Mai 17, 2022
Von InfoRiot
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Die Staatsanwaltschaft fordert fĂŒnf Jahre Haft fĂŒr den mutmaßlichen KZ-Wachmann Josef S. FĂŒr sie ist erwiesen, dass er in Sachsenhausen Dienst tat.

Ein Mann verdeckt sein Gesicht mit einem blauen Aktendeckel

BRANDENBURG AN DER HAVEL taz | FĂŒnf Jahre Haft: So lautet die Strafforderung der Staatsanwaltschaft im Fall Josef S. Der Rentner sei der Beihilfe zum Mord in mehr als 3.000 FĂ€llen schuldig, begangen als SS-Wachmann zwischen 1941 und 1945 im KZ Sachsenhausen bei Berlin.

„Sie haben einfach weggeguckt. Sie haben es verdrĂ€ngt“, sagt Oberstaatsanwalt Cyrill Klement in seinem Schlussvortrag vor dem Landgericht Neuruppin, das in Brandenburg an der Havel tagte. Das Urteil in diesem seit Oktober letzten Jahres laufenden Verfahren könnte Anfang Juni fallen.

Josef S., 101 Jahre alt, bekleidet mit blauer Jacke, hat dem Vortrag des Staatsanwalts aufmerksam und zugleich scheinbar gleichgĂŒltig ĂŒber einen Kopfhörer zugehört. Aufmerksam, weil er kein Zeichen von MĂŒdigkeit erkennen lĂ€sst, gleichgĂŒltig, weil er keine Regung gezeigt hat.

Er verlÀsst den Gerichtssaal danach im Rollstuhl. S., ob seines Alters nur eingeschrÀnkt verhandlungsfÀhig, sitzt derzeit nicht in Haft. Er hat seine TÀtigkeit als Wachmann bis zuletzt vor Gericht standhaft geleugnet.

ErdrĂŒckende Indizienlage

Doch die Indizienlage, so die Staatsanwaltschaft, sei erdrĂŒckend. Klement breitet diese zu Beginn seines Vortrags noch einmal aus. TatsĂ€chlich sprechen sĂ€mtliche schriftlichen Belege fĂŒr die Anwesenheit von S. im KZ Sachsenhausen. Es sei auch keine kurze Episode in seinem Leben gewesen, der gebĂŒrtige Baltendeutsche habe fast vier Jahre lang, von 1941 bis zum Februar 1945, dort als Wachmann fĂŒr die SS gedient – an Postenketten, auf den WachtĂŒrmen und bei der Bewachung der Gefangenen im Außeneinsatz.

Da sind die Schreiben der Einwandererzentralstelle, die Papiere aus dem KZ selbst, die Truppenstammrolle, das Schreiben eines SS-FĂŒhrers, alles mit Name, Geburtsdatum, Geburtsort versehen. Schließlich ein Foto von S., das einem SachverstĂ€ndigen zufolge ihn mit hoher Wahrscheinlichkeit zeigt. Sogar ein Brief von S.’ Vater bezeugt den Einsatz seines Sohnes fĂŒr die SS. S,’ FĂŒhrung im KZ galt als „gut“, Strafen hatte er „keine“. 1944 wurde er zum SS-RottenfĂŒhrer befördert.

„Das alles ist keine Theorie, das sind Fakten“, sagt Oberstaatsanwalt Klement zum Angeklagten. S.’ Behauptung, dass er die Kriegszeit als Erntehelfer verbracht habe, seinen „nicht glaubhaft“ und „widerlegt.“ Es bestehe „kein Zweifel“ an S.’ TĂ€tigkeit im KZ. Der Angeklagte habe eine „Wahr-LĂŒgen-Entwicklung“ hinter sich. Klement nennt ihn einen „willigen Vollstrecker“, der „organisch mit dem KZ gewachsen“ sei.

Von den Morden gewusst

Und dann kommt der Staatsanwalt zum Geschehen in Sachsenhausen selbst und der Beteiligung von S. an den dort verĂŒbten „systematischen Verbrechen“, bezeugt durch die Aussagen Überlebender und durch die Spuren, die die SS selbst hinterlassen hat. Ein Gutachter hat davon in dem Verfahren ĂŒber Wochen berichtet.

Da war die „Genickschussanlage“ genannte Mordmaschine, wo beginnend 1941 und nach einer Unterbrechung erneut im folgenden Jahr sowjetische Kriegsgefangene durch einen Schlitz in der Wand per Genickschuss getötet wurden, wĂ€hrend sie glauben sollten, man vermesse doch nur ihre KörpergrĂ¶ĂŸe. Allein bis zum November 1941 starben so etwa 10.000 Menschen. Die SchĂŒsse seien im ganzen Lager zu hören gewesen.

Und Klement setzt seinen Vortrag fort, fĂŒhrt die lebensfeindlichen Bedingungen aus, und die „Kriegsendverbrechen“, als es der SS darum ging, dass höchstens noch gesunde HĂ€ftlinge am Leben bleiben durften. Schon ab 1944 aber litten die Lagerinsassen unter der völligen ÜberfĂŒllung, unter einer „katastrophalen ErnĂ€hrung“, „mangelhafter Kleidung“ – von einer medizinischen Versorgung habe man gar nicht sprechen können, so der Staatsanwalt. Wer nicht mehr bei Gesundheit war, wurde der „Genickschussanlage“ zugefĂŒhrt und dort ermordet. Ab Mitte 1944 seien „nutzlose Esser“ auch in einer Gaskammer umgebracht worden.

Die SS-Wachmannschaften hĂ€tten von all diesen Morden gewusst. „Willige Vollstrecker wie Sie“ hĂ€tten diese Morde ĂŒberhaupt erst möglich gemacht, sagt Klement, dem Beschuldigten zugewandt. Anstatt den Versuch zu unternehmen, sich durch eine Versetzung als Soldat an die Front dem systematischen Morden zu entziehen, habe S. Karriere gemacht und sei zum RottenfĂŒhrer aufgestiegen, dem höchsten Mannschaftsgrad der SS. Das, so der Staatsanwalt, habe aus S. ein „besonderes RĂ€dchen im Vernichtungswerk“ gemacht.

Mit der Forderung nach fĂŒnf Jahren Haft bleibt Staatsanwalt Klement deutlich unter dem höchstmöglichen Strafmaß fĂŒr Beihilfe zum Mord in Höhe von 15 Jahren. Am nĂ€chsten Montag werden die NebenklĂ€ger zu Wort kommen.




Quelle: Inforiot.de