MĂ€rz 3, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Im „Gai Dao“ #111 plĂ€diert Freya vom Knall im Text „Anarchistische Wissenschaft?“ fĂŒr ein Überdenken der verbreiteten anarchistischen Skepsis gegenĂŒber der akademischen Wissenschaft.

Man sollte Freya vom Knall dankbar dafĂŒr sein, dass sie so offen formuliert, dass fĂŒr viele anarchistische Politik mit einer „Mischung aus subjektiven BauchgefĂŒhlen, Wahrscheinlichkeit eines Computer-Modells und intrinsischen Weltverbesserungs-Motiv[en]“ begrĂŒndet wird. Auch die Idee, „gefĂŒhlte Wahrheiten“ einer Revision zu unterziehen, ist sowohl fruchtbar, als auch, vermutlich unfreiwillig, Ă€usserst kritisch gegenĂŒber den aktuellen anarchistischen Theorien. Sich auf „gefĂŒhlte Wahrheiten“ zu verlassen, ist nichts anderes als Dogmatismus.

Das etwas, was woher schon fĂŒr richtig befunden war, durch Forschung bestĂ€tigt wird, mag erfreulich sein, aber wĂ€re auch eine umgekehrte Reihenfolge denkbar? Also, dass die anarchistische Politik als Resultat wissenschaftlicher Einsicht in die gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse fungiert und nicht als Expression des eigenen GemĂŒtszustandes („um unsere Wut zu zeigen, haben wir was angezĂŒndet“) oder moralistischen Vergleich der RealitĂ€t mit eigenen Idealvorstellungen?

Freya vom Knall empfiehlt in der Wissenschaft nach der BegrĂŒndung von „Möglichkeit der anarchistischen Organisation der Gesellschaft“ zu suchen. WĂ€re der erste, naheliegende Schritt nicht die theoretische Durchdringung von der bestehenden sozialen Ordnung? Nichts gegen die Erforschung der „explizit nicht-hierarchischen Lebensformen“ – aber wie schaut es mit der ErklĂ€rung der scheinbar wesentlich verbreiteten hierarchischen aus? Wenn Freya vom Knall von „Lebensformen“ spricht, scheint sie soziale Lebensformen von allem was in der Natur so lebt nicht zu trennen. Womit schon die Frage fĂ€llig wird, ob in der Erforschung der Gesellschaft Erkenntnisse genauso möglich seien, wie in der Erforschung der Natur.

Die Antwort auf diese Frage hat immer weitreichende Konsequenzen und anarchistische Theoretiker gaben darauf höchst widersprĂŒchliche Antworten. Bakunin, der den Positivismus feierte, Kropotkin der die Gesellschaft durch die Naturwissenschaften erklĂ€ren wollte, Postanarchismus, der die Erkenntnismöglichkeiten grundsĂ€tzlich in Frage stellt, haben allesamt miteinander in vielen Punkten weniger zu tun, als mit nichtanarchistischen Strömungen, die jeweils Ă€hnliche Argumentationen vertreten. Insofern sind die Unterschiede zum Beispiel zwischen Positivismus und Poststrukturalismus relevanter, als zwischen anarchistischen und nichtanarchistischen Wissenschaften.

Als Anarchismus entstand, wurden die Fragen der politischen Ökonomie, der Funktionen des Staates, die GrĂŒnde fĂŒr seine Existenz, noch hart diskutiert. Etliche Anarchisten der damaligen Zeit waren sich bei aller Differenzen zu Marx nicht zu schade, seine ErklĂ€rung des Kapitalismus zu studieren und sogar zu popularisieren. Andere hielten seine ErklĂ€rung fĂŒr grundsĂ€tzlich falsch und unterzogen ihn, so wie die bĂŒrgerlichen Ökonomen, der Kritik. Obwohl der Kapitalismus inzwischen die ganze Welt unterworfen hat, gehört die Ignoranz gegenĂŒber der politischen Ökonomie in weiten Teilen der anarchistischen Szene geradezu zum guten Ton.

