Juli 4, 2022
Von InfoRiot
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Potsdam – Eigentlich gab es an diesem Montag nur gute Nachrichten zu verkĂŒnden auf der Synagogenbaustelle in der Schloßstraße: Das Bauprojekt, das nach jahrelangem Zwist im November 2021 endlich mit der Grundsteinlegung starten konnte, liegt trotz der Liefer- und PersonalengpĂ€sse im Baugewerbe bislang im Zeitplan. Die Decke des zweiten Obergeschosses ist geschalt, der hohe Rundbogen des Eingangsportals und die sieben Bogenfenster des Synagogenraums sind damit von außen bereits deutlich zu erkennen. Es fehlen noch zwei weitere Geschosse. Am 26. August soll Richtfest gefeiert werden. Das GebĂ€ude kann – wenn alles weiterhin glatt lĂ€uft – Ende kommenden Jahres fertig werden und vielleicht schon im Januar 2024 ĂŒbergeben, drei Monate frĂŒher als geplant. Das sagte Kulturministerin Manja SchĂŒle (SPD) bei einem Presserundgang ĂŒber die Baustelle gemeinsam mit dem Architekten Jost Haberland, GĂŒnter Jek vom Berliner BĂŒro der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V. (ZWST) und Gerit Fischer, der technischen GeschĂ€ftsfĂŒhrerin des Brandenburgischen Landesbetriebs fĂŒr Liegenschaften und Bauen (BLB).

Die Bogenfenster des Synagogenraumes sind bereits zu erkennen.Foto: Ottmar Winter

Dominiert beziehungsweise massiv gestört wurde der Termin jedoch von einem nicht eingeladenen Gast: Ud Joffe, dem Vorsitzenden der Potsdamer Synagogengemeinde und Kritiker des Haberland-Entwurfs. Er erschien mit einigen UnterstĂŒtzer*innen vor der Baustelle und berief sich auf eine vermeintliche AnkĂŒndigung in den PNN fĂŒr einen Rundgang fĂŒr Interessierte – die es so nicht gegeben hat. Die Vertreter*innen des BLB ließen ihn kurzfristig beim Presserundgang dabei sein. Dabei fiel Joffe Haberland dann mehrfach aufgebracht ins Wort. Er bezeichnete den Architekten unter anderem als „Verbrecher“, zog Vergleiche mit der DDR-Diktatur und der Nazizeit, warf schließlich auch den anwesenden rbb-Journalisten „Propaganda“ vor und schubste einen Journalisten der deutschen Presseagentur (dpa).

Architekt Haberland weist VorwĂŒrfe zurĂŒck

Joffe warf dem Architekten Haberland und dem Land als Bauherren lautstark und in scharfen Worten Änderungen an den in mehreren Workshop-Runden mit den jĂŒdischen Gemeinden ĂŒberarbeiteten PlĂ€nen vor: „Jetzt fangen Sie wieder an, alles zu versauen, was wir gemacht haben!“ Joffe beklagte etwa ein fehlendes Durchreiche-Fenster zwischen KĂŒche und CafĂ© im Erdgeschoss, eine zu lange BrĂŒstung fĂŒr die sogenannte Frauenempore, und die Konstruktion der Mikwe, also des rituellen Tauchbades, im Kellergeschoss. Dieses sei entgegen den Absprachen so gestaltet worden, dass es fĂŒr Chabad-Juden nicht nutzbar sei – nĂ€mlich mit einem gemeinsamen Becken fĂŒr beide Geschlechter. Joffe sprach von einem „Verbrechen gegen meine Gemeindemitglieder“ und rief: „Dieses GebĂ€ude wird am Ende nicht koscher sein!“

Architekt Jost Haberland, Rabbiner David Gewirtz, Kulturministerin Manja SchĂŒle (SPD) und FinanzstaatssekretĂ€r Frank Stolper…Foto: Sören Stache/dpa

