August 26, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Via CrimethInc

Als der Oberste Gerichtshof am 9. Juli 2021 in Pietermaritzburg die Verurteilung des ehemaligen sĂŒdafrikanischen PrĂ€sidenten Jacob Zuma bestĂ€tigte, brachen in zwei Provinzen SĂŒdafrikas neun Tage lang PlĂŒnderungen und Unruhen aus. Die Unruhen wurden auf einen Machtkampf zwischen Fraktionen der herrschenden Klasse und auf die Wut ĂŒber den Umgang mit der COVID-19-Pandemie zurĂŒckgefĂŒhrt; außerdem wurde Angst ĂŒber ethnische Gewalt in Verbindung mit den Unruhen geschĂŒrt. Sicher ist zumindest, dass sie eine Reaktion auf die weit verbreitete Armut und Verzweiflung waren. Die folgenden Überlegungen erscheinen im Dialog mit dieser EinschĂ€tzung der Ereignisse durch Abahlai baseMjondolo, einer Bewegung der Landlosen, die auf direkter Demokratie basiert. Wir wollen dazu aufrufen, die oben genannte EinschĂ€tzung und den folgenden Text gemeinsam zu lesen, um ein differenziertes VerstĂ€ndnis der Sachlage zu kommen.

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Der folgende Text ist ein Beitrag zum laufenden Dialog ĂŒber die heftigste Welle der Revolte, die SĂŒdafrika seit dem offiziellen Ende der Apartheid getroffen hat. Der Autor ist aus SĂŒdafrika und lebt zur Zeit in Spanien. Er hat mit der Landlosenvereinigung Abahlai baseMjondolo in Kapstadt zusammengearbeitet und ist der Produzent des (jetzt todgeweihten) Love Letters Journal und hat zuvor am SĂŒdafrika-Teil von Dialectical Delinquents mitgearbeitet.

„Wir können das Genick der Gewohnheit brechen.“

-DH Lawrence, Einleitung zur ersten amerikanischen Ausgabe von New Poems

Juli ist mitten im Winter auf der SĂŒdhalbkugel, wo Billie Hollidays Zeile in You Go To My Head — „Like a summer with a thousand Julys“ — etwas seltsam klingt. Trotzdem gab es in diesem Winter reichlich Feuer, um die Menschen warm zu halten. Mehr als eine Woche lang standen die beiden bevölkerungsreichsten Provinzen SĂŒdafrikas, Gauteng und KwaZulu Natal (KZN), die zusammen auch mehr als die HĂ€lfte des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaften, in Flammen. Mehr als 200 Einkaufszentren und 100 Malls wurden geplĂŒndert oder niedergebrannt, mindestens 1400 Geldautomaten beschĂ€digt und 300 Banken und PostĂ€mter demoliert – und allein in KZN elf LagerhĂ€user, acht Fabriken und insgesamt 90 Apotheken „unwiederbringlich“ zerstört. Die Gesamtzahl beider Provinzen zusammen ist wesentlich höher, mit mehr als 330 Toten und ĂŒber 40.000 geplĂŒnderten, verbrannten oder zerstörten GeschĂ€ften. Laut PrĂ€sident Cyril Ramaphosa gibt es „praktisch keinen Teil der Wirtschaft, der nicht von der Gewalt betroffen ist.“ Da die Polizei zahlenmĂ€ĂŸig unterlegen und ĂŒberwĂ€ltigt war, brauchte es den Einsatz von 25.000 Soldat_innen mit Maschinengewehren und Panzern in den Straßen, um den Aufstand niederzuschlagen.

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Abgesehen von rund einem Dutzend Menschen, die bei den PlĂŒnderungen offenbar zu Tode getrampelt wurden, ist es fast sicher, dass die bei diesen Ereignissen Getöteten vom Staat ermordet wurden. Die Tatsache, dass innerhalb weniger Tage Hunderte unbewaffnete Zivilist_innen getötet wurden, höchstwahrscheinlich fast alle durch die Hand von schwer bewaffneten Polizei- und Armeeeinheiten, die eher zur Verteidigung von Privateigentum als von Menschen handelten, wird in der spektakulĂ€ren Darstellung der Ereignisse völlig ausgeblendet. Abgesehen von den oben genannten FĂ€llen wird in den Medienberichten, die ihrerseits lediglich die Aussagen der Polizei unkommentiert wiedergeben, niemals eine Todesursache genannt. Doch ein Blick unter die OberflĂ€che offenbart ein exemplarisches Beispiel fĂŒr die durch verlogene Statistiken verdeckte RealitĂ€t. Aus einer aktuellen Stellungnahme der Landlosenorganisation Abahlali basMjondolo :

Am Donnerstag letzter Woche (29. Juli) wurde Zamekile Shangase, eine 33-jĂ€hrige Frau aus Asiyindawo in Lamontville, vor ihrem Haus von der Polizei erschossen. Zamekile war Mutter von zwei Kindern im Alter von 6 und 11 Jahren. Sie wurde 2018 in den lokalen Abahlali-Rat gewĂ€hlt und saß ein Jahr lang im Rat. Zamekile wurde erschossen, als die Polizei im Rahmen der Operation Show Your Receipt eine Razzia in der Siedlung durchfĂŒhrte.

Dies ist das zweite Mal, dass die Polizei die Siedlungen in dieser Gegend durchsuchte und den Menschen ihre Lebensmittel weg nahm. Am Donnerstag gingen sie von TĂŒr zu TĂŒr, brachen Schlösser auf, bedrohten und beschimpften die Menschen und nahmen ihnen Essen weg. Die Menschen wurden wĂŒtend und begannen zu schreien. Einige Leute fingen an Steine auf die Polizei zu werfen und schlugen auf den Polizeiwagen ein. Die Polizei wurde daraufhin wĂŒtend und begann zu schießen.

