MĂ€rz 19, 2021
Von Revista BUNA
301 ansichten


Eine neue Biographie von Birgit Schmidt bringt wenig neues.

Panait Istrati ist ein Schriftsteller, der nach und nach in deutschsprachigen Gefilden an Bekanntheit einbĂŒĂŸt. Das ist mehr als schade, denn bei ihm handelt es sich im wahrsten Sinne des Wortes um einen „Schriftsteller von unten“. Als Sohn einer WĂ€scherin und eines Schmugglers wurde er 1884 in der multiethnischen Donauhafenstadt Brăila in RumĂ€nien, kurz vor dem Schwarzen Meer, geboren und wuchs dort auf. Noch als Kind verließ der Vater die kleine Familie und Panait Istrati mußte zum Lebensunterhalt beitragen. Er schlug sich Zeit seines Lebens mit meist schlecht bezahlten und körperlich anstrengenden Arbeiten durch den Alltag, ehe er sich mit seinem schriftstellerischen Können schließlich fĂŒr ein paar Jahre etwas Luft vom puren Existenzkampf verschaffen konnte. „Entdeckt“ vom einflußreichen französischen Schriftsteller Romain Rolland (1866-1944) wurde er vor allem in Frankreich populĂ€r und seine Werke erzielten mehrere hohe Auflagen. Istrati ist ein wahrer Meister von Wort und GefĂŒhl, der mit großer Leidenschaft Geschichten vom Leben der Menschen in einem unvergleichlichen, fesselnden Stil erzĂ€hlt. Im Zentrum stehen dabei ihre RealitĂ€ten und TrĂ€ume, ihre Hoffnungen und KĂ€mpfe, die immer wieder mit den BeschrĂ€nkungen von Klassengesellschaft und Traditionen kollidieren. Istrati war Zeit seines Lebens ein Freigeist, Vagabund und trank und feierte gerne. Die Ungerechtigkeiten der bĂŒrgerlichen Gesellschaft machten ihn zum Sozialisten, der schonungslos Unrecht benannte, wo immer es sich zeigte.

Genau dies fĂŒhrte schließlich zu seiner Ächtung durch die weltweite kommunistische Bewegung, die ihn anfangs noch fĂŒr seine Literatur feierte, in der er u.a. die rumĂ€nischen RĂ€uber, die „Haiduken“ idealisierte und in seinem Roman-Zyklus das Leben des Tagelöhners Adrian Zograffi mit all seinen Problemen und auch schönen Momenten beschrieb. Er galt und gilt als „Gorki des Balkan“, womit er von Zeitgenossen auf dieselbe Stufe gestellt wurde, wie der große russische Schriftsteller Maxim Gorki (1868-1936). Nach Reisen in die Sowjetunion vollzog sich in Istrati ein Wandel. Als Teil offizieller Delegationen wurden ihm geschönte RealitĂ€ten dargeboten, die er nicht auf Anhieb durchblickte. Anschließend berichtete er leidenschaftlich und mit großer Sympathie ĂŒber die Fortschritte und angeblich positiven Entwicklungen in diesem Riesenreich. Doch bei einer Reise im Jahr 1928 auf eigene Faust und selbst gewĂ€hlten Routen, begleitet von Freunden, erlebte er die dortige WillkĂŒr und Ausbeutung der Arbeitenden durch die diktatorisch regierende Kommunistische Partei. Er schrieb darĂŒber, berichtete ĂŒber die staatliche WillkĂŒr und die Verfolgung der RevolutionĂ€re. Sein unbedingt empfehlenswertes Werk „Auf falscher Bahn“ ist ein Zeitdokument dazu.

Neue Biographie mit wenig neuem

Im Verlag Edition AV ist nun vor kurzem eine neue Biographie ĂŒber ihn erschienen. Birgit Schmidts: „‘Ich bin kein Theoretiker, aber ich verstehe den Sozialismus ganz anders.‘ Leben, Arbeit und Revolte des rumĂ€nischen Schriftstellers Panait Istrati.“

