MĂ€rz 6, 2021
Von Paradox-A
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Lesedauer: 3 Minuten

Klickt man sich etwas durch die Artikel dieses Blogs, kommt man aus dem RĂ€tseln und Staunen nicht mehr raus. Das fĂ€ngt bei einigen ellenlangen Überschriften einzelner Texte an, setzt sich aber fort im schlingernden Stil, welchen der Autor hervorbringt und kultiviert. Er scheint zu faul zu sein, sich grundlegend Gedanken zu machen, was er schreibt, bevor er es tut, sowie zu faul, um das Produzierte im Nachhinein zu ĂŒberarbeiten. Ersteres beruht vermutlich auf der Annahme, bei all den BĂŒchern, die er selbst gelesen hat, sei es nun an der Zeit und wĂ€re er selbst in der Position, einfach irgendwas auszukotzen, was dann schon irgendeinen Sinn ergibt. Gut, wenn‘s hilft, das der Kopf nicht platzt, meinetwegen – aber sollte das die Motivation sein, einen Blog zu betreiben und sich permanent mitteilen zu wollen? Seine Texte nicht ordentlich ĂŒberarbeiten zu wollen, zeugt von einer gewissen Überheblichkeit, insofern doch alle Schreibenden, die etwas zu sagen haben ihre Produkte wieder und wieder ĂŒberarbeiten mĂŒssen – denn das ist nun mal Teil des Arbeitsprozesses, auch wenn der Laie dies in den seltensten FĂ€llen sieht und versteht.

Hieronymus Bosch: Bildelement von „Garten Eden“ (lizenzfrei)

Der „anarchistische“ Blogger hingegen schmeißt einfach irgendwas, oft Unförmiges, in den Raum mit der Vorstellung, was damit dann schon irgendetwas geschehen wĂŒrde. Gut, zugegeben, darin liegt der eine oder andere interessante Gedanke und auch sprachlich ist eine gewisse Entwicklung wahrzunehmen. Ich wĂŒrde auch nicht so weit gehen, zu behaupten, die BeitrĂ€ge und Artikel hier hĂ€tten keinerlei Struktur. Was ich sagen will ist: Sie haben grundsĂ€tzlich keine Struktur. Vielmehr versucht der Autor, seine wirren GedankengĂ€ngen nachtrĂ€glich irgendwie zu strukturieren, um zu verschleiern, dass er insgesamt den reinsten Schlingerkurs fĂ€hrt, einen rhetorischen Eiertanz auffĂŒhrt, wie man so sagt. Sicherlich, dies lĂ€sst sich dann auch theoretisch rechtfertigen, etwa mit einer tief verinnerlichten skeptischen Grundhaltung, mit Paradoxien und dem Einfluss des viel gehassten poststrukturalistischen Denkens oder auch mit der PluralitĂ€t des Anarchismus. Steht dahinter nicht aber die Angst, sich bloß nicht ernsthaft festlegen zu wollen – selbst wenn die meisten Dinge mehrere Seiten haben?

Deutlich wird: Die ganze Rede von „Anarchismus“ soll hierbei die Klammer bilden. „Anarchie“ wird als Ausgangs- und Zielpunkt gesetzt und damit einer wirklichen BegrĂŒndung entzogen. Wer das Axiom teilt, wird sich hier wiederfinden und selbst bestĂ€tigen können. Wer nicht, hat dem wenig bis nichts abzugewinnen und wird ihrer Wege gehen. Das ist okay. Es handelt sich ja auch nur um einen Blog. Dessen Autor macht dankenswerterweise aus seinen Intentionen keinen Hehl. Die eine oder andere Lesende mag es womöglich als StĂ€rke ansehen, auch Unsicherheiten und Unklarheiten zu formulieren. Es gibt Sinn, sich den großen Themen vermittels einer kontinuierlichen Suche anzunĂ€hern. Immerhin handelt es sich hierbei tatsĂ€chlich um ein Gegenmodell zur autoritĂ€ren und patriarchalen Feststellung „wie die Welt nun mal ist“. Demnach scheint das hier „gepflegte und erneuerte Denken“ durchaus anarchische ZĂŒge aufzuweisen.

Das Problem hierbei ist, dass der anarchistische Theoretiker seiner dogmatischen Offenheit, Unklarheit und Unsicherheit mit der Entwicklung von Systemen zu begegnen versucht. Da lesen wir beispielsweise von Anarchismus als „Theorie“, „Ethik“ und „Organisation“. Hand auf‘s Herz: Handelt sich hierbei nicht lediglich um einen billigen Abklatsch der christlichen TrinitĂ€tslehre, der Triade „Vater-Sohn-heiliger Geist“, also der Lehre vom höheren Prinzip, ihre lebenspraktische Anwendung und die Gemeinschaft der Kirche? Oder betrachten wir das Schema, welches anschließend auf dieser Basisunterscheidung aufbaut: Die ethischen „Werte“, organisatorischen „Prinzipien“ und theoretischen „Grundannahmen“. Sind das nicht alles unbestimmte Setzungen, die sich gezielt einer rationalen BegrĂŒndung entziehen? Zwar mögen sie durchaus aus der langjĂ€hrigen BeschĂ€ftigung mit anarchistischen GegenstĂ€nden auf verschiedenen Ebenen hervorgehen. Letztendlich stellt sich dennoch die Frage, ob hier nicht der Versuch betrieben wird, verschiedene einer politisch-weltanschaulichen Strömung zu systematisieren, die sich möglicherweise entweder in vielerlei Hinsicht in pseudo-religiösen ZĂŒgen darstellt oder der Autor sie – unbewusst allerdings – in pseudo-theologischen Kategorien wahrnimmt und einordnet?

Nun wĂ€re es ebenfalls verkĂŒrzt, zu sagen, Religion und Theologie seien per se irrational. Gewiss, sie weisen ihre spezifische RationalitĂ€t auf, welche sich erst dann wirklich kritisieren lĂ€sst, wenn ihre Annahmen verstanden werden. Indem sie systematisiert und erfassbar gemacht wird, soll offenbar auch die anarchistische Religion begrĂŒndet und kritisierbar werden. Der Autor scheint sich als KirchengrĂŒnder zu verstehen und entwickelt dazu sein eigenes System. Halleluja!




Quelle: Paradox-a.de