Ein Cop stand auf der Straße und schoss wahllos den HĂŒgel hinauf Richtung Asiyindawo. Nachdem Zamekile erschossen wurde, fuhr die Polizei mit ihrer Aktion fort, beschlagnahmte weiter mit vorgehaltener Waffe das Essen der Leute, wĂ€hrend ihr Körper noch auf dem Boden lag.

Wir waren sehr besorgt, als wir einen Artikel in einer großen Zeitung lasen, in dem berichtet wurde, dass die Polizei aus allen Richtungen von Kriminellen beschossen wurde. Die Kugeln hatten sie angeblich bei den Unruhen erbeutet. Die Polizei sei gezwungen gewesen , das Feuer zu erwidern und „eine 33-jĂ€hrige Frau sei getötet worden.“ Ein anderer Artikel desselben Journalisten berichtete, dass Zamekile „ins Kreuzfeuer geraten“ sei. Der Autor sah keine Notwendigkeit, Zamekiles Namen auch nur zu erwĂ€hnen.

Die Polizei hat gelogen, um die Tatsache zu vertuschen, dass sie eine unbewaffnete Person ohne Grund getötet hat. Es besteht kein Zweifel, dass niemand auf die Polizei geschossen hat. HĂ€tte der Journalist nicht einfach das, was die Polizei gesagt hat, als Wahrheit genommen und mit den Bewohnenden von Asiyindawo, den Bewohnenden anderswo in der nahegelegenen Sisonke-Siedlung (frĂŒher Madlala) und den Bewohnenden im Township (Lamontville), die in der NĂ€he von Asiyindawo leben, gesprochen, hĂ€tte er herausgefunden, dass sie alle darin ĂŒbereinstimmen, dass nur die Polizei geschossen hat.

Trotz der Tatsache, dass ĂŒberall ĂŒber die TodesfĂ€lle berichtet wird, als ob es sich um eine Naturkatastrophe handelt, als ob die Opfer in einer Flut oder einem Hurrikan ums Leben gekommen wĂ€ren, wird jede Person, die direkte Erfahrungen mit PolizeieinsĂ€tzen hat, ohne den geringsten Zweifel zustimmen, dass dies die wahrscheinlichste Art und Weise ist, wie die 330 ungenannten Menschen „bei den Riots getötet wurden“. Sogar die wenigen, die niedergetrampelt wurden, waren wahrscheinlich indirekte Opfer des Staates, da die fragliche Massenpanik wahrscheinlich ein Ergebnis der gewaltsamen Polizeiaktion war. Es zeichnet sich ab, dass dies das Jahr mit der höchsten Anzahl an vom Staat getöteten Zivilist_innen in der Geschichte des Landes sein wird — mehr als jedes andere Jahr wĂ€hrend der Rebellionen der 1970er und 80er Jahre. WĂ€hrend „die offizielle Wahrheit die Wahrheit ĂŒber die Beamt_innen verschleiert“, ist die Gewalt des neokolonialen Staates weder neu noch außergewöhnlich. Wie ich in „Another Man Done Gone“ ĂŒber den Tod eines weiteren afrikanischen Migranten durch die HĂ€nde der Polizei fragte:

„Unter der Demokratie werden mehr Schwarze in Polizeigewahrsam getötet, als in den GefĂ€ngnissen der Apartheid-SicherheitskrĂ€fte wĂ€hrend der AusnahmezustĂ€nde der 1970er/80er Jahre ermordet wurden. Wie viele mehr schaffen es nie in die Zellen, ermordet von den Verteidigenden der Zivilisation in AusĂŒbung ihrer Pflicht? Wie viele ermorden die HĂŒter von Recht und Ordnung mit vermeidbaren Krankheiten und Hunger? Wie viele werden gezwungen, auf der Flucht zu sterben oder in den Wahnsinn und Selbstmord getrieben? Wie viele Opfer der modernen Sklaverei sind Tag fĂŒr Tag zu einem lebenden Tod verurteilt, zu einer Existenz des geplanten Elends in einem Sarg der Verlustzeit, der jeden wachen Moment umfasst? Inwiefern war der Tod von Mido Macia eine Ausnahme?“

Cops stehen am 12. Juli 2021 in einem Einkaufszentrum im Township Alexandra in Johannesburg vor Festgenommenen, die der PlĂŒnderung verdĂ€chtigt werden.

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Manche Frauen wollten einfach nur, dass das alles ein Ende hat. „Es muss alles weg , verstehst du, einfach so!“ Sie sagen dann: „Aber das ist schwierig. Wie kannst du das machen?“ Das ist es, was die Frauen sehr wĂŒtend macht. Wenn du sagst, es gibt etwas, das du nicht tun kannst, musst du sagen, warum.

-Gladys Manzi, zitiert in von Ian Sinclair in Cato Manor, Juni 1959

Ich wurde gebeten, dies als Antwort auf ein kĂŒrzlich veröffentlichtes KommuniquĂ© von Abahlali baseMjondolo, die ich fĂŒr die vorbildlichste und radikalste Massenorganisation des Landes halte, bezĂŒglich der Unruhen zu schreiben. Bei allem Respekt fĂŒr meine GefĂ€hrt_innen in der AbM, die Haltung und Sprache, die sich hier widerspiegelt, scheint mir eine vereinfachende Falschdarstellung dessen zu sein, was vor sich geht. Viele von denen, die sich fĂŒr einen grundlegenden Wandel in dieser Welt engagieren, Ă€ußern oft viele Ă€hnliche MissverstĂ€ndnisse bezĂŒglich der „negativen“ Seite der sozialen Bewegungen, und es ist im Interesse eines Beitrags zu mehr KohĂ€renz, dass der vorliegende Text angeboten wird. Hier einige Beispiele.

