Februar 2, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Beitrag von: Fragende, Diskussionsbeitrag

Einer der letzten BeitrĂ€ge hier, mit dem Titel Die Doppelmoral der Gepanzerten hat bei Twitter eine kleine Kontroverse ausgelöst. Ich war zunĂ€chst selbst entsetzt, vor allem weil mir nicht so ganz klar war, wie der darin getĂ€tigte Vergleich mit Zivilisationstoten zu verstehen war. Aber die Art und Weise wie dieser Artikel auf Twitter angegriffen wurde, empfand ich als Ă€ußerst suspekt. So ratlos und entsetzt mich der Artikel auch zurĂŒckgelassen hatte, so erstaunt war ich darĂŒber in der Diskussion kaum ein belastbares Argument gegen den Artikel gelesen zu haben. Fast ausschließlich Diffamierungen, böswillige Fehlinterpretationen und absurd unbegrĂŒndete Unterstellungen a la „Die Zivilisation abzulehnen ist bereits menschenfeindlich“.

Ich jedenfalls habe daraufhin recherchiert, was mit den Begrifflichkeiten und Argumenten des Artikels gemeint sein könnte, denn zugegebenermaßen erklĂ€rt er nicht sehr viel. Dabei bin ich auf einen schon Ă€lteren Artikel in einer MĂŒnchner anarchistischen Zeitung gestoßen, der zu einem viel frĂŒheren Zeitpunkt, im MĂ€rz 2020, Ă€hnliche Argumente vorbringt und diese sehr viel ausfĂŒhrlicher darlegt. Ich bin mir nicht sicher, ob ich alle Argumente dieses Artikels teile, aber wenigstens verstehe ich nun was gemeint war und ich muss dem Artikel zumindest hinsichtlich einiger Aspekte eine geradezu prophetische Voraussicht zugestehen. Jedenfalls hat mir dieser Artikel sehr geholfen, eine eigene Position in dieser Debatte einzunehmen und denke er könnte auch fĂŒr andere, die an einer ernsthaften Diskussion darum interessiert sind, spannend sein.

Innerhalb weniger Monate hat sich das sogenannte Coronavirus auf der ganzen Welt verbreitet. Nachdem zahlreiche LĂ€nder darauf bereits mit drastischen QuarantĂ€ne-Maßnahmen und EinschrĂ€nkungen der Bewegungsfreiheit reagiert haben, zeichnet sich nun auch hier eine Eskalation der Situation durch den Staat ab. Veranstaltungsverboten und Schulschließungen – wobei letzteres ja unter libertĂ€ren Gesichtspunkten eigentlich eine erstrebenswerte Sache ist –, werden StĂŒck fĂŒr StĂŒck drastischere Maßnahmen folgen, die unser Leben immer weiter beschrĂ€nken und die Kontrolle des Staates zunehmend intensivieren werden. Das zeigt nicht nur der Blick auf Staaten wie China, Hongkong oder Italien, sondern das entspringt auch der inneren Logik des Staates und der Interessen, die er freilich auch dann vertritt, wenn er vorgibt, einen Virus zu bekĂ€mpfen. Aber so bitter die Situation derzeit auch aussehen mag, so offenbaren sich durch sie jedoch auch neue Möglichkeiten mit allem Bestehenden zu brechen.

Ein Blick auf die Ursachen

Wie kommt es ĂŒberhaupt, dass sich ein Virus innerhalb weniger Monate auf der ganzen Welt ausbreiten kann und zu einer Bedrohung fĂŒr die Leben so vieler Menschen wird. Ohne dass ich hier die Panikmache von Medien und Regierungen reproduzieren will, so scheint mir doch klar zu sein, dass – auch wenn die Bedrohung durch das Coronavirus nicht unbedingt grĂ¶ĂŸer als die durch andere Viren (hier bspw. die Grippe) oder andere zivilisatorische Gefahrenquellen, bspw. durch den Straßenverkehr, ist – wir getrost auf diese Krankheit verzichten könnten. Wie kommt es also, dass sich Viren so schnell und so weit verbreiten?

