November 25, 2020
Von Anarkismo
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aufruf / petition
author Thursday April 30, 2020 20:38author by die plattform – anarchakommunistische Organisation

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Den Text als Podcast hören: https://www.youtube.com/watch?v=HmpOIfj72l4

Der 1. Mai wird dieses Jahr erstaunlich ruhig. So wie es aussieht, bleiben grĂ¶ĂŸere Mobilisierungen aus. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hat fĂŒr dieses Jahr erstmals seit seiner GrĂŒndung alle Demonstrationen abgesagt. Und auch die Aktionen zum revolutionĂ€ren 1. Mai scheinen dieses Jahr gĂ€nzlich anders abzulaufen als wir es gewohnt sind. Wie kommt es zu dieser Ruhe? Braucht es den internationalen Kampftag der Arbeiter:innen dieses Jahr nicht? Ist vielleicht alles erreicht, weil erstmals seit fast zehn Jahren eine deutsche Regierung vom Ziel der Schwarzen Null abrĂŒckt? Bedeutet dies, dass nun öffentliche Investitionen wieder erlaubt sind und der Wohlfahrtsstaat in greifbare NĂ€he rĂŒckt?

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Vieles scheint möglich und so sind sich manche nicht zu schade mit der “Krise als Chance” die “Phraseologie des Neoliberalismus” zu ĂŒbernehmen (zur Kritik genau daran empfiehlt sich folgender Artikel: https://jungle.world/artikel/2020/15/krise-als-krise) Genau diese Position resultiert jedoch aus einer Ohnmacht der Linken, die auf die aktuelle Krise keine andere Antwort weiß als die Hoffnung, dass jetzt fĂŒr sie alles besser werden möge. Es ist gewissermaßen ein Revival der Verelendungsthese. Diese geht in etwa so: Wenn es allen richtig schlecht geht, mĂŒssten sie doch sehen, dass der gesellschaftliche Zustand auch wirklich schlecht ist und dann kommt die Revolution. Irgendwie. Vielleicht doch mit Petitionen? Oder vielleicht gar mit der CDU? Genau diese ist es nĂ€mlich deren Umfragewerte aktuell in die Höhe schnellen und deren Krisenmanagement in den meisten Medien als vorbildlich dargestellt wird. Dabei profitiert sie vor allem von ihrer schlechten Vorbereitung: Weil bis MĂ€rz gar kein Versuch unternommen wurde, die Pandemie einzudĂ€mmen, konnte sie dann mit dem Griff zur Notbremse in Form massiver EinschrĂ€nkungen der individuellen Freiheitsrechte, um so mehr vortĂ€uschen wirklich etwas zu tun (siehe: https://www.freitag.de/autoren/wolfgang-michal/volksgemeinschaftsmoral-bitte) Sie verhindert also letztlich eine Krise zu deren Ausbreitung sie wesentlich beitrug, indem sie jahrelang Warnungen des Robert Koch Instituts vor möglichen Pandemien ignorierte und die drastischen Einsparungen im Gesundheitsbereich vorantrieb.