PlĂŒndernde mit Maden zu vergleichen [was auch, nicht zufĂ€llig, die wahren Ursachen des wirtschaftlichen Zusammenbruchs in Simbabwe genauso simpel und in Ă€hnlichem Tonfall wiedergibt, wie diejenigen, die behaupteten, dass „inkompetente“ und „gesetzlose“ Schwarze, die in weiße Farmen eindrangen, daran schuld seien]—

„Wir befĂŒrchten, dass die wirtschaftliche Situation wie in Simbabwe wird, und dass die WĂŒrmer, wenn sie den Kadaver aufgefressen haben, sich gegenseitig auffressen werden.“

Die Rebell_innen als kurzsichtig und selbst-sabotierend zu denunzieren—

„Was wird mit den ArbeitsplĂ€tzen der Menschen passieren, wenn jetzt Fabriken und andere ArbeitsstĂ€tten verbrannt werden? Das ist keine Revolution. Es ist eine Zerstörung, die die Armen noch Ă€rmer macht.“

Und so weiter — das ist genau die Art von Rhetorik und Perspektive, die immer und immer wieder von der herrschenden Klasse und ihren Vertretenden genutzt wird, wenn die UnterdrĂŒckten zu Taktiken greifen, die nicht mit dem ĂŒbereinstimmen, was sie fĂŒr „produktiv“ und „moralisch“ halten. Eine Rhetorik die auf Landlose angewandt wurde, die Land besetzen, auf Demonstrierende, die Straßen blockieren und die staatliche Infrastruktur angreifen, auf Student_innen und Arbeiter_innen, die ihre Schulen und ArbeitsplĂ€tze sabotieren, und es scheint mir völlig inkonsequent, um es milde auszudrĂŒcken, dass diejenigen, die sich an solchen KĂ€mpfen beteiligen, sie rechtfertigen und unterstĂŒtzen, sich umdrehen und die Teilnehmenden des gegenwĂ€rtigen Aufstandes verurteilen.

Riots und PlĂŒnderungen in einem vergleichbaren Ausmaß, wie wir es gerade in SĂŒdafrika erlebt haben, waren immer Teil revolutionĂ€rer Befreiungsbewegungen. Das Maß an sozialer Amnesie, das diesen Aspekt der Bewegung ausgelöscht hat — die zufĂ€llig einige der egalitĂ€rsten und unvermitteltesten Organisationsformen beinhaltete, die wĂ€hrend des Kampfes entwickelt wurden — ist ein großes Hindernis fĂŒr die Überwindung einiger der EinschrĂ€nkungen, die in diesem KommuniquĂ© beklagt werden. Die Zersplitterung und Trennung zwischen den Menschen, die sich in solchen direkten Aktionen engagieren, denjenigen, die sich in Landbesetzungen engagieren, denjenigen, die sich in KĂ€mpfen am Arbeitsplatz engagieren, den KĂ€mpfen der Jugend in/gegen Schulen und dem lĂ€ndlichen Widerstand gegen imperialistischen Ressourcenabbau muss in einem noch grĂ¶ĂŸeren Ausmaß als in den 1980er Jahren ĂŒberwunden werden, wenn es eine Chance geben soll, dass grundlegende soziale VerĂ€nderungen entstehen. SelbstverstĂ€ndlich sind sowohl die soziale Amnesie als auch die Spaltungen ein Symptom der großen SchwĂ€che der heutigen Arbeiter_innenklasse, und obwohl voluntaristische Mahnungen zur Einheit nicht zielfĂŒhrend sind, scheint es doch etwas ĂŒbertrieben zu sein, wie Anton Pannekoek zu sagen, dass „die Arbeiter_innenklasse nicht schwach ist, weil sie gespalten ist; sie ist gespalten, weil sie schwach ist.“ Sicherlich ist das Versagen, die grundlegende Einheit zwischen den verschiedenen Ausdrucksformen des Klassenkampfes zu erkennen, ein Faktor, der dazu beitrĂ€gt, uns schwach zu halten.

SelbstverstĂ€ndlich stimme ich zu, wenn sie sagen, dass dies (an sich) keine Revolution ist, wenn sie die Desorganisation und Begrenztheit bedauern, die von denen demonstriert wird, die so unelegant plĂŒndern, dass sie sich ein Dutzend Mal gegenseitig zu Tode trampeln. Andererseits ist auch der totale Sturz des Personals innerhalb einer bestimmten Regierung an sich keine Revolution, solange nicht auch die zugrundeliegenden sozialen VerhĂ€ltnisse, denen dieses Personal dient und die es schĂŒtzt, gestĂŒrzt und grundlegend verĂ€ndert werden.

Es ist auch nicht wahr, dass die gegenwĂ€rtige Bewegung ein reiner Ausdruck von Verzweiflung, Desorganisation und Egoismus ist. Ein Beispiel, von dem ich nicht glaube, dass es ein Einzelfall ist, wurde mir kĂŒrzlich von einer Frau erzĂ€hlt, deren Tante in KwaZulu Natal eine Art WohltĂ€tigkeitsorganisation fĂŒr eine Gruppe Kinder betreibt, die verlassen wurden oder deren Eltern es sich einfach nicht leisten konnten, Kinder zu haben. Sie bieten Kinderbetreuung, Bildung, Essen und Ă€hnliches an. Sie waren von der PlĂŒnderung ziemlich betroffen, weil sie mitten im Geschehen waren. Aber die PlĂŒndernden rĂŒhrten das GrundstĂŒck, auf dem sie sich aufhielten, nicht an — sie plĂŒnderten nur die GeschĂ€fte in der Umgebung. Ihre Tante wurde angewiesen, im Haus zu bleiben und machte sich Sorgen um die EssensvorrĂ€te fĂŒr die Kinder und Mitarbeiter_innen. Wie sich herausstellte, ließen einige PlĂŒnderer_innen am Ende eine große Menge an Lebensmitteln fĂŒr sie zurĂŒck, nachdem sich alles beruhigt hatte.

