MĂ€rz 23, 2021
Von End Of Road
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Gedanken zur Wiederaufnahme der Ermittlungen im Falle von Mohamed Idrissi

Am 18. Juni 2020 wurde Mohamed Idrissi vor seiner Wohnung in Bremen im Stadtteil Gröpelingen von Polizist*innen erschossen

Sein Tod ist kein tragischer Einzelfall. Mohamed Idrissi ist einer von ĂŒber 160 Schwarzen Menschen und Personen of Color (PoC), die seit 1990 durch die HĂ€nde der Polizei in Deutschland zu Tode gekommen sind. Aber Mohamed Idrissi war nicht nur durch sein nicht-weißes Aussehen stigmatisiert, sondern litt auch unter einer starken psychischen Erkrankung. Die Erfahrung zeigt: Wenn die Polizei zu psychischen Krisensituationen hinzugerufen wird, verschlimmert das in den meisten FĂ€llen die Lage. Acht von zehn aller durch die Polizei in der BRD erschossenen Menschen befanden sich zum Zeitpunkt des Polizeieinsatzes in einer psychischen Krisensituation. Nicht selten gibt es Videoaufzeichnungen, die grobe und fahrlĂ€ssige Fehler im Einsatz und auch Misshandlungen durch die Polizei sichtbar machen. Trotzdem wird der allergrĂ¶ĂŸte Teil der Ermittlungen gegen die Polizei eingestellt und die Polizist*innen bleiben im Dienst.

So war es auch zunÀchst in Bremen, im Fall von Mohamed Idrissi.

Kurz nach der Ermordung taucht ein Video auf, welches den Verlauf des Einsatzes am 18. Juni 2020 zeigt. Das Video endet mit den tödlichen SchĂŒssen auf Mohamed Idrissi durch die Polizei. Wie ĂŒblich nach Schusswaffengebrauch leitete die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren ein.

FĂŒr uns als BĂŒndnis Justice for Mohamed war von Anfang an klar: hĂ€tte Mohamed anders ausgesehen, wĂ€re er noch am Leben! WĂ€re er ein weißer Deutscher, hĂ€tte er in Schwachhausen oder Oberneuland gelebt und wĂ€re er psychisch gesund gewesen, wĂ€re er noch bei uns. Die fĂŒr den Tod von Mohamed Idrissi verantwortlichen Menschen mĂŒssen zur Verantwortung gezogen werden!

Zu unserem Entsetzen wird im Oktober 2020 das Verfahren gegen den SchĂŒtzen eingestellt. Die Staatsanwaltschaft sieht kein Fehlverhalten, sondern Notwehr. Wir sind fassungslos. Zwar hatte Mohamed Idrissi ein Messer bei sich, war jedoch, nachdem er mit Pfefferspray eingesprĂŒht wurde, wohl kaum mehr als gefĂ€hrlich einzustufen. Er lief quasi blind auf den Polizisten zu, welcher außerdem genug Platz zum Ausweichen gehabt hĂ€tte, und wurde dabei erschossen! Das soll Notwehr sein?

Trotz des großen öffentlichen Interesses gibt es außer der lapidaren Notwehr-ErklĂ€rung keine weiteren Informationen und keine Konsequenzen fĂŒr die beteiligen Polizist*innen. So viele Fragen bleiben ungeklĂ€rt: Warum haben sich die Beamt*innen nicht deeskalierend verhalten und auf den schon gerufenen Sozialpsychiatrischen Dienst gewartet? Warum wurden unerfahrene Streifenpolizist*innen in die Situation geschickt? Warum sollte Mohamed Idrissi auf die Wache mitgenommen werden? Warum gibt es keine Tatortfotos? Was ist nach den SchĂŒssen passiert? Wurde alles getan um Mohamed Idrissis Leben doch noch zu retten?

Wir hatten große Zweifel und wollten nicht schweigen. Im Dezember 2020, genau ein halbes Jahr nach Mohamed Idrissis Tod, versammelten wir uns fĂŒr eine weitere Gedenkveranstaltung in Gröpelingen.
Hier erzĂ€hlte Aicha Meisel-Suhr, Mohamed Idrissis Tochter, davon, wie sie zusammen mit ihrer Familie Nacht fĂŒr Nacht die ihnen vorliegenden Informationen sichtet, das Video wieder und wieder anschaut. Es ist offensichtlich, dass die Polizei lĂŒckenhaft ermittelte. Höchstwahrscheinlich sind Beiweise unterschlagen worden und, wie in hunderten anderer FĂ€lle, werden die Polizist*innen bestimmt nicht gegeneinander ausgesagt haben.

Schließlich wurde Aicha Meisel-Suhr ein Video zugespielt, welches zeigt, was nach den SchĂŒssen passiert ist. Das Video und die bohrenden Fragen zum Tatverlauf fĂŒhren schließlich zur Wiederaufnahme des Verfahrens Ende Januar 2021.

Wie in den Medien berichtet wird, ist auf dem Video zu sehen, wie dem angeschossenen Mohamed Idrissi Handschellen angelegt werden und er ĂŒber den Boden geschleift wird. Soll das erste Hilfe sein um einen lebensgefĂ€hrlich verletzten Menschen das Leben zu retten?

FĂŒr uns kommt es eher Folter gleich, bei der mit Mohamed Idrissis Leben vorsĂ€tzlich gespielt wird. Welche GrĂŒnde kann es geben, um so mit einem Menschen umzugehen? Auf welche ekelhafte Weise wird erklĂ€rt werden, dass auch dieses Verhalten angemessen war und die Beamt*innen nur ihr Leben schĂŒtzen wollten?

Es bleibt dabei: Wir sprechen von Mord und rassistischer Polizeigewalt. Dies darf nicht folgenlos bleiben. Mohamed Idrissis Tod war Mord als Ergebnis eines Systems der sozialen VerdrÀngung, der Stigmatisierung und weiteren Ausgrenzung psychisch kranker und armer Menschen und nicht zuletzt als Folge des strukturellen Rassismus, der schon seit Jahrhunderten das Denken dieser Gesellschaft prÀgt und insbesondere durch Institutionen wie die der Polizei tödliche Folgen hat.

Unser Ziel ist es weiter das Schweigen nach der Ermordung von Mohamed zu brechen und fĂŒr AufklĂ€rung und Gerechtigkeit zu kĂ€mpfen.

Wir kÀmpfen weiter!

checkt justiceformohamed.org




Quelle: Endofroad.blackblogs.org