November 23, 2021
Von FAU Flensburg
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Anne Gersdorff und Sven Papenbrock ĂŒber die Ausbeutung BeschĂ€ftigter auf dem sogenannten zweiten Arbeitsmarkt und die KĂ€mpfe dagegen.

Etwa 312.000 BeschĂ€ftigte arbeiten in sogenannten BehindertenwerkstĂ€tten. FĂŒr diese Personengruppe ist der Übergang zum allgemeinen Arbeitsmarkt nahezu unmöglich. Die Gesellschaft macht es sich mit diesem System sehr leicht, finden Anne Gersdorff und Sven Papenbrock.

Deutschland wird regelmĂ€ĂŸig von der UN gerĂŒgt, weil es die 2009 in Kraft getretene Behindertenrechtskonvention nicht umsetzt. Inwiefern spielt da das deutsche WerkstĂ€ttensystem eine Rolle?

Anne Gersdorff: Das deutsche WerkstĂ€ttensystem wird gerĂŒgt, weil es nicht inklusiv ist. Es ist ein in sich geschlossenes System, denn die ÜbergĂ€nge von den WerkstĂ€tten in den weiteren Arbeitsmarkt liegen seit Jahrzehnten konstant unter einem Prozent. Das heißt, kaum jemand, der in eine Werkstatt geht, kommt da je wieder raus. Die BeschĂ€ftigten sind ihr Leben lang auf Grundsicherung angewiesen, weil sie von den WerkstĂ€tten nur ein Taschengeld fĂŒr ihre Arbeit ausgezahlt bekommen. In der UN-Behindertenrechtskonvention ist festgeschrieben, dass jeder Mensch das Recht hat, seinen Arbeitsplatz frei zu wĂ€hlen, und dass man mit dem Lohn fĂŒr seine Arbeit auch den Lebensunterhalt bestreiten können sollte. DarĂŒber hinaus sollte der Arbeitsmarkt barrierefrei zugĂ€nglich sein. In Deutschland wird dafĂŒr einfach zu wenig getan. Die WerkstĂ€ttenplĂ€tze wurden in den 1990er und 2000er Jahren sogar um 50 Prozent ausgebaut. Die Zahl der BeschĂ€ftigten und auch die Zahl der WerkstĂ€tten nehmen weiter zu, und ich bin ĂŒberzeugt, dass es nach der Pandemie auch noch einen weiteren Anstieg geben wird, weil sich Leute vielleicht weniger auf den allgemeinen Arbeitsmarkt trauen und weil ihnen suggeriert wird, dass es mit der Arbeit in der Werkstatt die Perspektive auf ein sicheres Leben gĂ€be und man dort gut untergebracht sei.

Wie viele Menschen werden in dieser Art von Sonderwelten abgeschirmt?

Anne Gersdorff: WĂ€hrend frĂŒher vor allem Menschen mit Lernschwierigkeiten, also mit sogenannten geistigen Behinderungen, in WerkstĂ€tten beschĂ€ftigt waren oder eben Menschen mit starken körperlichen Behinderungen, nimmt die Personengruppe der psychisch erkrankten Menschen konstant zu. Mittlerweile gibt es spezialisierte WerkstĂ€tten fĂŒr psychisch erkrankte Menschen. Das verweist eigentlich auch darauf, wie der Arbeitsmarkt ist, denn manche Menschen erleiden im Laufe ihres Lebens gerade aufgrund des Arbeitsmarktes eine psychische Erkrankung. Gleichzeitig ist es so, dass das oft hochqualifizierte Leute sind, die so in die WerkstĂ€tten kommen und dort fĂŒr immer bleiben. Als Gesellschaft schĂ€tzen wir ein großes Potenzial von Menschen einfach nicht wert. Aktuell sind etwa 312.000 Menschen in WerkstĂ€tten tĂ€tig, Tendenz steigend. Dabei ist der Zugang zum allgemeinen Arbeitsmarkt enorm wichtig, denn in der Gesellschaft, so wie sie jetzt ist, heißt Arbeit auch Teilhabe. Man lernt Leute kennen, man verdient Geld, man kann sich was davon leisten und zum Beispiel mal ins Kino gehen.

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Quelle: Fau-fl.org