November 27, 2020
Von Revista BUNA
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Ein Interview mit dem Literaturwissenschaftler, Philosophen und Anarchisten Adrian Tătăran

BUNĂ: Lieber Adrian, wie bist auf das Thema Anarchismus und Geschichte des Anarchismus in RumĂ€nien gekommen?

Adrian Tătăran: Mein Interesse an anarchistischen Ideen und der anarchistischen Bewegung begann vor ca. 10 Jahren, als ich eine rumĂ€nische Übersetzung von Bakunins „Gott und der Staat“ in die HĂ€nde bekam. Wenn ich nun zurĂŒckblicke, kann ich sagen, dass dieser aufrĂŒhrerische Text so etwas wie ein Funke war, der viele Ideen, die ich diffus in mir trug, erhellte und ihnen einen klaren Ausdruck verlieh.

Ich bin im RumĂ€nien der 90er aufgewachsen. Es war eine wirklich chaotische und unbestĂ€ndige Zeit, die auf eine brutale Diktatur folgte, deren Spuren noch immer in der Gesellschaft prĂ€sent waren. Ich wuchs als Metalhead in einem Land auf, das zu dieser Zeit ausgesprochen konservativ und autoritĂ€r war. Wir waren nicht explizit politisch bewusst und wussten nur ungefĂ€hr was Anarchismus bedeutet. Wie auch immer, wir lebten Metal als eine Form der Rebellion. Wir bildeten zusammen eine kleine Gemeinschaft, eine Art von Gegen-Gesellschaft, in der wir frei sein konnten, hier und jetzt; frei von all dieser „Welle von Betrug, Durchtriebenheit, Ausbeutung, Verdorbenheit, Laster – in einem Wort: Ungleichheit – die sie in all unsere Herzen gegossen haben“, wie es Kropotkin möglicherweise ausgedrĂŒckt hĂ€tte; frei von UnterwĂŒrfigkeit, Angst und UniformitĂ€t, die als höchste Form der Moral verklĂ€rt wird, frei von einer ausweglosen Zukunft als Menschen in einer Sackgasse. Das erklĂ€rt, weshalb fĂŒr mich die Begegnung mit Bakunins Text ein so befreiendes und kraftvolles Ereignis darstellt.

Erst vor kurzem habe ich ein Interesse an der realen Geschichte der anarchistischen Ideen in RumĂ€nien entwickelt. FĂŒr eine lange Zeit habe ich die hier, sogar unter Menschen mit einem Interesse an verschiedenen anarchistischen Themen, weitverbreitete FehleinschĂ€tzung geteilt, das es hier nicht viel dazu zu suchen gibt. Doch das ist höchst inexakt, gelinde gesagt.

2015 schrieb ich mich an der FakultĂ€t fĂŒr Literatur an UniversitĂ€t Cluj in einen Studiengang als Doktor der Philosophie mit einem Thesenpapier bezĂŒglich anarchistischer Literatur, Philosophie und Literaturwissenschaften ein. Mein ursprĂŒngliches Interesse bei der Forschung war nicht die Literatur oder Geschichte des Anarchismus in RumĂ€nien. WĂ€hrend ich enthusiastisch die französische, deutsche oder englische anarchistische Literatur verschlang, kam ich mehr und mehr ins stocken ĂŒber das, was ich zu dieser Zeit als obskure Hinweise auf rumĂ€nische Schreiber, Denker und Aktive verstand stolperte


Mein ursprĂŒngliches Forschungsinteresse waren weder die Literatur noch die Geschichte des Anarchismus in RumĂ€nien. WĂ€hrend ich enthusiastisch die französische, deutsche oder englische anarchistische Literatur verfolgte, stolperte ich immer wieder ĂŒber etwas, das ich zu dieser Zeit als verworrene Hinweise auf rumĂ€nische Schriftsteller, Denker und Militante deutete: Denker und Militante, die mir vollkommen unbekannt waren und generell in den meisten rumĂ€nischen geschichtlichen und literarischen Unterlagen nicht vorkamen.

Zu meiner VerblĂŒffung entdeckte ich mehr als nur einige isolierte, blasse Stimmen, wie ich mir das irgendwie vorstellte, das es sei. Ich entdeckte eine vielfĂ€ltige, reiche und lebendige „Hinterlassenschaft der Freiheit“, die sich vom spĂ€ten 19. Jahrhundert bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges erstreckte, dem Zeitpunkt, der den Beginn der stalinistisch inspirierten Diktatur in RumĂ€nien markiert, und, natĂŒrlich, die effektive UnterdrĂŒckung aller dissidenten Stimmen, von denen die meisten als anarchistisch wahrgenommen wurden.

Daher hatte ich mein Vorgehen zu ĂŒberdenken und realisierte, dass der Reichtum des Themas ĂŒberragend ist, welches einmĂŒtig ĂŒbersehen und fast völlig in Vergessenheit geraten ist. Die tatsĂ€chliche Wirkung, Zirkulation und Relevanz anarchistischer Ideen war nicht von geringer Bedeutung. Das konnte ich nicht nur im Bezug auf das erste Erscheinen der sozialistischen Bewegungen in RumĂ€nien ersehen, welches, wie Max Nettlau festhĂ€lt, tatsĂ€chlich anarchistisch war, doch zuvorderst in ihrem Bezug zur Literatur und der kĂŒnstlerischen Bewegungen jener Zeit. Es ist besonders diese Beziehung, die ich interessant und sogar faszinierend finde. Auf der einen Seite gibt es eine bestĂ€ndige, bis dato fast komplett unbekannte literarische Produktion der rumĂ€nischen Anarchisten, und auf der anderen Seite, gab es eine deutliche Zirkulation und Beeinflussung von Literatur- und kĂŒnstlerischen Strömungen durch anarchistische Ideen. Diese Beziehung wurde bis heute noch nicht korrekt als solche benannt.

BUNĂ: Der Anarchismus in RumĂ€nien ist wenig erforscht, auch wenn es seit gut zehn Jahren ein gewachsenes Interesse daran gibt und verschiedene Studien dazu veröffentlicht wurden. Was ist dein Eindruck? Welcher QualitĂ€t sind diese Forschungen und welche Titel wĂŒrdest du Interessierten empfehlen?