Meine Bewunderung und mein Respekt fĂŒr die GefĂ€hrt_innen der AbM ist so groß, dass ich keinen Zweifel daran habe, dass wir viele der gleichen grundlegenden Perspektiven bezĂŒglich des Kampfes fĂŒr eine bessere Welt teilen, dass ihr Kampf mein Kampf ist und dass die Absichten hinter dieser Aussage gut sind. Deshalb denke ich, dass es fĂŒr uns alle so wichtig ist, uns daran zu erinnern, dass unser eigener Kampf nur möglich wurde, weil unsere GefĂ€hrt_innen aus der Vergangenheit kĂŒhne und mutige Schritte im Kampf gegen ihre eigene UnterdrĂŒckung unternommen haben, deren Konsequenzen viel unmittelbares Leid verursachten, die aber auf lange Sicht durch das Urteil der Geschichte gerechtfertigt wurden. Anstatt einer gedankenlosen unmittelbaren Befriedigung stellten ihre Handlungen ein bewusstes Opfer fĂŒr die Zukunft dar.

Nach der Rebellion im Vaal-Dreieck 1984 zum Beispiel, als die Unruhen und PlĂŒnderungen wĂ€hrend eines Mietstreiks in den Townships Sharpeville, Sebokeng, Evaton, Boipatong und Bophelong kaum ein einziges GeschĂ€ft oder RegierungsgebĂ€ude stehen ließen, machte ein junger Bewohner, der die Ereignisse in seinem Ort miterlebte, die folgenden Beobachtungen:

Wir kamen dann in die Zone 7. Hier verriet uns die AtmosphĂ€re, dass die Streiks nicht so gravierend gewesen waren. Wir liefen eine lange Strecke, ohne irgendwelche SchĂ€den zu sehen. Das beunruhigte mich sehr. Es schien, als ob in dieser Zone, wĂ€hrend in anderen Zonen protestiert wurde, Partys und andere Dinge abgehalten wurden. Die Menschen hier schienen Feiglinge zu sein. Nur einige Kinder waren auf den Straßen zu sehen, wĂ€hrend ihre MĂŒtter und VĂ€ter sich in ihren Höfen eingeschlossen zu haben schienen. Nur in der NĂ€he des Einkaufszentrums gab es ein Anzeichen von Gewalt, aber immer noch im Verborgenen. Die GeschĂ€fte und andere Dinge waren nicht wie in anderen Zonen verbrannt worden, sondern nur das BĂŒro der Verwaltungsbehörde und eine Tankstelle.

Bedeutet es, dass sie ihre BedĂŒrfnisse von morgen sichern wollten, indem sie die LĂ€den ausließen? Waren die Mietpreiserhöhungen nicht auch eine Last fĂŒr sie? Lachen sie ĂŒber die anderen Zonen, die alles verbrannt haben? Wenn sie sich ĂŒber die Mieterhöhungen geĂ€rgert haben, hĂ€tten sie das Gleiche tun sollen wie alle anderen an jenem Tag.

BrĂŒder, wenn die Zeit zum KĂ€mpfen gekommen ist, dann sollten wir auch kĂ€mpfen. Es gibt keinen Grund zu beobachten, wie der Partner kĂ€mpft. Ich unterstĂŒtze nicht die Zerstörung von GeschĂ€ften und BĂŒros, da sie eine Rolle in meiner tĂ€glichen Existenz spielen, aber wenn alles zerstört werden soll, dann lasst uns zerstören und nicht einmal eine einzige Sache ausnehmen. Lasst uns nicht Gottes UnterstĂŒtzung verlieren, indem wir Unrecht tun; das heißt, den einen Schaden zufĂŒgen und die anderen schĂŒtzen, obwohl sie alle auf der gleichen Stufe der Schuld stehen. Lasst uns nicht wie König Saul sein, der durch den Schutz von König Hagat gegen Gott verstieß, obwohl er von ihm beauftragt wurde, alles auszurotten.

Wir sind Afrikaner und BrĂŒder in der Liebe, und sollten die Schmerzen der Bitterkeit und die FrĂŒchte der Freude teilen.

-Johannes Rantete, The Third Day of September

Dies soll keine Romantisierung solcher Aktionen sein. Wie er betonte:

„Die folgenden Tage waren die Tage des Hungers. Die Menschen können nirgendwo etwas zu essen bekommen. Sie mĂŒssen weite Wege in die Außenbezirke zurĂŒcklegen, um Nahrung und andere GĂŒter zu suchen. Einige Leute schnitten sogar FleischstĂŒcke von einer lebenden Kuh ab, die entkommen war. Sie lief ohne einige Teile herum
“

Auch wenn es wahr ist, dass die Menschen nach den Riots hungrig sein werden, ist es ebenso wahr, dass sie schon vorher hungrig waren. Das Leiden an sich kann nicht vermieden werden. Was zĂ€hlt, ist die Bedeutung dieses Leidens, und diese Bedeutung ist das, was wir aus dem Kontext, in dem es ertragen wird, daraus machen. Wie uns unsere Geschichte zeigt, können die schlimmsten Nöte standhaft ertragen werden, wenn dieser Kontext die langfristige Vision einer Suche nach einem guten Leben, erfĂŒllt von Liebe und Gerechtigkeit, MitgefĂŒhl und Gemeinschaft, beinhaltet.

