Mai 6, 2021
Von ZĂŒndlumpen
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Ein Rebell erzÀhlt von seinem Kampf gegen das Knastsystem

„Der Taifun“ – Das ist der Spitzname, den Andreas Krebs im Kampfsport erhielt und wie ihn auch viele Mitgefangene nannten, „da er schlagartig wie ein Sturm auf seine Gegner zugeht, 
 bis zum bitteren Ende, egal wie letztendlich alles ausgeht“. 17 Jahre hat Andreas Krebs in Deutschland in Strafhaft verbracht, bald vier Jahre sitzt er nun in Italien. Letzten August sind seine Erinnerungen erschienen. Sie erzĂ€hlen ĂŒberwiegend von seinen Erlebnissen in Haft und seinem bestĂ€ndigen Kampf gegen das Knastsystem.

Mehrmals versuchte er aus diversen Haftanstalten zu flĂŒchten, leider erfolglos. Er erzĂ€hlt von den Misshandlungen, die er im Knast erfahren hat, von bestechlichen Beamten und treuen Freundschaften, die er mit Mitgefangenen schloss, von Verrat, von Suizid im GefĂ€ngnis, von Nazi-GefĂ€ngnissen und natĂŒrlich von seinen KĂ€mpfen, den Hungerstreiks, die er machte, den Berichten aus der Haft, die er unter anderem in der Gefangeneninfo veröffentlichte, und natĂŒrlich von seiner Art Konflikte zu lösen, die ihm gegenĂŒber Pflegern (so nennt Andreas die GefĂ€ngniswĂ€rter) und Mitgefangenen Respekt verschaffte und die er einsetzte, um sich zu wehren, Verbesserungen durchzusetzen oder Mitgefangenen zu helfen.

„Doch diesmal schwor ich mir, haue ich dem nĂ€chstbesten eine in die Fresse, und so ist es dann auch gekommen, dass ich die ersten beiden Beamten so ĂŒbel hergenommen habe, dass sie das ihr Leben nicht vergessen werden
 Mir war es den Preis wert, denn dafĂŒr habe ich den beiden zuerst richtig Schaden zugefĂŒgt
 Es war leider notwendig so manchen Spitzel oder Großmaul, der versuchte den Kleineren zu unterdrĂŒcken und um seinen Einkauf abzuziehen, in seine Schranken zu weisen. Ich konnte nicht mitansehen, wie Unrecht untereinander geschah, wie sich die Gefangenen gegenseitig fertigmachten, anstatt sich mit der ĂŒberschĂŒssigen Energie auf das System zu konzentrieren und dagegen anzukĂ€mpfen.“

Andreas politisiert sich in der Strafhaft. Er unterhĂ€lt engen Briefkontakt mit Gefangenen der RAF aus der zweiten und dritten Generation. Dieser Briefwechsel sowie seine konstante Rebellion gegen das Knastsystem wird die Behandlung, die er durch das Knastsystem erhĂ€lt, mit prĂ€gen, denn er gilt als Unruhestifter und gefĂ€hrlicher Linksterrorist, wird von einer Anstalt in die nĂ€chste verlegt, wird verprĂŒgelt und in Isolationshaft gesteckt, ans Bett gefesselt und gedemĂŒtigt. Einmal versuchen die LKAs mehrerer BundeslĂ€nder ihn zu bestechen, um Informationen ĂŒber gesuchte Mitglieder der RAF zu erhalten.

Nach 17 Jahren Haft wird er endlich entlassen. Er hĂ€lt VortrĂ€ge ĂŒber den Knast auf den Anti-Knast-Tagen in Wien und in Hamburg, kĂ€mpft auch draußen weiter gegen den Knast. Es fĂ€llt ihm allerdings schwer zurechtzukommen, denn die Zeit im Knast hat ihm zugesetzt. Er lernt seine Frau Jutta kennen und, mĂŒde von den dauernden BelĂ€stigungen durch die Cops, die Andreas auch nach der Entlassung nicht in Ruhe lassen, lassen sich die beiden in SĂŒditalien nieder. 2016 dann wehrt sich Andreas gegen den Angriff seines Ă€ußerst aggressiven Arbeitgebers, dieser stirbt in der Auseinandersetzung. Andreas wird festgenommen und in U-Haft gesteckt. Doch Angehörige des Toten arbeiten in diesem Knast und er wird daraufhin massiv misshandelt. Schnell wird klar, dass es keinen „fairen Prozess“ geben wird, denn das gesamte lokale Justizsystem sympathisiert mit dem Toten oder ist mit dessen Familie verbandelt. Er wird in Hausarrest entlassen, was er dazu nutzt, um nach Deutschland unterzutauchen. Dort wird er jedoch eines Tages vom MEK festgenommen und 2018 nach Italien ausgeliefert. In erster und zweiter Instanz wird er wegen Mordes verurteilt, momentan versucht er dieses Urteil anzufechten, die Verhandlung findet voraussichtlich im April statt.

Zeitgleich hat Andreas mit einer unbehandelten Krebserkrankung zu kĂ€mpfen. Seit Beginn seiner gesundheitlichen Probleme weigert sich die italienische Strafjustiz eine Ă€rztliche Behandlung durchfĂŒhren zu lassen. Inzwischen haben sich die Metastasen im ganzen Körper ausgebreitet. Er hat voraussichtlich nur noch wenige Monate zu leben, trotzdem werden ihm Medikamente, Behandlung oder auch Haftentlassung aufgrund von schwerer Krankheit verweigert.