Architekt Haberland wies die VorwĂŒrfe zurĂŒck. Bei der Konstruktion der mit Regenwasser gespeisten Mikwe habe man sich vom Rabbiner und Mikwe-Experten Meir Posen beraten lassen. Dieser habe das Bad bei einem Besuch vor Ort abgenommen und werde das Projekt auch weiter begleiten. Joffe berufe sich bei seinen anderen Kritikpunkten offenbar auf Ă€ltere Planungen, sagte Haberland den PNN. „Kleinere Änderungen“ seien aus statischen GrĂŒnden notwendig geworden: „Seit der Baugenehmigung gab es keinerlei VerĂ€nderung.“

Synagogen-Förderverein kritisiert fehlende Beteiligung der Synagogengemeinde

Flankiert wurde Joffes Auftritt von einer PresseerklĂ€rung des Synagogen-Fördervereins Potsdam, dessen Vorsitzender Ulrich Zimmermann ebenfalls anwesend war. Der Förderverein zeigte sich verĂ€rgert darĂŒber, dass die jĂŒdischen Gemeinden zu dem Pressetermin nicht eingeladen worden waren. Dieses Vorgehen zeige, „dass die Landesregierung das verfassungsrechtliche Grundrecht der Potsdamer jĂŒdischen Gemeinden auf religiöse Selbstbestimmung weiter zu missachten gedenkt“, hieß es. Der Verein und die Synagogengemeinde hatten schon in der Vergangenheit das vom Land gefundene Konstrukt, nachdem die Synagoge zunĂ€chst fĂŒr drei Jahre von der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland betrieben werden soll, kritisiert. Die Synagogengemeinde werde seit zwei Jahren von der Beteiligung an der Bauplanung ausgeschlossen, kritisierte der Förderverein jetzt.

So soll die Synagoge mit Gemeindezentrum in der Schloßstraße aussehen.Repro: Ottmar Winter

Kulturministerin Manja SchĂŒle (SPD) zeigte sich trotz Joffes verbaler Entgleisungen zuversichtlich, dass das GebĂ€ude am Ende von den Gemeinden angenommen wird. „Ich glaube, dass manch leidenschaftliche Debatten, wenn man so ein Haus erstmal erobert hat, endet und das zur gegenseitigen Akzeptanz und WertschĂ€tzung fĂŒhren kann“, sagte sie. Sie kĂŒndigte an, dass es fĂŒr JĂŒdinnen und Juden sowie Interessierte einen Baustellenbesichtigungstermin nach dem Richtfest geben wird.

Seit 17 Jahren in Planung

Die Planungen fĂŒr die Synagoge reichen 17 Jahre zurĂŒck. Um die RĂŒckkehr jĂŒdischen Lebens zu fördern, verpflichtete sich das Land 2005, den Neubau zu finanzieren. In einem Architektenwettbewerb setzte sich dann Jost Haberland durch. Um seinen Entwurf entbrannte Streit, an dem sich Potsdams jĂŒdische Gemeinde entzweite. Mitglieder um Ud Joffe, denen der Haberland-Entwurf zu wenig wĂŒrdig erschien, grĂŒndeten die Synagogengemeinde. Mehrere Vermittlungsversuche blieben ohne nachhaltigen Erfolg. Im Sommer 2021 fand das Land mit der ZWST einen neuen Partner fĂŒr den anfĂ€nglichen Betrieb von Synagoge und Gemeindezentrum. Die vom Land getragenen Baukosten werden mit 15,9 Millionen Euro beziffert. Im Erdgeschoss des GebĂ€udes soll es ein öffentlich zugĂ€ngliches CafĂ© geben. Die Dachterrasse kann fĂŒr Gemeindefeiern wie das LaubhĂŒttenfest genutzt werden – wegen der Innenstadtlage ist dafĂŒr im Innenhof zu wenig Platz, wie Haberland gestern erlĂ€uterte.




Quelle: Inforiot.de