Adrian Tătăran: In der Tat, es scheint, als gĂ€be es ein langsames aber stetig wachsendes Interesse in den letzten Jahren in den Gegenstand des Anarchismus. Dies hat folgerichtig ein paar Fragen aufgeworfen und, ich möchte hinzufĂŒgen, auch einiges Stirnrunzeln zur Geschichte des Anarchismus in RumĂ€nien oder dem fehlen derselben. Wie auch immer; ich finde den 2011 erschienenen Beitrag von Vlad Brătuleanu Anarchismus in RumĂ€nien erfreulich und empfehlenswert. Er bietet einen gestrafften Überblick ĂŒber das Thema. Ich kann nicht anders als festzustellen, dass die Folgen darauf in der Heimatforschung und der Verbreitung dieser Erkenntnisse sehr furchtsam und scheu ausgefallen sind.

Weiterhin gibt es zum Beispiel ein wirklich interessantes und gut dokumentiertes Kapitel ĂŒber die Geschichte des Anarchismus in RumĂ€nien in Adrian Dohotarus Doktorarbeit von 2013. Soviel ich jedoch weiss, ist diese bislang nicht veröffentlicht worden. Zusammengefasst erscheint dies im Augenblick wie ein Paradoxon in RumĂ€nien: Es gibt ein wachsendes Interesse, sogar eine wachsende QualitĂ€t der Forschung, aber wenig wie gar kaum eine bemerkenswerte Publizierung.

Auf der anderen Seite scheint die Geschichte des Anarchismus in RumĂ€nien im Ausland ein grĂ¶ĂŸeres, bestĂ€ndiges Interesse hervorgerufen zu haben. Ich war wirklich glĂŒcklich und ĂŒberrascht als ich Martin Veiths Buch ĂŒber einen der wichtigsten, profiliertesten und interessantesten rumĂ€nischen Anarchisten entdeckte: Unbeugsam – Ein Pionier des rumĂ€nischen Anarchismus – Panait Mușoiu. Es ist, wie ich annehme, die erste umfassende Studie und Analyse, ĂŒber diese eindrucksvolle und bis dato vergessene Person und ihrer herausragenden Arbeit. Daneben vermittelt das Buch einen ĂŒberwĂ€ltigenden Eindruck ĂŒber die rumĂ€nische anarchistische Presse zu dieser Zeit sowie zu den Personen rund um die Revista Ideei, die wichtigste und langlebigste anarchistische Zeitung, die von Mușoiu und seinen Mitarbeitern zwischen 1900 und 1916 herausgegeben wurde.

Ich wĂŒrde auch die zweite von Martin Veith verfasste Studie empfehlen, die Ștefan Gheorghiu, einer SchlĂŒsselfigur der militanten syndikalistischen Bewegung vor dem Großen Krieg, gewidmet ist. Ich wĂŒrde sie sogar als PflichtlektĂŒre fĂŒr jeden bezeichnen, der sich generell fĂŒr das Thema interessiert, da es neben einer sehr grĂŒndlich dokumentierten Forschung auch eine lange auf sich warten lassende RĂŒckgewinnung dieser außergewöhnlichen Stimme der Freiheit und Revolte darstellt, die so lange von der kommunistischen Ikonographie degradiert und von einem skrupellosen und unterdrĂŒckerischen Staat vereinnahmt wurde. Die Benennung der Partei-Hochschule der RumĂ€nischen Kommunistischen Partei als „Ștefan Gheorghiu” assoziierte unglĂŒcklicher- und ungerechtfertigter Weise seinen Namen zu der verhassten und widerwĂ€rtigen Partei-Elite. Die Ironie an dieser Situation ist, dass Ștefan Gheorghiu in Wirklichkeit von sowohl den Sozialdemokraten als auch den Kommunisten an den Rand gedrĂ€ngt wurde, da sie in ihm einen Rebellen und eine nicht zu kontrollierende Person sahen – was er im generellen Bezug auf Bosse und im speziellen auf Partei-FĂŒhrer auch tatsĂ€chlich war und ihm zur Ehre gereicht.

Ich kann nur hoffen, dass Martin Veiths Arbeit bald ĂŒbersetzt und auch in RumĂ€nien publiziert wird, damit diese noch immer ignorierten Punkte eine grĂ¶ĂŸere Öffentlichkeit erreichen und das Interesse und die Debatte bezĂŒglich einer versteckten, abgeschnittenen und sogar außergewöhnlichen „VermĂ€chtnis der Freiheit“ anregen, die wir großartigerweise in solch einem reichhaltigen Bestand aufweisen.

Neben dem gibt es fĂŒr diejenigen, die direkt einige der klassischen Texe rumĂ€nischer Anarchisten lesen wollen, eine umfangreiche Kollektion der Revista Ideei, die dank der Anstrengungen von einigen Genossen aus Bukarest online gestellt wurden. Auch diejenigen, die sich fĂŒr aktuelle anarchistische Ereignisse und AktivitĂ€ten in RumĂ€nien interessieren, können schnell Information online finden, in rumĂ€nisch, englisch oder deutsch.

Beispielsweise gibt es den Blog der Gruppe RĂąvna, das Claca Zentrum in Bukarest, den LMA Kollektiv-Blog und die Online-Zeitschrift, sowohl in Englisch als auch RumĂ€nisch, oder den A-casă Blog, mit Informationen ĂŒber die zahlreichen Veranstaltungen, die von der Gruppe in Cluj-Napoca organisiert werden. NatĂŒrlich gibt es auch das BUNĂ-Magazin in Deutsch, eine meiner Auffassung nach bemerkenswerte Initiative, da es ein weites Feld von BeitrĂ€gen veröffentlicht, nicht nur zur Geschichte der anarchistischen Bewegung in RumĂ€nien, sondern auch ĂŒber aktuelle Ereignisse, die im Land stattfinden.

Mein zusammengefasster Eindruck ist, dass es ein wachsendes Interesse an den mit dem Anarchismus verbundenen Themen gibt, speziell in den großen stĂ€dtischen und UniversitĂ€tszentren. Doch trotz all der beachtenswerten Initiativen, ĂŒber die ich bisher gesprochen habe, denke ich, dass es immer noch eine Diskrepanz zwischen der potentiellen EmpfĂ€nglichkeit einer großen Öffentlichkeit und den tatsĂ€chlichen RĂŒckmeldungen dazu gibt.

BUNĂ: Welche Schwierigkeiten siehst du bei der Vermittlung historischer Fakten in Bezug auf den Anarchismus? Viele Protagonisten gelten ja heute noch in der öffentlichen Wahrnehmung als Marxisten. Wie kann man das falsche Bild geraderĂŒcken?