Panait Istrati (links) und Ștefan Gheorghiu

Die StĂ€rke ihrer Studie liegt in der Darstellung der schriftstellerischen Arbeiten und seiner fundamentalen Kritik an der Sowjetunion. Sie benennt Unrecht, ordnet ein und zu und bezieht damit Position; auch gegen bisherige Biographen. Dennoch bringt sie wenig neues und vernachlĂ€ssigt den Wissensstand zu Panait Istrati, speziell zu seinen Zeiten, AktivitĂ€ten und Beziehungen in RumĂ€nien. Der selbst gewĂ€hlte Untertitel mit dem Wort „Leben“ wird dadurch eingeschrĂ€nkt. Ein weiterer Schwachpunkt ist der Umstand, dass sie fĂŒr ihre Biographie nicht eine einzige rumĂ€nische Quelle heranzog. Alle ihre Referenzen basieren auf Übersetzungen und SekundĂ€rliteratur. Das fĂŒhrt zu LĂŒcken. Weiterhin wurde als Quelle in Fußnoten genannte Literatur offenbar nur oberflĂ€chlich gesichtet. Anders lĂ€sst sich nicht erklĂ€ren, weshalb sie ĂŒber den Zeit- und WeggefĂ€hrten Istratis, den Mechaniker, Syndikalisten und Sozialisten Constantin Mănescu (1882-1971) angibt, keine Informationen finden zu können (S. 38), wenngleich sie zwei Seiten zuvor ein Zitat aus einer Studie ĂŒber den rumĂ€nischen Arbeiter, Anarcho-Kommunisten und Syndikalisten Ștefan Gheorghiu (1879-1914) veröffentlicht, dessen enger WeggefĂ€hrte eben jener Mănescu war und ĂŒber den in dieser Studie ebenfalls ausfĂŒhrlich berichtet wird. Gheorghiu wiederum war nach der Aussage Istratis sein „bester Freund.“ Istrati stand viele Jahre in Verbindung mit Mănescu, die beiden fĂŒhrten Korrespondenzen und Istrati besuchte Mănescu an dessen Wohnort. UnverstĂ€ndlich ist zudem, dass Istratis lebenslange Freunde Nicu und Polixeni Constantinescu aus Brăila nicht einmal namentlich erwĂ€hnt werden. Der anarchistische Barbier und seine LebensgefĂ€hrtin waren zu jeder Zeit fĂŒr ihn da, wenn er wieder einmal UnterstĂŒtzung brauchte, und das wir nicht selten. Sie standen ihm bei, sei es aufgrund finanzieller Not, der Verfolgung durch den monarchistischen Geheimdienst RumĂ€niens oder wĂ€hrend der Ausgrenzung seiner Literatur durch den politisch links stehenden Literaturbetrieb in RumĂ€nien, nach seiner öffentlichen Kritik an der Sowjetunion. UnabhĂ€ngig davon, was man als „links“ gelten lassen möchte, war dieser ohnehin schon eine Minderheitenpresse. Zurecht benennt Schmidt diese Ausgrenzung als eine Form von „Berufsverbot“.

Sehr gut dargestellt ist das literarische Werk Istratis. Die HaupthandlungsstrĂ€nge werden gekonnt ausgebreitet und dem Lesenden bekannt gemacht. Schmidts Buch ist daher ein guter Einstieg fĂŒr Menschen, die bislang noch nichts von Istrati gelesen haben und nun neugierig geworden sind. Eine besondere WĂŒrdigung erfĂ€hrt seine großartige ErzĂ€hlung „Die Disteln des Bărăgan“, einer kargen lebensfeindlichen Region in der östlichen walachischen Tiefebene. In eigenen Kapiteln nimmt sich Schmidt dem oft schwierigen VerhĂ€ltnis Istratis zu den Frauen an sowie seiner Reisen in die Sowjetunion. Diese und die daran folgende Kritik des Schriftstellers an deren RealitĂ€t bilden einen Schwerpunkt. FĂŒr Birgit Schmidt muss Istrati „heute als der erste Schriftsteller von Weltrang gelten, der die Sowjetunion und die KPdSU, die seit 1922 unter dem Einfluss ihres GeneralsekretĂ€rs Josef Stalin stand, von der Warte eines Sozialisten aus in aller Öffentlichkeit angriff.“ (S. 29) Ihre recht ausfĂŒhrliche Darstellung der Verfolgung der starken anarchistischen Bewegung durch die Kommunisten und ihren Staatsapparat ist dabei hervorzuheben. Hunderte ihrer Angehörigen wurden ermordet, mehr noch in Arbeitslager verschleppt und despotisch behandelt. Solch eine wichtige Darstellung fand sich bislang noch in keiner Istrati-Biographie. Heinrich Stiehler, Autor einer umfassenderen Istrati-Biographie (erschienen 1990), hatte kaum einen Blick auf die institutionalisierte Repression der Kommunisten, der Regierungspartei der Sowjetunion, gegen Arbeiterinnen und Arbeiter und die vielfĂ€ltige anarchistische und anarcho-syndikalistische Bewegung. In seiner Biographie kritisiert er Istrati sogar dafĂŒr, dass dieser sich fĂŒr den im sowjetischen Kerker befindlichen italienischen Anarchisten Francesco Ghezzi (1893-1942) einsetzte, obwohl dessen Todesurteil bereits unterzeichnet war und sich Istrati mit seiner SolidaritĂ€t zu Ghezzi selbst in Gefahr brachte. Schmidt berichtet ĂŒber die Beziehungen Istratis zu FunktionĂ€ren des Sowjetstaates, darunter Christian Racovski (1873-1941) und Victor Serge (1890-1947). Mit Racovski war Istrati bereits in RumĂ€nien gut bekannt, seine gewichtige Rolle fĂŒr die sozialdemokratisch-marxistische Bewegung RumĂ€niens kommt in Schmidts Darstellung allerdings zu kurz. Das Augenmerk liegt auf Racovskis Zeit in Moldawien (dort wurde er nach den revolutionĂ€ren KĂ€mpfen 1917/18 von den Bolschewisten zum Regierungschef ernannt) und seiner spĂ€teren Kritik an der Politik der Kommunistischen Partei, die 1941 zu seiner Erschießung durch den sowjetischen Geheimdienst fĂŒhrte. Treffende Kritik findet Birgit Schmidt fĂŒr Victor Serges Verhalten. Dieser, ein ehemaliger aufstĂ€ndischer Anarchist, arrangierte sich schnell mit dem bolschewistischen Staat, dem er aus Überzeugung diente, bis sich die Aufmerksamkeit des Geheimdienstes auf ihn und seine Vergangenheit richtete. Sie schreibt: „Unangenehm an Victor Serge stĂ¶ĂŸt die Tatsache auf, dass er die vorgeblich revolutionĂ€re, bolschewistische Gewalt prinzipiell befĂŒrwortete und erst in dem Moment abzulehnen begann, als sie ihn selbst betraf.“ (S. 72).

