Februar 18, 2021
Von Waldstattasphalt
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Disclaimer: Diesen Beitrag haben wir von swing.blackblogs.org kopiert und die Veröffentlichung wurde nicht mit der ganzen Besetzung abgesprochen. Es gibt keine autorisierte Gruppe und kein beschlussfĂ€higes Gremium, das ‚offizielle Gruppenmeinungen‘ fĂŒr die Besetzung beschließen könnte. Die Menschen in der Besetzung und ihrem Umfeld haben vielfĂ€ltige und teils kontroverse Meinungen. Diese Meinungsvielfalt wird daher hier nicht zensiert, sondern kann gleichberechtigt neben einander stehen. Kein Text spricht fĂŒr die ganze Besetzung oder wird notwendigerweise von der ganzen Besetzung gut geheißen.

Ereignisreiche Wochen und Monate liegen hinter uns – wer hĂ€tte vor einem Jahr gedacht, dass wir im Herbst 2020 Teil einer bundesweit beachteten Auseinandersetzung im hessischen Hinterland sein wĂŒrden? Doch jetzt ĂŒberwiegt der Schmerz und die Wut ĂŒber den Verlust des Waldes und der Barrios, die wir im Wald geschaffen haben. Es tat weh, ein Baumhaus nach dem anderen fallen zu sehen. Es macht traurig, die gewaltige Schneise der Zerstörung zu betrachten, die die Harvester hinter sich gelassen haben. Wir sind weit davon entfernt zu behaupten, dass aus Schlechtem Gutes entsteht. Wir haben einen Ort verloren.

Und doch ist viel Gutes entstanden. Wir haben uns kennengelernt. In den Barrios und in all den Tagen wurden AffinitĂ€ten bestĂ€rkt und neue entstanden. Dort, zwischen Marburg und Kassel, haben wir Unbekannte kennengelernt und sie uns. Schnell wurden aus Unbekannten Companer@s, Freund*innen, Genoss*innen. Dort, wo viele Jahre eher ein rechter Mainstream (wir erinnern an die Nazis und Fascho-Bullen in Kirtorf) herrschte, sind andere Lebens- und GesellschaftsentwĂŒrfe wieder sichtbar geworden. Das ist nicht wenig.

Vor unserer Trauer war die Wut: ein weiter so wird es nicht mehr geben, darf es nicht mehr geben. Das war das Signal, welches wir aus dem Herri, dem Mauli und dem Danni gesendet haben. Wir haben Nein gesagt zum ewigen „weiter so“ – nein zu Knechtschaft, nein zu Ausbeutung von Mensch, Tier und Natur, nein zu allen UnterdrĂŒckungsformen. Und viele haben sich in unserem Kampf wiedergefunden – von ĂŒberall her kamen wir und ĂŒberall waren wir, um der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen Einhalt zu gebieten. Diesmal noch wurden wir besiegt. Aber nicht wir wurden besiegt, denn eine Idee, eine Haltung kann nicht besiegt werden. Besiegt wurde ein intakter Mischwald, ein Trinkwasserschutzgebiet, ein ĂŒberraschend hĂŒbsches Fleckchen Erde. An klaren Tagen können wir von hier bis in die Höhen des Vogelsberg schauen, und ĂŒber die Ohm auf den Basaltsockel von Amöneburg.

Diejenigen, die sich „Die GrĂŒnen“ nennen, sie haben sich verkrochen, haben sich weggeduckt. Wir haben ihren Opportunismus fĂŒr alle sichtbar gemacht. Auch das ist nicht wenig. Sie reden von Gesetzen, von Bundesentscheidungen, von Mehrheiten. Es lĂ€ge nicht in ihrer Macht. Wir glauben ihnen schon lange nicht mehr. Sie sagen, sie wollen den Klimawandel stoppen. Wir haben gesehen, wie: mit KnĂŒppeln, Tritten und ihren Wasserwerfern. Ihre Lösungen sind Teil des Problems. Sie sind das Problem. Wir vergessen nicht.

„So lange es den Menschen und die Umwelt geben wird, wird die Polizei zwischen ihnen stehen“ (Unsichtbares Komitee, Der Kommende Aufstand)

Unser Weg ist noch weit. Wir haben gerade erst wieder begonnen. Die Entfremdung aufzuheben in einer durchkapitalisierten Gesellschaft – ist uns das im Wald gelungen? Wir ziehen weiter, ja – und doch bleiben wir vor Ort. Wir haben ein Netz gespannt, das von den verschiedensten Orten dieser Welt bis in die kleinsten Dörfer Hessens reicht. Wir wollen und wir werden uns nicht vergessen. Wir werden die Menschen in Dannenrod, in Homberg, in Niederklein nicht alleine lassen. Denn der Kampf ist noch nicht vorbei. Sie dachten, sie brechen mit den BĂ€umen auch uns – vergesst es. Noch ist dort, wo gestern noch Wald war, kein Zentimeter Straße gebaut. Wir lernen, wann es Zeit ist, den Kopf hĂ€ngen zu lassen, sich in Gedanken, Trauer und Wut zu verlieren. Wann es Zeit ist, zu streiten, zu diskutieren, gemeinsam zu lachen und weinen. Jetzt ist die Zeit, zu ruhen, sich um unsere Gefangenen zu kĂŒmmern, aus Fehlern zu lernen – und neue PlĂ€ne zu schmieden. Denn es ist nicht vorbei.

Über unseren Feind wollen wir schweigen. Die Bullen sind es nicht wert, Gedanken an sie zu verschwenden. Die Knechte kommen uns schon immer vor wie seelenlose Maschinen, gedrillt auf Macht und Gehorsam. Diesmal noch waren wir zu wenige, diesmal noch haben sie obsiegt. Doch was ist ihre BrutalitĂ€t gegen unsere SolidaritĂ€t? Was ist all ihre Technik gegen die vielen HĂ€nde, die BaumhĂ€user gebaut, Barrikaden errichtet haben – gegen die, die auf Schaukeln, den Wipfeln und ĂŒber den Autobahnen saßen – gegen die, die Essen kochten und brachten, ihre TĂŒren öffneten, auf Seilen tanzten oder die Bullen zum Tanz baten? Mögen sie sich einschließen in ihrer Burg aus rostigem Stahl. Wir gehen hinaus und verbreiten den Samen des Widerstands. Wo heute ein Baumhaus steht, stehen morgen zwei. Und ĂŒbermorgen


Wir sind gespannt. Wen werden wir auf unserem Weg treffen? Wer wird mit uns ziehen? Wo werden wir uns treffen? Mit Sicherheit wieder hier, dort wo einst unsere Barrios waren. Morgen vielleicht aber auch schon an einem anderen Ort, wo sie ihre zerstörerischen „Projekte“ durchsetzen wollen. Mit Sicherheit an den Orten, an denen Menschen kĂ€mpfen. Wir kennen viele dieser Orte. Wir werden dort sein. Denn wir sind das Unkraut, das immer wieder kommt.

Unbekannte*Personen

Quelle: https://swing.blackblogs.org/2021/02/16/wir-besiegten-des-dannenroeder-waldes/




Quelle: Waldstattasphalt.blackblogs.org