Adrian Tătăran: Nun, Anarchisten – und das verhĂ€lt sich in RumĂ€nien ebenso – hatten generell niemals eine gute Presse. Der Anarchismus, so scheint es, war fĂŒr lange Zeit der geeignete „bĂȘte noire“, der Angstgegner, sowohl fĂŒr die Linke als auch die Rechte. So ĂŒberrascht es nicht, dass er bis heute eine sehr unbekannte und falsch verstandene Tradition ist. Anarchisten forderten das Prinzip der AutoritĂ€t in einer Gesellschaft heraus, dadurch passt er nicht in eine Leseart, die „alternativ“ ausschließlich innerhalb der selben sozialen Struktur begreift: als alternative Macht, einen anderen Herrscher, mehr brutal oder mehr menschlich, verkörpert in einem Monarchen, einer bestimmten sozialen Gruppe oder einer Idee, etc. RumĂ€nien ist keine Ausnahme.

TatsĂ€chlich, sehr frĂŒh schon, wurde der Anarchismus zum Gegenstand der Debatte ĂŒber das gesamte politische und soziale Spektrum hinweg. Wenn die Konservativen darin ein Gift fĂŒr die traditionellen Werte sahen, ein Zeichen der Dekadenz oder einen giftigen Import, eingefĂŒhrt durch AuslĂ€nder, mit dem Ziel, den nationalen Zusammenhalt zu zerstören, befĂŒrchteten die Sozialisten mehrheitlich damit in Verbindung gebracht zu werden, was sie als eine terroristische, chaotische und undisziplinierte Bewegung betrachteten.

Daher wurden multiple ideologische Strategien von allen Parteien aufgestellt, um der ruhestörenden Stimme der Anarchisten einen Maulkorb umzuhĂ€ngen. LĂ€cherlich gemacht als utopischen Idealismus oder geschmĂ€ht als sinnlosen Terrorismus, wurde der Anarchismus entweder direkt unterdrĂŒckt – RumĂ€nien, wie Frankreich, hatte Gesetze erlassen, die namentlich die Ausweisung von Anarchisten zum Ziel hatten -, unterdrĂŒckt durch eigennĂŒtzige RĂŒckgewinnung durch interessierte Kreise oder durch Auslassung. Die letzteren Taktiken wurden in großem Umfang von den Kommunisten benutzt, um auf irgendeine Weise ihr skrupelloses, unterdrĂŒckerisches Regime moralisch zu rechtfertigen. Einer dieser FĂ€lle ist namentlich jener von Ștefan Gheorghiu, den wir bereits hervorgerufen haben, sowie, in einem etwas geringeren Ausmaß, jener von Panait Mușoiu. Dies dient dazu, teilweise zu erklĂ€ren, weshalb nach der Revolution von 1989 und dem Sturz der Diktatur, diese bemerkenswerten Figuren dem Vergessen anheim gegeben wurden. FĂŒr eine wirklich lange Zeit wurde alles, was auch nur am entferntesten mit der kommunistischen Herrschaft oder Ideologie in Verbindung gebracht wurde, zu einem mehr oder weniger großen Tabu. So, bezogen auf den Anarchismus in RumĂ€nien, muss der aufrichtige Historiker durch zwei dicke Schichten von historischer Mystifikation und Vorurteilen stechen.

Die normale Sicht, um es so zu sagen, ist das verdammen aufgrund jener Darstellungen des Anarchismus, demnach dieser entweder eine chaotische Woge von Gewalt, oder eine verrĂŒckte, unrealistische Ideologie ist, oder auch einfach beides. Doch es gibt auch eine zweite, die möglicherweise schwieriger aufzulösen ist, da sie durch Kooption funktioniert, nicht durch Übertreibung und Ausschluss. Das ist der Fall mit dem Anarchismus in RumĂ€nien und dies kann die schĂŒchterne, zögerliche und langsame Geschwindigkeit der Forschung teilweise erklĂ€ren.

Dies ist exakt der Grund, weshalb ich darauf bestehe, dass es einen wirklichen Bedarf von seriösen und gut dokumentierten Studien zur Geschichte des Anarchismus in RumĂ€nien gibt. Studien, die zudem versuchen, die Verbindungen mit dem Kommunismus, seine tatsĂ€chlichen Begriffe, seine Stichhaltigkeit und seinen Umfang von einem historischen und ideologischen Standpunkt aus debattieren und offen diskutieren. Ihn ununtersucht und unangesprochen zu lassen, wĂŒrde nur die Verwirrung und Mystifikation vertiefen, speziell in LĂ€ndern wie RumĂ€nien, wo die Narben, verursacht durch fĂŒnfzig Jahre brutaler UnterdrĂŒckung, noch immer lebendig sind. Was hier auf dem Spiel steht, ist mehr als ein ZurechtrĂŒcken der Aufzeichnungen. Ohne Zweifel muss diese historische Klarstellung in einem grĂ¶ĂŸeren Zusammenhang voran gebracht werden, als Basis eines ausgedehnten Dialogs, der die rebellischen und kreativen KrĂ€fte in der Gesellschaft, die nach Ausdruck verlangen, einbezieht und inspiriert.

BUNĂ: Vor kurzem warst du in Frankreich und hast auch dort zwei VortrĂ€ge zum Anarchismus in RumĂ€nien gehalten. Wie war die Resonanz darauf? Historisch gab es ja immer engere Kontakte zwischen Anarchisten in RumĂ€nien und Frankreich.

Adrian Tătăran: Ich war fĂŒr ein Semester an der UniversitĂ€t von Limoges um mehr ĂŒber die anarchistische Bewegung und Literatur in Frankreich zu lernen. Ich hatte eine freudige Überraschung, dort eine wirklich enthusiastische Gruppe rund um das C.I.R.A. in Limousin kennenzulernen, das Internationale Zentrum fĂŒr anarchistische Studien, das dem grĂ¶ĂŸeren C.I.R.A. Netzwerk angeschlossen ist. Die erste Vorlesung, die ich hielt, war an der UniversitĂ€t als Teil dessen, das sich als eine sehr interessante Konferenz rund um das Thema „die Herausforderung des Anarchismus“ herausstellte. Die AnsĂ€tze waren wirklich unterschiedlich: Von Geschichte, ĂŒber Literatur, Philosophie, PĂ€dagogik, Ökonomie oder sogar zeitgenössische militante AktivitĂ€t. Es war Professor Till Kuhnle, einer der Organisatoren, der mich einige Monate zuvor aufforderte, eine PrĂ€sentation ĂŒber die AnfĂ€nge des Anarchismus in RumĂ€nien zu erstellen. Ich muss zugeben, dass ich skeptisch war, dass so ein „bizarres“ Subjekt wirklich gut angenommen wird und interessant fĂŒr das Publikum ist. WĂ€hrend die kulturellen, kĂŒnstlerischen und intellektuellen Verbindungen zwischen RumĂ€nien und Frankreich eine lange und reiche Geschichte aufweisen, war den Anwesenden das Thema, ĂŒber das ich sprach, komplett unbekannt.

