt bleibt. Dass die AusgangsbeschrĂ€nkungen ein Vorwand mehr sein können fĂŒr mehr oder weniger willkĂŒrliche Polizeikontrollen, bleibt natĂŒrlich bestehen, was allerdings die vorherige Situation zwar durchaus verschĂ€rft, es aber trotzdem nicht zu einem absoluten Novum macht – denn davor durften die Schweine im Umkreis von fĂŒnfhundert Metern rund um Bahnhöfe (also quasi ĂŒberall) anlasslos Menschen kontrollieren; allerdings brauchte man damals natĂŒrlich keinen „triftigen Grund“ dafĂŒr, sich ĂŒberhaupt draußen aufzuhalten.

Was sich allerdings verĂ€ndert hat: die Kontrolle darĂŒber, dass sich keine (zusammengehörigen) Menschenansammlungen bilden und ihren relativen Erfolg. Dass man gerade die letzten Monate den Eindruck bekam, dass die Strategie Erfolg hĂ€tte, liegt meiner Ansicht nach allerdings eher am Wetter als an den Maßnahmen. Denn dadurch,dass jede Möglichkeit, sich öffentlich in RĂ€umen zu treffen, durch Schließung der Bars, CafĂ©s, Restaurants, Clubs usw. sehr effektiv verhindert wird, ist bei kalten Temperaturen ein Ausweichen nach draußen, wie es im Sommer der Fall war, nicht sehr verlockend. Die letzten frĂŒhlingshaften Tage haben jedoch gezeigt, dass es sich die Leute nicht nehmen lassen, das Wetter draußen zu genießen, AusgangsbeschrĂ€nkung hin oder her.

Ansonsten haben die AusgangsbeschrĂ€nkungen bei mir dazu gefĂŒhrt, den Raum und meine Position darin anders wahrzunehmen als davor. Denn so deutlich wurde mir und wahrscheinlich auch vielen anderen noch nie vor Augen gefĂŒhrt, dass jede vermeintliche (Bewegungs-)Freiheit nichts SelbstverstĂ€ndliches ist, sondern etwas Geduldetes, das einem jederzeit entzogen werden kann, wenn es die Herrschenden so wĂŒnschen. FĂŒr viele war das auch „vor Corona“ schon RealitĂ€t, alle, die sich „illegal“ in ein Land begeben oder sich in diesem aufhalten, können ein Lied davon singen. WĂŒrdest du all deine Papiere verbrennen und dich fĂŒr staatenlos erklĂ€ren, wĂŒrdest du dich dem Eigentumsanspruch eines Staates an dich entziehen, so wĂŒrdest du spĂ€testens an der Grenze, aber auch bereits bei der ersten Kontrolle feststellen, dass es keinen Ort gibt, an dem du dich ĂŒberhaupt bewegen darfst. Alle, die versuchen, sich einfach irgendwo niederzulassen, wo es ihnen gefĂ€llt, wissen, dass eine solche Freiheit nur dann gegeben ist, wenn man den Eigentumsregeln gehorcht – sich diesen Ort kauft oder mietet und „öffentliche“ sowie „private“ RĂ€ume anderer als tabu fĂŒr die eigene Niederlassung respektiert. Obdachlose etwa werden regelmĂ€ĂŸig von den SchlafplĂ€tzen, die sie sich eingerichtet haben, vertrieben, ihre UnterkĂŒnfte, die sie sich gebaut haben, zerstört. Unsere Umgebung ist eine massiv kontrollierte, Bewegungsfreiheit eine Illusion. Eine so umfassende EinschrĂ€nkung der Bewegungsfreiheit auch gegenĂŒber der Subjekte eines Staates macht den Duldungscharakter dieser „Freiheit“ lediglich besonders deutlich.

Was allerdings auch deutlich wird: Wie immer ist die Unterwerfung der Menschen und ihre Gefangennahme auch von der Kooperation der Unterworfenen abhĂ€ngig. Um eine Ausgangssperre durch den Einsatz physischer Gewalt durchzusetzen, mĂŒsste ein massiver Polizei- und MilitĂ€rapparat aufgefahren, mĂŒsste jede Straße besetzt, ĂŒberall Kontrollpunkte eingerichtet oder auch die Überwachungstechnologie massiv ausgebaut werden [1]. Doch das war und ist bis heute in Bayern und Deutschland nicht nötig. WĂ€hrend der nĂ€chtlichen Ausgangssperre waren meiner Beobachtung nach nicht mehr Bullen auf den Straßen unterwegs als sonst. Trotzdem waren die Straßen menschenleer. Das hatte bestimmt auch mit dem Wetter zu tun. Ich denke, dass eine nĂ€chtliche Ausgangssperre im Sommer anders aussehen wĂŒrde. Trotzdem war es gespenstisch. Was war fĂŒr die Durchsetzung einer solchen Ausgangssperre nötig? Wie bekommt man 13 Millionen Menschen dazu nach 21 Uhr nicht mehr hinauszugehen, nicht einmal, um nach dem sogar erlaubten Besuch bei der Freundin einfach heimzufahren? Massives Bombardement durch die Medien und Angst. Angst vor dem Virus und Angst vor der Strafe. Psychische Kontrolle statt physische. Die psychische Kontrolle und die mediale Erreichbarkeit der Menschen geht sogar so weit, dass sich die Herrschenden darauf verlassen können, dass sich die Leute wöchentlich, ja teilweise sogar fast tĂ€glich darĂŒber informieren, was gerade erlaubt ist und was nicht und das auch noch fĂŒr welche Region.

