September 16, 2021
Von Paradox-A
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Lesedauer: 2 Minuten

Allein die Erfindung meiner Rolle zeigt es doch ĂŒberdeutlich: Im Grunde genommen redet der Blogautor die ganze Zeit mit sich selbst. Fasziniert von einen Gedanken spinnt er diesen weiter und kommt zum nĂ€chsten, kommentiert andere, am Ende doch aber wieder sich selbst. Es handelt sich um ein ewiges SelbstgesprĂ€ch, bei dem ihm gelegentlich zweidrei Leute zuhören; zum Zeitvertreib lauschen sie dem fortwĂ€hrenden Redefluss und gehen dann ihrer Wege. Wann sollen diese unaufhörlichen Kreisbewegungen denn enden? Ginge der selbsterklĂ€rte anarchistische Theoretiker am Ende sogar so weit, seine eigene Grabrede zu formulieren und sich ein Veranstaltungsprogramm zu seiner eigenen WĂŒrdigung in die Memoiren zu schreiben – als notarisch abgesicherte Vorbedingung dafĂŒr, dass die Bekannten auf seine riesige Erbschaft zugreifen können?

Bildelement von Hieronymus Bosch (lizenzfrei)

Jene Tendenz, die bei Intellektuellen generell angelegt ist, scheint sich hier ins Absurdeste gesteigert zu zu spitzen. In diesem Zusammenhang von der Wichtigkeit des Perspektivwechsels, von dialogischen Prozessen oder der Begegnung auf Augenhöhe zu sprechen mag einen selbstgewĂ€hlten heren Anspruch verdeutlichen. Die aufgefĂŒhrte Praxis konterkariert diesen jedoch als halbherzig bis lĂ€cherlich.

Dies wird nicht zuletzt an der Rezeption anderer Autor*innen sichtbar, fĂŒr welche sich der Blogger entschieden hat. Denn es ist immer eine Entscheidung, auf wen man sich bezieht, damit Raum gibt und abbildet. Gewiss, da gibt es viele BĂŒcher, viele EindrĂŒcke, viele Gedanken, die der Schreibenden konsumiert hat und nun irgendwie verarbeiten muss, um nicht vollends verrĂŒckt zu werden. Die Ausrede, es gĂ€be ja kaum andere Leute, die „anarchistische Theorie“ betreiben wĂŒrden, zieht hierbei nicht. Ja, es handelt sich bei einem ĂŒberwiegenden Teil der rezipierten Personen um weiße und mĂ€nnliche Autoren. Hier treffen zwei weiß-mĂ€nnlich geprĂ€gte und dominierte SphĂ€ren aufeinander: Das Intellektuellentum und die anarchistische Szene, wie sie sich zumindest im deutschsprachigen Raum darstellt. Weder lautet meine Kritik daran, dass es schlecht sein muss, was diese Leute hervorbringen. Noch liegt es mir fern, sie fĂŒr ihre gesellschaftliche Positionierung pauschal zu verurteilen oder ihren die Aussagekraft per se abzusprechen. Warum auch?

Was vielmehr bemĂ€ngelt werden muss, ist jenes endlose SelbstgesprĂ€ch, bei dem der Eindruck entstehen könnte, die GesprĂ€chsteilnehmer*innen dienten eher als ReflexionsflĂ€che des isolierten Gedankenstromes, denn als wirkliche GegenĂŒber, mit eigenen Interessen, BedĂŒrfnissen und Meinungen. Um auf Einsicht hin zu wirken, sage ich es deswegen ganz deutlich: Ich finde das traurig. Sicherlich leben wir in einer Zeit, wo uns Wortschwalle umgeben und als kontinuierliches Hintergrundgeplapper ihre Bedeutung untergraben. Die Weise allerdings weiß, wann sie redet und wann sie schweigt.




Quelle: Paradox-a.de