Wie auch immer, ich muss zugeben, dass ich von der enthusiastischen Reaktion, die ich wĂ€hrend und nach dem Vortrag erhielt, ĂŒberrascht wurde. WĂ€hrend ich mich hauptsĂ€chlich auf Personen wie Zamfir Arbure, den nihilistischen Aristokraten, Freund von Bakunin und Reclus, oder Panait Mușoiu konzentrierte, erwĂ€hnte ich auch andere zur anarchistischen Bewegung zĂ€hlende Personen wie Neagu-Negulescu, den in Frankreich sehr populĂ€ren Schriftsteller Panait Istrati, oder Eugen Relgis, den einzigen rumĂ€nischen Mitwirkenden an der großartigen Anarchistischen EnzyklopĂ€die von SĂ©bastien Faure. Da der Vortrag ein weitergehendes Interesse an einer detaillierteren, vertiefenden Darstellung und Diskussion schuf, wurde ich von Genossen des C.I.R.A. Limousin zu einem ausfĂŒhrlicheren Vortrag vor einem allgemeinen Publikum eingeladen. Einmal mehr war das Interesse daran grĂ¶ĂŸer, als ich erwartet hatte und die Anzahl der Teilnehmenden war wirklich groß, speziell fĂŒr diese Art von „exotischem Subjekt“. Normalerweise erwarte ich harte Reaktionen, wenn ich dieses Thema in verschiedensten ZusammenhĂ€ngen zu Hause zur Diskussion stelle, das aufrichtige Interesse, das ich in Frankreich spĂŒrte, war tatsĂ€chlich ein Zeichen, dass die vergessenen Stimmen der rumĂ€nischen Anarchisten, unterschiedlich und lebhaft, noch immer relevant sind und auch heute noch eine starke Anziehungskraft aufweisen. Und ich glaube, dass dies speziell in der heutigen Zeit der Fall ist, in der die Notwendigkeit Wege zur Schaffung neuer RĂ€ume von Freiheit im Angesicht einer wachsenden UnterdrĂŒckung, von Betrug und Ungerechtigkeit umso mehr vordringlich ist.

BUNĂ: Insbesondere Iuliu Neagu-Negulescu ĂŒbersetzte vieles aus der französischen Bewegung ins RumĂ€nische. Er war sowohl syndikalistischer Agitator und Organisator als auch Schriftsteller. Wie bewertest du sein Wirken und kann er uns heute noch etwas sagen?

Adrian Tătăran: Eine der großen literarischen BeitrĂ€ge, die rumĂ€nische Anarchisten leisteten, eine, ĂŒber die normalerweise hinweg gesehen wird, ist die herausragende Arbeit und die bestĂ€ndige Anstrengung, die sie in die Übersetzung und Herausgabe vieler klassischer anarchistischer Texte steckten. Wie auch immer, die Bereiche, die sie behandelten, waren wohl ĂŒberlegt und wurden nicht beschrĂ€nkt auf Kommentare oder Übersetzungen klassischer anarchistischer Literatur. Die Texte, die sie diskutierten, die Betrachtungsweisen, die sie hatten, waren erstaunlich vielfĂ€ltig. Von Schopenhauer, ĂŒber Thoreau, Oscar Wilde, Jean-Marie Guyau, Tschernyschewski, Ibsen, Engels oder John Stuart Mill, um nur einige Beispiele zu nennen. Da existiert ein GefĂŒhl intellektueller Freiheit, Neugier und Offenheit, das herausragt, wenn man sich ihre Texte und Veröffentlichungen ansieht.

Nebenbei – dies könnte die bestĂ€ndige Bezeichnung von Anarchisten als unregierbare Ketzer und Abweichler durch die autoritĂ€re Linke erklĂ€ren. Und ebenso, ihre leichte nachtrĂ€gliche Vereinnahmung durch die selben AutoritĂ€ren innerhalb eines erzĂ€hlerischen Rahmens, die genau diese PlastizitĂ€t und UnabhĂ€ngigkeit im Interesse einer rigiden, partiellen und falschen ideologischen Interpretation herunterspielt. Was noch beeindruckender ist, um auf den Hauptpunkt zurĂŒckzukommen, ist die QualitĂ€t dieser Übersetzungen, wenn man in die Überlegungen mit ein bezieht, dass diejenigen, die diese Arbeit leisteten, wie z.B. Mușoiu oder Neagu-Negulescu, Autodidakten waren. NatĂŒrlich wurden viele dieser Übersetzungen nach den französischen Editionen angefertigt, da die Verbindungen mit den französischen Anarchisten zu dieser Zeit sehr eng waren. Meine erste Begegnung mit Neagu-Negulescu hatte ich, als ich eine Ausgabe der berĂŒhmten „Les Temps Nouveaux“ von 1900 las, in der eine Korrespondenz aus RumĂ€nien von einem gewissen J. Neagu unterzeichnet war. Die kurze Nachricht berichtete detailliert in einem empathischen und irgendwie kriegerischen Ton die gewalttĂ€tige Beschlagnahme einer Übersetzung von Kropotkin und der folgenden, mit den Gendarmen entstandenen körperlichen Auseinandersetzung. Offenbar wurden die Gendarmen mit dem konkreten Befehl zu Neagus Haus geschickt, um dort das „Zentrum der rumĂ€nischen anarchistischen Bewegung“ aufzuspĂŒren und folgend zu schließen, um J. Neagus Worte exakt wiederzugeben. Meiner Auffassung nach war er wirklich eine außergewöhnliche Figur, eine „Art Bauer“, wie er zeitweise beschrieben wurde, Autodidakt, Arbeiter, Militanter, Übersetzer, Verleger und utopischer Schriftsteller. Ein besonders faszinierender Teil seiner Arbeit, das Schreiben, ist am wenigsten bekannt.

