Oktober 17, 2021
Von InfoRiot
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Potsdam/Berlin – Siebzehn Tage, bevor die Nationalsozialisten Siegfried Levi deportierten, zwangen sie ihn, eine „VermögenserklĂ€rung“ auszufĂŒllen. Levi musste an diesem 29. November 1942 angeben, wie viel Miete er fĂŒr die Wohnung in der SchlĂŒterstraße 54 in Berlin-Charlottenburg bezahlte (225,40 Reichsmark monatlich). Und wie groß sein Gesamtvermögen war. „Kann von hier nicht festgestellt werden“, notierte Levi in etwas krakeliger Schreibschrift. 

Auf Seite elf unter Punkt VI., „Kunst- und WertgegenstĂ€nde“, wollten die Nazis wissen: „Besitzen Sie GemĂ€lde, AntiquitĂ€ten, Gold- oder Silberwaren, Schmuck, Juwelen oder sonstige KunstgegenstĂ€nde und Sammlungen?“ 

Levi gab dort an, ein GemĂ€lde des KĂŒnstlers Arnold Böcklin namens „Dryaden“ zu besitzen. Ein Schenkungsvertrag sei beigefĂŒgt. Unterschreiben musste er mit dem Zwangsnamen Siegfried „Israel“ Levi. Am 25. November 2015, 73 Jahre spĂ€ter, wurde das GemĂ€lde „Dryaden“ aus dem Jahr 1897, Öl auf Leinwand, bei einer Herbstauktion im Berliner Auktionshaus Grisebach versteigert. FĂŒr 75 000 Euro, inklusive Aufgeld. In der Fasanenstraße in Charlottenburg, nur vier Straßen von Siegfried Levis damaliger Wohnung entfernt.

Irena Strelow erforscht den Verbleib von NS-Raubkunst – mit einem ungewöhnlichen Ansatz

Auf der Spur dieses und vieler weiterer Kunstwerke, die die Nationalsozialisten von jĂŒdischen BĂŒrgerinnen und BĂŒrgern raubten, ist heute Irena Strelow. Sie ist Provenienzforscherin, widmet sich also der Herkunft von Kunstwerken und KulturgĂŒtern, speziell von „NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut“. Am Brandenburgischen Landeshauptarchiv Potsdam Am MĂŒhlenberg in Golm leitet sie ein Pilotprojekt, das, wie sie betont, in seiner Bedeutung und Tragweite fĂŒr die Provenienzforschung einzigartig sei.

Das Archiv ist gerade dabei, 42 000 NS-Akten der sogenannten Vermögensverwertungsstelle – Siegfried Levis Akte ist eine davon – zu digitalisieren und der Öffentlichkeit bereitzustellen. Strelow bezweckt damit, NS-Raubkunst ausfindig zu machen – so etwa auch das Böcklin-GemĂ€lde

Irena Strelow forscht am Brandenburgischen Landeshauptarchiv nach dem Verbleib von NS-Raubkunst.Foto: Andreas Klaer

FĂŒr das Vorhaben mĂŒssen die Akten erfasst, restauriert, eingescannt und schließlich ausgewertet werden. Im November 2020 ging das Pilotprojekt im Landeshauptarchiv an den Start, bis 2023 will das zehnköpfige Team rund um Projektleiterin Julia Moldenhawer und Provenienzforscherin Irena Strelow fertig sein.

Normalerweise wĂŒrde NS-Raubkunst „objektorientiert“ erforscht, die Spur eines einzelnen GemĂ€ldes wĂŒrde rekonstruiert werden, sagt Strelow. Das Projekt hingegen nimmt die TĂ€terakten in den Blick. „Ich forsche personenzentriert. Erst im letzten Schritt stoße ich auf ein Kunstobjekt“, erklĂ€rt Strelow. Möglicherweise sei das auch der Grund, weshalb ein solches Projekt erst jetzt verwirklicht werde.

„Dabei ging es um die ‚restlose Verwertung’ des Eigentums“

Die Enteignungen jĂŒdischer BĂŒrgerinnen und BĂŒrger war im Nationalsozialismus gesetzlich geregelt. „Es lief alles am Gesetz entlang“, sagt Strelow. Wo Gesetze aus Sicht der Nationalsozialisten nicht ausreichten, wurden sie StĂŒck fĂŒr StĂŒck erweitert. Im November 1941 trat etwa die sogenannte Elfte Verordnung zum ReichsbĂŒrgergesetz in Kraft. Dadurch wurden Geflohene automatisch ausgebĂŒrgert und ihr Vermögen wurde dem „Deutschen Reich“ ĂŒbertragen. „Dabei ging es um die ‚restlose Verwertung’ des Eigentums“, erklĂ€rt Strelow.