Die Frage, ob Proudhon oder Marx Recht hatten wird mit dem Verweis auf die dringende Notwendigkeit der Praxis beiseite gewischt. Zumal Theorie Lernen erfordert, und Lernen eine zeitweilige, funktionale Hierarchie, bedingt durch unterschiedlichen Wissenstand, hervorbringt, was von vielen als ein Affront gegen die anarchistischen Prinzipien wahrgenommen wird.

Ohne das Wissen ĂŒber die VerhĂ€ltnisse, in denen man agiert, richtet sich die Praxis nur noch gegen wahllos zusammengetragene, irgendwie negativ bewertete Erscheinungen. Das ist eben der Zustand der selbstverschuldeten Begriffslosigkeit, von der die Autorin scheinbar wegkommen will, was selbst im Rahmen des Textes nicht immer gelingt. Ob Freya vom Knall sich bewusst ist, dass sich durch ihre benutzte Formulierung „ökonomische PluralitĂ€t“ die Frage aufwirft, ob kapitalistische Ökonomie neben einer sozialistischen, pluralistisch koexistieren kann?

Wenn der Wissenschaft die Aufgabe zugeteilt wird, „vertretenen und gefĂŒhlten Wahrheiten“ oder auch fĂŒr „Utopien“, sprich WĂŒnsche „Empowerment“ zu leisten, dann wird die Theorie die Funktion der Legitimation von bereits stattfindender Praxis „abkommandiert“. Das wissenschaftliche Denken ist schon dem Begriff nach negativer Stellung zur existenten Praxis. Wer sich erkennend zur Welt stellt, tritt zurĂŒck vom bisherigen, gewohnten praktischen Umgang mit den natĂŒrlichen und gesellschaftlichen GegenstĂ€nden. Wer diesen Schritt macht, verhĂ€lt sich explizit kritisch gegenĂŒber eigenen bisherigen Gedanken, die gewohntes Tun begleiten und leiten.

Ein Entschluss zur wissenschaftlichen BeschĂ€ftigung mit der Welt ist eine Quittung, die man dem bisherigen praktischen Handeln und Denken ausstellt, sozusagen ein „Ausdruck“ der eigenen Unzufriedenheit mit der Praxis. FĂŒr notwendig wird Wissenschaft aufgrund der Probleme befunden, die sich im praktischen Umgang mit den GegenstĂ€nden in der Natur und der Gesellschaft einstellen, wenn der Mensch diese entsprechend seinen Zwecken verĂ€ndern will und dabei der Unkenntnis ĂŒber deren immanente Gesetze scheitert. Wer die Existenz oder Erkennbarkeit solcher Gesetze leugnet, nimmt von wissenschaftlicher Praxis Abstand.

Der praktische, verĂ€ndernde Umgang mit der ObjektivitĂ€t erfordert die theoretische Erkenntnis. Das erarbeitete Wissen um die objektiven GesetzmĂ€ssigkeiten ermöglicht es, die bisherige Praxis zu kritisieren und den praktischen Umgang mit den natĂŒrlichen und gesellschaftlichen GegenstĂ€nden so einzurichten, dass es ihren GesetzmĂ€ssigkeiten folgt und sie darĂŒber zum Material der eigener Zwecke macht.

Gönnerhafter Gestus, die Theorie sei ja auch irgendwie wichtig neben der Praxis, die scheinbar unabhĂ€ngig davon stattfindet, ist daher wenig angebracht. Denn sollte die Praxis nicht einfach freudebringende SelbstbeschĂ€ftigung sein, sondern kollektive GesellschaftsverĂ€nderung erreichen, reichen keine Minimalkonsense und willkĂŒrliche „Synthesen“ von sich ausschliessenden „AnsĂ€tzen“. Wissenschaft ist kein Extraluxus, sondern Notwendigkeit.

Hyman Roth

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Quelle: Schwarzerpfeil.de