Zum Zustand der außerparlamentarischen KrĂ€fte

Doch weder die radikale Linke, noch die anarchistische Bewegung sind aktuell in der Lage, die Fehlerhaftigkeit dieser Darstellung offenzulegen oder gar eine wirkungsvolle Gegenmacht zu entwickeln. Es fehlt an handlungsfĂ€higen und wirkmĂ€chtigen Organisationen, die entschieden die Interessen derer vertreten, die auf Kurzarbeit gesetzt oder entlassen wurden. Es fehlt an möglichen Aktionsmethoden, wenn das sonstige “Allheilmittel” der Demonstration plötzlich wegbricht. Es fehlt an Strukturen, die auch jenen unter die Arme greifen, die nun im Home Office mit zwei Kinder Zuhause sind. Als eine Antwort etablierten sich rasch solidarische Netzwerke fĂŒr einzelne Nachbarschaften, an denen auch wir beteiligt sind (FĂŒr eine Übersicht dieser Netzwerke: listling.org/lists/pwfjfkpjmesjjinm/sol
). Sie sind der Versuch, das nachzuholen, was in den letzten Jahren verpasst wurde. Der anarchistischen Bewegung und der radikalen Linken fehlt es in weiten Teilen an Formen, die eigenen AbhĂ€ngigkeiten und UnterwerfungsverhĂ€ltnisse anzugreifen. Dies beginnt damit, dass vielen Aktivist:innen ihre eigene Verankerung bei der lohnabhĂ€ngigen Klasse ĂŒberhaupt nicht bewusst ist. Erst dadurch kann ĂŒbrigens erst die Frage entstehen, wie die Linke wieder Kontakt zu Arbeiter:innen aufnehmen kann. Diese Fragestellung setzt voraus, dass sich die fragende Person selbst nicht als Arbeiter:in begreift. Sie sitzt damit einer engstirnigen Vorstellung von Arbeiter:innen auf und ignoriert im schlimmsten Fall ihre eigene LohnabhĂ€ngigkeit: “Der Niedergang der alten ArbeiterInnenbewegung, die fundamentale SchwĂ€chung aller Klassenorganisationen und des ArbeiterInnenwiderstandes sowie die Vorherrschaft eines verdinglichten Bildes des Proletariats, nĂ€hren in ihrem Zusammenspiel den Schein einer Gesellschaft, in der das KlassenverhĂ€ltnis seine Bedeutung verloren hat und verleihen der Integrationsthese ihre vermeintliche PlausibilitĂ€t.” (translibleipzig.wordpress.com/2018/01/3
)Und zugleich drĂŒckt sich in der Fragestellung doch das Unbehagen aus, mit der eigenen politischen Gruppe von prekĂ€ren Lebenswelten entkoppelt zu sein. Denn wĂŒrde es diese Verbindung geben, dann wĂ€re offensichtlich, dass die Krise kein plötzliches Ereignis ist. Nein, die Krisen sind der wiederkehrende Angriff auf den berechtigten Anspruch ein gutes Leben zu fĂŒhren. Und diese Krisen haben viele Formen: sie kommen als Entlassung zum Monatsende, sie kommen als ZwangsrĂ€umung, sie kommen als hĂ€usliche Gewalt. Das sind die Krisen, die wir jeden Tag erleben. Das sind die Krisen, die auch nach Corona nicht aufhören werden. In diesen Krisen mĂŒssen wir da sein, wenn wir es mit der SolidaritĂ€t ernst meinen. Denn Vertrauen entsteht nicht allein durch das einmalige Tragen einer EinkaufstĂŒte. Es gilt die Netzwerke der gegenseitigen Hilfe zu verfestigen und zu erweitern. Es gilt sie als solidarische Kultur im Stadtteil zu etablieren und so langfristig Gegenmacht von unten aufzubauen.
Weil all dies aber aktuell fehlt, so richten sich nicht wenige Hoffnungen darauf, dass der Wohlfahrtsstaat als quasi notwendige Folge der Krise zurĂŒckkehrt. Und selbst jene, die diesen Automatismus bezweifeln, erlauben sich doch wenigstens vom Wohlfahrtsstaat zu trĂ€umen (www.neues-deutschland.de/artikel/113560
). Aber ist das wirklich der Stoff aus dem unsere TrĂ€ume gemacht sein sollten?