Er veröffentlichte, neben einer Vielzahl von Artikeln und Übersetzungen, einige BĂ€nde mit Kurz-Geschichten und, am interessantesten, die einzige anarchistische Utopie, die jemals in RumĂ€nisch geschrieben wurde, Arimania. Seine problematische Positionierung zu bestimmten Dingen fĂŒhrte zu Kontroversen innerhalb der sozialistischen Bewegung und zu intensiven Debatten, als ihm an einem bestimmten Punkt Nationalismus vorgeworfen wurde. Seine spĂ€tere bestĂ€ndige antifaschistische Positionierung beispielsweise beweist, dass es falsch wĂ€re zu versuchen, seinen intellektuellen Weg mit einem einfachen Pinselstrich zu zeichnen.

Ich finde sein Werk beispielhaft, Kontroversen und Kurzsichtigkeiten inklusive, speziell in Anbetracht der Zeiten, die wir heute haben. Sein Weg war keine gerade, reine Linie. Seine AktivitĂ€t war nicht nur enorm, sondern vielfĂ€ltig und weit, und wĂ€hrend sein Engagement in den KĂ€mpfen seiner Zeit nicht in Frage gestellt werden kann, war sein intellektueller Blick weit von einer rigiden, dogmatischen Haltung entfernt. Es ist genau dieser Sinn von intellektueller Freiheit, von Offenheit, diese grundlegende Neigung, allen kreativen und aufstĂ€ndischen Energien der Gesellschaft zu begegnen, sich mit diesen zu verbinden, wo sie sind, ihnen eine Stimme zu geben, diese Freigiebigkeit, Leidenschaft, Klarheit und Entschlossenheit, von der ich nun mehr als jemals zuvor ĂŒberzeugt bin, dass es Notwendig ist, sie zu wĂŒrdigen. Das ist der Grund, weshalb ich auf der Notwendigkeit einer Wiederaufnahme einer gemeinsamen AktivitĂ€t der Publikation, Übersetzung und Debatte beharre, die sich als Vorbild die Arbeit der rumĂ€nischen Anarchisten ein Jahrhundert zuvor nimmt. In diesem Sinne – der Weg begann mit den zwei ersten BĂŒchern zu Mușoiu und Gheorghiu und muss nur erweitert und fortgefĂŒhrt werden.

Neagu-Negulescus anarchistische Utopie Arimania ist in ihrer eigenen Art ein fesselndes literarisches Dokument, das viel mehr Aufmerksamkeit und Studium verdient. Da ich dieses Jahr einige Vorlesungen an der FakultĂ€t fĂŒr Literatur in Cluj gebe, nutze ich diese Möglichkeit, Arimania in das grĂ¶ĂŸere Feld von anarchistischen Utopien einzubeziehen und vorzustellen, neben jenen von DĂ©jacque, William Morris oder Ursula K. Le Guin. Ich glaube, dass es das erste mal sein wird, dass das literarische Werk von Neagu-Negulescu an einer UniversitĂ€t studiert wird, weswegen ich noch enthusiastischer darĂŒber bin. Hoffentlich werden es die Studenten ebenso interessant finden.

BUNĂ: Diesen Winter gab es Massenproteste in RumĂ€nien gegen eine Regierungsverordnung, die korrupten Politikern Straffreiheit bescheren sollte, wenn der Schaden, den sie durch ihr korruptes Handeln angerichtet haben, bei unter 200.000 Lei liege (Ca. 40.000 Euro). Wie hast du die Proteste erlebt? Welche politischen Positionen standen dabei im Vordergrund? Konnten sich Anarchistinnen und Anarchisten Gehör verschaffen? Oder richtete sich der Protest einseitig gegen eine Partei bzw. Regierungskoalition und ließ eine grundsĂ€tzliche Kritik an Regierung und Politikern außer Acht?

Adrian Tătăran: Nun, die Proteste und die Empörung waren meiner Meinung nach vollkommen gerechtfertigt. Die Art, wie „sie“ versucht haben, das Dekret zu beschließen, mit einer totalen Verachtung normaler Debatten und der öffentlichen Meinung, die Tatsache, dass sie versuchten, durch allerhand kleiner Manipulationen die Proteste zu brechen und Leute aufeinander zu hetzen, zum einen durch eine Form von Parodie eines klassenkĂ€mpferischen Jargons oder durch fremdenfeindliche Slogans und Provokationen, machte fĂŒr eine Menge Leute ĂŒberdeutlich, dass das Land in der Tat von einer Gang von Gangstern gefĂŒhrt wird, die als Regierung, Parlament und Gesetz posieren.

Ich möchte noch nicht einmal die aktuellen Dekrete diskutieren, da ihr Inhalt sehr einfach zusammengefasst werden kann: Sie nutzen die legitime Vorstellung von Gnade und die aktuellen entsetzlichen Bedingungen in den GefĂ€ngnissen (tatsĂ€chlich interessiert sie nichts weniger), die Politiker haben versucht, ein Gesetz zu verabschieden, welches Privilegien und willkĂŒrliche Rechte fĂŒr die MĂ€chtigen in der Gesellschaft legitimiert. Mehr noch, das Dekret hĂ€tte effektiv einen Freifahrtschein fĂŒr die letztgenannten geschaffen, um sich als „heiliges Recht“ den sozialen Reichtum straffrei anzueignen. Auf gewisse Weise entblĂ¶ĂŸte dieser arrogante und brutale Zug im grellen Tageslicht die aktuelle Funktion des Staates generell: Eine einfache Struktur der Aneignung und Kontrolle zum Vorteil der herrschenden Klasse. Obwohl das Dekret von der sozialdemokratischen Regierung erlassen wurde, gab es den generellen Eindruck, das es von den meisten aus der traditionellen politischen Klasse stillschweigend gebilligt wurde, mit Ausnahme des PrĂ€sidenten und der neu gebildeten USR (Uniunea Salvați RomĂąnia), einer weitgefassten politischen Plattform, die mehrheitlich aus den jĂŒngsten gesellschaftlichen Bewegungen stammt. Diese Situation veranschaulichte abermals die Tatsache, dass das sogenannte demokratische politische System nichts anderes ist, als ein spektakulĂ€rer Nebelschleier. Das einzig wirkliche Prinzip von Regierung ist schlicht die parteiĂŒbergreifende Komplizenschaft, deren Zweck die PlĂŒnderung der Gesellschaft ist.