Nach dem Ausbruch einer Viruserkrankung vermehrt sich diese exponentiell: Wenn eine infizierte Person im Laufe ihrer Erkrankung beispielsweise durchschnittlich zwei Menschen ansteckt, wie das derzeit bei Corona angenommen wird, so bedeutet das, dass ausgehend von einer Anfangspopulation an Erkrankten A in jedem Zyklus n A*2n weitere Menschen infiziert werden. Geht mensch beispielsweise davon aus, dass zu Beginn der Krankheit nur zwei Personen infiziert waren (A = 2), so waren nach dem ersten Zyklus (n = 1) bereits A*2n = 2*2Âč = 4 Menschen zusĂ€tzlich infiziert, nach dem zweiten Zyklus (n=2) waren es demnach A*2n = 2*2ÂČ = 8, nach dem dritten Zyklus (n=3) A*2n = 2*2Âł = 16, nach dem vierten 32, nach dem 10. 2048, nach dem 15. bereits 65.536 und nach dem 20. bereits mehr als zwei Millionen Menschen. Nach dem 32. Zyklus [1] wĂ€ren dieser Berechnung nach bereits mehr als 8 Milliarden Menschen zusĂ€tzlich infiziert, also mehr als die gesamte Bevölkerung der Erde.

NatĂŒrlich ist das eine sehr modellhafte Berechnung, die vor allem eine unbeschrĂ€nkte Ausbreitung der Infektion voraussetzt. Das ist selbstverstĂ€ndlich so nicht der Fall. TatsĂ€chlich stĂ¶ĂŸt die Ausbreitung einer Infektion an verschiedene natĂŒrliche Grenzen: So ist es beispielsweise nicht so, dass jeder Mensch potenziell mit jedem anderen Menschen auf dieser Welt in Kontakt steht. Auch bildet das gedachte Netzwerk, in dem Menschen miteinander in Kontakt kommen, keine gleichmĂ€ĂŸige Struktur aus, bei der eine Community fließend in eine andere ĂŒbergeht. Oft sind einzelne Regionen nur lose ĂŒber einzelne Mitglieder miteinander verbunden. Wird das Virus nicht ĂŒber diese interregionalen Kontakte weitergegeben, so kommt die Verbreitung schließlich nach der vollstĂ€ndigen Infizierung einer Region (auch Durchseuchung genannt) zum Erliegen. Das Virus wird also ausgerottet.

Ganz so ideal verhĂ€lt sich das in der heutigen RealitĂ€t jedoch nicht: Die Verflechtung auch weit voneinander entfernter Regionen durch ein internationales MobilitĂ€ts- und Produktionsnetz trĂ€gt dazu bei, dass die Verbindungen zwischen den Menschen einer Region mit den Menschen vieler anderer Regionen hĂ€ufiger und intensiver werden. So trugen zur Ausbreitung des Coronavirus, ebenso wie zur Ausbreitung Ă€hnlicher Epidemien und Pandemien beispielsweise ganz besonders multinationale Unternehmen bei, deren (FĂŒhrungs-)Personal hĂ€ufig von einem Standort zum nĂ€chsten reist. Die ersten Corona-Infizierten hier in MĂŒnchen waren beispielsweise allesamt Mitarbeiter*innen einer solchen Firma, die Kontakte in die ursprĂŒnglich betroffene Region gahabt hatten. Auch Urlauber*innen, die Urlaub in einer betroffenen Region machen und dann in ihre Heimat zurĂŒckkehren tragen oft zur Verbreitung einer Pandemie bei. So etwa bei Corona-Infizierten in NRW. Dass diese Form der Übertragung einerseits so strukturell ausgeprĂ€gt ist und andererseits so schnell stattfindet, dass ein Virus innerhalb eines Tages zehtausende Kilometer zurĂŒcklegen kann, liegt vor allem an modernen Transportmitteln. Besonders der Flugverkehr spielt bei der Verbreitung moderner Pandemien eine bedeutende Rolle, aber grundsĂ€tzlich ist auch der weltweite Warenverkehr geeignet, um die Verbreitung einer Pandemie zu befördern. Schon die Pest (der Schwarze Tod), die 1346 und 1353 alleine in Europa schĂ€tzungsweise 25 Millionen Menschen tötete, breitete sich heutigen Erkenntnissen zufolge ĂŒber Handelswege aus und wĂŒtete in Deutschland – und anderswo – ganz besonders in Handelsmetropolen wie Hamburg, Köln und Bremen.