Die Geschichte des 1. Mai

Der Blick in den historischen Kalender sollte uns bezĂŒglich dieser Frage zumindest skeptisch stimmen. FĂŒr uns als Anarchist:innen ist er die Erinnerung daran, dass wir uns niemals auf Versprechen der Regierungen verlassen können und dass diese niemals fĂŒr uns da sein werden. Wir glauben nicht, dass der Wohlfahrtsstaat seine Arme öffnen wird, um uns zu helfen. DafĂŒr haben wir nur unsere HĂ€nde, die wir uns angesichts der Krisen reichen können – du und ich.
So wie sich weltweit seit nahezu zweihundert Jahren Arbeiter:innen am 1. Mai die HĂ€nde reichen und sich angesichts der potentiellen direkten Gewalt mit ihren Armen zu Ketten verbinden. Der einzige Schutz, den wir je hatten lag nicht im Staat, sondern er lag in uns. Der Staat war stets der Angreifer. Daran sollte wir uns am 1. Mai erinnern (zur Geschichte des 1. Mai: www.anarchismus.at/geschichte-des-anarc
. Der Staat war es, der am 1. Mai 1886 versuchte die Streikversammlungen in den USA gewaltsam aufzulösen. Er war es, der den Generalstreik der ĂŒber 300.000 Arbeiter:innen in der gesamten USA brechen und verhindern wollte. Und es waren seine Instrumente, die Hand in Hand arbeiteten, um erst mittels der Polizei Gewehre auf die Arbeiter:innen zu richten, sie am 4. Mai auf dem Haymarket in Chicago festzunehmen und dann spĂ€ter die Festgenommenen vor Gericht zu verurteilen. Den damals Angeklagten vom 4. Mai 1886 wurde vorgeworfen, eine Bombe gezĂŒndet zu haben. Und obwohl dafĂŒr jeglicher Beweis fehlte, wurden sieben Menschen zum Tode verurteilt (von denen letztlich vier vollstreckt wurden, wĂ€hrend eine Person sich selbst das Leben nahm, und zwei Weitere lebenslange Haftstrafen absaßen). Sie wurden ausdrĂŒcklich als Anarchist:innen verurteilt. Der vorsitzende Richter gestand ein, dass die Beweislage mangelhaft war. Weil aber die Angeklagten anarchistische Reden gehalten hatten, seien sie dennoch fĂŒr den Anschlag zu verurteilen. Denn die vertretenen Ideen wĂŒrden ebensoviel ebensoviel Sprengstoff enthalten wie die geworfene Bombe. Doch welche Ideen vertraten sie? WofĂŒr waren sie am 1. Mai 1886 in den Generalstreik getreten? FĂŒr den Acht-Stunden-Tag! Und es ist eine Ironie der Geschichte, dass es eben dieser Acht-Stunden-Tag ist, der angesichts der gegenwĂ€rtigen Krise wieder zurĂŒckgenommen wurde. Wir kĂ€mpfen immer noch fĂŒr die gleichen Forderungen. Wir kĂ€mpfen immer noch.

In Österreich hingegen brauchten sie fĂŒr die drastische VerlĂ€ngerung der Arbeitszeit nicht mal die weltweite Pandemie, sondern nur eine Koalition aus ÖVP und FPÖ. Auf die Durchsetzung des 12-Stunden-Tages empörte sich der Österreichische Gewerkschaftsbund ĂŒber den “extremen Bruch mit dem Prinzip der Sozialpartnerschaft” (www.oegb.at/cms/S06/S06_999_Suche.a/134
). Dabei ist gerade diese Sozialpartnerschaft der Grund fĂŒr die Ohnmacht der großen Gewerkschaften – auch in Deutschland. Das Ziel der Sozialpartnerschaft war die Kooperation zwischen Arbeitnehmer:innen und Arbeitergeber:innen, um so möglichst lösungsorientiert Konflikte zu besprechen – oder wer es klassischer mag: den Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit zu befrieden. Die Gewerkschaften spekulieren darauf, dass sie durch ihr angepasstes Verhalten ein möglichst großes StĂŒck vom Kuchen ergattern mögen. Und die Umverteilung dieses Kuchens wurde dem Wohlfahrtsstaat ĂŒbertragen.
Symbolisch fĂŒr die Kombination aus beiden steht in Deutschland die SPD. Diese versuchte bereits in der Weimarer Republik, sich durch eine reform-orientierte Politik die Regierungsbeteiligung zu sichern. Im BĂŒndnis mit der Obersten Heeresleitung ließ sie im Januar 1919 den Spartakusaufstand gewaltsam niederschlagen. Und im selben Jahr setzte die provisorische Regierung Bayerns unter FĂŒhrung des SPD-MinisterprĂ€sidenten Johannes Hoffmann nationalistische Freikorps gegen die MĂŒnchner RĂ€terepublik ein. Die Freikorps erreichten am 1. Mai schließlich MĂŒnchen und nahmen es in den folgenden Tagen ein. Der internationale Kampftag der Arbeiter:innen wird hierzulande 1919 in MĂŒnchen verloren. Er sollte lange Zeit verloren bleiben. Denn die ErklĂ€rung des 1. Mai zum nationalen Feiertag durch den Nationalsozialismus war kein ZugestĂ€ndnis an die Arbeiter:innen, sondern ein Schritt hin zu ihrer Gleichschaltung. Es ist kein Zufall, dass am Tag darauf die GewerkschaftshĂ€user gestĂŒrmt und deren Gelder beschlagnahmt wurden. Der Kampftag wurde zum Feiertag und die Massen, welche sich fĂŒr die Ansprachen Hitlers aufrafften, blieben Zuhause, wenn es um die Verteidigung ihrer eigenen Interessenvertretungen ging. In die SA als paramilitĂ€rische Organisation der Nazis waren zahlreiche Freikorps ĂŒbergegangen, die bereits zu Beginn der Weimarer Republik sozialistische AufstĂ€nde niederschlugen.
Die SPD wird in diesem Zuge gewissermaßen zum Opfer ihrer eigenen Politik. Da sie half dem ungewissen Verlauf der revolutionĂ€ren Bestrebungen zu Beginn der Weimarer Republik ein Ende zu setzten, verhinderte sie eine radikale Transformation der gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse, deren Fortwirken die Grundlage fĂŒr das AufblĂŒhen des Nationalsozialismus wurden.