Es ist erwĂ€hnenswert, dass im Fall der Vaal-Rebellion und wĂ€hrend des Befreiungskampfes im Allgemeinen, Brandstiftungen und PlĂŒndern eine taktische direkte Aktion waren, die bewusst mit einer koordinierten Bewegung verbunden war — mit anderen Worten, sie fand im Kontext einer selbstorganisierten Arbeiter_innenklasse statt, die zur Verteidigung ihrer eigenen Interessen handelte. Ich wĂŒrde es so sehen: das wirklich Bedauerliche an den gegenwĂ€rtigen Ereignissen ist nicht die Not und Zerstörung, die sie mit sich bringen mögen, sondern genau diese fehlende Verbindung zu irgendeiner Art von bewusster kollektiver Strategie.

Überall auf der Welt und im Laufe der Geschichte haben die Verdammten der Erde BrĂ€nde und PlĂŒnderungen als SchlĂŒsselwerkzeuge in ihrem Kampf um Befreiung eingesetzt. Wie Vicky Osterweil nach dem Aufstand in Ferguson hervorhob:

„Die BĂŒrgerrechtsbewegung war nicht rein gewaltfrei. Einige ihrer mutigsten und inspirierendsten Aktivist_innen arbeiteten im Rahmen disziplinierter Gewaltlosigkeit. Viele ihrer mutigsten und inspirierendsten Aktivist_innen taten dies nicht. Es brauchte Monate weitgehend gewaltfreier Kampagnenarbeit in Birmingham, Alabama, um JFK zu zwingen, seine Rede zu halten, in der er ein BĂŒrgerrechtsgesetz forderte. Aber in dem Monat, bevor er dies tat, war die Kampagne in Birmingham entschieden nicht-gewaltfrei geworden
 es ist auch die aufkommende Bedrohung durch AufstĂ€nde, die JFK dazu brachte
 WĂ€hrend der gesamten BĂŒrgerrechtsĂ€ra wurden massive gewaltfreie Kampagnen zivilen Ungehorsams mit massiven Riots gepaart. Der berĂŒhmteste von ihnen war die Watts-Rebellion 1965, aber es gab sie in Dutzenden StĂ€dten im ganzen Land. Zu argumentieren, dass die Bewegung das, was sie erreicht hat, trotz und nicht als Ergebnis der Mischung aus gewaltfreien und gewaltlosen Aktionen erreicht hat, ist bestenfalls fadenscheinig.“

–In Defense of Looting, The New Inquiry, 21. August 2014

Aufrufe zur Vorsicht, Anprangerungen der Zerstörung, VortrĂ€ge in wohlĂŒberlegter Sprache ĂŒber die praktische Unmöglichkeit, eine Welt der Sklaverei sofort abzuschaffen, die Notwendigkeit von Geduld, Disziplin und Organisation, haben lange dazu gedient, soziale Bewegungen in „verantwortungsvolle“ und „unverantwortliche“, „selbst-kontrollierte“ und „unkontrollierbare“, „respektable“ und „kriminelle“ Elemente zu unterteilen– wĂ€hrend real immer eine gemeinsame Einheit spĂŒrbar war.

In Bezug auf Watts lohnt es sich, an die Worte der Situationistischen Internationale zu erinnern, die schon vor langer Zeit auf den engen Zusammenhang zwischen PlĂŒnderungen und der Abschaffung einer von Armut und Rassismus geprĂ€gten Welt hingewiesen hat:

Die Revolte von Los Angeles ist eine Revolte gegen die Ware, gegen die Welt der Waren und die Welt des den Maßnahmen der Ware hierarchisch Unterworfenen Arbeiter-Konsumenten. Ähnlich den Banden von jugendlichen Erstverbrechern aller industrialisierten LĂ€nder, nehmen die Schwarzen von Los Angeles die Propaganda des modernen Kapitalismus, seine Werbung des Überflusses beim Wort – nur auf eine radikalere Weise, nach dem Maßstab einer global zukunftslosen Klasse, eines Teils des Proletariats, der an bedeutende Beförderungs- bzw. Integrierungschancen nicht glauben kann. Sie wollen sofort alle gezeigten und abstrakt zur VerfĂŒgung stehenden GegenstĂ€nde, weil sie sie gebrauchen wollen. Dadurch lehnen sie ihren Tauschwert und die Warenwirklichkeit ab, welche ihre Form, ihre Rechtfertigung und ihr letzter Zweck ist und durch welche alles gewertet worden ist. Durch Diebstahl und Geschenk finden die Schwarzen wieder zu einem Gebrauch, der die unterdrĂŒckende RationalitĂ€t der Ware sofort LĂŒgen straft, ihre Verflechtungen und selbst ihre Herstellung als willkĂŒrlich und nicht notwendig erscheinen lĂ€sst.

Die AusplĂŒnderung des Wattsviertels macht die kĂŒrzeste Verwirklichung des abartigen Prinzips „Jedem nach seinen falschen BedĂŒrfnissen“, den vom ökonomischen System, welches die PlĂŒnderung gerade verwirft, bestimmten und fabrizierten BedĂŒrfnissen, deutlich. Aber durch die Tatsache, dass dieser Überfluss beim Wort genommen, unmittelbar eingeholt und nicht mehr durch das Nachrennen hinter entfremdeter Arbeit und der Erhöhung der verschobenen sozialen BedĂŒrfnisse unbestimmt lange Zeit fortgesetzt wird, drĂŒcken sich schon die echten BedĂŒrfnisse aus: in der ‚Fete‘, der spielerischen Behauptung und dem Potlatch der Zerstörung.

