November 16, 2020
Von Anarchosyndikalismus
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Das Wiener Arbeiter*innen-Syndikat beteiligt sich an der Aktionswoche gegen nichtgezahlte Löhne der Internationalen Arbeiter*innen-Assoziation (IAA), in welcher sie als Freund*innen föderiert sind:

Das Nicht-Zahlen von Löhnen hat international System

Das PhĂ€nomen, daß FirmenbesitzerInnen und Chefs ihren Arbeiter*innen die Löhne aus mannigfaltigen GrĂŒnden vorenthalten, ist kein Schicksal. Es handelt sich auch nicht um ausnahmsweise unmenschliche Vorgesetzte oder UnternehmerInnen, sondern die Sache hat System. ArbeiterInnen haben in dieser Welt nichts außer ihrer Arbeitskraft zu verkaufen. Das kapitalistische System zwingt jedes Unternehmen dazu, noch mehr „einzusparen“, billiger zu produzieren oder dienstzuleisten, und noch mehr zu wachsen, damit im folgenden Jahr eben noch höhere Renditen erwirtschaftet werden.

Und dabei muß das Kapital halt teilweise auch „kreativ“ werden, 
 Löhne und GehĂ€lter einfach nicht zu bezahlten oder vorzuenthalten, mit welchen BegrĂŒndungen auch immer, ist eine dieser Methoden des Kapitals, die uns ArbeiterInnen weltweit betrifft! Daher hat die Internationale ArbeiterInnen-Assoziation (IAA), in der wir weltweit föderiert sind, beschlossen, die dritte Oktoberwoche zur Aktionswoche gegen unbezahlte Löhne auszurufen. Ein Ziel ist es, aufzuzeigen, daß wir weltweit vor den selben Problemen stehen. Ein Weiteres ist es, klarzumachen, daß organisierte ArbeiterInnen durchaus etwas gegen diesen strukturellen Lohnraub unternehmen können. Die Woche steht nĂ€mlich auch ganz im Zeichen der möglichen Handlungsformen, die sich uns HacklerInnen bieten, um uns die Nichtbezahlung eben nicht gefallen zu lassen, und dem Wahnsinn kollektive Aktionen, die so direkt wie möglich sein sollten, entgegenzusetzen.

Kundgebung in Wien-Donaustadt

Wir vom WAS haben uns den Fall eines Genossen ausgesucht, den wir diesbezĂŒglich öffentlich vorstellen, der wirklich höchst exemplarisch fĂŒr die momentane Verfasstheit unseres weltweiten Wirtschaftssystems steht. Unser Freund aus Spanien ist IT-Techniker, und wurde von einer kleinen Wiener Bude angeworben. Was wurde ihm nicht alles versprochen oder zumindest in Aussicht gestellt. Und selbstĂ€ndig sollte er sein, der Genosse aus Spanien. Nur drei Tage in Wien, bei einem bekannten IT-Konzern im BĂŒro sitzen, und vier Tage in der Woche aus Spanien, oder sonstwo.

In Wien angekommen, wurde nach kurzer Zeit immer klarer, daß es sich um einen stinknormalen Job handelt, der angemeldet sein mĂŒĂŸte. Unser Genosse hat dies auch in Aussicht gestellt bekommen. Nachdem sich aber lĂ€ngere Zeit nichts in diese Richtung bewegt hat, hat er glĂŒcklicherweise im Dezember 2019 die Notbremse gezogen, und das DienstverhĂ€ltnis noch in der Probezeit gelöst.

Der Arbeitgeber aus Wien hat seitdem auf stur geschalten, und verweigert jegliche Anmeldung und Bezahlung der bereits geleisteten Arbeit. Womit er aber nicht gerechnet hat sind Basisgewerkschaften, die sich aufrichtig um ihre Mitglieder kĂŒmmern – gemeinsam, ohne Hierarchien und gleichberechtigt. Unser Genosse ist nĂ€mlich in Spanien Mitglied bei der CNT-AIT und somit ĂŒber unsere Föderation auch Mitglied beim WAS.