Sozialpartnerschaft und Wohlfahrtsstaat

Die Sozialpartnerschaft im eigentlichen Sinne entwickelte sich dann nach dem Zweiten Weltkrieg als etabliertes Modell fĂŒr die Sicherung des nationalen Standortes. Der zugrundliegende Gedanke ist das gemeinsame Einstehen fĂŒr einen starken Wirtschaftsstandort. Denn wenn die Wirtschaft floriert, haben schließlich alle was davon – auch wenn die einen vielleicht mehr davon haben als die anderen. Und so war es eine rot-grĂŒne Regierung die maßgeblich die Deregulierung des Arbeitsmarktes mit der Agenda 2010 vorantrieb und massiv die Stellung der Arbeiter:innen verschlechterte. An der Entwicklung und Durchsetzung dieser Ideen waren auch die Gewerkschaften des DGB beteiligt. Indem sie zum Beispiel in der “Kommission fĂŒr moderne Dienstleistung am Arbeitsmarkt” mitarbeiteten, trieben sie die Deregulierung der Leiharbeit ebenso voran, wie die EinfĂŒhrung von Arbeitslosengeld II (siehe dazu zum Beispiel unrast-verlag.de/neuerscheinungen/die-a
). Doch auch abseits dieser direkten Angriffe gilt es skeptisch zu sein gegenĂŒber einer propagierten Sozialparnterschaft. Denn jede GefĂ€lligkeit fĂŒr die LohnabhĂ€ngigen, fĂŒr die sich Regierungen hochleben lassen, trĂ€gt unterschwellig zu ihrer Demobilisierung bei. Auch das hat in Deutschland eine gewisse historische KontinutitĂ€t: Denn Bismarck erließ die Sozialgesetze am Ende des 19. Jahrhunderts nicht aus Menschenliebe, sondern um die sozialistische Bewegung zu schwĂ€chen (- weshalb er sie auch mit dem Verbot sozialistischer Organisationen kombinierte). Indem er die sozialistischen Forderung in abgeschwĂ€chter Form ĂŒbernahm, bewies er, dass er sich um die Arbeiter:innen kĂŒmmerte. Gerade darin liegt aber der entmĂŒndigende Paternalismus, der auch im modernen Wohlfahrtsstaat enthalten ist. Wenn Regierungen sich kĂŒmmern, so imitieren sie den Erwachsenen, der dem Kind keinen Raum zum eigenen Erkunden gibt, sondern stets auf die bereits erprobten Wege verweist. Er kĂŒmmert sich, indem er uns sagt, was das Beste fĂŒr uns sei. Er kĂŒmmert sich, indem er uns die Möglichkeit zur Entscheidung abnimmt und uns unsere FĂ€higkeiten zur Vernunft abspricht. Denn wir wissen selbst sehr wohl, was gut fĂŒr uns ist und wir sind in der Lage, Argumente zu hören und zu prĂŒfen und auf ihrer Grundlage eine Entscheidung zu treffen.

Alles zum Wohle der Allgemeinheit?

