Juni 22, 2021
Von Paradox-A
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Lesedauer: 3 Minuten

Wer in die Öffentlichkeit tritt – und sei sie noch so ĂŒberschaubar, wie in Hinblick auf die Interessent*innen eines Blogs zu anarchistischer „Theorie“ – macht sich greifbar und angreifbar. Die Inszenierung der eigenen Person ist mittels der Exhibition auf den Online-Plattformen mittlerweile selbstverstĂ€ndlich. Fast jede Person hat einen account bei facebook, twitter, Instragram, youtube und Co. – oder betreibt eben einen Blog. Ob als bloßes Hobby oder fachgemĂ€ĂŸe Visitenkarte – es gibt viele GrĂŒnde fĂŒr die Selbstdarstellung. Die Zeit, wo sich abgesehen von institutionellen WĂŒrdentrĂ€ger*innen nur KĂŒnstler*innen inszenierten ist lange vorbei. Sicherlich gibt es auch den gegenlĂ€ufigen, gewissermaßen konsumkritischen, Trend, sich dieser Tendenz zu verweigern und weiterhin auf direkte Beziehungen zu setzen. Dies verlangt jedoch inzwischen wiederum eine BegrĂŒndung, eben jene des Protests und der Verweigerung.

Hieronymus Bosch: Bildszene aus „Die Versuchung des heiligen Antonius“

Der Blogautor schreibt bereits einleitend, er wĂŒrde sich nicht anmaßen „den“ Anarchismus zu vertreten. Gut so, denn seine Genoss*innen und GefĂ€hrt*innen wĂŒrden ihn sonst vermutlich gĂ€nzlich fallen lassen. Mag sein, dass es tatsĂ€chlich seine eigene bescheidende Ansicht zu dieser Thematik ist – mit dem Anspruch, an dieser Stelle anarchistische Theorie betreiben zu wollen, positioniert er sich jedoch dezidiert. Aufgrund der MarginalitĂ€t von Anarchist*innen, die gezielt an die Öffentlichkeit treten und sich des Ⓐ bedienen, um ihre Ideologie kenntlich zu machen, wird das Bild des gegenwĂ€rtigen Anarchismus‘ durch diesen Akt des In-Szene-Setzens in jedem Fall geprĂ€gt.

Eben dies bringt einige der Genoss*innen auf, denn sie wittern die Anmaßung, die Selbstdarstellung und den Ausverkauf ihrer IdentitĂ€t und Gedanken. Die Feind*innen des Anarchismus hingegen bekommen Futter, um sich das Maul ĂŒber diesen zu zerfetzen. Über ein Graffiti an der Wand lĂ€sst sich meckern und schimpfen. Anarchistische Schriftstellerei hingegen lĂ€dt zum LĂ€stern und zur Psycho-Pathologisierung ein. Beitrag fĂŒr Beitrag trĂ€gt der Autor dazu bei, dass ihm die Faschisten und konservativen oder sozialdemokratischen Hardliner den SchĂ€del vermessen können. Indem er anarchistisches Denken mittels seiner Vorstellung von „anarchistischer Theorie“ erforscht, macht sich der involvierte „Forscher“ selbst zum Gegenstand der Erforschung. Aus dieser Perspektive stehen sich, durch einen Zaun getrennt, zwei Affen gegenĂŒber und beobachten sich fasziniert gegenseitig. Im Zuge ihrer Studien wird fĂŒr den Außenstehenden offenbar, dass sie sich vor allem selbst beobachten und ihre Existenz zu begreifen trachten. Von dieser ausgeprĂ€gten Nabelschau wird nicht völlig zu Unrecht darauf geschlossen, wie sich eine politische Szene um sich selbst kreist, deren Bedeutung sich im Wesentlichen fĂŒr ihre Angehörigen selbst ergibt.

Gleiches trifft auf das „wilde“ (wirre?) Denken zu, welches der Autor sich hier zu prĂ€sentieren nicht scheut. Wie so oft liegen hier Mut und NaivitĂ€t dicht beieinander. Was bleibt, ist der Eindruck eines permanent an der Welt und sich selbst zweifelnden Subjekts, dass sich krampfhaft weigert, bestimmte Aspekte der RealitĂ€t anzuerkennen – angefangen bei der Tatsache, dass die bestehende Gesellschaft grundlegend durch HerrschaftsverhĂ€ltnisse strukturiert ist. Dies schließt interessanterweise ein, dass mit dem Anarchismus die herrschende RealitĂ€t, schroff als solche benannt wird und somit durchaus eine Kritik an Herrschaftsideologie geĂŒbt wird. An ihrer materiellen Existenz Ă€ndert dies gleichwohl nichts.

Die Aussage des Bloggers, dass die Dinge (zwischen „Herrschaft“ und „Freiheit“) Ă€ußerst komplex wĂ€ren und an dieser Stelle nur fragmentarisch ausgefĂŒhrt werden könnten, mag ihm selbst zwar offenkundig sein und zu weiteren Nachforschungen antreiben. UnverstĂ€ndige und feindselige Rezipient*innen werden allerdings sehen, beurteilen und verurteilen, was sie nicht verstehen können und nicht verstehen wollen. Gut, dass hier immerhin nicht der Ansatz vertreten wird, man mĂŒsste eine wie auch immer geartete allgemeine Sprache verwenden, um die imaginierte Allgemeinheit zu adressieren. Es geht eigentlich kaum um irgendwelche anderen, sondern ganz zuerst um die Leute der eigenen Strömung.

Bleiben sollte daher die Einsicht, dass hier ein Bild des Anarchismus produziert wird, dessen verselbstĂ€ndigte Wahrnehmung durch andere auch durch die tausendste ErklĂ€rung des Autoren nicht relativiert, sondern lediglich verstĂ€rkt wird. Ob dieser das so oder anders will, spielt dabei nur an vierter oder fĂŒnfter Stelle eine Rolle. Entschieden hat er sich offensichtlich dafĂŒr, dies in Kauf zu nehmen. Hoffen wir, dass er dieser Verantwortung gerecht wird, sich nicht völlig lĂ€cherlich macht und daran zerbricht.




Quelle: Paradox-a.de