Das letzte Kapitel seiner Erinnerungen besteht aus TagebucheintrĂ€gen von Februar und MĂ€rz 2020, die von seinem Alltag im italienischen Knast berichten, von seiner Krankheit und von den Auswirkungen der „Corona-Krise“ auf die HĂ€ftlinge. Besuche werden gestrichen, der versprochene Ersatz via Videotelefonie funktioniert aufgrund schlechter Internetverbindung nur mĂ€ĂŸig und aufgrund weniger Computer hat sich die „Besuchszeit“ auch noch verkĂŒrzt. Gefangene sind panisch, Beamte ĂŒberfordert, Berichte von Revolten, getöteten Gefangenen, aber auch der erfolgreichen Flucht von 60 Gefangenen erreichen Andreas Haftanstalt.

„Und wieder ein neuer Tag, diesmal kracht es gerade unter den Gefangenen gewaltig und alle sind total angespannt. Kann kaum schreiben, so sehr nimmt mich dieser Zustand gerade mit. Irre und noch nie habe ich so was erlebt. Es ist wie in einem Horrorfilm und draußen soll angeblich niemand auf der Straße zu sehen sein, außer die Bullen.“




„Und nun ist es also richtig passiert, es herrscht Ausnahmezustand. Seit sieben Uhr befinde ich mich wieder beim Arbeiten und habe nur noch ein Grinsen auf meinem Gesicht, weil hier alles drunter und drĂŒber geht. Wir haben einen Infekt und weitere werden folgen. Dazu eine hysterische Ärztin, die einfach nur noch rumschreit und sogar die Beamten zum Explodieren bringt. Hat einfach ihre Arbeitsstelle verlassen
Es herrscht absolutes Chaos und die Beamten versuchen nun selbst medizinisch tĂ€tig zu werden
 Als die Ärztin so laut um sich schrie
, kam ein aufgeschrecktes Rudel von mehreren Beamten ans Gitter gerannt, das elektronisch aus der Zentrale geöffnet werden muss. Die war allerdings nicht besetzt, denn auch dieser Beamte ging einfach weg und ließ alles stehen und liegen.“




„Heute gab es eine MassenschlĂ€gerei zwischen Beamten und Gefangenen. FĂŒr einen kurzen Augenblick gingen wir als Sieger hervor und die Pfleger waren gezwungen sich zurĂŒckzuziehen
 Diese SchlĂ€gerei blieb ohne Konsequenzen, denn sie sind immer noch bemĂŒht uns alle zu beruhigen
“

Der letzte Eintrag vom 26. MĂ€rz letztes Jahr, ist verzweifelt, doch auch durchdrungen von Andreas unermĂŒdlichem Kampfgeist.

„Wie es weiter geht, weiß ich nicht, keinen Plan wie alles enden soll und meine Hoffnung, WĂŒnsche und TrĂ€ume sind erst mal auf Eis gelegt. Solange wie ich kann, werde ich weiter kĂ€mpfen, kĂ€mpfen bis zum Letzten! Ich hoffe, dass irgendetwas eines Tages auch FrĂŒchte trĂ€gt. Ich hoffe so sehr!“

Im Buch sind außerdem noch AuszĂŒge aus den Briefen, Artikeln und Interviews angehĂ€ngt, die er im Laufe der Jahre in seinem Kampf gegen das Knastsystem veröffentlicht hat. Eine „schwarze Liste der GefĂ€ngnisindustrie“ rundet das Buch ab.

Andreas‘ Erinnerungen geben einen tiefen Einblick in das Knastsystem. Es sind dĂŒstere Geschichten, auch wenn er immer wieder lustige Anekdoten einzustreuen vermag. Die HĂ€sslichkeit des Justizsystems tritt in diesen Berichten deutlich zutage. Mut gibt nur der unermĂŒdliche Kampfgeist von Andreas, sein Einsatz gegen den Knast und fĂŒr seine Mitgefangenen, sein Erfindungsreichtum und seine WĂ€rme, die auch 21 Jahre Knast ihm nicht austreiben konnten.

„Ich habe gelernt, dass im Knast wirklich alles möglich ist, wenn man nur will! Wenn man nur den Willen dafĂŒr aufbringt und sich gut untereinander organisiert, schafft man wirklich alles.“

Wenn ihr das Buch bestellen wollt, könnt ihr an andreaskrebs@riseup.net schreiben. In anarchistischen Bibliotheken solltet ihr das Buch auch finden. Ansonsten freut sich Andreas ĂŒber Post. Ihr könnt ihm an folgende Adresse schreiben:

Andreas Krebs
Sez. 4 / Stz. 5
Mediterraneo
Via Roma Verso Scampia 250
CAP 80144 Napoli (NA)
Italien

Wenn ihr irgendwie Geld erĂŒbrigen könnt, freut er sich auch ĂŒber Spenden. Er muss im italienischen Knast alles, auch seine VitaminprĂ€parate und Spezialnahrung, selbst bezahlen und braucht auch Geld fĂŒr die nĂ€chste Gerichtsinstanz, die ziemlich teuer ist:

EmpfÀnger: Krebs
IBAN: DE 90 1005 0000 1067 1474 26
BIC: BELADE BEXXX
Verwendungszweck: Spende/Andreas Krebs

Andreas Krebs Salih: Der Taifun. Erinnerungen eines Rebellen. Oktober 2020.




Quelle: Zuendlumpen.noblogs.org