Derjenige, der die Waren zerstört, zeigt dadurch seine menschliche Überlegenheit gegenĂŒber den Waren. Er wird nicht in den willkĂŒrlichen Formen, welche das Bild seines BedĂŒrfnisses angenommen hat, gefangen bleiben. Der Übergang von der Konsumtion zur Vernichtung ist in den Feuerflammen von Watts realisiert worden. Die großen KĂŒhlschrĂ€nke, die von Leuten gestohlen worden sind, welche keine ElektrizitĂ€t zuhause hatten oder bei denen der Strom abgeschaltet war, sind das beste Beispiel dafĂŒr, wie die LĂŒge innerhalb des Überflusses zur Wahrheit im Spiel geworden ist. Sobald die Ware nicht mehr gekauft wird, wird sie kritisierbar und kann in allen ihren besonderen Erscheinungsformen verĂ€ndert werden. Nur dann, wenn sie mit Geld als einem Zeichen der Hierarchiestufe im Überleben bezahlt wird, wird sie wie ein bewundernswerter Fetisch geachtet.

Die Gesellschaft des Überflusses findet in der PlĂŒnderung ihre natĂŒrliche Antwort, obwohl sie keineswegs eine Gesellschaft des natĂŒrlichen und menschlichen Überflusses, sondern bloß des WarenĂŒberflusses ist. Die PlĂŒnderung aber, die die Ware als solche augenblicklich zusammenbrechen lĂ€sst, zeigt auch ihre ultima ratio – und zwar: die Gewalt, die Polizei und die anderen spezialisierten Einheiten, die das Monopol der bewaffneten Gewalt im Staat besitzen. Was ist also ein Polizist? Der tĂ€tige Diener der Ware, ein der Ware total unterworfener Mensch, durch dessen TĂ€tigkeit jedes beliebige Produkt menschlicher Arbeit eine Ware bleibt, deren magischer Wille es ist, gekauft zu werden, und nicht bloß ein KĂŒhlschrank oder ein Gewehr, d.h. ein blindes, passives und gefĂŒhlloses Ding, das dem ersten Besten zur VerfĂŒgung steht, der es gebrauchen will. Noch hinter die UnwĂŒrde, von einem Polizisten abhĂ€ngig zu sein, weisen die Schwarzen diejenige zurĂŒck, von Waren abhĂ€ngig zu sein. Die Jugend von Watts, fĂŒr die die Warenwelt keine Zukunft bietet, hat eine andere QualitĂ€t der Gegenwart gewĂ€hlt, und die Wahrheit dieser Gegenwart war so unwiderleglich, dass sie die ganze Bevölkerung, Frauen und Kinder, selbst die dort anwesenden Soziologen mitriss. Eine junge schwarze Soziologin dieses Viertels, Bobbi Hollon, erklĂ€rte im Oktober in ‚Herald Tribune‘: „FrĂŒher haben sich die Leute geschĂ€mt zu sagen, dass sie aus Watts kommen. Es bereitete ihnen Unbehagen. Jetzt aber sagen sie es sogar mit Stolz. Junge Leute, die immer ein bis zum GĂŒrtel offenes Hemd trugen und einen in einer halben Sekunde zerlegt hĂ€tten, sind jeden Morgen um 7 hier angetreten und haben die Lebensmittelverteilung organisiert. NatĂŒrlich hatten sie, mache man sich keine Illusionen, alles gestohlen
 Dieses ganze christliche Bla-Bla ist viel zu lange gegen die Schwarzen angewandt worden. Diese Leute könnten wohl 10 Jahre lang plĂŒndern, dann hĂ€tten sie noch nicht einmal die HĂ€lfte des Geldes zurĂŒck, das ihnen in diesen LĂ€den wĂ€hrend all dieser Jahre gestohlen worden ist
“ Bobbi Hollon, die beschlossen hat, das Blut, das ihre Schuhe wĂ€hrend der Meuterei befleckt hat, nie auszuwaschen, sagt weiter, dass „die ganze Welt jetzt auf das Wattsviertel sieht“.

Situationistische Internationale, Niedergang und Fall der spektakulÀren Warenökonomie (http://magazinredaktion.tk/docs/heft3.pdf)

Genauso wie die Handlungen derer, die keine Zukunft fĂŒr sich in dieser Welt sehen, nicht laut Definition unĂŒberlegt sind —ganz im Gegenteil —, so sind die Handlungen derer, die durch das Elend ihrer VerhĂ€ltnisse verzweifelt sind, nicht laut Definition selbst elend — wiederum ganz im Gegenteil. Dies wurde anschaulich von Thomas Pynchon dargestellt, der einen Bericht aus erster Hand zu diesem Thema — A Journey into the Mind of Watts — im Magazin der New York Times veröffentlichte:

„Andere erinnern sich daran in einem musikalischen Bezug; durch einen Großteil der Ausschreitungen schien, so sagen sie, eine bemerkenswerte Empathie zu laufen, oder was auch immer es ist, was Jazzmusiker_innen in bestimmten NĂ€chten fĂŒhlen; jede_r wusste, was zu tun war und wann es zu tun war, ohne dass man ein Wort oder ein Signal brauchte: ‚Du konntest zu jedem*r hingehen, die Tanzenden konnten mitten dabei sein, einen Laden niederzubrennen oder so, aber sie wĂŒrden dir sagen, ganz ruhig erklĂ€ren, was sie gerade taten, was sie als nĂ€chstes tun wĂŒrden. Und das ist es, was sie tun wĂŒrden; Mensch, niemand muss Befehle geben.’“

Es gibt Hinweise darauf, dass dieses Element der KreativitĂ€t und des Spiels, das von den vorherrschenden Darstellungen solcher Ereignisse immer unterdrĂŒckt wird, bei den jĂŒngsten Riots prĂ€sent war – laut einem Leitartikel in New Frame waren sie „an manchen Orten zunĂ€chst von einer KarnevalsatmosphĂ€re geprĂ€gt.“

Allzu oft dient die Anprangerung von Gewalt vor allem denjenigen, die die systematischsten Formen von Gewalt anwenden.