Es gab verschiedene Versuche, die Proteste zu diskreditieren oder aus ihnen Kapital zu schlagen, in der Absicht, diese Energie in geeigneter Weise fĂŒr politische Zwecke oder institutionellen Einfluss zu kanalisieren. Wie auch immer, mein Eindruck ist, dass diese SchachzĂŒge nur begrenzten Erfolg hatten. WĂ€hrend sich die Proteste hauptsĂ€chlich gegen die Regierung und die regierende sozialdemokratische Partei richteten, die die Initiatoren und hauptsĂ€chlichen TrĂ€ger der Dekrete waren, waren sie weit davon entfernt, Sympathien fĂŒr die Opposition zu zeigen. Die Menschen haben generell genug von allen Politikern und sind durchaus misstrauisch, wenn sie einem von diesen ihr Vertrauen geben sollen. Die ungefĂ€hr letzten fĂŒnf Jahre sahen eine Serie von verschiedenen Massenprotest-Bewegungen in RumĂ€nien, vom Kampf in Roșia Montană 2013 ĂŒber die öffentliche Empörung aufgrund des „Colectiv“-Desasters bis hin zu den aktuellen Anti-Korruptionsprotesten. Es scheint, als gĂ€be es eine Erwartung fĂŒr einen radikalen sozialen Wandel und eine wachsende Ungeduld gegenĂŒber den alten politischen Alternativen, die als unangebracht, ungerecht, autoritĂ€r und moralisch Bankrott betrachtet werden. Der grĂ¶ĂŸte Fortschritt dieser anhaltenden Situation, die den Anschein hat, zu einem Konflikt zwischen der Gesellschaft und dem Staat generell (inklusive Politikern, der Regierung und dem Großkapital) zu werden; der grĂ¶ĂŸte Fortschritt ist die Tatsache, dass die Menschen angefangen haben zu verstehen, dass sie keine Politiker oder einen Staat brauchen, um als Gruppen und als Gesellschaft zu funktionieren. Wenn die Indizien in diese Richtung zeigen, dann gibt es eine wirkliche Chance, dass zumindest einige der Menschen anfangen werden, dementsprechend zu agieren und zu denken und dabei nicht nur nach Wegen Ausschau halten, den Staat herauszufordern, sondern auch um Alternativen zu finden.

Jedoch, ein grĂ¶ĂŸerer Teil der intellektuellen Linken und auch viele Anarchisten haben eine andere Einstellung zu den aktuellen Ereignissen, die ich kurz darstellen möchte. Sie interpretierten diese hauptsĂ€chlich im Kontext eines stattfindenden Machtkampfes innerhalb des Staates. Auf der einen Seite haben wir die Politiker mit den traditionellen ökonomischen und Machtgruppen um sie herum. Auf der anderen Seite haben wir die Sicherheitsdienste und einen Teil des Justizsystems, der sie herausfordert. Demzufolge wĂ€ren die aktuellen Ereignisse lediglich eine Episode eines unbarmherzigen „Gang“-Krieges, einem Krieg fĂŒr einen unangefochtenen Zugang zu Ressourcen, Macht und Straffreiheit. Dieser Kampf berĂŒhrt noch nicht einmal im entferntesten die realen Probleme sozialer Ungerechtigkeit oder die sehr harten und prekĂ€ren Bedingungen, die so viele der arbeitenden Menschen betreffen, genauso wie dies in zunehmender Weise fĂŒr grĂ¶ĂŸere Teile der Gesellschaft zutrifft. Nebenbei, diejenigen, die am Protest teilnehmen sind hauptsĂ€chlich stĂ€dtische, privilegierte junge Fachleute, abgehoben und den Problemen, mit denen die Mehrheit konfrontiert ist, sogar ablehnend gegenĂŒberstehend. ZusĂ€tzlich seien die Demonstrationen weit davon entfernt, ein schwindendes Vertrauen in den Staat zu offenbaren oder in die Politik generell. Sie verlangen viel mehr nach stĂ€rkeren Strukturen in Geheimdienst und Justiz, derart verlangen sie grundsĂ€tzlich einen autoritĂ€reren, stĂ€rkeren Staat.

Einige dieser Kritiken und Bedenken sind stichhaltig und reflektieren existierende RealitĂ€ten innerhalb der rumĂ€nischen Gesellschaft. Dennoch ist ihre Interpretation meiner Meinung nach rigide und in Anbetracht der Situation kurzsichtig. Beispielsweise gibt es in der Tat eine wachsende Kluft zwischen der stĂ€dtischen Jugend, der kreativen und generell gut situierten Klasse und der prekĂ€ren, ungeschĂŒtzten Mehrheit. Dennoch, zu behaupten, dass diese Massendemonstrationen nur die stĂ€dtische Jugend mobilisiert haben, ist nichts anderes als eine grobe Vereinfachung wenn nicht sogar eine ausgesprochene Entstellung der Tatsachen. NatĂŒrlich, der Machtkampf um Vorherrschaft und die Kontrolle des Staates zwischen verschiedenen „Gangs“ ist offensichtlich, genauso wie die Versuche, die öffentliche Meinung auf diese im Widerstreit befindlichen Seiten zu polarisieren. Doch es wĂ€re ein eklatanter Fehler, die öffentliche Empörung einfach mit den obskuren, im Hintergrund gefĂŒhrten MachtkĂ€mpfen zu ĂŒbergehen.

Ich habe den Eindruck, dass viele Anarchisten, und auch ein großer Teil der Linken, von den Ereignissen ĂŒberrascht wurden und nicht wussten, was sie mit diesen Protesten anfangen konnten, so dass sie den sicheren Hafen einer orthodoxen Klassentheorie vorzogen, dabei einige der sozialen Diskrepanzen korrekt wahrnehmend, aber das eigentliche Problem völlig verkannten.

Ich könnte sogar sagen, dass sie beinahe in GĂ€nze das Thema verfehlten. Die hauptsĂ€chlichen Bruchlinien bestehen nicht zwischen einer wohlhabenden stĂ€dtischen Jugend und der ungeschĂŒtzten Mehrheit, der prekĂ€ren Arbeiterklasse. Diese Linie der Argumentation zu bedienen bedeutet effektiv innerhalb der rudimentĂ€ren, spalterischen Strategie zu agieren, die von denen an der Macht und ihren Medien vorgegeben wurde, um sich gegenseitig zu bekĂ€mpfen, anstatt zu realisieren, dass der Kampf anderes gelagert ist und einen weiteren Umfang hat. Die Gefahr daran, und es ist eine sehr reale, liegt darin, dass diese initialisierende allgemeine Gegenwart von den selben KrĂ€ften vereinnahmt und mystifiziert wird, die sie aktuell bedroht. Und folglich wĂŒrde eine gute Gelegenheit tatsĂ€chlich vertan, und, möchte ich hinzufĂŒgen, stumpfsinnig weggeworfen.