Doch gerade dieser Überblick und diese Einsicht wird uns von Regierungen nicht zugetraut. Und wenn sie verlegen sind, weil ihre scheinbaren Argumente fĂŒr uns keinen Sinn ergeben, so flĂŒchten sie sich in die Ausrede, dass sie sich um die Allgemeinheit kĂŒmmern wĂŒrden. Es ist dies natĂŒrlich stets die nationale Einheit; es ist der Standort Deutschland, dessen Wirtschaft es anzukurbeln gilt. In diesem Sinne wurde die Agenda 2010 verabschiedet. Und auch gegenwĂ€rtig erlebt das Allgemeinwohl eine mediale Hochkonjunktur – Erhöhung des Kurzarbeitergeldes hier, ZuschĂŒsse fĂŒr SelbststĂ€ndige da. Alles im Sinne des Allgemeinwohls, denn die Krise trifft uns alle ja gleichermaßen (nicht). Deswegen ist es wichtig, dass wir zusammenstehen. In gesellschaftlichen Krisen wird der Burgfrieden beschworen. Es geht uns doch allen gleichermaßen um das Wohl der Menschen. Doch wer sind diese Menschen? Diese Abstraktion auf zwei Beinen, die besonders im Plural angerufen wird, wenn es eng wird: “Die Menschen verlassen sich auf uns; wir wollen den Menschen helfen.” Doch der abstrakte Mensch existiert nicht – es ist stets dieser Mann oder jene Frau* im Homeoffice mit Kindern; es ist jene Vermieterin, die die Ausgangssperre im Eigenheim mit Garten verbringt oder jener Mieter, der noch nicht weiß, wie er die nĂ€chste Miete bezahlt; es ist jener Manager, dessen Gehalt bei 500.000 im Jahr gedeckelt werden soll oder diese Kellnerin, die ihren Job verloren hat; es ist jener Mensch ohne Papiere im GeflĂŒchtetenlager Moria auf Lesbos oder es ist jener Jachtbesitzer auf dem Mittelmeer.

Von welchen Menschen sprechen die Politiker:innen also fortlaufend? Angela Merkel spricht seit 2008 zum Beispiel stĂ€ndig von der “schwĂ€bischen Hausfrau” als Leitbild moderner Volkswirtschaften. Sie schuf damit eine Metapher fĂŒr die BegrĂŒndung der jahrelangen AusteritĂ€t. Diese wurde nicht zuletzt mittels der deutschen Vormachtstellung in der EuropĂ€ischen Union zielstrebig durchgesetzt. Die Folgen dieser staatlichen Sparmaßnahme sehen wir nun insbesondere in Italien und Spanien (fĂŒr letzteres z.B. taz.de/Corona-Krise-in-Spanien/!5668979/). Doch es war nicht die schwĂ€bische Hausfrau, die dies wollte, um ihre Ersparnisse zu schĂŒtzen. Es war vor allem auf Export orientiertes deutsches Kapital, das den europaweiten Markt der EU als Absatzmarkt betrachtet, auf dem es seine Produkte verkaufen kann (und es ist nur konsequent, dass die aktuelle Regierung sich vehement gegen eine etwas solidarischere Lösung der Krise auf EU-Ebene stemmt). Deutschland als Land mit dem grĂ¶ĂŸten Niedriglohnsektor der EU garantiert dabei eine profitable Kombination aus moderner Technik und gĂŒnstigen Löhnen, angereichert mit einer durch die Agenda 2010 weit vorangetriebenen Aushöhlung der Arbeitsrechte. Die daraus resultierenden geringen LohnstĂŒckkosten waren die Messlatte fĂŒr alle weiteren EU-Staaten, die versuchten ihre Produkte ebenfalls so preiswert wie möglich zu produzieren, um konkurrieren zu können. Das trug zu einer Dynamik bei, in der alle anderen europĂ€ischen Staaten versuchten, die deutschen Preise noch zu unterbieten und dies mittels einer Deregulierung des Arbeitsmarktes und Privatisierungen vorantrieben (siehe zum Beispiel die seit Jahren von Frankreich versuchte Rentenreform). Es ist diese auf zwanghaftes Sparen fokussierte Politik, die uns das gegenwĂ€rtige Gesundheitssystem bescherte. Und dieses trifft die schwĂ€bische Hausfrau genauso wie alle anderen. Wen es nicht trifft, das sind die Profite von privaten KrankenhĂ€usern, die nicht lĂ€nger dem allgemeinen Wohl verpflichtet sind, sondern der Gewinnmaximierung.