Internationale Woche gegen nicht-gezahlte Löhne (IAA)

Mit enormen Aufwand haben wir schließlich festgestellt, daß es insgesamt vier Ebenen an Subunternehmen gibt, die in den Verkauf der Arbeitskraft involviert sind. Außerdem kann es sich alleine schon aus arbeitsorganisatorischen GrĂŒnden, wie Nutzung des Laptops einer Firma in Wien, BĂŒroarbeitsplatz in Wien, vorgegebene BĂŒroarbeitszeiten usw., ausschließlich um eine unselbstĂ€ndige ErwerbstĂ€tigkeit gehandelt haben. Also ein AnstellungsverhĂ€ltnis.

Die Firma Seamox aus Wien, eigentlich ein kleiner Fisch in dem ganzen Spiel, bietet jedoch hauptsĂ€chlich gĂŒnstige ArbeitskrĂ€fte im Nearshoring an. Und diese „GĂŒnstigkeit“ muß irgendwoher kommen. Es stellt sich also die Frage, ob die Idee, österreichische Sozialversicherung und Steuern zu umgehen, das GeschĂ€ftsmodell selbst darstellt?

Als „Lösung“ empfehlen diverse Stellen dann immer Klagen bei Gerichten. Was natĂŒrlich fĂŒr Menschen, die tausende Kilometer entfernt leben, und kein Deutsch sprechen, nicht machbar ist, besonders wenn sie nicht ĂŒber grĂ¶ĂŸere RĂŒcklagen verfĂŒgen.

Aber wir AnarchosyndikalistInnen haben eben auch andere Methoden. Öffentlichkeit schaffen fĂŒr die ZustĂ€nde unserer Wirtschaft, ist eine davon. Öffentlichkeit schaffen fĂŒr spezielle Firmen, wie Seamox, die sich seit bald zehn Monaten weigern, eine korrekte Anstellung vorzunehmen, ist eine Andere. In Tradition der „Pickets“ stehen wir in KaisermĂŒhlen, bei Seamox und konfrontieren sie damit, daß unser Genosse seit vielen vielen Monaten auf seine Anstellung und auf seine Bezahlung fĂŒr die Arbeit, die er im November und Dezember 2019 geleistet hat, wartet.

NĂ€chste Woche, oder nĂ€chstes Monat, stehen wir dann vielleicht auch schon beim nĂ€chsthöheren Subunternehmer, der die Verantwortung fĂŒr diese Subunternehmerketten natĂŒrlich auch nicht ĂŒbernehmen will. Dabei ginge es in diesem Fall um lediglich 5800,- Euro alles zusammen.

Was uns AnarchosyndikalistInnen ebenfalls ausmacht, und was viele ChefitĂ€ten erst lernen mĂŒssen; wir wissen darum, daß wir ArbeiterInnen nichts als unsere Gegenseitige Hilfe und SolidaritĂ€t haben. Das bedeutet, daß wir auch bei „kleinen“ MißstĂ€nden bereit sind, vordergrĂŒndig einmal vollkommen unverhĂ€ltnismĂ€ĂŸigen Aufwand zu betreiben, der in keinem VerhĂ€ltnis zu dem Verlust durch die – in diesem Fall – nicht-bezahlten GehĂ€lter steht.

Wir tun dies, weil wir uns gegenseitig ernst nehmen, und weil die Erfahrung eines positiv abgeschlossenen Arbeitskonfliktes eben auch „unbezahlbar“ ist. Wir sind auch der Meinung, daß wir genau die richtige Antwort auf die grenzĂŒberschreitende Ausbeutung von ArbeiterInnen geben. Wir organisieren uns international und agieren unbĂŒrokratisch auf die Situation angepasst. Eine Sache mit der viele KapitalistInnen nicht rechnen.

Man wird uns also auch nicht mehr los, wir stehen gegebenenfalls noch in Jahren auf der Straße und prangern die MißstĂ€nde in konkreten Firmen an und zwar ĂŒberall auf der Welt.

Denn ein Angriff gegen Eine, ist ein Angriff gegen Alle!

Wiener Arbeiter*innen-Syndikat (WAS)

Quelle: https://wiensyndikat.wordpress.com/2020/10/13/internationale-aktionswoche-gegen-nichtgezahlte-loehne-2/

Siehe auch:

„Bericht zur Kundgebung vor der Seamox GmbH am 14. Oktober“ (WAS)

„Internationale Aktionswoche gegen nicht-gezahlte Löhne (12.-18.10.)“ (IAA)




Quelle: Anarchosyndikalismus.blackblogs.org