Die hauptsĂ€chliche, die reale Bruchlinie, besteht zwischen den regierenden politischen und ökonomischen Eliten und der Mehrheit der arbeitenden Menschen, die tatsĂ€chlich vom (sozialen) Wohlstand „ausgespart“ sind, den sie bestrebt sind zu produzieren. Die verachtete, „besser-gestellte“ stĂ€dtische Jugend, welche die orthodoxe Linke so eifrig beiseite legen will, gehört ebenfalls zur Arbeiterklasse, sei sie besser gestellt oder nicht. Die systematische PlĂŒnderung der sozialen Ressourcen betrifft jeden und zuerst die ungeschĂŒtzten. Das ist der Grund, warum ich nicht in der Lage bin zu verstehen, wie die Ablehnung der Einsegnung eines „Boss-Privilegs“, wie die Gegnerschaft zum Recht weniger, viele absetzen zu können, nicht als Anliegen fĂŒr die arbeitenden Menschen betrachtet werden kann, mit denen ich diejenigen meine, die vor allen anderen am meisten davon betroffen wĂ€ren.

Man mag einwenden, dass es sich hierbei schlicht um eine prinzipielle „Luxus“-Diskussion handele, in einem Kontext, in der die Mehrheit von anderen, weit konkreteren, weit materielleren Nöten geplagt ist. Ich könnte das nicht in Frage stellen und wĂŒrde dies auch nicht tun, da es sich dabei um grundsĂ€tzliche Tatsachen handelt. Was ich allerdings gerne disputieren wĂŒrde, ist prĂ€zise diese Art von zögerlicher, abgewandter, ja rigider Haltung, die ich hier bislang anfĂŒhrte. Ich finde diese aus einer ganzen Anzahl von GrĂŒnden schlicht entmutigend.

Zuerst und zuvorderst, da ich denke, dass wir dieser Art in grober Weise etwas verpassen, wir versagen darin, diesen kreativen und rebellischen Energien in der Gesellschaft zu begegnen, die zum Vorschein kommen. Zweitens ist der nahezu umgehende RĂŒckgriff auf eine extrem vereinfachte Klassenspaltungstheorie auch problematisch. Sie beweist nur einen bestimmten Unwillen, aus den sicheren intellektuellen Zufluchtsorten herauszutreten, was aber notwendig ist, um zu verstehen, was um einen herum passiert; sie sind sogar noch gefĂ€hrlicher, wenn sie zu komfortablen Echo-Kammern werden. Viele der Reaktionen der Linken, die ich gesehen habe, waren keine Angebote, um die aktuelle Situation zu verstehen, sich ihr zu nĂ€hern, sei es auf riskante oder plumpe Weise. Sie erschienen mehr als eine berechenbare AufzĂ€hlung vergeltungssĂŒchtiger Ablehnung, weggeschleudert in UmstĂ€nden der Hoffnung, dass sie ihr Ziel erreichen und ein passendes Echo hervorrufen. Mein Eindruck ist, dass genau dies nicht geschah.

Dies ist einer der GrĂŒnde, warum ich denke, dass die Arbeit, und noch wichtiger, das Leben einiger der frĂŒhen rumĂ€nischen Anarchisten relevanter den je sind. Ich kann nicht anders, als ihre Leidenschaft, ihre intellektuelle Klarsicht und Freiheit zu bewundern. Ihre militante Praxis ist eine effektive Kritik von Dogmatismus und eine Herausforderung gegenĂŒber festgelegten, ungeprĂŒften Interpretationen. Zudem: Ihr Wille, die aktuellen KĂ€mpfe ihrer Zeit zu verstehen und diesen beizutreten, war wirklich großherzig, leuchtend, und, am wichtigsten, frei von jeder zuvor aufgestellten einschrĂ€nkenden Definition. Sie waren mehr daran interessiert, Wege zu finden, um die „Mauern einzureißen“, wie David Graeber es wohl genannt hĂ€tte, anstelle sich mit einer formellen Orthodoxie ihrer Aktionen und Verbindungen zu befassen. Sie waren zudem eifrig bemĂŒht, die verschiedenen emanzipatorischen KĂ€mpfe zu verbinden und Trennendes zu ĂŒberbrĂŒcken, anstatt in der Reihe zu bleiben. In der Tat ein widerspenstiger, leidenschaftlicher und unbequemer Haufen. Das ist wohl der Grund, weshalb ich an das Portrait ĂŒber Gheorghiu von Istrati denken muss, das dieser zehn Jahre oder so nach seinem Tod verfasste. Gheorghiu, schreibt Istrati, war ein Mann mit Herz und ein großer Rebell. Er diskutierte niemals ĂŒber Ideen, mit denen, die rebellierten oder denen, die versuchten, ihre UnterdrĂŒckung zu bekĂ€mpfen. Anstelle dessen schloss er sich ihnen an und sagte ihnen: Erhebt euch!

BUNĂ: RumĂ€nien ist ein Land grĂ¶ĂŸter sozialer Ungleichheit mit einer Vielzahl an sozialen Problemen. Was denkst du, wie diese Probleme gelöst werden können? Den Politikern und Parteien vertrauen immer weniger Menschen, wie auch die Wahlbeteiligung zeigt. Bei der letzten Wahl haben nicht einmal 40% der Berechtigten abgestimmt. Siehst du emanzipatorische Alternativen? Und gibt es diese ĂŒberhaupt?

Adrian Tătăran: Panait Mușoiu schrieb irgendwo, die Freiheit zu haben, seine Meinung zu sagen, die Freiheit zu haben, zu Reisen, die Freiheit sich zusammenzuschließen, das Recht auf ein faires Gerichtsverfahren etc
 sind in einer Gesellschaft, in der die materiellen Bedingungen der Art sind, dass die Menschen diese Rechte nicht in Anspruch nehmen und einen Nutzen davon haben, nichts anderes, als eine Verhöhnung und Beleidigung. Ich denke, dies beschreibt perfekt die Situation, in der wir alle uns im Augenblick befinden, der Gegensatz zwischen unserer erklĂ€rten Zugehörigkeit zu Demokratie und die aktuelle RealitĂ€t: ein sich stets ausweitender Anteil der Gesellschaft hat keine Mittel mehr oder hatte sie niemals, um ihre Freiheit zu nutzen. Weniger offensichtlich fĂŒr jene, die noch eine Spur von Freiheit genießen können, doch nicht weniger problematisch ist, was Bakunin einst ĂŒber eine solche Situation ausfĂŒhrte: die eigene Freiheit existiert nicht wirklich, wenn all die anderen, MĂ€nner und Frauen, nicht auch frei sind.