Aber zurĂŒck zu meiner Wahrnehmung des Raums und meiner Position darin. Insbesondere stĂ€dtische Umgebungen zeigen ihren kontrollierten und Kontrolle erleichternden Charakter. Jede Straßenlaterne wird zum Feind, jede Straße macht einem nur bewusst, dass diese den Bullen helfen, sich schneller durch die Stadt zu bewegen und dass einem dort jederzeit Bullen begegnen können. Man begrĂŒĂŸt den Schatten und die Dunkelheit und das bisschen Natur, das es auch in der Stadt noch gibt. Einige Vorteile hatte diese Ausgangssperre immerhin. Denn da sie nicht durch massive physische Kontrolle durchgesetzt wurde, sondern durch psychische, konnte man sich – solange man Streifen aus dem Weg ging – vollkommen unbeobachtet durch die Stadt bewegen und das bereits ab 22 oder 23 Uhr. Auch jetzt noch – da jedes nĂ€chtliche Indoor-Angebot immer noch verboten ist – ist man zu vergleichsweise frĂŒher Abendstunde hĂ€ufig ungestört. Die AusgangsbeschrĂ€nkungen haben mich gelehrt, mich anders im so deutlich wie nie zuvor als feindlich organisiert sichtbaren Raum zu bewegen. WĂ€hrend ich anfangs das GefĂŒhl hatte, von jedem Fenster aus beobachtet zu werden und es nicht fassen konnte, dass ich jetzt nicht einfach unbefangen nach draußen gehen könnte und mich mit Leuten treffen, hat sich inzwischen eine gewisse Gewöhnung eingestellt, eine gewisse Routine, wenn ich hinausgehe und wenn ich mich mit Leuten treffe. Man hat seine Strategien und seinen Umgang gefunden, hat neue FĂ€higkeiten erworben.

Ich bin gespannt, was der FrĂŒhling und der Sommer uns bringen mag. Momentan schwafeln sie ja schon von einer „dritten Welle“, stellen die Leute bereits darauf ein, dass es ĂŒber Ostern hinaus so weitergehen wird. Denn der Wille nach draußen zu gehen und Sonne und WĂ€rme zu genießen und auch die Sehnsucht nach menschlichem Kontakt sind stark, trotz unserer tiefen Domestizierung. Die enorme Verkleinerung unseres KĂ€figs wurde von vielen nur mithilfe des Versprechens, es sei lediglich vorĂŒbergehend und nur fĂŒr ein paar Wochen, akzeptiert. In DĂŒsseldorf haben sie inzwischen ein sogenanntes „Verweilverbot“ erlassen. Man darf draußen nicht mehr stehen bleiben, sich nicht hinsetzen oder hinlegen. Alles, was das Leben noch vom bloßen Funktionieren in dieser Gesellschaft unterscheidet, wird uns genommen. Wie lange lassen es sich die Leute eingehen, dass das Einzige, das zĂ€hlt, das ÜBERleben ist? Wobei das Motiv des „Überlebens“ und „Leben rettens“ die Rechtfertigung dafĂŒr ist, die Herrschaft so auszuweiten wie man will und es als psychologischer Trick dient, um die Leute dazu zu bekommen alles zu akzeptieren und sich zu unterwerfen und zu gehorchen und diese Gesellschaft um jeden Preis aufrechtzuerhalten; eine Gesellschaft, deren Strukturen ĂŒberhaupt erst fĂŒr so viele Todesgefahren verantwortlich sind.

ErkĂ€mpfen wir uns unseren Raum. Bleiben wir nicht dabei stehen, ihn so zurĂŒckzuerlangen, wie er vorher war, sondern befreien wir uns von dieser Kontrolle des Raums, von der Durchdringung jedes Quadratzentimeters durch Herrschaftsbeziehungen, zerschlagen wir unsere KĂ€fige und befreien wir uns von unserer Domestizierung. Denn die Wildnis kennt weder Grenzen noch kontrollierte Umgebungen noch AusgangsbeschrĂ€nkungen.

[1] Auch wenn natĂŒrlich dieser Punkt durchaus seine VerschĂ€rfungen in diesem Jahr erfahren hat und der Ausbau technologischer Überwachungsmöglichkeiten unter dem Stichwort „Digitalisierung“ massiv gefördert wird. Stichwort Corona-App, Auswertung von Handydaten zur Nachverfolgung von Infektionsherden, elektronische Meldung ans Gesundheitsamt bei GrenzĂŒbergĂ€ngen, Einsatz von Drohnen zur Überwachung von Menschenansammlungen etc.




Quelle: Zuendlumpen.noblogs.org