Juli 5, 2021
Von ZĂŒndlumpen
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Nachdem es am Donaukanal und am Karlsplatz in Wien wiederholt zu Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und der Polizei gekommen ist, setzt die Stadt Wien auf eine neue Strategie. Kurzerhand rekrutierte sie eine andere Art von Bullen: Ein Awarenessteam.

Wir haben uns als Stadt dazu entschieden, mit dem Einsatz der Awareness-Teams im öffentlichen Raum bei Konfliktsituationen deeskalierend zu wirken. Denn klar ist, solange die Nachtgastronomie nicht wieder öffnet – ohne Sperrstunde und ohne fixe Zuteilung der SitzplĂ€tze – nutzen junge Menschen vermehrt den öffentlichen Raum, um zu tanzen und zu feiern.

Und feiern, das weiß schließlich jede*r Besucher*in eines linken Kulturzentrums, lĂ€sst es sich noch immer am Besten mit einem Awarenessteam. Denn wĂ€hrend die waffentragende Polizei zwar mit ihrem Blaulicht wenigstens fĂŒr die geeignete ClubatmosphĂ€re zu sorgen vermag,  
  nun 
 fragt man sich, welchen Beitrag ein Awarenessteam zu einer gelungenen Party leisten kann? Fragen wir es doch selbst:

Wir haben ein sehr gutes erstes Wochenende hinter uns und haben von unseren GesprĂ€chspartnerinnen und -partnern viele positive RĂŒckmeldungen zu unserer Arbeit bekommen. Der grundsĂ€tzliche Tenor in den GesprĂ€chen war, dass solche Eskalationen wie am Wochenende davor zu vermeiden sind.

Achso? Ein Befriedungskomitee also, das die Menschen davon abhÀlt, auf die klassischeren Bullenschweine loszugehen?

Eingeschritten wird nach EinschÀtzung des Teams zum Beispiel bei grober Verschmutzung, LÀrmbelÀstigung, Diskriminierung oder Gewaltausschreitungen. Dabei tausche man sich eng mit anderen Organisationen wie Streetworker sowie mit der Polizei aus. Ab nÀchstem Wochenende werden die Teams zudem mit erkennbaren LastenfahrrÀdern unterwegs sein und je nach Situation auch Warnwesten tragen, um sichtbarer zu sein.

Dass Awarenessteams neben dem Angebot, eine Anlaufstelle fĂŒr Personen zu bieten, die aufgrund des ĂŒbergriffigen oder diskriminierenden Verhaltens anderer UnterstĂŒtzung benötigen, hĂ€ufig sittenpolizeiliche Aufgaben ĂŒbernehmen, ist eine ebenso oft geĂ€ußerte, wie von Seiten der Verfechter*innen einer solchen Institution als „antifeministisch“ und „privilegiert“ zurĂŒckgewiesene Kritik und wenn solche Dynamiken von Awarenessteams dann doch einmal nicht mehr zu leugnen sind, so heißt es, dies seien Ausnahmen. Dabei wird innerhalb der Awarenesssekten und ihrer Tempel, den sogenannten Safe Spaces, schon seit langem rege diskutiert, wie auch eine Zusammenarbeit mit der Polizei zu gestalten wĂ€re, wenn sich das etwa eine betroffene Person wĂŒnsche. Keine*r, die*der die von fĂŒhrenden Awarenesspriester*innen verbreiteten Materialien [1] der letzten Jahre gelesen hat, sollte ĂŒberrascht darĂŒber sein, dass einer dort beobachtbaren Aufweichung des Grundsatzes, nicht mit den Bullen zusammenzuarbeiten nun die offene Zusammenarbeit mit den Bullen, als Bullen logisch folgt, ebenso wie die Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen im Sinne der (AufstandsbekĂ€mpfungs-)Interessen des Staates die logische Fortsetzung einer Tendenz ist, sich seine Awareness-Arbeit nicht nur vom Staat finanzieren und vergĂŒten zu lassen, sondern diese Förderung auch auf seinen Materialien zu vermerken [2]. Und wundert es eine*n da ĂŒberhaupt noch, dass das in Wien bestellte Awarenessteam AwA_wien „einschreiten“ soll, wenn „grobe Verschmutzung, LĂ€rmbelĂ€stigung [
] oder Gewaltausschreitungen“ vorliegen? Sprich: Statt einer Anlaufstelle vielmehr klassische sittenpolizeiliche Aufgaben ĂŒbernehmen soll?

Auseinandersetzungen, die in der Vergangenheit mit Awarenessteams stattgefunden haben, haben sich ja meist selbst dann gewaltsamer Mittel nicht bedient, wenn selbst die autoritĂ€rsten Dinge von einem Awarenessteam umgesetzt wurden. Vielleicht weil man irgendwie dann doch noch einen Unterschied gemacht hat zwischen einer Möchtegern-Awareness-Polizei und den echten Cops. Dieser Unterschied jedoch: Im Falle des AwA_wien existiert er wohl nicht lĂ€nger. Und so denke ich, dass ich hier guten Gewissens mit einem Bildzitat aus der zu diesem Thema mehr als lesenswerten BroschĂŒre „I survived Awareness“, bestellbar beim MaschinenstĂŒrmer Distro, enden kann:


[1] Etwa das von awareness.ch verbreitete „Merkblatt zur Awareness-Arbeit an Events“, in dem es zu „Betroffene Person möchte, dass die Polizei gerufen wird“, heißt: „→ erklĂ€ren, dass die Polizei nicht viel helfen wird. Es kann auch schlimmer, traumatischer werden. Ausser wenn ein Übergriff beweisbar ist. Wir mĂŒssen ihr klar machen, dass das auftreten der Polizei eine chaotische Situation auslösen kann resp. wird. Wir können jedoch anbieten, die Person zum nĂ€chsten Posten zu begleiten.“ oder auch in den ebenfalls von awareness.ch verbreiteten „9 Prinzipien wie du eine*n Überlebende*n sexualisierter Gewalt unterstĂŒtzen kannst“: „Möchte [die Person], dass die Polizei gerufen wird? Diese Entscheidungen sind besonders schwierig, also brauchst du als UnterstĂŒtzer*in* Geduld. Hilf der betroffenen Person, Entscheidungen zu treffen. KrankenhĂ€user und Polizei können traumatisierende und unsichere Orte darstellen, insbesondere fĂŒr People of Colour oder Transmenschen. Du als UnterstĂŒtzer*in* solltest der betroffenen Person helfen, sich der Folgen einer solchen Entscheidung klar zu werden. Die betroffene Person hat aber immer das letzte Wort in einer solchen AbwĂ€gung, auch wenn du nicht mit ihrer Wahl einverstanden bist.“

[2] So beispielsweise die vom „Bundesministerium fĂŒr Familie, Senioren, Frauen und Jugend“ und dem „Amt fĂŒr Migration und Integration Freiburg“ finanzierte BroschĂŒre „Awareness 
 in Theorie und Praxis“ des A-Teams Freiburg, in der im Übrigen auch die Zusammenarbeit mit der Polizei zumindest nicht vollkommen ablehnend diskutiert wird.




Quelle: Zuendlumpen.noblogs.org