In der heutigen globalisierten, kapitalistischen Welt hat sich die Situation deutlich verschĂ€rft: Bricht in einer der kapitalistischen Metropolen eine Epidemie aus, so könnten die Vorraussetzungen fĂŒr eine schnelle weltweite Verbreitung kaum besser sein: Nicht nur die schnellen Transportmittel und die enge globale Vernetzung, sondern auch die Tatsache, dass die Lebensbedingungen der Menschen weltweit einander zunehmend mehr Ă€hneln, tragen dazu bei, dass sich Viren so effizient und schnell verbreiten können. Und dennoch sind es keineswegs alleine kapitalistische Strukturen, die die Verbreitung von Epidemien befördern.

Eine effiziente Transportinfrastruktur, das Zusammenleben der Menschen auf engem Raum in StĂ€dten, mangelnde Autarkie einzelner Communities aufgrund von sehr diversifizierter Arbeitsteilung, und viele weitere zivilisatorische Eigenschaften begĂŒnstigen allesamt die Ausbreitung von Epidemien. Wie sonst wĂ€re es zu erklĂ€ren, dass etwa die Antoninische (165 bis 180/190) oder die Cyprianische Pest (250 bis 271) an den Grenzen des Römischen Reiches ihr Ende fanden, nachdem sie sich zuvor innerhalb dieser mehr oder weniger flĂ€chendeckend ausgebreitet hatten [2]. DafĂŒr bedurfte es keines Kapitalismus, ja nicht einmal moderner Fortbewegungsmittel: Straßen, WĂ€gen, Schiffahrt und eine zentralistische Verwaltung zusammen mit einer regen Warenzirkulation genĂŒgten völlig, um Millionen von Menschen das Leben zu kosten.

Keine Lösung: Der Staat, die Wissenschaft und soziale Kontrolle

Geht mensch davon aus, dass Zivilisationen die Ausbreitung von Epidemien begĂŒnstigen, so erscheint es etwas paradox, eine Lösung fĂŒr eine Pandemie seitens des Staates oder der (medizinischen) Wissenschaft zu suchen. Es sind zwei der wichtigsten Institutionen, die die Zivilisation in der wir leben aufrechterhalten, verteidigen und auszuweiten versuchen. Dennoch sind Staat und (medizinische) Wissenschaft derzeit diejenigen Institutionen, von denen sich viele Menschen zu versprechen scheinen, dass sie ihnen einen Ausweg liefern.

