Januar 6, 2023
Von Paradox-A
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Lesedauer: 2 Minuten

Dieser Film ist nichts für ADHSler*innen. Wer ihn schaut muss schon etwas Ruhe mitbringen. Ob diese durch den kontinuierlichen Takt der Schweizer Uhren vorgegeben oder durchbrochen wird, muss dabei jede*r für sich selbst entscheiden. Der Regisseur Cyril Schäublin produzierte jedenfalls einen Film, der gerade durch seine Beschaulichkeit und Höflichkeit zum Nachdenken anregen soll.

Was als Beschäftigung des Filmemachers mit seiner eigenen mikrohistorischen Familiengeschichte begann, führte diesen unweigerlich zur transnational vernetzten anarchistischen Bewegung, welche am Ende des 19. Jahrhunderts einen Zufluchts- und Vernetzungsort in der Schweiz gefunden hatte. Darüber lässt sich ausgiebig bei Florian Eitel in seinem Buch Anarchistische Uhrmacher in der Schweiz. Mikrohistorische Globalgeschichte zu den Anfängen der anarchistischen Bewegung im 19. Jahrhundert (2018) lesen, auf welchen sich Schäublin auch explizit bezieht.

Quelle: https://grandfilm.de/unruh/

In einer pittoresk anmutenden Umgebung, die nicht grundlos Elemente eines volkstümlichen Theaterstückes zu verkörern scheint, stoßen das kapitalistisch-nationalistische und das kommunistisch-anarchistische Lager aufeinander. Ironischerweise erschaffen die Arbeiter*innen in den Uhren-Manufakturen dabei selbst die Messinstrumente, mit denen die Optimierung der Ausbeutung ihrer Arbeitskraft vorangetrieben wird. Sie führen basisdemokratische Abstimmungen durch, hören Grußworte von Genoss*innen aus verschiedenen Sektionen, sammeln Geld zur Unterstützung von Streiks in Baltimore und Brasilien und verweigern die Produktion von Taschenuhren für das Militär.

Seltsamerweise protestieren sie jedoch nicht dagegen, als eine altersschwache Kollegin von den zwei Dorf-Cops für zehn Tage Zuchthaus abgeholt wird, weil sie die Gemeindesteuern nicht zahlen konnte. Sie erklären ihre Ablehnung gegenüber einem nationalstaatlichen Gedenkfest, gehen aber keineswegs soweit dieses zu sabotieren. Sie verbergen den gesuchten italienischen Anarchisten Carlo Cafiero, haben aber nicht die Stärke, die Fabrik zu übernehmen und in Selbstverwaltung zu überführen. Vielleicht braucht die soziale Revolution einfach noch Zeit – während sie zeitgleich weltweit in direkten Aktionen und Organisierung im Gange ist und ihren Angehörigen eine Selbstsicherheit zu gewähren scheint, welche sie konzentriert daran weiterarbeiten lässt.

Im Endeffekt warten die Zuschauer*innen darauf, dass Pyotr Kropotkin und Josephine Gräbli (welche mehrdeutigerweise den Teil der Uhr einsetzt, welcher „Unruh“ genannt wird) knutschen, weil man verkopftem Ersterem nicht so richtig zutraut, dass er das hinkriegt. Es wird angedeutet, ist aber letztendlich deren Sache.

Interessant ist unter anderem der Aspekt, dass Kropotkin an einer Karte ohne Ländergrenzen und Zentren arbeitet, auf welche Orte so benannt werden soll, wie sie die lokal ansässige Bevölkerung tut, anstatt durch eine staatliche Vermessungsbehörde bezeichnet zu werden.

Alles in allem: Ein nettes, volkstümliches, höfliches Ambiente. Schlüsse für heute lassen sich daraus schon ziehen. Wer den Anarchismus damit als historischen Gegenstand konservieren und entpolitisieren will, dem wird dies auch gelingen. Dies sollte aber nicht dem Regisseur angelastet werden, der mit der Verarbeitung eines Teils seiner Familiengeschichte auch sehr unterschwellig die Fragen in den Raum stellt: Wie kommt die Unruhe in die Welt? Wann steht die Zeit einmal still? Und wann beginnt ein neues Zeitalter, in welchem Menschen über ihre eigene Zeot vollständig verfügen?




Quelle: Paradox-a.de