Nach Istratis Ächtung durch die Kommunistische Partei der Sowjetunion folgten die ParteiverbĂ€nde der einzelnen LĂ€nder. Diese ĂŒbten starken Druck auf fortschrittlich-emanzipatorische Verlage aus, um das Erscheinen der ErzĂ€hlungen Istratis zu verhindern. In der Regel waren sie damit erfolgreich und – zurĂŒckgekehrt nach RumĂ€nien – fehlten ihm die Publikations- und Verdienstmöglichkeiten. Diese Situation beschreibt Schmidt in ihrem letzten Kapitel. Gemieden und verdammt von der marxistischen Linken suchte er ReprĂ€sentanten der Monarchie und der politischen Rechten um finanzielle UnterstĂŒtzung und Publikationsmöglichkeiten auf. Schließlich kam er in den Kontakt mit einer dissidentisch-faschistisch-orthodoxen Organisation, dessen FĂŒhrer sich mit der vorherrschenden faschistischen „Eisernen Garde“ um Corneliu Zelea Codreanu (1899-1938) ĂŒberworfen hatte. In deren Zeitschrift „Der Kreuzzug des RumĂ€nentums“ fanden seine Artikel nun Aufnahme, ohne dass er sich dabei inhaltlich an die Ideologie der Faschisten und Antisemiten anbiederte. Birgit Schmidt stellt die sich daraus ergebenden Fragen öffentlich, warum ein Mensch, der Zeit seines Lebens gegen Antisemitismus und Nationalismus eintrat, am Ende in einem reaktionĂ€ren Blatt schreibt. Sie referiert ĂŒber den Antisemitismus und die faschistische Bewegung in RumĂ€nien und berichtet schließlich ĂŒber die letzten Jahre des an Tuberkulose leidenden Schriftstellers. Panait Istrati starb 1935 in bitterer Armut.

Birgit Schmidt schreibt in gut verstĂ€ndlicher, flĂŒssiger Weise. Doch sie ignoriert rumĂ€nische Quellen und bringt dadurch wenig neues. Eine tiefere Kenntnis der rumĂ€nischen Gegebenheiten merkt man dem Buch nicht an. Das Buch wurde nicht lektoriert. So kommt es zu kleineren Fehlern, beispielsweise bei Ortsnamen oder Namensangaben. Der Biographie fehlt zudem ein Namensregister. Gut gelungen ist dagegen die Darstellung des literarischen Schaffens von Panait Istrati.

Martin Veith

Birgit Schmidt: „‘Ich bin kein Theoretiker, aber ich verstehe den Sozialismus ganz anders‘. Leben, Arbeit und Revolte des rumĂ€nischen Schriftstellers Panait Istrati. Verlag Edition AV, 2019, 108 Seiten, ISBN 978-3-86841-216-1, 14 Euro.

Dieser Artikel ist erschienen in BUNĂ #7




Quelle: Revistabuna.wordpress.com