Juli 12, 2021
Von Emrawi
196 ansichten


Im Zuge der Panikmache und des Unwissens ĂŒber den Virus wurde der öffentliche Diskurs bald mal von Verschwörungstheorien ĂŒberschwemmt. Diese Theorien entstanden unter anderem in diversen Telegram-Gruppen und wurden dort von bekannten Persönlichkeiten (Xavier Naidoo, Attila Hildmann, etc.) verbreitet. Die Chats können als ein Sammelbecken von Schwurbler*innen, Coronaleugner*innen, Rechten, Neonazis, Esotheriker*innen, aber auch “unpolitischen” Maßnahmenkritiker*innen beschrieben werden. Was sie eint, ist die Kritik an den Maßnahmen gegen den Virus, teilweiser Kritik am bestehenden kapitalistischen System und der Wunsch nach Absetzung der Regierung in Österreich. An diesem Punkt wollten wir ansetzen. Selten gab es in Österreich so eine starke Protestbewegung, die gegen das politische System und die Regierung vorgeht. Jegliche Motivation eine Regierung zu stĂŒrzen sollte von einer progressiven Seite unterstĂŒtzt und genutzt werden.

Unsere Intention war es die maßnahmenkritische Mehrheit der Chatmitglieder auf Telegram nicht kampflos der politischen Rechten zu ĂŒberlassen. Daher beschlossen wir als eine Gruppe von vier Personen im JĂ€nner 2021 in mehrere Telegram-Gruppen einzusteigen um dort zu agitieren.

In diesem Strategiepapier wollen wir reflektieren, ob diese Art des Cyberaktivismus als linke Methode Sinn macht. Oder, ob wir zu spĂ€t eingestiegen sind bzw. mehr Support gebraucht hĂ€tten. Am Ende sollten wir fĂŒr uns entschieden haben, ob diese Strategie nachhaltig ist oder nur ein Versuch, den Diskurs nach Links zu verschieben, war.

In vier Phasen haben wir uns den zwei Zielen unserer Strategie angenĂ€hert: ZunĂ€chst die Gruppen, deren Dynamiken, RĂ€delsfĂŒhrer*innen, Ziele und Motive kennenzulernen, jedoch keine tiefergehende Recherchearbeit zu machen. Und zum Zweiten wollten wirversuchen, aktiv an den Gruppen teilzunehmen, um so den Diskurs in Richtung Klassenfrage und -bewusstsein zu öffnen. Da wir der Meinung sind, dass der wahre Virus der Kapitalismus und seine Diskriminierungs- und Ausbeutungsformen sind (Rassismus, Sexismus, etc.). Alle vier Phasen wurden von uns in Form eines Tagebuches dokumentiert, um sie spĂ€ter evaluieren zu können.

Anfangs haben wir uns einen groben Überblick ĂŒber österreichische Gruppen gemacht, um uns dann auf vier geeignete Gruppen (“quo vadis Austria”, “Doomsday Austria”, “Freie Meinung FĂŒr Freie Menschen Österreich” und “Österreich steht auf”) zu reduzieren. Ähnliche PhĂ€nome lassen sich sicher auch in anderen LĂ€ndern beobachten. Wir waren eher in gemĂ€ĂŸigten Gruppen vertreten, da wir dort mehr Menschen erreichen konnten. Die Gruppen hatten zwischen 300 und ca. 2000 Mitglieder, von denen die meisten eher stille

Mitlesende sind. Bei bestimmten rechts konnotierten Gruppen wird eine Einladung benötigt um teilnehmen zu können. Es ist davon auszughen, dass dort Verschwörungstheorien eine geringere Rolle spielen, dafĂŒr Organisierung und Austausch von faschistischen Gedankengut. Über mehrere Wochen lang sind wir gemeinsam ein bis zwei Mal wöchentlich in die Gruppen eingestiegen und haben dort zu aktuellen Themen unsere klassenpolitische Perspektive eingebracht und versucht die Arbeiter*innenschaft zu einen. Dabei haben wir auf Abwechslung in der Gruppenkonstellation geachtet, damit unser Agitieren nicht zu offensichtlich schien. Zu Beginn haben wir uns Rollen und passende Aliasnamen ausgedacht, um besser kongruent zu bleiben. Eine Rolle war die einer alleinstehenden 40 JĂ€hrigen BĂŒrokauffrau aus dem Tiroler Unterland, die bevorzugt im Dialekt und eher direkt und ordinĂ€r kommentiert hat. Eine Weitere war eine Volksschulehrerin, die sich vor allem Sorgen um die Kinder macht. Die Kombination aus den zwei weiblichen Rollen hat bei mehreren Diskussionen gut funktioniert. Bei den erfundenen Rollen blieben wir unserem Geschlecht treu. Unsere Argumentationslinie war immer dieselbe, rassistische und sexistische Inhalten haben wir als Spaltungsversuche der Arbeiter*innenschaft durch die Besitzenden und Regierenden entlarvt und fĂŒr mehr Klassenbewusstsein geworben. Teilweise wurde unsere Perspektive sofort angenommen und teilweise mussten wir lĂ€nger diskutieren. Dennoch wurde fast immer positiv auf unsere klassenpolitischen Inhalte reagiert.