In den letzten zwei Jahrzehnten kam es zu nachhaltigen VerĂ€nderungen in RumĂ€nien: eine prosperierende und „kreative“ Klasse, eine wachsende Ökonomie, betriebsame kosmopolitische StĂ€dte genießen das gute Leben, etc. Wie auch immer, die verschiedenen LĂŒcken in der Gesellschaft sind ebenso gewachsen und die gesellschaftliche Infrastruktur scheint entlang derselben Bruchstellen zwischen den Besitzenden und den Besitzlosen zu zerbröckeln. Dadurch wurde ein betrĂ€chtlicher Teil der Bevölkerung „zurĂŒck gelassen“, verbannt in einen Kreislauf von Elend und der PrekaritĂ€t ausgesetzt.

In dieser Hinsicht habe ich nur sehr begrenzte Erwartungen an das klassische politische Verfahren. Ich denke, es ist einfach normal, dass mehr und mehr Leute ebenso denken. Die Gefahr in solchen Situationen ist die, und das gilt fĂŒr Europa generell, dass beispielsweise eine niedrige Wahlbeteiligung reaktionĂ€re KrĂ€fte (oder noch schlimmere) mit unerwarteten Möglichkeiten ausstattet. Unter den aktuellen Bedingungen und der Verschlechterung der Situation in allen Bereichen, wĂ€re ein solches Szenario nichts weniger als katastrophal. Daher denke ich, dass wir im politischen Bereich eine Form von „eingreifender Loslösung“ („engaged disengagement“) ĂŒben sollten, als hybride Form von Wehrhaftigkeit gegen die rĂŒckwĂ€rtsgewandten KrĂ€fte in der Gesellschaft.

Um auf deine Frage zurĂŒckzukommen: Ich glaube nicht, dass es eine einfache Antwort fĂŒr diese Dinge gibt. Das gesagt, kann ich dir meine EinschĂ€tzung zu der hauptsĂ€chlichen Richtung geben, von der ich denke, dass wir uns auf sie konzentrieren mĂŒssen. Wie ich sagte, glaube ich nicht, dass die GrĂ€ben in der Gesellschaft durch das alte politische System gekittet werden können. Faktisch ist die Schaffung, die Beibehaltung und die Spekulation mit diesen Ungleichheiten ein essentieller Teil ihrer Macht und ihrer Funktion als solche. Wenn Menschen also lernen, Politikern zu misstrauen oder das politische System als solches gar zu ignorieren, ist das nicht die schlechteste Sache, da sie möglicherweise aufwachen, um zu sehen, dass sie, um ein erfĂŒlltes Leben zu leben oder wenn sie das gesellschaftliche GefĂŒge neu aufbauen möchten, keine Regierung brauchen. Und genau das ist die Richtung, die wieder entdeckt und ermutigt werden muss: Die soziale KreativitĂ€t und die KreativitĂ€t des Sozialen. Die Findung eines neuen und starken GefĂŒhls fĂŒr SolidaritĂ€t kann zudem viele der materiellen Nöte abbauen, die heute die Basis von Ausgrenzung und Ungerechtigkeit sind. NatĂŒrlich nicht alle von ihnen, doch es könnte einen Sinneswandel auslösen. Das ist, was Mușoiu möglicherweise unter dem Begriff „soziale Revolution“ versteht, die den niemals endenden „politischen Revolutionen“ gegenĂŒbersteht, die lediglich die kreative Energie der Revolte in die Konsolidierung des Status-quo umleitet.

Auch wenn die aktuelle Situation kompliziert ist, wĂŒrde ich sagen, dass es Alternativen gibt, vor allem wenn wir in die Überlegungen die Entwicklungen der rumĂ€nischen Gesellschaft in den letzten Jahren einbeziehen. Das ist der Grund, weshalb ich darauf beharre, dass uns im Augenblick keine ideologischen Debatten fehlen, sondern ein klarer Kopf und der Wille, diese Revolten als Anarchisten weiter zu entwickeln, zu unterstĂŒtzen und neue Perspektiven zu eröffnen.

Wir mĂŒssen diesen „Fluss der Anarchie“ anzapfen, wir mĂŒssen Risiken eingehen. Wir mĂŒssen beginnen, die Mauern einzureißen. Wir mĂŒssen nachhaltig aufhören, den spalterischen Diskursen von Politikern und Medien in die HĂ€nde zu spielen, die uns in jung und alt, in Arbeiter und Intellektuelle, Bessergestellte und Arme, Gebildete und weniger Gebildete usw. trennen wollen. Wir mĂŒssen möglicherweise auch alte Texte wieder lesen und diese seriös ĂŒberdenken, wie beispielsweise Kropotkins „An die jungen Leute“ oder Zamfir Arbure’s „Die Intellektuellen“. Es mag naiv klingen, doch eine erneute Diskussion ĂŒber die heutige Relevanz einer Idee wie beispielsweise „Zu den Menschen gehen“ könnte einfach die revolutionĂ€re Sache sein, die zu tun ist. Oder zumindest die vorzuziehende Sache, anstelle dieser unerwarteten Energie von Widerspruch und Erneuerung in der Gesellschaft befremdet, unbeholfen und arrogant gegenĂŒberzustehen.

Dies könnte wiederum diese RĂ€ume mit Freiheit und Autonomie inspirieren, mit SolidaritĂ€t und Vertrauen, und damit letztendlich, zumindest teilweise, den generellen gesellschaftlichen Trend von Resignation und Misstrauen umkehren. Diese wĂŒrde möglicherweise ein GefĂŒhl von Sinnhaftigkeit und Zuversicht schaffen sowie ein GefĂŒhl von SolidaritĂ€t quer durch die soziale Spaltung. Schlussendlich wĂŒrde es die Spaltung hinterfragen und die Mechanismen, die sie am Laufen halten. Es ist, wie Mușoiu es womöglich ausgedrĂŒckt hĂ€tte „Experimentell“, eine zerbrechliche „Schule des Faktischen“, doch das ist die Aufgabe, die ich vor uns liegen sehe und unsere beste Möglichkeit zur Zeit.

Dieses Interview ist erschienen in BUNĂ #5




Quelle: Revistabuna.wordpress.com