April 27, 2021
Von Graswurzel Revolution
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Veronika Kracher: Incels. Geschichte, Sprache und Ideologie eines Online-Kults. Ventil Verlag, Mainz 2020, 280 Seiten, 16,00 €, ISBN 978-3-95575-130-2

Veronika Kracher ist nicht zu beneiden. Offenbar hat sie sich monate- wenn nicht jahrelang an den dunkelsten, widerwĂ€rtigsten Orten des Internets herumgetrieben, die so verachtens- wie bemitleidenswerten AusflĂŒsse frustrierter MĂ€nner in so genannten Incel-Foren verfolgt und ĂŒber eine Szene recherchiert, die fĂŒr jeden fĂŒhlenden Menschen nur die Hölle auf Erden darstellen kann. Immerhin, es hat sich gelohnt. Ihr Buch „Incels. Geschichte, Sprache und Ideologie eines Online-Kults“ hat fĂŒr einiges Aufsehen gesorgt. Kracher hat nicht nur die erste grĂ¶ĂŸere deutschsprachige Recherche zu dem Thema vorgelegt, sondern es damit auch bis in die ZDF-“Kulturzeit“ und die ARD-Sendung „titel thesen temperamente“ geschafft – völlig zu Recht, das Buch ist ĂŒberaus lesenswert. ZunĂ€chst einmal: „Incels“ steht fĂŒr „involuntary celibate“, also ungefĂ€hr „unfreiwillig zölibatĂ€r“ und ist die Selbstbezeichnung hauptsĂ€chlich junger MĂ€nner, die keinen Sex haben, obwohl sie gerne welchen hĂ€tten. In Zeiten des Internets hat man sich natĂŒrlich schnell vernetzt und bald ist, wie Kracher zeigt, aus einer Selbsthilfegruppe eine Szene entstanden, die eine Ideologie voller WidersprĂŒche hervorbringt, sich dabei als leer ausgehendes Opfer eines einerseits sexbesessenen, andererseits ĂŒber alle Maßen wĂ€hlerischen Weltfrauentums geriert und sich gleichzeitig fĂŒr die erleuchtete Krone der Schöpfung hĂ€lt. Was ihre Mitglieder dazu fĂŒhrt, sich jungfrĂ€ulichen Sex mit dreizehnjĂ€hrigen MĂ€dchen herbeizuwĂŒnschen und sich eine Phantasiewelt zurechtzuhalluzinieren, die bevölkert ist von „Chads“, die alle Frauen haben können, wĂ€hrend alle anderen MĂ€nner keine mehr abbekommen. Es ist also kompliziert und das vielleicht grĂ¶ĂŸte Verdienst des Buches ist es, den Wahnsinn sowohl chronologisch, als auch analytisch zu ordnen und in den Griff zu bekommen. BestĂŒrzende BerĂŒhmtheit erlangten die Incels im Zuge mehrerer von Mitgliedern der Community verĂŒbten TerroranschlĂ€ge. Kracher geht auf mehrere davon ein, insbesondere auf den Anschlag des wohl berĂŒhmtesten Incel, Elliot Rodger, der bei seinem Terrorakt 2014 in Santa Barbara 6 Menschen ermordete und der, wie Kracher schreibt, in der Community als Heiliger und Held verehrt wird. Kracher macht sich viel MĂŒhe damit, das von Rodger hinterlassene Manifest zu analysieren. Dabei offenbart sich die große StĂ€rke des Buches und allerdings auch eine SchwĂ€che des Textes, dem ein etwas strengeres Lektorat gut getan hĂ€tte. Kracher will vollkommen verstĂ€ndlicher Weise nicht in den Verdacht geraten, so etwas wie VerstĂ€ndnis fĂŒr die TĂ€ter aufzubringen oder deren Taten zu relativieren. Ihr mitunter distanzloser Stil hat unbestreitbar den Vorteil, dass man zumindest ihren AusfĂŒhrungen gerne folgt, auch wenn der Gegenstand bis zum Äußersten unertrĂ€glich ist, aber Formulierungen wie „Ich habe es gelesen, damit ihr es nicht mĂŒsst“ sind der Ernsthaftigkeit und der inhaltlichen Klasse ihrer Betrachtung nicht recht angemessen. Denn Krachers Analyse ist ausfĂŒhrlich, prĂ€zise und nachvollziehbar. So zeigt sie sehr anschaulich die extreme Ambivalenz in Rodgers Denken. Er schreibe einerseits „von seiner ĂŒberlegenen Intelligenz, dem Reichtum seiner Familie, seiner Distinguiertheit, davon, dass ihm Dinge und Frauen zustehen, weil er ein ÂŽSupreme GentlemanÂŽ ist, dieses GefĂŒhl schwindet jedoch, wenn er damit konfrontiert wird, dass andere ihm, in egal welchem Aspekt, ĂŒberlegen sind.“ Überhaupt gilt fĂŒr Krachers Buch: Je analytischer der Text wird, desto besser ist er. Statt unnötig zu psychologisieren, versucht sie, den extremen MĂ€nnlichkeitskult der Incels in den Gesamtkontext gesellschaftlicher VerhĂ€ltnisse zu stellen: „Nun ist es auch so, dass diese kapitalistischen und patriarchalen VerhĂ€ltnisse dazu beitragen, dass man, statt sie progressiv zugunsten einer freien und solidarischen Gesellschaft ĂŒberwerfen zu wollen, eher autoritĂ€re CharakterzĂŒge entwickelt; (
) Es ist also naheliegend, ohnehin schon gesellschaftlich designierte Feindbilder wie Frauen oder Juden fĂŒr das eigene Leid verantwortlich zu machen, anstatt die jedem einzelnen Individuum gegenĂŒber barbarische kapitalistische Gesellschaft (
).“ Womit der Zusammenhang zwischen einer anscheinend verrĂŒckten Internetgemeinde und den ja ebenfalls gebrochenen Psychen der Mehrheitsgesellschaft hergestellt ist und die Incel-Ideologie nur als Übertreibung des ganz normal-monadischen spĂ€tkapitalistischen Alltagsunbehagens erscheint. So rĂ€t Kracher der mĂ€nnlichen Leserschaft, sie solle es hinnehmen, „dass ihre Psychosozialisation innerhalb dieser VerhĂ€ltnisse total verkorkst (worden) ist. Es ist verdammt schwer, sich trotz der permanenten Vermittlung, eigentlich der Gipfel der Vernunft zu sein, (
) der Erkenntnis zu stellen, dass man in Bezug auf Frauen ein sexualneurotisches, paranoides, Ă€ngstliches und im Resultat sexistisches Wrack ist, das sich permanent von Frauen bedroht fĂŒhlt und sie deshalb patriarchaler Herrschaft unterwerfen muss.“ Im letzten Teil versucht sie eine konstruktive Synthese, sucht nach AnknĂŒpfungspunkten an Strategien zur Verhinderung dessen, was als toxische MĂ€nnlichkeit in den Incels eine Extremform findet und verweist auf die Erziehung, dabei insbesondere auf „Gewaltfreiheit und Achtung vor Grenzen“, aber: „Letztendlich ist der einzige konsequente Kampf gegen die Incel-Ideologie der Kampf fĂŒr eine solidarische, egalitĂ€re und von den ZwĂ€ngen des patriarchalen Kapitalismus befreite Welt.“ Die LektĂŒre sei hiermit ausdrĂŒcklich empfohlen.




Quelle: Graswurzel.net