Februar 25, 2021
Von Indymedia
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Wir möchten diesen Brief teilen, den Sufyan Ali geschrieben hat. Sufyan muss in Lipa leben, und bringt seine Gedanken und GefĂŒhle ĂŒber die dortige Situation zum Ausdruck, und adressiert diesen an die Mitglieder des europĂ€ischen parlaments:

“Wir sind GeflĂŒchtete. Wir haben keine Arbeit. Wir sind nicht erlaubt etwas zu tun. Keine WĂŒrde hier. Wir brauchen Perspektiven.
Ohne realistische Chancen in die EU zu kommen, sind Menschen aus Afghanistan und Pakistan, ohne Geld und Möglichkeiten sich etwas zu kaufen und in Bosnien zu arbeiten, an den Außengrenzen der EU gefangen. Bitte tue etwas fĂŒr GeflĂŒchtete in Bosnien. Dies ist unsere Anfrage an die EuropĂ€ische Union! Die Mehrheit der Menschen die es schafft, die Grenze zu Kroatien zu ĂŒberqueren, erlebt Pushbacks und werden nach Bosnien und Herzegowina zurĂŒck deportiert. Besonders mĂ€nnliche Migranten werden durchweg von der kroatischen Polizei besonders hart geschlagen und verprĂŒgelt. Aber es trifft auch Frauen und Kinder. Mit dem aktuellen System der “Grenzsicherung” gibt es keinen legalen Weg fĂŒr uns Europa zu erreichen. Wir sind dazu gezwungen es auf illegalen Wegen zu versuchen, daher ist es das Ziel der meisten Migranten, unerkannt durch Kroatien und dann Slowenien zu reisen um Italien zu erreichen. Italien ist der erste Ort wo das Risiko fĂŒr uns wieder zurĂŒck nach Bosnien deportiert zu werden (Pushback) geringer wird.

Ich lebe im Lipa Camp in Bosnien. Die hĂ€rteste Zeit in Lipa ist wenn wir kochen. Wir kochen unser eigenes Essen, da wir das Essen nicht mögen fĂŒr das wir in einer Schlange warten und anstehen mĂŒssen. Das Essen dass am Morgen verteilt wird ist eine kleine Dose Fisch, eine Dose HĂŒhnchen und eine Tasse schwarzer Tee und Brot. Und wĂ€hrend des Tages werden hauptsĂ€chlich Linsen verteilt, und ab und zu verĂ€ndern sie auch das MenĂŒ, aber meistens sind es Linsen. Außerdem gibt es keinen Ort zum Kochen in diesem Camp. Alle kochen das Essen im nahegelegenen Wald wo es kein Dach gibt. Wir tun all dies unter offenem Himmel. Es gibt keine KĂŒcheneinrichtungen und wir mĂŒssen jeden Tag in der extremen KĂ€lte kochen. Das Holz ist nicht trocken und es ist sehr schwierig ein Feuer anzukriegen, da es gerade Regen- und Schneesaison ist. Lipa ist ein Ort an dem es sehr schwierig ist all dies im Winter zu tun. Wir mĂŒssen das alles jeden Tag durchstehen. Wir wollen etwas besseres tun, wir wollen arbeiten! Denn so ist es enorm schwierig zu Leben. Ein anderer Punkt ist, dass wenn Organisationen nach Lipa kommen zum Essen verteilen, sie als erstes Photos von uns machen. Sie zeigen sie in sozialen Medien, dass sie viel helfen, aber Fakt ist, dass sie in 10 bis 15 Tagen uns einmal Essen geben und damit prahlen. Aber ich sage, verbringt eine Nacht und einen Tag im Lipa Camp und sehe die ganze Wahrheit.