WĂ€hrend das Vertrauen in die (medizinische) Wissenschaft noch einigermaßen nachvollziehbar ist – immerhin ist mensch es ja gewohnt, dass die Wissenschaft negative zivilisatorische Folgen abdĂ€mpft –, erscheint das Vertrauen in den Staat dagegen vollkommen absurd: Auch wenn mensch von Seiten des Staates einrĂ€umt, dass es unmöglich ist, die Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern, auch wenn mensch einrĂ€umen muss, dass jeder (gewaltsame) Versuch, soziale Beziehungen zu unterbrechen lediglich eine aufschiebende Wirkung hat, gibt mensch vor, das zu kontrollieren, was sich innerhalb der Logik dieses Staates und seiner Zivilisation nicht kontrollieren lĂ€sst. Vom Staat können wir nur erwarten, belogen und getĂ€uscht und schließlich auch des letzten QuĂ€ntchens Freiheit, das wir noch zu besitzen glauben, beraubt zu werden, denn der einzige Zweck, den er verfolgt ist sich selbst und seine kapitalistische Ordnung aufrechtzuerhalten. Einige Politiker*innen, darunter auch der bayerische Innenminister Söder und sein Kultusminister sind sogar so dumm, dies offen zuzugeben: AnlĂ€sslich ihres Beschlusses, die Schulen in Bayern zu schließen, verkĂŒndeten sie, dass eine Betreuung von Kindern mit Eltern, die „systemkritische Berufe“ ausĂŒben, dennoch stattfinden werde. Darunter verstehen sie Berufe des Gesundheitswesens, aber auch Bull*innen und andere BĂŒttel des Staates, die die „Sicherheit“ gewĂ€hrleisten sollen. Ihnen geht es also darum, auch wĂ€hrend sich die Corona-Epidemie ausbreiten wird, die Macht des Staates zu erhalten [3]. Dabei werden die TĂ€tigkeiten der Bull*innen vor allem darin bestehen, diejenigen, die gegen die Bevormundung durch den Staat aufbegehren werden, niederzuknĂŒppeln. Personen, die sich nicht unter QuarantĂ€ne setzen lassen werden, Personen, die den VerfĂŒgungen des Staates nicht nachkommen, einfach jede*n, der*die sich widersetzt. Ein kleiner Trost dabei bleibt, dass sich die Bull*innen bei dieser TĂ€tigkeit, die sie einer Infektion stĂ€rker aussetzen wird, als viele andere, hoffentlich reihenweise Coronainfektionen einfangen werden; Mit etwas GlĂŒck mit schwerem Verlauf.

Doch der Einsatz repressiver Gewalt durch die Polizei ist nicht das Einzige, was der Staat auf Lager hat. WĂ€hrend der Wirtschaft bereits Gelder versprochen werden, um die durch repressive Maßnahmen des Staates verlorengehenden Gewinne zu kompensieren, ist völlig unklar, inwiefern die aus den gleichen Maßnahmen resultierenden VerdienstausfĂ€lle der Menschen vom Staat abgefangen werden. WĂ€hrend die BĂŒttel des Staates eine staatlich verordnete „Kinderbetreuung“ geniesen und so weiter zur Arbeit gehen können, gilt das fĂŒr alle anderen nicht. Sie mĂŒssen diese selbst ĂŒbernehmen. Dabei bin ich nicht der Meinung, dass Kinder und Jugendliche „betreut“ werden mĂŒssten, sofern sie selbst in der Lage sind oder anderweitig in diese Lage versetzt werden, ihre BedĂŒrfnisse zu befriedigen, aber der gesellschaftliche Konsens und sogar die Gesetze des Staates sagen da etwas anderes. Wer also anstatt der Schule und des Kindergartens meint, seine*ihre Kinder „betreuen“ zu mĂŒssen, ist darauf angewiesen Urlaub zu nehmen oder seinen*ihren Job zu kĂŒndigen. Wenn – wie das aufgrund der Erfahrungen in Italien und anderen LĂ€ndern zu erwarten ist – GeschĂ€fte, Restaurants, usw. zwangsweise durch den Staat geschlossen werden, bedeutet das fĂŒr viele prekĂ€r beschĂ€ftigte Menschen die Entlassung oder massive EinkommensausfĂ€lle. Und wer gerade einen neuen Job sucht, die*der hat sowieso Pech gehabt [4]. Wer dabei glaubt, dass hier der Staat in die Presche springen wird und den Menschen hilft, ihren Lebensunterhalt weiter zu bestreiten, die*der ist naiv. Dem Staat geht es darum, die Reichen und Besitzenden davor zu schĂŒtzen, ihren Reichtum zu verlieren. Wer nichts besitzt, die*der ist dem Staat egal. Wenn er*sie GlĂŒck hat, kann sie*er Sozialhilfe beziehen, aber bei einer lĂ€nger andauernden Epidemie dĂŒrfte selbst das fraglich sein.