Zu den großen Erfolgen unserer Agitation zĂ€hlen: Einmal das Angebot und das Umsetzen einer eigenen Gruppe (solidarische Hilfestellungen und Talentetauschbörse). Hier kam eine Frau nach einer lĂ€ngeren Diskussion in einer Gruppe auf “die Lehrerin” in Form einerpersönlichen Nachricht zu mit der Idee eine eigene Gruppe zu starten. Der Wunsch nach gemeinsamen Aktionen ist groß. Des Weiteren kam der Idee nach einer Aktion (kollektiver Krankenstand) mit einem Mitglied unserer Gruppe auf. Auch hier pannte sich der Kontakt ĂŒber ein Gruppenchat an und wurde ĂŒber persönliche Nachricht vertieft. Anscheinend wirkten die Kommentare der BĂŒrokauffrau vertrauenserweckend und motivierend fĂŒr eine gemeinsame Zusammenarbeit. Zu guter Letzt kamm die Bitte einen Text zum Thema Gemeinwohlökonomie zu schreiben und bei einer Anti-Corona Demo in Innsbruck vorzulesen. Daneben gab es noch viele kleinere Begegnungen im digitalen Raum, die Ă€ußerst spannend waren.

Selten kommen wir außerhalb der “Linken Szene” so offen mit anderen Menschen in Kontakt und Diskussion. Hier möchten wir nochmal die DiversitĂ€t der Gruppenmitglieder betonen. Denn das Bild, dass sich ausschließlich Neonazis und extreme Rechte sowie harte Verschwörungstheoretiker*innen dort tummeln, hat sich aus unserer Sicht nicht bewahrheitet. Die Mehrheit sind Menschen, die ein GefĂŒhl fĂŒr Gerechtigkeit und Gleichheit haben und, die sich vom Staat und der Gesellschaft im Stich gelassen fĂŒhlen. Leider gabs auch einige menschenverachtetende Inhalte. Dies wurde aber im Laufe der Wochen von

den Gruppenmitgliedern und der Administration immer hĂ€ufiger reguliert und sanktioniert. Die Mehrheit will nicht als Neonazis wahrgenommen werden und distanziert sich klar von diesen und von verschwörungstheoretischen Inhalten. Vor allem rassistischen Aussagen wurden deutliche Absagen erteilt. Dennoch sind viele Menschen dieser Ecke zuzuordnen. Bei sexistischen Themen war es leider nicht so leicht, da sich hĂ€ufig Frauen als konsequente Verteidiger*innen des Patriarchats zur VerfĂŒgung stellten. Uns ist es dennoch gelungen, dass in einer Gruppe nach langer und mĂŒhsamer Diskussion das Gender-Sternchen von einigen Kommentierenden als sinnvoll erachtet und verwendet wurde.

Unser Fazit ist: Die kleinen und großen BeitrĂ€ge in den Gruppen haben uns gezeigt, dass eine VerĂ€nderung bzw Diskursverschiebung nach Links möglich ist. Wenn hartnĂ€ckig argumentiert wird und eine Diskussion auf Augenhöhe passiert, waren viele Menschen in den Chats offen fĂŒr neue Inhalte und Perspektiven. In nur drei Monaten Agitationszeitraum haben wir viel umsetzen können und einige Menschen erreicht (GrĂŒndung einer TelegramGruppe, Wunsch nach gemeinsamer subversiven Aktion, Anfrage fĂŒr einen Redebeitrag fĂŒr eine Demonstration, Gendern). Das ist uns gelungen, weil wir eine Kommunikaiton abseits linker Szenecodes verwendeten und Ängste, BefĂŒrchtungen, Emotionen direktangesprochen haben. Wir finden es wichtig, diesen Teil der Arbeiter*innenschaft nicht als verlorenen rechten Pöbel abzustempeln, sondern ihre Positionen in der Gesellschaft und die damit einhergehenden Alltagsprobleme ernst zu nehmen und konkret anzusprechen. Dennoch gilt es, bei rassistischen und sexistischen Aussagen eine klare Linie der Ablehnung zu haben.

Wir sind vier Personen, die ein bis zwei Mal in der Woche ĂŒber drei Monate in den Chats auf Telegram aktiv waren und wir haben viele Menschen erreicht. Was wĂ€re erst möglich wenn wir hunderte Menschen wĂ€ren? Wir können die Einstiegsfrage, ob die aktive Teilnahme an den Telegram-Gruppenchats als gute Möglichkeit des linken Cyberaktivismus gewertet werden kann eindeutig mit JA beantworten und fordern Alle auf, es uns gleich zu machen. Überlassen wir den digitalen Raum nicht der politischen Rechten oder irgendwelchen Schwurbler*innen.

Organisert Euch und werdet heute noch aktiv! 🙂




Quelle: Emrawi.org