Wenn ich ĂŒber die Badezimmer rede: Es gibt nur ein Dutzend Chemietoiletten fĂŒr mehr als eintausend Menschen. Kein fließendes Trinkwasser. Oftmals ist unser Wasser knapp. Die Bedingungen der Badezimmer hier ist nicht gut. Gereinigt werden sie alle 2-3 Tage. Es gibt insgesamt nur fĂŒnf Duschen, fĂŒr all diese Menschen. Heißes Wasser gibt es nicht in den Duschen und in den Medien wird dann erzĂ€hlt dass jede Einrichtung hier heißes Wasser hĂ€tte, aber das ist alles gelogen!
Ein anderer Punkt ist, dass es ein Treffen im Lipa Camp gab. In diesem Treffen wurde uns gesagt, dass die Menschen des Lipa Camps das CampgelÀnde reinigen und aufrÀumen werden. Es wurde gesagt, dass wenn wir nicht putzen, die Heizungen denen weggenommen werden, die sich nicht am Saubermachen beteiligen. Lieber drohen sie uns, kontrollieren sie uns, als dass sie uns als menschliche Wesen verstehen. Wir sind junge gesunde MÀnner, wir können arbeiten! Fest zu sitzen mit nichts zu tun macht uns krank.

Über Covid-19: Die Campbetreiber schwören darauf, dass Covid sich im Camp nicht ausbreitet, obwohl es keinen Weg gibt dies zu verifizieren oder es zu kontrollieren. Auch andere Krankheiten wie KrĂ€tze verbreiten sich bei all den Menschen. Die Zelte in denen wir leben sind sehr klein. In einem solcher kleinen Zelte leben 30 Menschen, was es sehr voll werden lĂ€sst. In der aktuellen Situation einer Pandemie wie Covid-19 in der Welt, ist es sehr schwer in diesen Zelten zu leben, und wenn Menschen diese Krankheit auch hier bekommen, werden viele Leben verloren gehen. Wir fordern ein Kontrollsystem hier zu etablieren, damit Covid-19 Tests gemacht werden können und Menschen in Isolation gehen können, um das Problem zu umgehen.

Bitte, wir brauchen eine legale Möglichkeit in die EuropĂ€ische Union einzureisen, ohne festzustecken oder in Gewalt zu leben! Wir brauchen Perspektiven!”

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Von No Name Kitchen aus wollen wir BrĂŒssel an ihre Verantwortlichkeiten in dieser Situation erinnern.
Vor einigen Tagen hat Ylva Johansson, EU Kommissarin fĂŒr Inneres, das Lipa Camp im Nord-Westen Bosnien und Herzegowinas besucht – nur wenige Kilometer von der EU-Aussengrenze zu Kroatien entfernt. Johansson hat sich darauf beschrĂ€nkt, das ‘Migration Management’ und die Unterbringung von People on the Move in Bosnien & Herzegowina zu kritisieren. Die Kommissarin vermied dabei jegliche Selbstkritik im Hinblick auf die Rolle der EU und wie die Entscheidungen aus BrĂŒssel in diese Situation mit rein spielen. Doch im Bezug auf ihr anschließendes Treffen mit dem kroatischen Innenminister fasst sie zusammen, dass sie sich in ihrer Diskussion darauf fokussiert hĂ€tten, wie das “Migrations-Management mit einem gut funktionierenden Mechanismus der GrenzĂŒberwachung umgesetzt werden kann.”

Wir möchten erneut daran erinnern, dass diese Situation eine direkte Konsequenz der politischen Entscheidungen aus BrĂŒssel und der illegalen Praktiken durch PolizeikrĂ€fte aus EU LĂ€ndern sind. Statt einem weiteren hochrĂŒsten an GrenzĂŒberwachungstechniken, welches zu noch mehr Leid und Elend fĂŒhren wird, fordern wir die EU und ihre Mitgliedsstaaten dazu auf, sichere Fluchtwege in die EU zu schaffen, die Menschen an den EU-Aussengrenzen aufzunehmen und eine Perspektive zu bieten. Diese tödliche und menschenverachtende Abschottung muss ein sofortiges Ende haben!

Photo: Eddie (Bewohner im Lipa Camp)




Quelle: De.indymedia.org