Aber auch jene, die geblieben waren, sollten enteignet werden – nach ihrer Deportation in die Konzentrationslager. In Berlin ĂŒbernahm das das Finanzamt Moabit-West, das von diesem Zeitpunkt an „Vermögensverwertungsstelle“ des OberfinanzprĂ€sidenten Berlin-Brandenburg hieß. Die Behörde zwang Juden und Verfolgte, jene „VermögenserklĂ€rungen“ auszufĂŒllen, die auch Siegfried Levi ausfĂŒllen musste.

Restauratorin Sarah Halama beim ersten Sichten der Akten, die auch die “VermögenserklĂ€rungen” enthalten.Foto: Andreas Klaer

„Weil die Verfolgten das Formular meist unmittelbar vor der Deportation ausfĂŒllen mussten, sehen die Schriften wahnsinnig zitterig aus. Oft sind auch Flecken auf den BlĂ€ttern. Man kann sich denken, was das ist
“, sagt Strelow. In vielen FĂ€llen sind die VermögenserklĂ€rungen, die heute im Landeshauptarchiv lagern, die letzten handschriftlich verfassten Dokumente der Ermordeten. 

Das macht sie gerade fĂŒr Hinterbliebene so wertvoll. „FĂŒr die Nachkommen ist es hĂ€ufig ĂŒberwĂ€ltigend, die Unterschrift ihrer Vorfahren zu sehen.“ Nicht selten ist das Formular das einzige, was von den Menschen geblieben ist. „Es ging den Nazis um die vollkommene Auslöschung der IdentitĂ€t.“

„Jeder wusste, dass Hitler Kunst aus dem 19. Jahrhundert gesammelt hat“

Nachdem die Menschen deportiert worden waren, gingen NS-Beamte mit den Formularen in ihre Wohnungen und lösten sie auf, nahmen Wertvolles mit. Befanden sich KunstschĂ€tze im Besitz der Verfolgten, musste das dem Reichsfinanzministerium mitgeteilt und die Kunst dem sogenannten FĂŒhrermuseum in Linz angeboten werden. „Jeder wusste, dass Hitler Kunst aus dem 19. Jahrhundert gesammelt hat“, erklĂ€rt Provenienzforscherin Strelow. 

Werke Alter Meister gingen hingegen meist an die Staatlichen Museen zu Berlin. Andere GemĂ€lde wiederum wurden von KunsthĂ€ndlern versteigert, hĂ€ufig an andere StĂ€dtische Museen in Deutschland. In Berlin habe von den StĂ€dtischen Museen besonders oft das MĂ€rkische Museum geraubte Kunstwerke gekauft, sagt Strelow. Sie betont aber, dass es sich bei dieser Erkenntnis um den jetzigen Stand der Forschung handele und im Laufe des Pilotprojekts möglicherweise weitere Museen ausfindig gemacht werden könnten. 

Der KunsthÀndler, bei dem auch Gurlitt kaufte

Die Einnahmen aus den VerkĂ€ufen gingen an die Finanzbehörde. „Damit wurde der Krieg finanziert“, erklĂ€rt Strelow. Ein bestimmter KunsthĂ€ndler spielte eine besonders große Rolle: Hans W. Lange. Er organisierte Versteigerungen in Berlin und manchmal anderen StĂ€dten, zu denen die systemkonforme Oberschicht geladen war: Großindustrielle und „Kunstvermittler“, die aus Sonderfonds Bilder fĂŒr deutsche Museen einkauften. 

Auch der KunsthĂ€ndler Hildebrand Gurlitt kaufte bei Lange. Sein Name wurde 2013 deutschlandweit bekannt, weil damals enthĂŒllt wurde, dass sein Sohn und Erbe eine Raubkunstsammlung jahrzehntelang versteckt gehalten hatte. Hildebrand Gurlitt war zu Beginn des Zweiten Weltkriegs ein HaupteinkĂ€ufer fĂŒr das „FĂŒhrermuseum“ in Linz.

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„Bei den Auktionen wurde sich ĂŒberboten, Geld spielte keine Rolle“, sagt Provenzienzforscherin Strelow. Der AuktionĂ€r Hans W. Lange bekam stets einen gewissen Prozentsatz Provision. Zehn Prozent bekam er durch die Versteigerung von „Dryaden“ von Alfred Böcklin, das GemĂ€lde, das einst Siegfried Levi gehörte. 

Im Oktober 1943, etwa ein Jahr nach Levis Deportation, wurde das GemĂ€lde von Hans W. Lange in Wien bei einer Sammelversteigerung fĂŒr 16 075 Reichsmark verkauft. Im Vorfeld ließ der OberfinanzprĂ€sident Berlin-Brandenburg die Echtheit prĂŒfen. Der MĂŒnchener KunsthĂ€ndler Ernst Hanfstaengl bescheinigte, dass es sich „unzweifelhaft“ um „ein Original von Arnold Böcklin“ handelte.

