Juni 4, 2021
Von Autonomie Magazin
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Von swissfenian

Michael Gaughan war einer der ersten IRA-VerdĂ€chtigen welcher in England den Status als politischer HĂ€ftling verlangt hat. Gaughan wurde am 21. Mai 1971 in London zusammen mit drei weiteren VerdĂ€chtigten verhaftet. Die Verhafteten wurden eines bewaffneten RaubĂŒberfalls auf die Midland Bank drei Tage zuvor verdĂ€chtigt. Alle vier wurden bereits am 24. Mai 1971 zu Untersuchungshaft verdonnert. Die Gerichtsanhörung stand unter hohen Sicherheitsvorkehrungen und der britische Geheimdienst war zahlreich vertreten. Es bestand nĂ€mlich der Verdacht, dass die MĂ€nner den Überfall im Namen der IRA getĂ€tigt hatten. Ein Mitverurteilter, Jack McElduff stammte aus einer bekannten republikanischen Familie aus Tyrone und war zudem ein aktives und bekanntes Sinn FĂ©in Mitglied in England. Ein hochrangiger Polizeioffizier behauptete sogar McElduff sei der damalige IRA-AnfĂŒhrer in England gewesen. Gaughan, und die weiteren Verhafteten, James Moore und Frank Golden wurden als Mitglieder der IRA gesehen. Vor Gericht wurde dies natĂŒrlich bestritten. Aber zumindest bei Gaughan ist klar, dass er zu der Zeit bereits aktiver IRA-Volunteer in England war. Er war Mitglied einer Active Service Unit in London. Der Special Branch war jedenfalls der Meinung zum ersten Mal seit langer Zeit eine komplette IRA-Gruppe in England festgenommen zu haben. Die Gerichtsverhandlung der vier begann am 15. Dezember 1971. Diese stiess auf grosses öffentliches Interesse. Die Erwartung der Öffentlichkeit war es einen selten Einblick in die AktivitĂ€ten der IRA zu erhalten.

Michael Gaughan

In den Verhandlungen versuchten die Angeklagten jeglichen Motivation eines kriminellen Hintergrund des Überfalls zu widerlegen. Sie hatten wenig Hoffnung auf einen Freispruch und nutzten die Gerichtsverhandlung eher um einen politischen Status zu erhalten. Gaughan beklagte sich vor Gericht, dass er wĂ€hrend den sieben Monaten in Isolationshaft gehalten wurde und tĂ€glich 23 Stunden ins seiner Zelle eingesperrt wurde. Er beschuldigte den Geheimdienst fĂŒr diese ZustĂ€nde. Diese hĂ€tten ihn bereits vor den Verhaftungen massiv ĂŒberwacht.

Gaughan und Moore wurden schliesslich, wegen Waffenbesitz und bewaffnetem RaubĂŒberfall zu 7 Jahren GefĂ€ngnis verurteilt. Golden erhielt ein Jahr und McElduff drei Jahre GefĂ€ngnis. Gaughan wurde zuerst im Wormwood Scrubs GefĂ€ngnis untergebracht und dann nach Albany verlegt, was ihn von den anderen Mitverurteilten trennte. In diesem GefĂ€ngnis lernte er jedoch den erfahrenen republikanischen HĂ€ftling Jim Monaghan kennen, welcher Gaughan in das GefĂ€ngnisregime einfĂŒhrte. Die IRA akzeptierte zu der Zeit in Albany Werkstatt-Schulungen aber keine richtige GefĂ€ngnisarbeit, die Schulungen aber auch nur um konsequente Bestrafungen zu umgehen. Bereits kurz nach Gaughans Ankunft in Albany kam es jedoch zu einem GefĂ€ngnisaufstand. Dieser Aufstand fĂŒhrte zu einem hĂ€rteren Regime gegenĂŒber Gefangen der Kategorie A. Diese Kategorie wird in England an Hochrisiko-HĂ€ftlinge vergeben. Die irischen politischen Gefangen fielen quasi automatisch in diesen Status. Innerhalb der republikanischen Kreisen wurde sogar von „Special Category A aka Irish Category A“ geredet. Da die IRA-HĂ€ftlinge in der Regel noch eine Spur hĂ€rter behandelt wurden als Kategorie A Gefangene in England. Da sich Gaughan an die IRA-Politik gemĂ€ss hielt wurde er in Isolationshaft gehalten. Sein Kombattant Monaghan wurde nach verbĂŒssen seiner Haftstrafe im November 1972 entlassen. Damit verlor Gaughan einen wichtigen Kampfgenossen im GefĂ€ngnis. Da er seinen Schwestern und Mutter die mĂŒhsamen Durchsuchungen und sonstigen Schikanen, welche Angehörige von IRA-HĂ€ftlingen durchliefen ersparen wollte, beschrĂ€nkte Gaughan das Besuchsrecht auf seinen Vater und seinen Bruder. Erst kurz vor seinem Tod Ă€nderte er dies. Doch zuerst soll kurz ein Blick auf das Leben von Gaughan gelegt werden um dann die UmstĂ€nde des Hungerstreiks genauer zu erlĂ€utern.