Doch gerade dafĂŒr ist es auf die ArbeitskrĂ€fte in Form von Pfleger:innen, Ärzt:innen und Laborant:innen angewiesen. Und da haben wir sie, die Menschen, von denen die Regierung aktuell so viel spricht. Sie dankt ihnen fĂŒr ihre Aufopferung und gelegentlich tritt auch ein deutscher Biedermann auf den Balkon und klatscht fĂŒr sie. Doch er klatschte nicht fĂŒr sie als sie einen gerechteren Lohn forderten und auch die Regierung sprach nicht zu ihnen als sie ĂŒber mangelnde Gelder fĂŒr neue GerĂ€te klagten. Sie klatschen fĂŒr sie und klopfen ihre RĂŒcken blutig, weil das die einzige Form von Lohn ist, den sie geben wollen. Sie sollen ihre Arbeit tun und die Menschen vor dem Tod bewahren, wĂ€hrend die Regierung sich um die Allgemeinheit kĂŒmmert. Und leider fĂ€llt beides nicht zusammen. Die Allgemeinheit, die die Regierung retten will, liegt nicht im Krankenhaus, sonst wĂŒrde sie ihre Notfallpakete ja dorthin lenken. Nein, die Allgemeinheit, die die Regierung retten will, ist die Allgemeinheit der MĂ€rkte – vom Warenmarkt, ĂŒber den Arbeitnehmermarkt, zum Immobilienmarkt und immer weiter. Es geht der Regierung nicht um die Menschen. Es geht ihr um die Menschen als AnhĂ€ngsel der MĂ€rkte.

Der 1. Mai als Kampftag

Und deshalb können wir der Regierung, was sie immer auch verspricht, nicht trau’n (- Resolution der Kommunarden). Das Allgemeinwohl, von dem sie spricht, ist nie das unsere. Und wenn es nun scheint, als wĂŒrde sie sich um uns zu kĂŒmmern, so dĂŒrfen wir dem falschen Schein nicht trauen. Jede GefĂ€lligkeit, die der Staat gibt, bestĂ€rkt die Position, dass wir selbst nicht wĂŒssten, was gut fĂŒr uns ist. Jede GefĂ€lligkeit, die er gibt, kann er jederzeit zurĂŒcknehmen. Wir können also nur jenen Verbesserung vertrauen, die wir erkĂ€mpft haben und diese sind nur solange etwas wert, wie wir in der Lage sind, sie zu verteidigen. Und wir können sie nur solange verteidigen, wie wir uns gemeinsam organisieren. Das heißt, wir streben durchaus auch einen Ausbau des sogenannten Wohlfahrtsstaates an. Aber wir sehen ihn nicht als Selbstzweck und wir wissen um die Gefahr, dass er sich jederzeit gegen uns wenden kann.
BĂŒrgerlich liberale Regierungen sind in ihrem Kern autoritĂ€r. Die Produktionsweise steht ĂŒber allem, wie die antihumane Diskussion um Wirtschaft versus Menschenleben wieder einmal zeigte. In diesem Bewusstsein mĂŒssen wir als anarchistische Kommunist:innen bereits jetzt darauf drĂ€ngen, dass die getroffenen, restriktiven Maßnahmen in GĂ€nze zurĂŒckgenommen werden. Eine Politik, wie sie bereits vor der Pandemie in Frankreich unter Macron oder in Ungarn unter Orban die Regel war, darf sich nicht verfestigen und normalisieren. Beispielsweise in Ungarn ist zu beobachten, wie die Pandemie genutzt wurde, um eine faktische Diktatur zu errichten. Dieser Normalisierung des AutoritĂ€ren mĂŒssen wir auf allen möglichen Ebenen entgegentreten. Hier zeigt sich das Gesicht der liberalen bĂŒrgerlichen „Freiheit“ – es ist in erster Linie das Gesicht des Kapitals!
Deshalb mĂŒssen wir beginnen, eigenstĂ€ndige und vielfĂ€ltige Strukturen zu schaffen, die sich Angriffen entgegenstellen und zugleich zu einer solidarischen Befriedigung aller BedĂŒrfnisse streben. Wir brauchen schlagkrĂ€ftige ZusammenhĂ€nge, mit denen wir uns gegen Angriffe auf uns als LohnabhĂ€ngige und SchĂŒler:innen, als People of Color, als Mieter:innen, als Frauen*, als Migrant:innen wehren können – das heißt, mit denen wir unsere Interessen verteiden können. Keine Regierung wird uns dabei unterstĂŒtzen können, weil sie nicht bieten können was wir wollen. Wir wollen mehr als jede Regierung uns geben kann – wir wollen ein selbstbestimmtes Leben fĂŒr alle! Deswegen beteiligt euch an den vielfĂ€ltigen Aktionen zum 1. Mai (heraus-zum-ersten-mai-2020.de/aktionsko
). Lasst uns den 1. Mai zurĂŒckerobern!
Die Krise ist nach der Pandemie nicht vorbei, genauso wenig wie sie mit ihr begonnen hat. Wir mĂŒssen raus aus dem Kreislauf des Kapitals – wir mĂŒssen hier raus, das ist die Hölle!




Quelle: Anarkismo.net