Insgesamt umfassen die Akten 1,5 Millionen BlÀtter

Mit diesem Bild befasst Irena Strelow sich bereits vor dem Start des Projekts im Landeshauptarchiv. Ihre Hoffnung ist, sobald die Akten digitalisiert sind, noch mehrere solcher FĂ€lle ausfindig zu machen. Bis es soweit ist, mĂŒssen die Akten einen vierteiligen Prozess durchlaufen. Die einzelnen Schritte finden teils parallel statt. Im Moment werden die Akten restauriert und erste davon auch digitalisiert.

Die Akten mĂŒssen vor der Digitalisierung gesichtet und restauriert werden.Foto: Andreas Klaer

Das Projekt wird mit 3,6 Millionen Euro aus öffentlichen Mitteln finanziert. Den Großteil, 3,3 Millionen Euro, bezahlt die Beauftragte der Bundesregierung fĂŒr Kultur und Medien, Monika GrĂŒtters (CDU), aus ihrem Budget. 

Von dem Geld werden alle Stellen, aber auch die externen Dienstleister bezahlt, die es fĂŒr das Projekt unweigerlich braucht – auch allein aufgrund der Vielzahl an Akten. Insgesamt handelt es sich um 1,5 Millionen BlĂ€tter. WĂŒrde man die Archivkartons, in denen die Akten aufbewahrt werden, ĂŒbereinanderstapeln, wĂ€re der Kistenturm 169 Meter hoch. 

Die Regale im Landshauptarchiv, in denen die NS-Akten lagern, sind tonnenschwer.Foto: Andreas Klaer

Externe Dienstleister aus Leipzig und Großbeeren ĂŒbernehmen die Restaurierung und die Digitalisierung. „Die Akten dĂŒrfen aber nicht digitalisiert werden, bevor sie nicht gesichtet worden sind“, sagt Projektleiterin Julia Moldenhawer. „Der ganze Prozess muss möglichst schonend ablaufen. Denn unsere Aufgabe ist es, die Akten möglichst fĂŒr die Ewigkeit zu erhalten.“

Julia Moldenhawer leitet das Pilotprojekt.Foto: Andreas Klaer

Die Restauration: SĂ€ure, die zersetzt – Metallklammern, die rosten

Im Landeshauptarchiv selbst wurden also alle Akten erfasst, das Material begutachtet und eingeschĂ€tzt, was in der Restauration gemacht werden muss: Welche BlĂ€tter mĂŒssen entsĂ€uert werden, weil die SĂ€ure das Papier langfristig zersetzen wĂŒrde? An welchen BlĂ€ttern sind Metallklammern, die entfernt werden mĂŒssen, weil sie mit der Zeit rosten? Wo mĂŒssen Risse geschlossen werden, damit das Papier nicht zerfĂ€llt? Wo mĂŒssen vielleicht Schimmelsporen entfernt werden? 

Eine Akte wird auf Schimmelbefall getestet. DafĂŒr muss eine Probe entnommen werden.Foto: Andreas Klaer

Das entschieden Restauratorin Sarah Halama und ihre Kollegin Franziska Sommer. Sie hatten dafĂŒr jede der 42 000 Akten in der Hand. Ein halbes Jahr dauerte die „Zustandserfassung“. Sarah Halama war zwischenzeitlich oft froh, dass sie ihre Kollegin hatte. „Es lĂ€sst einen mitnichten kalt, was man da sieht. Gerade Handschriften, die Namen, die Todesdaten, manchmal auch Fotos. Man ist sich sehr bewusst, was man da in der Hand hat“, sagt Hamala.

Museen wissen hÀufig nicht, dass sie Raubkunst ausstellen

Sobald die Akten eingescannt sind, mĂŒssen die Scans im nĂ€chsten Schritt erfassbar gemacht werden. DafĂŒr entwickelt Provenienzforscherin Irena Strelow ein Datenmanagementsystem mit. Damit sollen die Akten digital nach bestimmten Schlagworten, die mit dem NS-Kunstraub in Verbindung stehen, durchsucht werden können.

SpĂ€testens ab MĂ€rz 2022 rechnet Strelow mit Ergebnissen der Auswertung und hofft, dann bereits Kunstobjekte ausfindig machen und Museen, die diese Kunst ausstellen, anschreiben zu können. 

HĂ€ufig wĂŒssten Museen nĂ€mlich nicht, dass es sich bei ihren Objekten um geraubte Kunst handele. Aber Strelows Erkenntnisse wĂŒrden schließlich Beweise liefern. „Wir werden hier in der digitalen Datenbank die Opferdaten haben und so schlussendlich nachweisen können, dass die Kunst von den Nationalsozialisten geraubt wurde“, sagt Strelow. 

Doch den Verbleib der Kunstwerke ausfindig zu machen, könnte zum Schluss die schwierigste Aufgabe sein. HĂ€ufig werden Kunstwerke anonym versteigert. So wie das GemĂ€lde „Dryaden“ von Arnold Böcklin bei der Grisebach-Auktion 2015. „Das Bild ist jetzt erstmal verschwunden.“




Quelle: Inforiot.de