Michael Gaughan, geboren am 5. Oktober 1949 war der Älteste von 6 Kindern aus der Kleinstadt Ballina (BĂ©al an Átha) im County Mayo. Sein Vater war wĂ€hrend dem 2. Weltkrieg bei der britischen Armee in PalĂ€stina, Ägypten und Frankreich aktiv.

Michael machte gerne Sport, Musik und liebte Comics. GemĂ€ss Beschreibungen lebte er ein normales Leben in Ballina. Er verliess seinen Heimatort wie so viele andere Ir*innen um eine Arbeit in England zu finden. Er begab sich 1965 nach Blackley einen Vorort von Manchester. In London wurde er irgendwann Mitglied von Ciann na hÉireann. Dabei handelte es sich um eine irisch-republikanische UnterstĂŒtzungsorganisation in England. Die Organisation entstand nach einem Zusammenschluss von Sinn FĂ©in Birmingham und Sinn FĂ©in London im Jahre 1964. Ciann na hÉireann organisierte ProtestmĂ€rsche, Veranstaltungen und sammelte Geld fĂŒr die Bewegung in England. Nach der Spaltung der IRA und Sinn Fein war die Organisation mit der Official Sinn FĂ©in und der Official IRA verbunden, zu Beginn fungierte sie sogar noch als Organisation mit Mitglieder von beiden Abspaltungen. Gaughan war somit zuerst im Kreise der Official Sinn FĂ©in und sogar in der Offical IRA organisiert. Noch bis Januar 1971 war er in der Zeitung von Ciann na hÉireann, United Irishman, als die Kontaktadresse der Organisation in Manchester aufgelistet. SpĂ€testen im Mai desselben Jahres wechselte Gaughan aber zur Provisional IRA, die auch in England zur stĂ€rkeren Fraktion wurde. (Zur Trennung der IRA folgt bald mehr in einem weiteren Teil der Hungerstreik Serie).

In der breiten irischen Community Englands war Gaughan bekannt fĂŒr den Verkauf von republikanischen Zeitungen und die Teilnahme an politischen Treffen, aber nicht als aktives IRA-Mitglied.

Am 8. MĂ€rz 1973 gingen zwei grössere IRA-Autobomben in England hoch. Eine vor dem Old Bailey Gericht (an dem Gaughan und seine Mitstreiter verurteilt wurden) und eine vor einem Armee Rekrutierungszentrum. Die IRA warnte im Voraus und es kam zu keinen Todesopfern, bis auf einen Todesfall an einer spĂ€teren Herzattacke am selben Tag, welche auf die Bomben geschoben wurde, was sich aber im Nachhinein als falsch herausstellte. Zwei weitere Bomben wurden rechtzeitig entschĂ€rft (eine vor dem New Scotland Yard und eine vor dem British Forces Broadcasting Offices). Der Start der neuen Bombenkampagne in England sorgte noch am selben Tag fĂŒr die Verhaftung von 10 jungen irischen Menschen auf dem Flughafen Heathrow. Alle 10 hatten gemĂ€ss britischen Behörden keine passenden PĂ€sse zu den Flugtickets. Die Verhafteten waren zwischen 19 und 29 Jahre alt. Sie wurden bekannt als die «Belfast Ten». Die Namen: Die Schwestern, Dolours und Marian Price, Hugh Feeney, Paul Holmes, Roy Walsh, Billy Amrstrong, Rosin McNearney, Martin Brady, Gerry Kelly und Liam McLarson. Der Fall der Belfast 10 wird zu einem anderen Zeitpunkt genauer beleuchtet. Wer Interesse hat kann die Namen googeln und findet viele Informationen. Aber nun zurĂŒck zu Gaughan.

