MĂ€rz 3, 2021
Von ZĂŒndlumpen
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Vor dreißig Jahren ist eine Autoimmunerkrankung in meinem Blut aufgetaucht. Ich habe die giftigen kĂŒnstlichen Medikamente recherchiert und die Verschreibungen abgesetzt. Rheumatolog*innen, die Spezialist*innen, die die höchste Todesrate durch ihre Rezeptblöcke verursachen, behandelten mich wie eine*n AussĂ€tzige*n, weil ich ihre Expertise verweigerte. Dann behandelten sie mich wie eine bizarre KuriositĂ€t, als ich ihnen erzĂ€hlte, wie ethnobotanische Heilmittel linderten, was mich plagte. Sie fĂŒhlten sich entmachtet, als sie mich baten, die Namen der Pflanzen zu buchstabieren, um sie in meinen Akten zu dokumentieren.

Selbst wenn das moderne Gesundheitswesen sicher und effektiv wĂ€re, kollaboriert die Medizin noch immer mit der Zivilisation darin, genug »Zuckerbrot« auszuteilen, um die Ordnung aufrechtzuerhalten, wĂ€hrend sie die Schichten der »Armen« und »Reichen« getrennt hĂ€lt. Die Ungleichheit des institutionalisierten Gesundheitswesens dient der Zivilisation als Warnung davor aus der Reihe zu tanzen, sonst wirst auch du in Hunger und Elend schmachten. Aber wie Schulen und Jobs ist auch die Medizin ein Trick, den Ökozid der Zivilisation voranzutreiben, der seine Wurzeln im Glauben an den Fortschritt hat. Es ist schlicht zu erschreckend, diesen Glauben als falsch zu betrachten, wir sind bereits so tief in der Falle des Fortschritts eingesunken, dass es sich anfĂŒhlt, als gĂ€be es keine andere Option; und so ist der Fortschritt zur einzigen Welt geworden, die die Menschen kennen.

Was ist der Preis des Fortschritts? Die Medizin nimmt am hochmĂŒtigen Massaker an der »besitzlosen« Erde und an den Tieren in der Moderne teil – indem sie Labortiere foltert und tötet, WasserlĂ€ufe mit giftigen Medikamenten verschmutzt, die Mutationen bei Fischen und Amphibien hervorbringen und das Land mit Bergen von synthetischen Abfallprodukten zumĂŒllt. Sie verfĂŒttert gesundheitsschĂ€dliche getötete Tierkörper an stationĂ€re Herzpatient*innen, die spĂ€ter weitere Medikamente und Operationen benötigen – wie eine gut geölte Maschine.

Es ist nicht so, dass ich die moderne Medizin automatisch ablehne, aber ich bin aus dem Bauch heraus wĂ€hlerisch. Gebrochene Knochen – ok, ich nehme einen Gips. Ich fĂŒhle mich berechtigt, die Techno-topie der Moderne auszunutzen, wo und wie ich will. Sie hat den Menschen das wilde Wissen, das wilde Zuhause, in dem wilde Nahrung und Medizin lebt, gestohlen. Sie verursacht eine Katastrophe voller menschlicher und nichtmenschlicher Erkrankungen und Tode und verdient ebensoviel Vertrauen und Respekt wie ein*e pathologische*r Serienmörder*in. Von der technologischen Umweltverschmutzung ĂŒber AutounfĂ€lle, WohnungsbrĂ€nde, Suizide aufgrund von Depressionen bis hin zu Klimawandel-Katastrophen; die Liste ist endlos. WĂ€hrend die prĂ€zivilisatorische Wildnis ein anderes Set an gefĂ€hrlichen Risiken bereithielt, verblassen die frĂŒhen menschlichen Erkrankungen und Tode im Vergleich dazu.