Es sei wieder der Anfang des Unvollendeten, die Wiederentdeckung des Vertrauten, die Wiedererfahrung des bereits Erlittenen, das erneute Vergessen des Unerinnerten. Die Hölle dreht sich im Kreis. In ihrer Form ist sie kreisförmig und von Natur aus ist sie endlos, sich wiederholend und fast unertrÀglich.

-Flann O’Brien, Der dritte Polizist

So wie die schöne Aurora ihr himmlisches Antlitz im Osten aufblitzen lĂ€sst, das Auge mit tausend funkelnden Juwelen auf den taugetrĂ€nkten Motorhauben geparkter Autos erfreut und das Ohr mit dem lieblichen LĂ€rm der MĂŒllwagen, die ihre morgendlichen Runden drehen, beglĂŒckt; so wie die unerschĂŒtterliche Gaia (sie, deren egozentrisches und revolutionĂ€res Wirbeln um ihre eigene Achse uns mit dem ewigen Tanz von Tag und Nacht segnet) sich unermĂŒdlich in ihrem unaufhörlichen kosmischen Wirbel dreht; so finden auch wir Sterblichen der unteren Klassen uns, wann immer wir uns unverschĂ€mt ĂŒber den uns zugewiesenen Stand erheben, in einem immerwĂ€hrenden Zyklus (von ehrwĂŒrdigem Altertum, wenn auch von zweifelhaftem Ruf) der Verurteilung und Herablassung wieder, in dem wir immer wieder — saecula saeculorum — die Rolle von bloßen geistlosen Marionetten spielen, die von höheren MĂ€chten manipuliert werden.

Es ĂŒberrascht nicht, dass die gefĂŒrchtete dritte Kraft, die laut den Apartheid-Behörden angeblich hinter der revolutionĂ€ren Bewegung in den 1970er/80er Jahren stand, die kriminellen Elemente und Agitator_innen von außen, die der ANC seit 1994 stĂ€ndig fĂŒr alle Formen der sozialen Unruhe verantwortlich macht, wieder hervorgeholt wurde, um die jĂŒngsten Unruhen zu erklĂ€ren. Dieses Mal gab es eine bessere Ausrede, um das alte Feindbild wieder zu beleben als bei den meisten Gelegenheiten, da die ersten Aktionen tatsĂ€chlich als Reaktion auf die Inhaftierung des ehemaligen PrĂ€sidenten Jacob Zuma durchgefĂŒhrt wurden. Doch die IntensitĂ€t und das Ausmaß der Rebellion widerspricht einem so bequemen SĂŒndenbock. Wie jede Person, die die sĂŒdafrikanische Gesellschaft aufmerksam beobachtet hat, feststellen konnte, und wie AbM in ihrem KommuniquĂ© feststellt:

„Die Riots, die stattgefunden haben, haben nichts mit Zuma zu tun. Armut und Hunger waren eine Bombe und der von Zumas Leuten verursachte Zusammenbruch der Ordnung zĂŒndete die Lunte. Überall sagten Menschen, die anfingen, Essen aus den LĂ€den zu nehmen, dass sie hungern und nichts mit Zuma zu tun haben und nichts fĂŒr ihn tun. Auch Migrant_innen nahmen Essen mit. Jede Person, die in SĂŒdafrika lebt, nahm Essen mit, denn es ging um Hunger und Armut.“

Doch es sind nicht nur die willentlich unwissenden AutoritĂ€ten und die bequemen Klassen, die solche bösartigen Anschuldigungen wiederholen. Viele wohlmeinende Linke waren trotz des heilsamen Einflusses von Rosa Luxemburg und Michail Bakunin nie in der Lage, die spontane SelbstaktivitĂ€t der Arbeiter_innenklasse — vor allem wenn sie einen besonders ĂŒberschwĂ€nglichen und wilden Charakter annimmt — mit ihren eigenen Vorstellungen von Organisation, Gegenmacht und Klassenbewusstsein in Einklang zu bringen.

So schreibt etwa der Anarchist Shawn Hattingh in der „Internationalen Zeitschrift fĂŒr sozialistische Erneuerung“ folgendes:

„Der Zusammenhang zwischen den groß angelegten PlĂŒnderungen und den zwei sehr offensichtlichen Machtkonflikten der herrschenden Klasse, die derzeit im Lande herrschen, ist unbestreitbar. Die Behauptung, dass die Macht von der Arbeiterklasse ausgeĂŒbt wurde, bedeutet, die KrĂ€fte, die im Spiel sind, grundlegend misszuverstehen und sich zu tĂ€uschen wo der Ort der Macht an diesem Punkt der Geschichte tatsĂ€chlich liegt.“

Zu behaupten, dass Sabotage und Enteignung keine MachtausĂŒbung der Arbeiter_innenklasse ist, bedeutet, die Natur der Macht insgesamt sowie die historische Rolle, die solche Taktiken in unzĂ€hligen unterschiedlichen Kontexten spielen, grundlegend misszuverstehen. So schreibt auch Richard Pithouse, ein langjĂ€hriger enger Mitarbeiter von Abahlali, in New Frame:

„Es gibt einen laufenden, gut organisierten, weit verbreiteten und strategisch ausgeklĂŒgelten Angriff auf die Infrastruktur. MobilfunktĂŒrme, Umspannwerke, Stauseen, LKWs, Einkaufszentren, LagerhĂ€user, Treibstofflager, Fabriken und vieles mehr. Diese wurden und werden ungestraft zerstört. Diese Art von Angriffen sind ĂŒberhaupt nicht typisch fĂŒr spontane Riots. Sie sind eher typisch fĂŒr einen gut organisierten Putschversuch oder einen BĂŒrgerkrieg.“

Im Gegenteil, in der Geschichte dieses Landes gibt es viele Begebenheiten, bei denen spontane AufstĂ€nde strategisch auf die Infrastruktur abzielten. Der oben erwĂ€hnte Vaal-Aufstand zielte systematisch auf PostĂ€mter, Tankstellen und RegierungsgebĂ€ude aller Art. WĂ€hrend der Unruhen 1959 in Cato Manor, Durban, wurden die meisten stĂ€dtischen GebĂ€ude abgefackelt, ebenso wie alle vom Staat an HĂ€ndler_innen vermieteten GeschĂ€fte, Wohlfahrtsorganisationen (die mit dem „weißen Beamt_innentum“ assoziiert wurden) und stĂ€dtische Busse.