Auch wenn es mir grundsĂ€tzlich nachvollziehbarer scheint, in die (medizinischen) Wissenschaften zu vertrauen, als auf den Staat, so finde ich das jedoch ebenso absurd: Der Weg, den die hießige Medizin eingschlagen hat, ist zentralistisch und herrschaftsvoll. Medizinisches Wissen ist heute beinahe ausschließlich bei Expert*innen (Ärzt*innen) vorhanden, denen und derer Industrie es folgerichtig nicht vorrangig darum geht, eine Krankheit zu heilen, sondern darum, Profit aus der Heilung einer Krankheit zu ziehen. Medikamente und viele moderne (teure) Behandlungsmethoden sind nur denen zugĂ€nglich, die dafĂŒr bezahlen können (oder fĂŒr die eine Krankenversicherung bezahlt) und werden nur dann erforscht, wenn sie entsprechende Gewinne versprechen. Zugleich werden PrĂ€perate mit erheblichen Nebenwirkungen bewusst auf den Markt gebracht, um rĂŒcksichtlos Gewinne einzustreichen. Bei all dem versucht die Medizin bestĂ€ndig Menschen zu normieren und strebt danach den menschlichen Organismus ebenso wie die Menschen selbst bis ins letzte Detail zu kontrollieren. Virolog*innen entwickeln seit Jahrzehnten MasterplĂ€ne, die darin bestehen soziale Kontrolle ĂŒber die Menschen auszuĂŒben, in der Hoffnung dadurch Epidemien eindĂ€mmen und kontrollieren zu können. Das Individuum scheint dabei kaum noch eine Rolle zu spielen. Immer geht es nur darum, eine Ausbreitung eines Virus/einer Krankheit zu verhindern, indem Individuuen von anderen isoliert und ihre Handlungen genaustens kontrolliert werden. Das sind sicher nur einige und auch nur wenig vertiefte Kritikpunkte an der Medizin, die mir in diesem Kontext relevant erscheinen, aber eine ausfĂŒhrliche Auseinandersetzung mit der Wissenschaft im Allgemeinen und der Medizin im Speziellen wĂŒrde sicher jeglichen Rahmen sprengen.

Revolte gegen Staat und Zivilisation statt freiwilliger QuarantÀne

Derzeit lĂ€sst sich beobachten, dass ĂŒberall Veranstaltungen abgesagt werden und sich alle möglichen Menschen darin gefallen, das Mantra der Regierenden nach sozialer Vereinzelung zu wiederholen. Ja, manch eine*r geht sogar soweit, andere Menschen, die sich diesem Unsinn nicht freiwillig unterwerfen wollen, zu maßregeln und anzufeinden. Dabei halte ich die vorgeschlagene soziale Isolation aller angeblich zugunsten von Angehörigen von „Risikogruppen“ fĂŒr eine mit anarchistischen Ideen unvereinbare Haltung und zwar unabhĂ€ngig davon, ob dieser Vorschlag nun von einem Staat kommt oder von irgendjemand anderem!