Die neandertalische Heilkunst, die sowohl akute als auch chronische schwerwiegende BedĂŒrfnisse mit einfachen, effektiven Heilmitteln behandelte, war weitverbreitet. Es gab Individuen mit Verletzungen und Krankheiten, die ein hohes Maß an tĂ€glicher FĂŒrsorge fĂŒr Monate und sogar Jahre benötigten. Feldhofer 1 [wissenschaftliche Bezeichnung eines Neandertaler-Fossils; Anm. d. Übers.] (ca. 40.000 Jahre vor unserer Zeit) erholte sich von einem schwerwiegenden Armbruch, der eine Fixierung seines Armes erforderte, sowie die Versorgung mit Essen, Wasser und Schutz und erhielt eine Langzeitbehandlung einer chronischen Krankheit. Shanidar I [ebenfalls ein Neandertaler-Fossil; Anm. d. Übers.] (ca. 45.000 Jahre vor unserer Zeit) erhielt fĂŒr mindestens eine Dekade FĂŒrsorge, um mit einem verkĂŒmmerten Arm, einem beschĂ€digten Bein und vermutlich einem blinden Auge sowie Gehörverlust zu ĂŒberleben. La Chapelle aux Saints [ebenfalls ein Neandertaler-Fossil; Anm. d. Übers.] (ca. 60.000 Jahre vor unserer Zeit) wurde wegen einer schwerwiegenden Arthrose und einer systemischen Erkrankung umsorgt. Bloß durch sich kĂŒmmernde Begleiter*innen und primitive Mittel, keine Notwendigkeit ein Blutbad zu begehen.

FrĂŒhe Menschen kĂŒmmerten sich auch selbst um ihre eigenen medizinischen BedĂŒrfnisse. Beispielsweise fanden Anthropolog*innen einen erkrankten Neandertaler aus der El SidrĂłn-Höhle mit einem eiternden Zahn und einem Darmparasiten, der Durchfall verursacht. Eine DNA-Analyse seines Zahnsteins ergab, dass er eine bestĂ€ndige ErnĂ€hrung aus Pappeln zu sich nahm, die das natĂŒrliche Schmerzmittel SalicylsĂ€ure enthielt, den Wirkstoff in Aspirin, sowie Pflanzen, die von Penicillium-Pilzen bedeckt waren, dem Penicillin des Antibiotikums. FrĂŒhere Menschen, wie alle Tiere, fanden ihre Medizin und Heilstrategien durch tiefgehende Beziehungen, Instinkte und scharfe primĂ€re Sinne, die in der Zivilisation schwinden.

Die Wissenschaft bezweifelt und spottet ĂŒber primitive Weisheit. Gesundheits-AnimalitĂ€t wiederzuerwecken verschiebt den Ort der Kontrolle zurĂŒck in Richtung Ökologie, wieder eingesetzter Zugehörigkeit und Symbiose. WĂ€hrend fortgeschrittene medizinische Technologien die Heilkunst frĂŒherer Zeiten besonders fĂŒr Kinder ĂŒbertreffen, gilt jedoch: Wie viele Verletzungen und Krankheiten werden von der Technologie verursacht? Und ist sie den Preis des Techno-Ökozids fĂŒr alle wert? Ich habe das GefĂŒhl, dass die meisten Tiere, inklusive mir, wilde Heilkunst und die RĂŒckgabe unseres gestohlenen Landes und unseres Lebens bevorzugen. Der Fortschritt erwidert: Willst du, dass ein Kind an einer leicht zu behandelnden Infektion stirbt? Genausowenig, wie ich ein Kind von einer Kugel niedergestreckt haben will, Großmutters Pillen fressen will oder angesichts dessen, was die Menschen der Welt antun, Suizid begehen möchte.

Referenzen

  • Derricourt, Robin M. Unearthing Childhood: Young Lives in Prehistory, 2018.
  • Ryan, Christopher. Civilized to Death: The Price of Progress, 2019.
  • Spikins, Penny. How Compassion Made us Human: the Evolutionary Origins of Tenderness, Trust and Morality, 2015
  • Spikins, Penny, et al. »Living to Fight Another Day: The Ecological and Evolutionary Significance of Neanderthal Healthcare« in Quaternary Science Reviews, Vol. 217, 2019 S. 98-118.
  • Weyrich, Laura S., et al. »Neanderthal Behaviour, Diet, and Disease Inferred from Ancient DNA in Dental Calculus.« Nature, International Journal of Science, Vol. 544, 2017, S. 357-361.

Ria Del Montana in Eine ikonoklastische Ungeheuerlichkeit: Behinderung gegen die Zivilisation, erschienen als Übersetzung aus dem Englischen beim MaschinenstĂŒrmer Distro.




Quelle: Zuendlumpen.noblogs.org