Old Bailey Autobombe, London.

Michael Gaughan blieb mit seinen Mitverurteilten Kombattanten in Briefkontakt. Ab Mai 1973 lockerte sich fĂŒr eine kurze Zeit das Regime im Albany GefĂ€ngnis. Gaughan wurde nicht mehr in Isolationshaft gehalten und durfte so an Soziologievorlesungen teilnehmen. Dabei wurde er von anderen republikanischen Gefangenen begleitet. Zudem waren ein paar Marxisten in der Vorlesung. Ein besonders ĂŒberzeugter Marxist versuchte Gaughan zu einem linken RevolutionĂ€r zu formen, gab dies aber auf und beschimpfte ihn als Faschisten. Gaughan der notabene zuvor OIRA-Mitglied war nahm dies scherzhaft zur Kenntnis und schrieb scherzhaft in einem Brief an einen UnterstĂŒtzer; dieser solle ihm doch bitte Kampfstiefel ins GefĂ€ngnis schicken.

Gegen Ende des Jahre 1973 war es mit Scherzen aber bald vorbei. Die «Belfast Ten» beschlossen einen Hungerstreik mit folgenden Forderungen: Eine Retournierung nach Irland um die Haftstrafe in (Norden von) Irland abzusitzen, vollstÀndiger Status als politische Gefangene solange sie in England sind (im Norden Irlands hatten die Gefangen zu der Zeit politischen Status, ab 1972 nach einem Hungerstreik von Billy McKee) inkl. das Recht eigene Kleidung zu tragen und unbeschrÀnkte Anzahl an Post zu erhalten, einen offenen Besuch jede Woche, die Zusammenlegung in einem GefÀngnis, den Ausschluss von GefÀngnisarbeit.

Dieser Hungerstreik wurde von Gerry Kelly, Hugh Feeney und Dolours und Marian Price bereits 206 Tagen durchgehalten als sie am 30. MĂ€rz 1974 weitere UnterstĂŒtzung erhielten. Bis dahin erlebten die Beteiligten regelmĂ€ssig die Folter der ZwangsernĂ€hrung. Namentlich unterstĂŒtzten die Gefangenen Michael Gaughan, Frank Stagg, welcher ebenfalls aus Mayo kam, und Paul Holmes aus dem Albany GefĂ€ngnis den Hungerstreik.

FĂŒr zwei der drei endete der Hungerstreik tödlich. Michael Gaughan verstarb nach 68 Tagen im Hungerstreik unter der Ă€usserst qualvollen Folter der ZwangsernĂ€hrung. Diese beschreibt sich laut dem National Hunger Strike Commemoration Committee wie folgt: wĂŒrden sechs bis acht Wachen oder WĂ€rter den Gefangenen zurĂŒckhalten und ihn an den Haaren auf die Oberseite des Bettes ziehen, wo sie den Hals des Gefangenen ĂŒber eine Metallschiene strecken und einen Block zwischen seine ZĂ€hne zwingen und dann eine ErnĂ€hrungssonde, die sich den Hals hinunter erstreckte, durch ein Loch einfĂŒhren.

Gaughan erlebte wĂ€hrend seines Hungerstreiks mindestens 17 solcher ZwangsernĂ€hrungen. Diese waren fĂŒr die Gefangen jeweils Ă€usserst schmerzhaft und erniedrigend. Ein Ziel dieser ZwangsernĂ€hrung war es auch die Gefangenen zu brechen. Der Hungerstreik sollte damit zu einem Ende getrieben werden. Die ZwangsernĂ€hrung fĂŒhrte auch hĂ€ufig zu Verletzungen der bereits geschwĂ€chten Gefangenen. Bei Gaughan sorgte sie fĂŒr den Tod. Die GefĂ€ngnisĂ€rzte tötetenn Gaughan mit der ZwangsernĂ€hrung. Die britischen Behörden gaben an, Gaughan sei an einer LungenentzĂŒndung verstorben, dies konnte jedoch widerlegt werden. Bei einer ZwangsernĂ€hrung am 2. Juni gelangte flĂŒssige Nahrung in seine Lunge anstelle seines Bauchs. Ein Schlauch hat dabei wohl auch die Lunge von Gaughan zerstochen.