Schenkt mensch den sogenannten „Expert*innen“ Glauben – und das tue ich explizit nicht, aber ich will einmal kurz annehmen mensch tĂ€te es, um zu zeigen, dass selbst dann eine soziale Isolation aller unnötig autoritĂ€r ist –, so werden sich mehr oder weniger alle Menschen – oder zumindest ein großer Teil der Menschen – mit dem Coronavirus infizieren, egal ob wir uns nun sozial isolieren oder nicht. Der erklĂ€rte und erwĂŒnschte Effekt einer solchen sozialen Isolation aller von allen wĂ€re vielmehr, die Ansteckungsrate so gering zu halten, dass alle Infizierten mit einem schweren Verlauf der Krankheit Zugang zu ausreichender medizinischer Versorgung haben. Zugleich sagen die Expert*innen, dass sich eine sogenannte HerdenimmunitĂ€t einstellt, wenn eine gewisse Durchseuchung in der Gesellschaft erreicht ist, also ein großer Anteil die Krankheit bereits hatte und entweder besiegt hat, oder gestorben ist. Schwere VerlĂ€ufe der Krankheit sind vor allem bei bestimmten Risikogruppen zu erwarten, und zwar bei Ă€lteren Menschen (die sind ĂŒbrigens Risikogruppe fĂŒr fast alle Krankheiten) und bei Menschen mit bestimmten chronischen Vorerkrankungen. Hier stellt sich mir die Frage, warum hier irgendwer glaubt, es wĂ€re eine gute Idee, irgendjemandem vorzuschreiben, was sie*er zu tun hat – und zwar nicht, weil ich das allgemein ablehne, was ich natĂŒrlich tue, sondern auch, weil ich in einer solchen Lösung nicht mehr, ja sogar weniger „Erfolgschancen“ sehe, als in der intuitiven antiautoritĂ€ren „Jede*r-kann-fĂŒr-sich-selbst-entscheiden“-Lösung: Wer Angst hat, sich mit Corona zu infizieren, die*der kann sich ganz individuell dazu entscheiden, sich sozial (bis zu einem bestimmten Grad) zu isolieren oder auch andere Schutzmaßnahmen zu ergreifen. Wer glaubt, keine Angst vor einer Infektion haben zu mĂŒssen oder der Meinung ist, dass sich das Risiko lohnt (was bestimmt auch Angehörige von „Risikogruppen“ zum Teil so sehen), die*der isoliert sich eben nicht. Wer meint, sich zusammen mit einem*einer nahestehenden Personen aus SolidaritĂ€t isolieren zu wollen, die*der kann das ja tun. Sollte das medizinische System dabei ĂŒberlastet werden, Pech gehabt. Das ist es ja in tausenden anderen FĂ€llen sowieso. Und ja, dann werden Menschen sterben, so wie ja auch jetzt bereits bei anderen Krankheiten, so wie im Straßenverkehr, so wie bei HaushaltsunfĂ€llen, usw. Aber ist das ein Grund, das eigene (vielleicht nur imaginierte) Schutzinteresse autoritĂ€r auf dem RĂŒcken anderer auszutragen? Und immerhin ist auf diesem Weg die Zeit bis zu einer „HerdenimmunitĂ€t“ relativ gering, wenn sich aber nacheinander immer nur so viele Menschen anstecken „sollen“, wie das Gesundheitssystem auch verkraftet, dann wird das Jahre dauern. Monate und Jahre der sozialen Isolation? Na diese psychischen „Folgeerkrankungen“ sind bestimmt nicht besser als Corona.

Aber wenn es aus meiner Perspektive keinen Sinn macht, sich „fĂŒr andere“ freiwillig in QuarantĂ€ne zu begeben, was soll ich dann tun? Soll ich warten bis aus „freiwillig“ „zwangsweise“ wird, soll ich warten bis das sich den autoritĂ€ren Maßnahmen widersetzen mit schweren Strafen belegt wird? Darauf habe ich keine Lust. FĂŒr mich heißt das Problem noch immer Herrschaft und es findet seinen Ausdruck noch immer vor allem durch den Staat, die Zivilisation und kapitalistische Institutionen. Und gerade momentan befindet sich die Herrschaft offensichtlich in einer Offensive: Wenn ich abwarte, dann werde ich morgen in einer Welt erwachen, in der fĂŒr mich und fĂŒr all die anderen subversiven Elemente, fĂŒr Arme, fĂŒr Marginalisierte, fĂŒr keine*n mehr Platz sein wird, also noch weniger Platz als bereits heute. Und ob das nun in einem Monat wieder enden wird, oder in zwei oder in einem halben Jahr, das steht in den Sternen. Deshalb ist fĂŒr mich klar, dass ich mich jetzt widersetzen muss, dass es an mir und allen anderen, die eine solche Perspektive fĂŒr unvereinbar mit ihren Vorstellungen halten, liegt, gegen Staat, Zivilisation und Herrschaft zu revoltieren.