Diejenigen, die wie die Frauen von Cato Manor oder die Leute von Watts gehandelt haben, um dem Ganzen ein sofortiges Ende zu setzen, haben nie mehr als herablassende und fromme Predigten darĂŒber erhalten, warum das nicht möglich ist –weil es keine andere ErklĂ€rung gibt als die, dass die meisten ihrer GefĂ€hrt_innen sich ihnen nicht anschließen wollen.

Meine Mutter arbeitete in diesem GebĂ€ude (Regierung des Kantons Tuzla, in Brand gesetzt). Dort habe ich wĂ€hrend des Krieges gelernt, auf einer Maschine zu tippen, das war ’92. Als das GebĂ€ude in Flammen stand, sagte ich zu ihr: „Mama, dort hast du all die Jahre gearbeitet!“ Sie sagte mir: „Oh, scheiß auf das GebĂ€ude, lass es brennen. Verbrennt sie alle! Warum sollte man Emotionen fĂŒr ein GebĂ€ude haben. Diese Arbeiter_innen haben es gebaut, sie haben es abgefackelt, sie werden es wieder bauen. Das GebĂ€ude ist nicht wichtig. Was wichtig ist, ist, dass sie nichts zu essen haben. Sie hĂ€tten es schon vor 15 Jahren in Brand stecken sollen und mit ihm alle anderen.“

-Teilnehmende Person der Bosnien-Herzegowina-Rebellion, MĂ€rz 2014

Die Macht der Besitzlosen, zu zerstören, ist selbstverstĂ€ndlich nur die Schattenseite einer noch grĂ¶ĂŸeren schaffenden Macht: eine Macht, die entfĂŒhrt, als Geisel gehalten, eingesperrt, versklavt, sabotiert, gelĂ€hmt, unterdrĂŒckt wird von den heutigen dominanten sozialen VerhĂ€ltnissen. Um diese schöpferischen KrĂ€fte zu befreien, mĂŒssen die Hindernisse, die ihrer Entfaltung im Wege stehen, beseitigt werden — eine Abrissarbeit, die unweigerlich zu einem Haufen unordentlicher Ruinen fĂŒhrt.

Da ich in den letzten Jahren als eingewanderter Landarbeiter in Spanien gelebt habe, ist es vielleicht nicht verkehrt, eine der berĂŒhmtesten Reden eines unserer berĂŒhmtesten GefĂ€hrt_innen aus der Vergangenheit zu zitieren, der auf einen Journalisten, der wĂ€hrend des Spanischen BĂŒrgerkriegs darauf hinwies, dass selbst wenn er und seine GefĂ€hrt_innen gewinnen wĂŒrden, „ihr auf einem Haufen von Ruinen sitzen werdet“, antwortete:

â€șWir haben immer im Elend gelebt, und wir werden uns dazu bequemen, es noch ein wenig lĂ€nger auszuhalten. Aber vergessen Sie nicht, daß die Arbeiter die einzigen Produzenten allen Reichtums sind. Wir, die Arbeiter, sind es die die Maschinen in der Industrie am Laufen halten, die Kohle und die Mineralien aus den Minen zutage fördern, wir sind es, die die StĂ€dte bauen
 Warum also sollten wir nicht alles, was zerstört wird, wiederaufbauen, und das unter besseren Bedingungen? Ruinen machen uns keine Angst. Wir wissen, daß wir nichts als Ruinen erben werden, denn die Bourgeoisie wird in der letzten Phase ihrer Geschichte versuchen, die ganze Welt in Ruinen zu verwandeln. Aber ich sage Ihnen noch einmal, uns, den Arbeitern, machen die Ruinen keine Angst, denn wir tragen eine neue Welt in unseren Herzenâ€č, murmelte er mit rauer Stimme. Und dann fĂŒgte er hinzu: â€șUnd diese Welt wĂ€chst in diesem Augenblick.â€č

-JosĂ© Buenaventura Durruti: „2,000,000 Anarchists Fight for Revolution Says Spanish Leader„, The Toronto Daily Star, 18. August 1936 – zitiert aus â€șDurruti. Leben und Tode des spanischen Anarchisten.â€č, Abel Paz

Wie die oben von der leidenschaftlichen Mutter ausgedrĂŒckten GefĂŒhle deutlich machen, tragen ĂŒberall auf der Welt gewöhnliche Menschen weiterhin diese neue Welt in unseren Herzen, genauso wie es unsere VorgĂ€nger_innen taten. Wenn es heutzutage oft schwierig erscheint, irgendeine Spur davon zu erkennen, die im Schatten des Todes wĂ€chst, den die alte Welt so tief wirft, wĂ€hrend sie dĂŒster auf ihren Untergang zurollt, können wir uns mit dem Gedanken trösten, dass fĂŒr diejenigen, die aufmerksam zuhören, sogar Ruinen lebendige Sprache sprechen.

Durch die Linse der Medien sehen wir die Ereignisse unweigerlich aus der Perspektive der Polizei.

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Quelle: Schwarzerpfeil.de