Gaughan war damit der erste tote republikanische Hungerstreikende nach Seån McCaughey aus Tyrone, welcher 1946 im Portlaoise GefÀngnis in Irland verstarb. Zudem war er der erste republikanische Hungerstreikende welcher in England verstarb nach Terence MacSwiney im Jahre 1920.

Bereits am 7. Juni kam die Leiche zurĂŒck zur Familie. Einer traditionellen IRA Guard of Honour (mit schwarzen Berets) wurde es verboten den Sarg vom Parkhurst GefĂ€ngnis aus los zu tragen. Aber eine kleine Prozession mit einem Dudelsackpfeifer fand wie geplant statt. Der Sarg mit einem IRA black beret wurde in Richtung Cricklewood in Nord-London gebracht. Dort versammelte sich bereits eine grosse Gruppe an IRA-Sympathisanten. Diese liefen schliesslich hinter einer 8-köpfigen IRA-Ehrengarde (gekleidet in klassischen schwarzen Pullovern und Berets). Die «Prozession» lief auf ĂŒber 3000 Menschen an und marschierte mehr als 2 Stunden durch London. Dabei kam es durch diverse Gruppierungen zu starken Solidarisierungen fĂŒr die irische Sache. Einige kommunistische Gruppen aus England erwiesen Gaughan die letzte Ehre, aber auch bekannte republikanische Persönlichkeiten wurden prominent beim Tragen des Sarges abgelichtet. Im Nachgang wurde dieser letzte Marsch als massive IRA-Propaganda und Sympathisant*innen Demonstration verurteilt. Ein Teil der Guard of Honour bekam sogar Strafbefehle zugestellt. Dabei durften sie Bussen von 60 Pfund entgegennehmen. Es sei kurz erwĂ€hnt, Gaughan und seine Mitstreiter wurden notabene zu mehreren Jahren GefĂ€ngnis verurteilt wegen einer Beute von 360 Pfund.
Einige katholischen OberhĂ€upter in England verboten nach dieser Parade auch Flaggen ĂŒber den SĂ€rgen, was bisher traditionell bei irisch-republikanischen Beerdigungen akzeptiert wurde. In seinem Heimatland sorgte die Beerdigung von Gaughan auch fĂŒr einiges an Aufsehen. Am 8 Juni kam der Leichnam in Dublin an. Dieser wurde dabei von der 1. Kirchenstation mit einer Guard of Honour begleitet. Beim General Post Office, einem der HauptschauplĂ€tze der Irischen Revolution von 1916, flog die Trikolore auf Halbmast, schlussendlich verliess ein grosser Leichenzug Dublin in Richtung Ballina. Dabei wurde der Umzug von rund 15.000 Menschen beobachtet. In Ballina waren rund 10.000 Menschen an der Beerdigung. Alles in allem waren Massen zu Ehren eines IRA-HĂ€ftlings, sowohl in England als auch im SĂŒden von Irland, auf den Strassen. In Ballina trat zudem die IRA Ă€usserst offen auf (fĂŒr die damaligen VerhĂ€ltnisse im SĂŒden) und feuerte mit drei Volunteers EhrenschĂŒsse in die Luft. Gaughan wurde schlussendlich im republikanischen Teil des Friedhofs beerdigt. Bis heute erinnern noch jĂ€hrliche GedenkmĂ€rsche und Veranstaltungen an Michael Gaughan. In Ballina gibt es auch ein aktuelleres Mural fĂŒr ihn. Zudem erinnert der bekannte Rebellensong «Take me home to Mayo» in verschiednen Versionen immer wieder an ihn.

Die letzten Worte von Gaughan waren folgende:

I die proudly for my country and in the hope that my death will be sufficient to obtain the demands of my comrades. Let there be no bitterness on my behalf, but a determination to achieve the New Ireland for which I gladly die. My loyalty and confidence is to the IRA and let those of you who are left carry on the work and finish the fight.


Quelle: Ruán O’Donnel: Special Category – The IRA in Englisch Prisons Vol 1: 1968-1978




Quelle: Autonomie-magazin.org