Dabei sind die Voraussetzungen vielleicht gar nicht so ungĂŒnstig: Der Staat hat die NormalitĂ€t unterbrochen, jetzt liegt es an uns allen, ob wir die neue NormalitĂ€t des Ausnahmezustands akzeptieren, oder ob wir diese momentane SchwĂ€che des Staates ausnutzen, um ihn erbarmungsloser denn je anzugreifen.

Anmerkungen

[1] Nimmt mensch an, dass ein Zyklus in diesem Modell 7 bis 14 Tage umfasst, also dem Zeitraum entspricht, der von den Virolog*innen derzeit bei Corona angenommen wird, so wÀre der 32. Zyklus nach 224 bis 448 Tagen, also nach rund einem Jahr erreicht.
[2] Dabei sollte jeder*jedem klar sein, dass hier nicht die Grenze als eine willkĂŒrlich gezogene Linie zwischen zwei Staaten verhinderte, dass diese Epidemien sich ausbreiteten. TatsĂ€chlich gab es natĂŒrlich auch Infektionen dieser Epidemien jenseits der römischen Staatsgrenzen. Allerdings konnten sich diese Epidemien in weniger zivilisierten Gebieten nicht so ohne weiteres ausbreiten, da vielfach die strukturellen Voraussetzungen fĂŒr eine effiziente Verbreitung fehlten. So ist vielmehr davon auszugehen, dass diese Epidemien nach einer Durchseuchung der direkt an das Römische Reich angrenzenden Regionen ausstarben. WĂ€ren diese Regionen Teil einer Ă€hnlichen Zivilisation gewesen, hĂ€tten sie sich vermutlich fortsetzen können.
[3] Das zeigt auch die Mobilmachung des MilitĂ€rs, die derzeit – selbstverstĂ€ndlich – noch als „humanitĂ€rer“ Einsatz deklariert wird. Reservist*innen werden derzeit einberufen, um im Fall von VersorgungsengpĂ€ssen und im medizinischen Bereich zu helfen. Neben der Militarisierung dieser Bereiche durch den Einsatz der gedrillten und gehorsamen Soldat*innen erscheint mir jedoch noch ganz anderes zu drohen. Zum derzeitigen Zeitpunkt scheint mir eine Mobilmachung des MilitĂ€rs vielmehr dazu zu dienen, sich auf einen Einsatz zur AufstandsbekĂ€mpfung an den Grenzen oder im Innland vorzubereiten.
[4] Ich möchte hier nicht missverstanden werden: Ich fordere hier keineswegs ArbeitsplĂ€tze fĂŒr jede*n. Im Gegenteil: Ich lehne die Ausbeutung der Arbeitskraft der Menschen entschieden ab und versuche Arbeit selbst aus dem Weg zu gehen wo ich nur kann. Hier jedoch geht es nicht darum, eine Arbeit fĂŒr jede*n zu fordern, sondern darum, dass durch einen plötzlichen Wegfall von ArbeitsplĂ€tzen als Resultat einer staatlichen VerfĂŒgung, zahlreiche Menschen um ihre Existenzgrundlage gebracht werden. Die Folge ist dabei nicht etwa eine Befreiung von Arbeit, sondern höchstens eine weitere Prekarisierung der LebensverhĂ€ltnisse derjenigen, die ohnehin gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen.

Artikel ursprĂŒnglich veröffentlicht in ZĂŒndlumpen Nr. 57, MĂ€rz 2020

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Quelle: Schwarzerpfeil.de